Besprechung von Nadine Schneiders Roman „Das gute Leben“
Was macht ein gutes Leben aus? Diese Frage stellt sich quasi automatisch, wenn man den Titel von Nadine Schneiders neuem Roman Das gute Leben liest. Die Münchner Autorin Christina Madenach über eine Familiengeschichte zwischen den Härten von Flucht und Getrenntsein und der Hoffnung auf Neues.
*
Der Titel des dritten Romans von Nadine Schneider Das gute Leben lässt mich an „buen vivir“ denken. Dieses indigene Konzept aus den Andenländern setzt das „gute Leben“ nicht mit materiellem Wachstum gleich, stattdessen sind dafür andere Aspekte wie das Gleichgewicht mit der Natur oder Gemeinschaft und Solidarität zentral. Auch wenn die Autorin dieses Konzept nicht im Kopf gehabt haben mag, finde ich die damit einhergehende Fragestellung in ihrem Buch wieder: Was macht ein gutes Leben aus und ist es notwendigerweise an Wohlstand und die Möglichkeit von Konsum geknüpft?
Wie bereits in ihren ersten beiden Romanen wählt die selbst aus einer rumäniendeutschen Familie stammende Autorin die Auseinandersetzung mit dem Weggang bzw. der Flucht aus Rumänien in die BRD als Hintergrund für die Geschichte. Das gute Leben erzählt eine Generationengeschichte anhand ihrer geografischen, kulturellen, ökonomischen Umstände. Die Ich-Erzählerin Christina berichtet von ihrer Großmutter Anni, die Rumänien verlassen hat, um nach Nürnberg zu ziehen, wo ihre Tochter Helene geboren wird. Helene wiederum verlässt Deutschland und geht in die USA, als Christina noch ein Kind ist. Sie überlässt deren Erziehung Anni.
Obwohl Nadine Schneider von einer Lebensgeschichte erzählt, für die vor allem auch der rumäniendeutsche Hintergrund eine wichtige Rolle spielt, kann ich mich schnell mit der Protagonistin Christina identifizieren. Grund dafür ist sicher nicht, dass ich denselben Namen wie die Protagonistin trage oder meine Großeltern ebenfalls in Nürnberg gewohnt haben und wie für Anni auch für meine Oma die Quelle-Unternehmerin Grete Schickedanz in gewisser Weise ein Vorbild war. Vielmehr liegt es daran, dass die Autorin in ihrem Roman ausgehend von einem Einzelschicksal Fragen aufwirft, die für viele Menschen relevant sind.
Heimat, Arbeit, Wohlstand
Bereits im ersten Satz findet sich ein Hinweis, wie eng in Nadine Schneiders Roman die Frage nach dem guten Leben mit der Frage nach dem Ort verknüpft ist. Christina blickt auf ihr jugendliches Ich zurück, das sich für die Besuche bei ihrer Urgroßmutter im rumänischen Banat wenig begeistern kann: „Ich will hier nicht sein.“ Damit geht es ihr wie ihrer Großmutter Anni. Drei Kapitel später heißt es auch über diese: „Sie will hier nicht sein“. In einem Rückblick wird von der Entscheidung der 22-jährigen schwangeren Anni erzählt, das kommunistische Rumänien Mitte der 60er Jahre illegal zu verlassen. Insbesondere eine rumäniendeutsche Familie wie Annis, deren Vater darüber hinaus mit den Nazis sympathisiert hatte, litt unter der Angst vor Verfolgung sowie unter der schlechten Versorgungslage. Vor allem diese Armut ist für Anni Hauptgrund zu gehen und nach dem guten Leben in Deutschland zu suchen.
