Info
29.05.2026, 09:20 Uhr
Andrea Heuser
Spektakula

„Kämpfen für die Freiheit?“ Ein Abend im Literaturhaus München

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/autorblog/2026/klein/Nymoen_Weigandt2026_500.jpg#joomlaImage://local-images/lpbblogs/autorblog/2026/klein/Nymoen_Weigandt2026_500.jpg?width=500&height=375
V.l.n.r.: Vera Schroeder, Ole Nymoen, Artur Weigandt © Literaturportal Bayern

„Kämpfen für die Freiheit?“ – Dieser Grundsatzfrage widmet das Literaturfest München 2026 einen eigenen Veranstaltungsabend. Die beiden Autoren Artur Weigandt (Für euch würde ich kämpfen, C.H. Beck) und Ole Nymoen (Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, Rowohlt) setzen sich in ihren Werken jeweils mit der Frage auseinander, was der Einzelne der Gesellschaft schuldet, wenn Krieg droht. An diesem Abend stellen sie sich mit ihren konträren Positionen der Diskussion im Literaturhaus München.

Die Autorin Andrea Heuser war für das Literaturportal Bayern vor Ort und gibt diesen Abend aus ihrer persönlichen Sicht als Meinung wieder.

*

Unsere Freiheit verteidigen – auch mit Waffen?

Schon bevor Artur Weigandt und Ole Nymoen ihre Plätze auf der Bühne einnahmen, um sich zu dieser Frage zu äußern, war der Atmosphäre im restlos ausverkauften Saal des Literaturhauses spürbar anzumerken, welche Brisanz dieser Frage als einer der wichtigsten Freiheitsfragen unserer Gegenwart innewohnt. Für diejenigen, die auf der Warteliste oben standen, wurde seitens des Literaturhaus-Teams versucht, noch Plätze zu sichten. Es war zu Beginn auch nicht leicht auszumachen, ob nicht hier und da doch ein Platz frei sein könnte, denn die Menschen standen teilweise bis zum Begrüßungswort noch vor ihren Plätzen oder in kleinen Gruppen zusammen und debattierten bereits im Vorfeld. „Also, ich würde ja niemals…!“, „Man muss schon bereit sein, was zu tun, für seine Werte…“, „Mein Sohn überlegt grad auch…“, „X war jetzt auf ner Schülerdemo, der ist voll dagegen…“ 

Ebenso augenfällig wie aussagekräftig war die heterogene Zusammensetzung des Publikums an diesem Abend. Ungewohnt viele Jugendliche waren gekommen, teilweise mit ihren Eltern. Die Diskussion ging also schon vorher los und wer den einen oder anderen Wortwechsel aufschnappte, realisierte, dass hier bereits häuslich geführte Debatten fortgeführt wurden. Die Veranstaltung im renommierten öffentlichen Diskursraum des Literaturhauses wirkte also wie eine Fortsetzung der persönlichen Gespräche mit anderen Mitteln. Doch welche Mittel sprachlicher, argumentativer Art erwarteten die gespannten Gäste? 

Die sehr kurzfristig für die erkrankte Mithu Sanyal eingesprungene Journalistin Vera Schroeder gab ihr Bestes, um von vornherein einen Raum der gegenseitigen Wertschätzung zu eröffnen. Noch bevor die beiden Autoren jeweils ihre Thesen vortrugen, betonte sie, dass Weigandt und Nymoen auf „unterschiedlicher Flughöhe“ ansetzten. Und in der Tat: Der eine, Ole Nymoen, argumentierte abstrakt und systemkritisch auf Ebene der Staats- und Gesellschaftskritik. Der andere, Artur Weigandt, vertrat weniger eine feste ideologische Position, als dass er innerhalb eines ganz konkreten Bezugsrahmens seine persönlichen Erfahrungen reflektierte: als Autor sowohl mit russlanddeutschen als auch belarussisch-ukrainischen Wurzeln und als Befrager der ukrainischen Soldaten an der Front. 

Beide Autoren verstehen sich grundsätzlich als Pazifisten, deuten diesen jedoch auf Basis der realpolitischen Lage jeweils anders aus. Während Nymoen den Dienst an der Waffe grundsätzlich und entschieden ablehnt, hält Weigandt im konkreten Fall der Selbstverteidigung, das Kämpfen für eine Option. Der Abend versprach, spannend zu werden.             

Muss Widerstand, wenn er moralisch einwandfrei sein möchte, gewaltfrei sein?

Wie aber sollte man diese Positionen vergleichen, miteinander in einen sinnstiftenden Bezug setzen? Beide Autoren bekamen von Vera Schroeder zunächst einmal die Gelegenheit, ihre Positionen in Form eines Plädoyers den Anwesenden vorzustellen.

