Die Bayerische Staatsbibliothek in der Literatur
Zahlreiche renommierte Autorinnen und Autoren widmeten sich in Tagebucheinträgen, Briefen, Romanen, Erzählungen und Gedichten der Bayerischen Staatsbibliothek. Ein 2014 von Waldemar Fromm und Stephan Kellner herausgegebener Band zeichnet eine Geschichte der BSB aus der Perspektive jener, die dem geschriebenen Wort dienen.
*
Zitate aus der Literatur, in denen die Bayerische Staatsbibliothek erwähnt wird, bilden den Inhalt des broschierten Buches. Es vereint Literaturstellen aus über 200 Jahren, die zuerst 2008 anlässlich der Feier der Gründung der Bibliothek als Hofbibliothek vor damals 450 Jahren vorgetragen wurden. Doch den Herausgebern gelingt es, in der Einleitung auch eine kurze Geschichte dieser Bibliothek unterzubringen, mit Betonung ihres soziologischen Umfelds, in dem sie sich befindet. Bibliothek und Stadt sind ein Produkt königlichen Willens (Ludwigs I. und Maximilians II.).
Die Kompilatoren erinnern natürlich an die „Säkularisation“ von 1803, welche diese Bibliothek auf Kosten der Klosterbibliotheken erst zur Weltbibliothek machten. Durch den Freiherren von Aretin als „Oberhofbibliothekar“ hatte sich eine solche Menge von requirierten Büchern und Handschriften auf die Hofbibliothek zugewälzt, dass deren vorläufige Unterbringung ähnliche Probleme wie 1944 verursacht haben muss, als man vor den Bomben rettete, was noch zu retten war, wie ein Foto anschaulich zeigt.
Besondere Erwähnung und Ehrung finden die drei großen SCH der Staatsbibliothek – Schrettinger, der ordnende Bibliothekar, Scherer, der Nachfolger Aretins, und Sehmeiler, der die Handschriften der Bibliothek inventarisierte und mit deren Auswertung begann (und unter anderen die Carmina Burana entdeckte). Für diese Büchermassen musste natürlich ein neues Gebäude errichtet werden, womit bekanntlich Friedrich von Gärtner beauftragt wurde.
Die Zitate ergänzen diese Geschichte der Bibliothek, werden aber ab dem 20. Jahrhundert zu einer Art moderner Literaturgeschichte (1890-2008). Hier lassen die Herausgeber Thomas Mann als Titelgeber der Publikation leuchten, obwohl dieser „Wunschzettel“ eigentlich nichts anderes als ein poetischer Ausdruck des berühmten Schriftstellers für einen individuellen Leihschein war.
Kletterei an der Fassade
Nicht alle Zitate sind von Gewicht, bei manchen wird die BSB bloß erwähnt. Einige Perlen aber finden sich doch. Man erfährt zum Beispiel, dass Ludwig Ganghofer stolz erzählt, wie er an der Staatsbibliothek Fassadenkletterei betrieben hat. Bei seinem Freund Ludwig Thoma dagegen konnten die Herausgeber nur wenig Originelles entdecken. Den vielleicht schönsten, auf jeden Fall informativsten Beitrag findet man in den Erinnerungen des Germanisten Friedrich von der Leyen. Er weist darauf hin, dass früher Bibliothekare „den Rang von Gelehrten besaßen“, und er erzählt auch von dem Bibliotheksdiener in der Ausleihe, der Forschern nie mehr als drei Bücher auf einmal auslieh mit dem Hinweis, an ihnen hätten sie fürs Erste Arbeit genug. Dessen „ärgste Feindinnen waren die studierenden Frauen, denen er das Entleihen erschwerte, wo er nur konnte“. Von der Leyen überliefert aber auch die Anekdote von einem anderen, korpulenten Bibliotheksdiener, der dem Direktor auffiel, weil er zwischen den Bücherregalen mit dem Rad hin- und herfuhr, um abzunehmen.
Natürlich findet auch Hitlers Besuch in der Staatsbibliothek seinen Niederschlag in der Literatur. Aber zur Ehre ihrer Mitarbeiter ist im Tagebuch der Frau des als Jude abgestempelten Siegfried Rosenfeld, Else Behrend-Rosenfeld, zu lesen, wie ein leider von ihr nicht mit Namen genannter Bibliothekar es möglich machte, dass sie für ihren Mann Bücher ausleihen konnte, denn Juden hatten nicht einmal Zutritt zur Staatsbibliothek. Sie wollte mit ihrem ausführlichen Bericht zeigen, „dass selbst die Beamten dieser Regierung durchaus nicht alle ihre Maßnahmen billigten und sie milderten, wo sie konnten“.