Die Frage nach der Bedeutung des Wohnorts durchzieht den gesamten Roman. Gegenübergestellt werden Anni, die ihre Heimat verlässt, und deren Mutter, die ihrer Tochter nicht nach Deutschland folgen will. Weder die Entscheidung, einen Ort zu verlassen, noch jene, dort zu bleiben, werden souverän gefällt. Vielmehr folgen die Figuren dabei den jeweiligen lokalen Bedingungen. Annis Sehnsucht nach ihrer Mutter, ihre Trauer darüber, sie an einem anderen Ort zu wissen, gehört für mich zu den emotionalsten Passagen des Romans. Nach dem Tod Annis findet ihre Enkelin Christina ein nicht abgeschicktes Telegramm Annis aus ihren ersten Jahren in Nürnberg, in dem in Großbuchstaben steht: „MAMA ICH KANN NICHT MEHR. ICH KOMM WIEDER HEIM.“ Dass Flucht einhergeht mit dem Verlust von Heimat und den Menschen dort, ist eine Erkenntnis, die für mich Relevanz über das Einzelschicksal der Romanfiguren hinaus hat und sich auch auf heutige Situationen übertragen lässt.
In Nürnberg findet Anni nach der ersten schweren Zeit eine Anstellung beim Quelle-Versandhaus. Dieses spielt im Roman eine wichtige Rolle, steht es doch für die Konsumversprechungen und das deutsche Wirtschaftswunder. Doch Anni kann nur eingeschränkt partizipieren. Als alleinerziehende Arbeiterin im Lager bleibt ihre Situation prekär, und die Arbeit ist anstrengend. Dennoch nähert sie sich damit ihrem Verständnis von einem guten Leben an, das man sich ihr zufolge mit harter Arbeit selbst verdienen muss. Außerdem ist für sie die Arbeit sinnstiftend: ein Grund „sich morgens zu waschen und zu kämmen“. Abgesehen davon, dass Christina bessere Voraussetzungen für ein Leben in Wohlstand hat als ihre Großmutter, ist es sicher auch generationell bedingt, dass sie dieses Verständnis von gutem Leben anzuzweifeln scheint. Ihre Arbeit spielt für sie nicht die gleiche wichtige Rolle wie für ihre Großmutter. Sie gefällt ihr nicht, und sie überlegt zu kündigen. Trotzdem scheint die Arbeitsmoral ihrer Großmutter auch bei Christina Spuren hinterlassen zu haben: Selbst in ihrem Urlaub kann sie die Arbeit nicht ruhen lassen und klappt immer wieder den Laptop auf.
Transgenerationale Traumata
Neben der Frage nach dem guten Leben ist für mich die Beschäftigung mit diesen Spuren, die die vorhergehenden Generationen in einem hinterlassen, das andere große Thema, mit dem sich Nadine Schneider in ihrem Roman beschäftigt. Die äußere Ähnlichkeit, die Christina bei ihrer Mutter Helene zu deren Mutter Anni erkennt, wirkt wie ein Spiegel für das emotionale Erbe, das über Generationen hinweg weitergegeben wird. Die Vaterlosigkeit sowie die Suche nach dem guten Leben und die Flucht vor dem, was es verhindert, sind bei Anni ebenso wie bei Helene Motivation für ihre Handlungen. Während Anni vor der Armut flieht und dafür die Trennung von der eigenen Mutter in Kauf nimmt, verkehrt sich dieses Motiv bei Helene: Sie flieht vor ihrer eigenen Mutter und deren Lebensidealen; dafür nimmt sie die Trennung von der eigenen Tochter in Kauf.
Bei Christina wiederum wiederholt sich Annis Trauma: der empfundene Verlust der eigenen Mutter. Auch die Kompensation von Trauer durch Konsum findet sich sowohl bei Anni als auch bei Christina: „… ich kann mir gut vorstellen, dass wir es wie immer machten, wenn wir enttäuscht waren: Wir suchten uns etwas aus. Wir setzten uns an den Küchentisch oder auf die Couch und schlugen den aktuellen Quelle-Katalog auf: Komm, wir suchen uns was aus!“ Während bei Anni diese Art von Kompensation sinnig erscheint – ist der Konsum doch verknüpft mit ihrer Vorstellung vom guten Leben und damit der Grund, warum sie ihre Mutter verlassen hat –, handelt es sich bei Christina um ein von der Großmutter übernommenes Verhalten.