Ole Nymoen koppelte seine Verweigerungshaltung gegenüber der Wehrpflicht eng an seine grundsätzlich staatskritische Haltung. „Warum ich niemals für euch kämpfen würde?“ Weil, so ließ sich seine Antwort pointiert zusammenfassen, unser Staat seine Bürgerinnen und Bürger zugunsten seines imperialen Machtanspruchs ausbeutet. Dafür sein Leben zu lassen sei entsprechend sowohl lebensmüde als auch vollkommen realitätsfremd und arbeite zudem allein den Machthabenden zu. Die Betroffenen haben nicht nur nichts davon. Sie verlieren zudem möglicherweise das Kostbarste, was sie haben, nämlich ihr Leben. Das Abstraktum „Ausbeutung durch die imperialistischen Staaten“, die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich auch in unserem Land, versuchte Nymoen dann anhand von Zahlen zur wachsenden Kinderarmut, fehlenden Betreuungsplätzen etc. in Deutschland zu belegen. In einer flankierenden Argumentationsschiene wurde der Rhetorik der Bundesregierung unter Merz eine steigende Kriegspropaganda und martialische Attitüden attestiert. Jetzt wo sich die Supermacht USA als für die Deutschen bislang bequemer militärischer Garant des Friedens in Europa zurückziehe, zeige der sogenannte Liberalismus auch hierzulande sein wahres, nämlich bigottes Gesicht. Fazit: Jeder Staat, auch der deutsche Staat, ist per se unmoralisch und übt Gewalt aus. Einer solchen Gesellschaft schuldet der Einzelne rein gar nichts; schon gar nicht den Einsatz seines Lebens. 

Artur Weigandt wiederum betonte als Person mit belarussisch-ukrainischer Herkunftsgeschichte gleich einleitend, dass er als Pazifist keine feste ideologische Position vertrete, sondern ausgehend von seinen persönlichen Erfahrungen im Kontext des Krieges gegen die Ukraine seine bisherige Meinung, dass Widerstand gegen Unrecht per se gewaltfrei sein solle, überdenke. Es könne im Falle eines Angriffskrieges auf das eigene Land und Leben notwendig werden, sich auch mit Waffen verteidigen zu müssen, bzw., damit es gar nicht erst dazu komme, den Friedenserhalt mit Wehrkraft zu sichern. Wie sich von den hemmungslosen Macht-Expansionen eines Herrschers wie Putin schützen, wenn nicht auch durch die Abschreckung, die in der militärischen Stärke läge. Weigandt gab die bewegenden Aussagen bisheriger ukrainischer Zivilisten wieder, denen trotz ihrer grundsätzlichen pazifistischen Haltung gar nichts anders übrigblieb, als zu den Waffen zu greifen. Denn, so die sinngemäße Wiedergabe, es gehe hier nicht um einen abstrakten Staat, oder irgendwelche übergeordneten Ideale für oder gegen irgendwen. Es gehe allein um das Recht, in dem eigenen Land weiter sein und leben zu dürfen und dafür zu sorgen, dass die eigenen Kinder und Familienangehörigen geschützt und nicht vergewaltigt oder misshandelt würden. Wenn dieses Grundrecht auf selbstbestimmtes Leben durch Waffengewalt verletzt und missachtet werde, brauche es leider auch eine Waffe, um sich dagegen zu schützen. Fazit: „Für euch würde ich kämpfen“.   

Propaganda, Häme und Polarisierung statt Gespräch 

Hieran sollte nun ein Gespräch zwischen den beiden Autoren anknüpfen, das, nach einem anfänglich höflichen Abtasten, leider mehr und mehr entglitt, bis es schließlich in geradezu unerträglichen Propaganda-Phrasen endete.

Um es vorab zu sagen: Bei einem derart brisanten und emotional aufgeladenen Thema stellte es für die so kurzfristig eingesprungene Moderatorin Vera Schroeder keine leichte Aufgabe dar, diese Debatte in einem konstruktiven Rahmen zu halten, der das Wort „Gespräch“ oder vielmehr: „Gesprächskultur“ noch verdiente. Aber spätestens nachdem Ole Nymoen – im Publikum lautstark unterstützt von, wie sich später herausstellte, bewusst zu diesem Zwecke eingeladenen, mitgereisten Fans – über den Völkermord in Gaza sprach, „Free Palestine“ forderte ohne Rekurs auf das eigentliche Thema, die Ukraine mit Russland gleichsetzte, Verbrechen unreflektiert negierte in einer allgemeinen „Gleichmacherei“ aller imperialistischer Verbrecherstaaten und Staatengebilde, also auch der EU, und die Haltung des leider rhetorisch unterlegenen Kollegen Artur Weigandt mit unlauteren Mitteln versuchte niederzumachen: „Du sitzt ja hier statt zu kämpfen, wie glaubwürdig ist das?“ – hätte die Moderatorin dringend einschreiten müssen. Leider passierte das nicht.       

Die Haltung des Publikums

Entsprechend wunderte es nicht, dass die abschließenden „Fragen“ des Publikums weniger in wirklichen, zielführenden oder interessanten Nachfragen oder Beiträgen bestanden, sondern, abgesehen von wenigen „leisen“ Ausnahmen, überwiegend aus eigenen ideologischen Statements sowie der Bitte gegenüber Nymoen, sich doch politisch wieder für die Linke oder auch für Sahra Wagenknecht aufstellen zu lassen.