Der von Hitler und den Nazis angezettelte Krieg führte durch die Bombardements im März 1943 zur Vernichtung von über 400 000 Büchern. Dieses größte Unglück für die Staatsbibliothek wird dem Leser ausführlich durch Zitate und die entsprechenden Fotos vor Augen geführt, wie überhaupt die Fotobeigaben bisher unbekannte Perspektiven und Einblicke vermitteln. Die Maßnahmen zur Rettung vor allem der wertvollsten Bestände führten zu der grotesken Situation, dass die durch die Säkularisation den Klöstern weggenommenen Schätze kriegsbedingt teilweise wieder in einige Klöster zurückgebracht wurden, wenigstens für eine Zeitlang, um sie in den alten Klostergebäuden vor der Vernichtung zu retten.
Bibliotheca erotica
Man sollte den Bibliothekaren nicht unterstellen, sie hätten keinen Humor, weil sie beruflich mit der allertrockensten Materie menschlichen Geistes – Büchern! – befasst seien. Zumindest der leider plötzlich und unerwartet verstorbene, von seinen Bibliothekskollegen hochgeschätzte Mitautor Stephan Kellner hatte ihn, indem er nicht versäumte, in der Einleitung mitzuteilen – betont nüchtern, wie es sich für einen Bibliothekar gehört –, dass König Max I. Joseph die „Bibliotheca erotica et obscena“ des Sammlers Franz von Krenner (1762–1819) angekauft hat, von deren fataler Wirkung Johann Andreas Schmeller überzeugt war, nachdem er in den „alten Schrank“, in dem Bibliothekar Scherer sie versteckt hielt, nur einige verzagte Blicke getan hatte (zumal Martin Schrettinger neben ihm stand), wie sehr der tagelange Aufenthalt in diesen unheiligen Hallen den guten Scherer habe afficieren müssen.“
Die Autoren der Einleitung erläutern hierzu, dass man damals annahm, Bibliothekar Joseph von Scherer (1776-1826) sei durch die allzu intensive Beschäftigung mit diesem Spezialbestand einfach wahnsinnig geworden, jedoch sicher nicht wegen Überarbeitung. Die zur Sammlung gehörigen erotischen Kupferstiche und Zeichnungen hatte, wie die Autoren weiter gewissenhaft mitteilen, der König seiner Privatbibliothek einverleibt; sie wurden erst nach seinem Tod in die Bibliothek gegeben.
Diese Spezialsammlung war so anziehend, auch für Schmeller, dass er in seinen Tagebüchern nicht versäumte, festzuhalten, auch Lola Montez, die ihm wegen ihrer „gellenden Stimme“ unangenehm auffiel, habe sich diese Sammlung zeigen lassen und sie „erst um 2 Uhr“ wieder verlassen – ob am Tage oder nachts, ließ Schmeller offen. Stephan Kellner war für dieses Thema der rechte Mann, denn er hat die Sammlung für das »Bibliotheksforum Bayern« 1994 beschrieben.
Der Lesesaal damals © BSB
Die Zitate ab 1945 können durchaus als Anthologie zur „Literatur in Bayern“ gelten. Bis hin zum jungen Autor Fridolin Schley (geboren 1976) reichen sie, der in seiner leicht grotesken Beschreibung des Lebens in der Staatsbibliothek deren wahre Funktion erkannt hat: „Die Stabi ist die größte Flirt-Börse der Stadt.“ Noch deutlicher, wenn es eine Steigerung zum eben Geschriebenen gibt, ist es im Zitat von Andreas Bernhard (geboren 1969) ausgedrückt: Der lange Mittelgang im Lesesaal „ist eine Art Laufsteg der Bibliothek“: Die sorgfältig gekleideten Studentinnen der juristischen oder medizinischen Fakultät registrierten, wenn sie vorbeigehen, genau alle Köpfe, die sich dann von den Büchern abwenden. Die Gründe für die Attraktivität der BSB können nicht besser beschrieben werden.
Der Beitrag erschien zuerst in der Literatur in Bayern Nr. 157
Darf ich Ihnen meinen Wunschzettel mitteilen? Die Bayerische Staatsbibliothek in der Literatur. Herausgegeben von Waldemar Fromm und Stephan Kellner. Allitera Verlag, 2014, 144 S.