Die Verlusterfahrungen lese ich als transgenerationale Traumata. Was die Vorgängergeneration erlebt hat, trägt sich in die nachfolgenden Generationen weiter, die wieder eigene, ähnliche Verlusterfahrungen machen – scheinbar, ohne aus diesem Teufelskreis ausbrechen zu können. Ganz symptomatisch empfinde ich dafür das Schweigen, das sich jedes Mal zwischen den Protagonistinnen ausbreitet, wenn die Gelegenheit bestünde, über das zu sprechen, was zwischen ihnen steht, oder von dem zu erzählen, was passiert ist.
Erzählen als Akt der Selbstermächtigung
Auf der Handlungsebene gelingt es bis zum Schluss nicht, dieses Schweigen zu brechen: Helene reist zwar letztendlich aus den USA an, um Christina nach Annis Tod beim Ausräumen von deren Haus zu helfen, aber zu einer wirklichen Annäherung zwischen den beiden kommt es nicht; genauso wenig wie es je zu einer Aussprache zwischen Helene und Anni oder Anni und deren Mutter kam. Dennoch lese ich den Roman als ein Ausbrechen aus dem Ungesagten. Ganz zu Beginn konstatiert Christina noch: „Ich hatte uns aufgeschoben, Anni und mich, ich hatte gedacht, es gäbe noch Zeit für uns. Zeit für Erzählen, für Erklärungen und ein Zurückschauen und Verstehen. Zeit für Annis Geschichte.“ Augenscheinlich hat sie diese Gelegenheit durch Annis plötzlichen Tod verpasst, dennoch erzählt der Roman in Rückblicken Annis Geschichte.
Damit verhandelt der Roman für mich den Versuch der Ich-Erzählerin Christina, die transgenerationalen Traumata zu durchbrechen. Weil es ihr nicht gelingt, von der Geschichte ihrer Familie durch ihre Großmutter oder ihre Mutter – oder den ebenfalls sehr wortkargen Großonkel – zu erfahren, rekonstruiert sie diese schließlich selbst. Mit der Erzählung der Vergangenheit bricht Christina nicht nur das familiäre Schweigen, sie begeht damit auch einen Akt der Selbstermächtigung. Inwiefern sich diese Geschichte genauso zugetragen haben muss, wird dabei nebensächlich: „Irgendwann werden diese Dinge so lange her und vergangen sein, dass man sie sich auch eingebildet haben könnte. Und am Ende ist alles, was ich über Anni, über ihr Leben und unser gemeinsames erzählen kann, erstunken und erlogen, und die Einzige, die sich unsere Geschichte noch glaubt und die daran glaubt, dass es uns wirklich gab, bin ich.“
Auch wenn es nicht zu einer Versöhnung zwischen den Generationen kommt, ist der Schluss doch hoffnungsvoll: Christina schneidet einen Traubentrieb von einer Pflanze auf der Terrasse ihrer Oma ab, die wiederum aus einem aus Rumänien mitgebrachten Trieb gewachsen ist, und nimmt ihn mit nach Berlin, wo sie wohnt. Sie ist sich sicher: „Irgendwie wird er schon wachsen.“ Christina hat sich entschieden, mit ihrer Erzählung die Vergangenheit zu bewahren und ihr auch einen Platz und eine Bedeutung in ihrem Leben zu schaffen und damit nicht einfach ihrer Familiengeschichte und der darin weitergegebenen Traumata ausgeliefert zu sein. Der Traubentrieb stünde damit metaphorisch für das Vergangene, aus dem etwas Neues entstehen kann.
Nadine Schneider: Das gute Leben. Verlag S. Fischer, 304 S.