Da natürlich auch ich selbst Teil des Publikums war und mich beschämend, ja geradezu fahrlässig stumm erlebte, muss dieser Meinungsbericht auch die kritische Selbstbefragung mit einschließen. 

Das Mindeste wäre gewesen, Herrn Nymoen seine eigene entlarvende Rhetorik aufzuzeigen. Wenn er an Schulen gehe, wolle er, so habe zumindest ich es wörtlich gehört, die Jugendlichen „dazu bringen“, gegen die Wehrpflicht zu demonstrieren. Sie hätten in diesen jungen Jahren, wo sie noch keine „ganzen Menschen“ seien, noch nicht „das richtige Bewusstsein“. Von der hinsichtlich des komplexen Themas meiner Ansicht nach gänzlich undifferenzierten und selbstüberheblich-ignoranten Haltung des Besserwissenden einmal abgesehen, scheint Ole Nymoen hier im selben Denken verhaftet zu sein, welches er umgekehrt „dem Staat“ unterstellt:  Denn laut Nymoen ist es ja eben der Staat, der „Euch dazu bringt“ dies und jenes zu tun und den Menschen ein falsches Bewusstsein einzuimpfen. 

Und wenn schon in allgemeinen Behauptungsbögen gesprochen wird, dann hätte man auch zur Diskussion stellen können, ob menschheitsgeschichtlich gesehen ein Aufblühen von Frieden und Wohlstand und Sicherheit nicht überhaupt erst mit dem befestigten und bemannten Schutz innerhalb von Palisadenzäunen und wehrhaften Stadtmauern möglich wurde. 

Apropos konkret – um hinsichtlich der Behauptung, dass alle Staaten gleich („böse“) seien, noch etwas Differenzierendes anzumerken: Dass das Recht auf Staatskritik und konträre Meinung immer noch eine Errungenschaft in unserer Demokratie ist, sollte man zumindest als etwas Nicht-Selbstverständliches und Schützenswertes, ja ich würde auch sagen: als etwas Verteidigungswertes festhalten. 

Denn auch Ole Nymoen profitiert ja davon, dass man, eben anders als zum Beispiel in Russland unter Putin, nicht aus dem Literaturhaus abgeführt wird, wenn man äußert, dass Deutschland ein „Verbrecherstaat“ sei und keine freie Meinung, etwa gegenüber dem „Völkermord in Gaza“, zulasse. Wer derlei faktische Unterschiede in der Handhabung exekutiver Gewalt von Staaten, auf den auch Artur Weigandt vergeblich versuchte hinzuweisen, negiert, der ist meiner Meinung nach auf höchst bedenkliche Weise ignorant und gibt ein ernsthaftes, zielführendes Gespräch zugunsten von Propaganda auf. 

Leider habe ich nichts dergleichen vor Ort geäußert. Warum? Weil ich zum einen ganz mit dem Zuhören und Notieren für die Berichterstattung beschäftigt war. Zum anderen aber formten sich meine Argumente erst in Richtung spruchreif, als die Veranstaltung bereits vorbei war. Und wie mir erging es vermutlich vielen der Besucherinnen und Besucher. Sicherlich hätte der eine oder andere gute Argumente oder Gedankengänge beitragen können. Dieses Versäumnis nagt an mir. Das nächste Mal, nehme ich mir fest vor, muss ich schneller sein. Raushalten ist hier keine Option.  

Wo beginnt Widerstand? 

Nach dem Gespräch ist vor dem Gespräch. Ich war sicherlich nicht die Einzige, die nach diesem Abend noch lange im vertrauten Kreis zusammensaß und diskutierte; im Widerstand die eigene Meinung hinsichtlich der Frage „Kämpfen für die Freiheit?“ schärfte, und über die eigentlich ja diskussionswürdigen Ansätze beider Positionen nachdachte. 

Dies zeigt, wie wichtig Abende wie dieser im Rahmen der öffentlichen Diskurse und gesellschaftlichen Debatten sind. Die Literatur und Literaturschaffenden haben daran nicht nur Anteil, sondern aufgrund ihrer sprachlichen Kompetenzen der Reflexion und Vermittlung auch eine Verantwortung.  

Mein Fazit des Abends lautet daher: Bitte mehr zum Thema. Sinnvollerweise auch mal mit Autorinnen und Autoren, mit Betroffenen aus der Mitte der Gesellschaft. 

Man darf sich vom Scheitern eines Gesprächs, einer Veranstaltung nicht abschrecken lassen. Es ist wichtig, dass wir als Individuen und als Gesellschaft im Gespräch bleiben, Differenzen auf humane Weise austragen und aushalten. Der Widerstand beginnt in einem selbst, gegen das oftmals so bequeme, entlastende Abschalten und Resignieren. 

In diesem Sinne: Vielen Dank an das Literarturhaus für diesen nachhaltigen Abend!