Die Bayerische Staatsbibliothek in der Literatur>
Zahlreiche renommierte Autorinnen und Autoren widmeten sich in Tagebucheinträgen, Briefen, Romanen, Erzählungen und Gedichten der Bayerischen Staatsbibliothek. Ein 2014 von Waldemar Fromm und Stephan Kellner herausgegebener Band zeichnet eine Geschichte der BSB aus der Perspektive jener, die dem geschriebenen Wort dienen.
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Zitate aus der Literatur, in denen die Bayerische Staatsbibliothek erwähnt wird, bilden den Inhalt des broschierten Buches. Es vereint Literaturstellen aus über 200 Jahren, die zuerst 2008 anlässlich der Feier der Gründung der Bibliothek als Hofbibliothek vor damals 450 Jahren vorgetragen wurden. Doch den Herausgebern gelingt es, in der Einleitung auch eine kurze Geschichte dieser Bibliothek unterzubringen, mit Betonung ihres soziologischen Umfelds, in dem sie sich befindet. Bibliothek und Stadt sind ein Produkt königlichen Willens (Ludwigs I. und Maximilians II.).
Die Kompilatoren erinnern natürlich an die „Säkularisation“ von 1803, welche diese Bibliothek auf Kosten der Klosterbibliotheken erst zur Weltbibliothek machten. Durch den Freiherren von Aretin als „Oberhofbibliothekar“ hatte sich eine solche Menge von requirierten Büchern und Handschriften auf die Hofbibliothek zugewälzt, dass deren vorläufige Unterbringung ähnliche Probleme wie 1944 verursacht haben muss, als man vor den Bomben rettete, was noch zu retten war, wie ein Foto anschaulich zeigt.
Besondere Erwähnung und Ehrung finden die drei großen SCH der Staatsbibliothek – Schrettinger, der ordnende Bibliothekar, Scherer, der Nachfolger Aretins, und Sehmeiler, der die Handschriften der Bibliothek inventarisierte und mit deren Auswertung begann (und unter anderen die Carmina Burana entdeckte). Für diese Büchermassen musste natürlich ein neues Gebäude errichtet werden, womit bekanntlich Friedrich von Gärtner beauftragt wurde.
Die Zitate ergänzen diese Geschichte der Bibliothek, werden aber ab dem 20. Jahrhundert zu einer Art moderner Literaturgeschichte (1890-2008). Hier lassen die Herausgeber Thomas Mann als Titelgeber der Publikation leuchten, obwohl dieser „Wunschzettel“ eigentlich nichts anderes als ein poetischer Ausdruck des berühmten Schriftstellers für einen individuellen Leihschein war.
Kletterei an der Fassade
Nicht alle Zitate sind von Gewicht, bei manchen wird die BSB bloß erwähnt. Einige Perlen aber finden sich doch. Man erfährt zum Beispiel, dass Ludwig Ganghofer stolz erzählt, wie er an der Staatsbibliothek Fassadenkletterei betrieben hat. Bei seinem Freund Ludwig Thoma dagegen konnten die Herausgeber nur wenig Originelles entdecken. Den vielleicht schönsten, auf jeden Fall informativsten Beitrag findet man in den Erinnerungen des Germanisten Friedrich von der Leyen. Er weist darauf hin, dass früher Bibliothekare „den Rang von Gelehrten besaßen“, und er erzählt auch von dem Bibliotheksdiener in der Ausleihe, der Forschern nie mehr als drei Bücher auf einmal auslieh mit dem Hinweis, an ihnen hätten sie fürs Erste Arbeit genug. Dessen „ärgste Feindinnen waren die studierenden Frauen, denen er das Entleihen erschwerte, wo er nur konnte“. Von der Leyen überliefert aber auch die Anekdote von einem anderen, korpulenten Bibliotheksdiener, der dem Direktor auffiel, weil er zwischen den Bücherregalen mit dem Rad hin- und herfuhr, um abzunehmen.
Natürlich findet auch Hitlers Besuch in der Staatsbibliothek seinen Niederschlag in der Literatur. Aber zur Ehre ihrer Mitarbeiter ist im Tagebuch der Frau des als Jude abgestempelten Siegfried Rosenfeld, Else Behrend-Rosenfeld, zu lesen, wie ein leider von ihr nicht mit Namen genannter Bibliothekar es möglich machte, dass sie für ihren Mann Bücher ausleihen konnte, denn Juden hatten nicht einmal Zutritt zur Staatsbibliothek. Sie wollte mit ihrem ausführlichen Bericht zeigen, „dass selbst die Beamten dieser Regierung durchaus nicht alle ihre Maßnahmen billigten und sie milderten, wo sie konnten“.