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Was macht ein gutes Leben aus? Diese Frage stellt sich quasi automatisch, wenn man den Titel von Nadine Schneiders neuem Roman Das gute Leben liest. Die Münchner Autorin Christina Madenach über eine Familiengeschichte zwischen den Härten von Flucht und Getrenntsein und der Hoffnung auf Neues.
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Der Titel des dritten Romans von Nadine Schneider Das gute Leben lässt mich an „buen vivir“ denken. Dieses indigene Konzept aus den Andenländern setzt das „gute Leben“ nicht mit materiellem Wachstum gleich, stattdessen sind dafür andere Aspekte wie das Gleichgewicht mit der Natur oder Gemeinschaft und Solidarität zentral. Auch wenn die Autorin dieses Konzept nicht im Kopf gehabt haben mag, finde ich die damit einhergehende Fragestellung in ihrem Buch wieder: Was macht ein gutes Leben aus und ist es notwendigerweise an Wohlstand und die Möglichkeit von Konsum geknüpft?
Wie bereits in ihren ersten beiden Romanen wählt die selbst aus einer rumäniendeutschen Familie stammende Autorin die Auseinandersetzung mit dem Weggang bzw. der Flucht aus Rumänien in die BRD als Hintergrund für die Geschichte. Das gute Leben erzählt eine Generationengeschichte anhand ihrer geografischen, kulturellen, ökonomischen Umstände. Die Ich-Erzählerin Christina berichtet von ihrer Großmutter Anni, die Rumänien verlassen hat, um nach Nürnberg zu ziehen, wo ihre Tochter Helene geboren wird. Helene wiederum verlässt Deutschland und geht in die USA, als Christina noch ein Kind ist. Sie überlässt deren Erziehung Anni.
Obwohl Nadine Schneider von einer Lebensgeschichte erzählt, für die vor allem auch der rumäniendeutsche Hintergrund eine wichtige Rolle spielt, kann ich mich schnell mit der Protagonistin Christina identifizieren. Grund dafür ist sicher nicht, dass ich denselben Namen wie die Protagonistin trage oder meine Großeltern ebenfalls in Nürnberg gewohnt haben und wie für Anni auch für meine Oma die Quelle-Unternehmerin Grete Schickedanz in gewisser Weise ein Vorbild war. Vielmehr liegt es daran, dass die Autorin in ihrem Roman ausgehend von einem Einzelschicksal Fragen aufwirft, die für viele Menschen relevant sind.
Heimat, Arbeit, Wohlstand
Bereits im ersten Satz findet sich ein Hinweis, wie eng in Nadine Schneiders Roman die Frage nach dem guten Leben mit der Frage nach dem Ort verknüpft ist. Christina blickt auf ihr jugendliches Ich zurück, das sich für die Besuche bei ihrer Urgroßmutter im rumänischen Banat wenig begeistern kann: „Ich will hier nicht sein.“ Damit geht es ihr wie ihrer Großmutter Anni. Drei Kapitel später heißt es auch über diese: „Sie will hier nicht sein“. In einem Rückblick wird von der Entscheidung der 22-jährigen schwangeren Anni erzählt, das kommunistische Rumänien Mitte der 60er Jahre illegal zu verlassen. Insbesondere eine rumäniendeutsche Familie wie Annis, deren Vater darüber hinaus mit den Nazis sympathisiert hatte, litt unter der Angst vor Verfolgung sowie unter der schlechten Versorgungslage. Vor allem diese Armut ist für Anni Hauptgrund zu gehen und nach dem guten Leben in Deutschland zu suchen.
