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13.05.2026, 16:22 Uhr
Redaktion
Spektakula

Ein Abend über den umstrittenen rumäniendeutschen Autor Eginald Schlattner

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V.l.n.r.: Dana Grigorcea, Ingo Schulze, Michaela Nowotnick und Robert Schwartz in der Bibliothek des Münchner Literaturhauses. © Literaturportal Bayern

Was macht es mit einer Biografie, was mit einem Werk, in einer Diktatur zu leben? Ein Podiumsgespräch beim Münchner Literaturfest 2026 mit dem Schriftsteller Ingo Schulze und der Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick über den in Rumänien lebenden, 1933 geborenen Autor und Pfarrer Eginald Schlattner.

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Der rumäniendeutsche Pfarrer Eginald Schlattner schafft sein literarisches Werk im Wesentlichen seit Ende des letzten Jahrhunderts. 1959, zur Zeit der Diktatur in Rumänien, war er im so genannten Kronstädter Schriftstellerprozess Mitangeklagter unter mehreren rumäniendeutschen Autoren und musste eine Haftstrafe antreten. Nach Jahren als Tagelöhner und später als Ingenieur trat er in den 1970er-Jahren die Stelle eines evangelischen Pfarrers im rumänischen Roșia (Rothberg) an, wo er bis heute lebt.

Schlattners erste Romane, Der geköpfte Hahn und Rote Handschuhe, setzen sich literarisch mit der Zeit der Diktatur in Rumänien und dem schon genannten Prozess auseinander. Da das Podium mit der Literaturwissenschaftlerin und Schlattner-Forscherin Nowotnick sowie mit dem Schlattner-Kenner und -Verehrer Robert Schwartz, einem Politologen und Radio-Intendanten, besetzt ist, gilt für einen Teil der Zuschauer wohl, was auch Ingo Schulze für sich in Anspruch nimmt: im Grunde nicht genug zu wissen, um dem hier Gesagten in allem folgen zu können. Ein anderer Teil des Publikums wirkt dagegen involviert und in der Sache engagiert. Die Kuratorin des Literaturfestes 2026 Dana Grigorcea beschränkt sich an dem Abend in der Bibliothek des Münchner Literaturhauses auf die Rolle der Gastgeberin und Vorträgerin einzelner Passagen aus Schlattners Roman Rote Handschuhe.

Aktenrecherche bei der Securitate

Moderiert vom Intendanten des Rumänischen Rundfunks Robert Schwartz, schildert Michaela Nowotnick eindringlich ihre gemeinsame Nachwende-Reise mit Schlattner nach Bukarest, um dort Aktenbestände der rumänischen Geheimpolizei einzusehen. Zwei Transportwagen voller Dokumente seien ihnen gebracht worden. Für Schlattner sei die Konfrontation mit den Akten ein Schock gewesen. Er übertrug Nowotnick die Generalvollmacht zur Einsichtnahme und zog sich zurück. Danach sprach er nie wieder über den Inhalt der Dokumente. Die Literaturwissenschaftlerin bat er, ihre Arbeit so zu verfassen, als wäre er bereits tot. Was genau aus den Akten zu erfahren war, darüber bleibt Nowotnick an diesem Abend unbestimmt.

Ingo Schulze, der den Roman eigens für diese Veranstaltung gelesen hat, betont dessen literarische Qualität. Schlattner verarbeite sein autobiografisches Schicksal mit einer Rückhaltlosigkeit und Radikalität, die das Werk weit über ein bloßes Memoir hinaushebe. Besonders beeindruckend findet Schulze, wie der Ich-Erzähler mitten in der Folter beginnt, die gesellschaftliche Ungerechtigkeit, die dem Kommunismus vorausging, zu reflektieren und sich zu fragen, ob die Anklagen seiner Peiniger nicht einen wahren Kern hätten. Diese „höllische“ Ambivalenz bestehen zu lassen, könne nur Literatur leisten.

Die Grenzen des Urteils

Die zentrale Frage des Abends lautet, ob und wie man über jemanden urteilen kann, der unter Folter ausgesagt hat. Schulze betont, dass er sich – als jemand, der nie annähernd solchen Zuständen ausgesetzt war – jedes Urteils enthalte. Zwischen dem kommunistischen Rumänien und der DDR gebe es zwar strukturelle Ähnlichkeiten, aber Schlattners Schilderungen fänden in der deutschsprachigen Literatur keine direkte Entsprechung. Eher sei ein Vergleich mit Autoren wie Imre Kertész oder Arthur Koestler angebracht.

Das Wissen um den Kronstädter Schriftsteller-Prozess wird in der Veranstaltung leider weniger beleuchtet als vorausgesetzt. In ihm waren mehrere rumäniendeutsche Schriftsteller wegen Bildung einer systemfeindlichen Vereinigung angeklagt, so Wikipedia. Sie wurden zum Teil zu langen Haftstrafen verurteilt. Der bereits 1957 inhaftierte Eginald Schlattner fungierte in dem Prozess als Zeuge; seine Aussagen scheinen bei der Begründung der Urteile gegen seine Autorenkollegen eine Rolle gespielt zu haben. Seine Wahrnehmung als „Kronzeuge“ in dem Prozess scheint allerdings vom rumänischen Geheimdienst inszeniert worden zu sein, um die Gemeinschaft der rumäniendeutschen Autoren bewusst zu spalten.

Auf die Publikumsfrage, ob Literatur ein Läuterungsprozess sein könne, antworten sowohl Schulze, der sich auf dem Podium nicht ganz wohlzufühlen scheint, als auch Nowotnick zurückhaltend: Zwischen Schlattner und Hans Bergel, einem der verurteilten und später nach Bayern emigrierten Schriftsteller, sei es trotz mehrerer Versuche nie zu einer Annäherung gekommen. Laut dem Beiträger aus dem Publikum hat Bergel Schlattner nie verzeihen können. Eginald Schlattner wiederum scheint Äußerungen jenseits seiner Romane zum Thema der Prozesse zu verweigern. „Eindeutigkeit gibt es nur um den Preis des Irrtums“, mit dieser Aussage entzieht Schlattner sich offenbar aus einer direkten Aufarbeitung des Geschehenen.

Mit der Frage, was nun genau der rumäniendeutsche Autor und Pfarrer in den 1950ern ausgesagt hat, was an den Aussagen, die in den Geheimdienstakten verzeichnet sind, wirklich getroffen und was erfunden wurde, bleibt das Publikum an diesem Abend allein. Auch die Frage, ob oder was Literatur jenseits des Offenhaltens in diesem Kontext leisten kann, ob sie lediglich zur Einfühlung in das Geschehene dient und die moralische Frage gewissermaßen auf einer emotionalen Ebene stellt oder ob sie doch aufklärerisch-rational zur Aufarbeitung beitragen könnte, bleibt leider unbeantwortet.

Am Ende bleibt das Gefühl, mit Menschen an einem Tisch gesessen zu haben, die man nicht recht kennt, und Zeuge geworden zu sein bei einem verwickelten und seit Jahrzehnten geführten, dabei aber unter den Teppich gekehrten Zwist.