Der von Hitler und den Nazis angezettelte Krieg führte durch die Bombardements im März 1943 zur Vernichtung von über 400 000 Büchern. Dieses größte Unglück für die Staatsbibliothek wird dem Leser ausführlich durch Zitate und die entsprechenden Fotos vor Augen geführt, wie überhaupt die Fotobeigaben bisher unbekannte Perspektiven und Einblicke vermitteln. Die Maßnahmen zur Rettung vor allem der wertvollsten Bestände führten zu der grotesken Situation, dass die durch die Säkularisation den Klöstern weggenommenen Schätze kriegsbedingt teilweise wieder in einige Klöster zurückgebracht wurden, wenigstens für eine Zeitlang, um sie in den alten Klostergebäuden vor der Vernichtung zu retten.
Bibliotheca erotica
Man sollte den Bibliothekaren nicht unterstellen, sie hätten keinen Humor, weil sie beruflich mit der allertrockensten Materie menschlichen Geistes – Büchern! – befasst seien. Zumindest der leider plötzlich und unerwartet verstorbene, von seinen Bibliothekskollegen hochgeschätzte Mitautor Stephan Kellner hatte ihn, indem er nicht versäumte, in der Einleitung mitzuteilen – betont nüchtern, wie es sich für einen Bibliothekar gehört –, dass König Max I. Joseph die „Bibliotheca erotica et obscena“ des Sammlers Franz von Krenner (1762–1819) angekauft hat, von deren fataler Wirkung Johann Andreas Schmeller überzeugt war, nachdem er in den „alten Schrank“, in dem Bibliothekar Scherer sie versteckt hielt, nur einige verzagte Blicke getan hatte (zumal Martin Schrettinger neben ihm stand), wie sehr der tagelange Aufenthalt in diesen unheiligen Hallen den guten Scherer habe afficieren müssen.“
Die Autoren der Einleitung erläutern hierzu, dass man damals annahm, Bibliothekar Joseph von Scherer (1776-1826) sei durch die allzu intensive Beschäftigung mit diesem Spezialbestand einfach wahnsinnig geworden, jedoch sicher nicht wegen Überarbeitung. Die zur Sammlung gehörigen erotischen Kupferstiche und Zeichnungen hatte, wie die Autoren weiter gewissenhaft mitteilen, der König seiner Privatbibliothek einverleibt; sie wurden erst nach seinem Tod in die Bibliothek gegeben.
Diese Spezialsammlung war so anziehend, auch für Schmeller, dass er in seinen Tagebüchern nicht versäumte, festzuhalten, auch Lola Montez, die ihm wegen ihrer „gellenden Stimme“ unangenehm auffiel, habe sich diese Sammlung zeigen lassen und sie „erst um 2 Uhr“ wieder verlassen – ob am Tage oder nachts, ließ Schmeller offen. Stephan Kellner war für dieses Thema der rechte Mann, denn er hat die Sammlung für das »Bibliotheksforum Bayern« 1994 beschrieben.
Der Lesesaal damals © BSB
Die Zitate ab 1945 können durchaus als Anthologie zur „Literatur in Bayern“ gelten. Bis hin zum jungen Autor Fridolin Schley (geboren 1976) reichen sie, der in seiner leicht grotesken Beschreibung des Lebens in der Staatsbibliothek deren wahre Funktion erkannt hat: „Die Stabi ist die größte Flirt-Börse der Stadt.“ Noch deutlicher, wenn es eine Steigerung zum eben Geschriebenen gibt, ist es im Zitat von Andreas Bernhard (geboren 1969) ausgedrückt: Der lange Mittelgang im Lesesaal „ist eine Art Laufsteg der Bibliothek“: Die sorgfältig gekleideten Studentinnen der juristischen oder medizinischen Fakultät registrierten, wenn sie vorbeigehen, genau alle Köpfe, die sich dann von den Büchern abwenden. Die Gründe für die Attraktivität der BSB können nicht besser beschrieben werden.
Der Beitrag erschien zuerst in der Literatur in Bayern Nr. 157
Darf ich Ihnen meinen Wunschzettel mitteilen? Die Bayerische Staatsbibliothek in der Literatur. Herausgegeben von Waldemar Fromm und Stephan Kellner. Allitera Verlag, 2014, 144 S.