Die Frage nach der Bedeutung des Wohnorts durchzieht den gesamten Roman. Gegenübergestellt werden Anni, die ihre Heimat verlässt, und deren Mutter, die ihrer Tochter nicht nach Deutschland folgen will. Weder die Entscheidung, einen Ort zu verlassen, noch jene, dort zu bleiben, werden souverän gefällt. Vielmehr folgen die Figuren dabei den jeweiligen lokalen Bedingungen. Annis Sehnsucht nach ihrer Mutter, ihre Trauer darüber, sie an einem anderen Ort zu wissen, gehört für mich zu den emotionalsten Passagen des Romans. Nach dem Tod Annis findet ihre Enkelin Christina ein nicht abgeschicktes Telegramm Annis aus ihren ersten Jahren in Nürnberg, in dem in Großbuchstaben steht: „MAMA ICH KANN NICHT MEHR. ICH KOMM WIEDER HEIM.“ Dass Flucht einhergeht mit dem Verlust von Heimat und den Menschen dort, ist eine Erkenntnis, die für mich Relevanz über das Einzelschicksal der Romanfiguren hinaus hat und sich auch auf heutige Situationen übertragen lässt.
In Nürnberg findet Anni nach der ersten schweren Zeit eine Anstellung beim Quelle-Versandhaus. Dieses spielt im Roman eine wichtige Rolle, steht es doch für die Konsumversprechungen und das deutsche Wirtschaftswunder. Doch Anni kann nur eingeschränkt partizipieren. Als alleinerziehende Arbeiterin im Lager bleibt ihre Situation prekär, und die Arbeit ist anstrengend. Dennoch nähert sie sich damit ihrem Verständnis von einem guten Leben an, das man sich ihr zufolge mit harter Arbeit selbst verdienen muss. Außerdem ist für sie die Arbeit sinnstiftend: ein Grund „sich morgens zu waschen und zu kämmen“. Abgesehen davon, dass Christina bessere Voraussetzungen für ein Leben in Wohlstand hat als ihre Großmutter, ist es sicher auch generationell bedingt, dass sie dieses Verständnis von gutem Leben anzuzweifeln scheint. Ihre Arbeit spielt für sie nicht die gleiche wichtige Rolle wie für ihre Großmutter. Sie gefällt ihr nicht, und sie überlegt zu kündigen. Trotzdem scheint die Arbeitsmoral ihrer Großmutter auch bei Christina Spuren hinterlassen zu haben: Selbst in ihrem Urlaub kann sie die Arbeit nicht ruhen lassen und klappt immer wieder den Laptop auf.
Transgenerationale Traumata
Neben der Frage nach dem guten Leben ist für mich die Beschäftigung mit diesen Spuren, die die vorhergehenden Generationen in einem hinterlassen, das andere große Thema, mit dem sich Nadine Schneider in ihrem Roman beschäftigt. Die äußere Ähnlichkeit, die Christina bei ihrer Mutter Helene zu deren Mutter Anni erkennt, wirkt wie ein Spiegel für das emotionale Erbe, das über Generationen hinweg weitergegeben wird. Die Vaterlosigkeit sowie die Suche nach dem guten Leben und die Flucht vor dem, was es verhindert, sind bei Anni ebenso wie bei Helene Motivation für ihre Handlungen. Während Anni vor der Armut flieht und dafür die Trennung von der eigenen Mutter in Kauf nimmt, verkehrt sich dieses Motiv bei Helene: Sie flieht vor ihrer eigenen Mutter und deren Lebensidealen; dafür nimmt sie die Trennung von der eigenen Tochter in Kauf.
Bei Christina wiederum wiederholt sich Annis Trauma: der empfundene Verlust der eigenen Mutter. Auch die Kompensation von Trauer durch Konsum findet sich sowohl bei Anni als auch bei Christina: „… ich kann mir gut vorstellen, dass wir es wie immer machten, wenn wir enttäuscht waren: Wir suchten uns etwas aus. Wir setzten uns an den Küchentisch oder auf die Couch und schlugen den aktuellen Quelle-Katalog auf: Komm, wir suchen uns was aus!“ Während bei Anni diese Art von Kompensation sinnig erscheint – ist der Konsum doch verknüpft mit ihrer Vorstellung vom guten Leben und damit der Grund, warum sie ihre Mutter verlassen hat –, handelt es sich bei Christina um ein von der Großmutter übernommenes Verhalten.
Die Verlusterfahrungen lese ich als transgenerationale Traumata. Was die Vorgängergeneration erlebt hat, trägt sich in die nachfolgenden Generationen weiter, die wieder eigene, ähnliche Verlusterfahrungen machen – scheinbar, ohne aus diesem Teufelskreis ausbrechen zu können. Ganz symptomatisch empfinde ich dafür das Schweigen, das sich jedes Mal zwischen den Protagonistinnen ausbreitet, wenn die Gelegenheit bestünde, über das zu sprechen, was zwischen ihnen steht, oder von dem zu erzählen, was passiert ist.
Erzählen als Akt der Selbstermächtigung
Auf der Handlungsebene gelingt es bis zum Schluss nicht, dieses Schweigen zu brechen: Helene reist zwar letztendlich aus den USA an, um Christina nach Annis Tod beim Ausräumen von deren Haus zu helfen, aber zu einer wirklichen Annäherung zwischen den beiden kommt es nicht; genauso wenig wie es je zu einer Aussprache zwischen Helene und Anni oder Anni und deren Mutter kam. Dennoch lese ich den Roman als ein Ausbrechen aus dem Ungesagten. Ganz zu Beginn konstatiert Christina noch: „Ich hatte uns aufgeschoben, Anni und mich, ich hatte gedacht, es gäbe noch Zeit für uns. Zeit für Erzählen, für Erklärungen und ein Zurückschauen und Verstehen. Zeit für Annis Geschichte.“ Augenscheinlich hat sie diese Gelegenheit durch Annis plötzlichen Tod verpasst, dennoch erzählt der Roman in Rückblicken Annis Geschichte.
Damit verhandelt der Roman für mich den Versuch der Ich-Erzählerin Christina, die transgenerationalen Traumata zu durchbrechen. Weil es ihr nicht gelingt, von der Geschichte ihrer Familie durch ihre Großmutter oder ihre Mutter – oder den ebenfalls sehr wortkargen Großonkel – zu erfahren, rekonstruiert sie diese schließlich selbst. Mit der Erzählung der Vergangenheit bricht Christina nicht nur das familiäre Schweigen, sie begeht damit auch einen Akt der Selbstermächtigung. Inwiefern sich diese Geschichte genauso zugetragen haben muss, wird dabei nebensächlich: „Irgendwann werden diese Dinge so lange her und vergangen sein, dass man sie sich auch eingebildet haben könnte. Und am Ende ist alles, was ich über Anni, über ihr Leben und unser gemeinsames erzählen kann, erstunken und erlogen, und die Einzige, die sich unsere Geschichte noch glaubt und die daran glaubt, dass es uns wirklich gab, bin ich.“
Auch wenn es nicht zu einer Versöhnung zwischen den Generationen kommt, ist der Schluss doch hoffnungsvoll: Christina schneidet einen Traubentrieb von einer Pflanze auf der Terrasse ihrer Oma ab, die wiederum aus einem aus Rumänien mitgebrachten Trieb gewachsen ist, und nimmt ihn mit nach Berlin, wo sie wohnt. Sie ist sich sicher: „Irgendwie wird er schon wachsen.“ Christina hat sich entschieden, mit ihrer Erzählung die Vergangenheit zu bewahren und ihr auch einen Platz und eine Bedeutung in ihrem Leben zu schaffen und damit nicht einfach ihrer Familiengeschichte und der darin weitergegebenen Traumata ausgeliefert zu sein. Der Traubentrieb stünde damit metaphorisch für das Vergangene, aus dem etwas Neues entstehen kann.
Nadine Schneider: Das gute Leben. Verlag S. Fischer, 304 S.
