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18.06.2015, 13:05 Uhr
Laura Velte
Spektakula
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LiteraPur 2015: Lesung von Uwe Timm aus „Montaignes Turm“

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Uwe Timm und der Organisator des LiteraPur Festivals Michael Kleinherne (c) Michael Kleinherne

Ein Höhepunkt des diesjährigen LiteraPur Festivals in Eichstätt unter dem Motto „Glück“ war der Besuch von Uwe Timm am 11. Juni in der Buchhandlung Rupprecht. Der laue Abend in der barocken Innenstadt bot den passenden Rahmen für eine Lesung aus dem Essayband Montaignes Turm (März 2015, Kiepenheuer & Witsch Verlag), in dem der Autor die Literatur und das literarische Schaffen selbst behandelt. Glücklich durfte sein, wer da war.

In seinem neuesten Buch schreibt Uwe Timm vom Schreiben, von Autoren und vom Schriftstellersein. Der Essayband versammelt zehn Texte, die er zwischen 1997 und 2014 zu verschiedensten Anlässen verfasst hat. Was sie verbindet, sagt der Autor selbst, sei der „Erzähler Timm“, der sich in allen Reflexionen – die auch Reflexionen des eigenen Schaffens und der eigenen Motive sind – wiederfindet. Dies mache Montaignes Turm nach Timm zu einem sehr persönlichen, autobiographischen Buch.

Essay und Erzählung sind in den Texten eng miteinander verwoben. Die Leser erfahren viel Autobiographisches über den Autor: Erinnerungen an Kindheit und Familie, an persönliche Leseerfahrungen, an eigene Schreibprozesse. Deshalb beginnt Uwe Timm die Lesung auch sehr persönlich – damit, wie gern er in Eichstätt ist und Stadt und Leute mag. Anders als bei einigen Lesungen zuvor liest Timm heute nicht den namensgebenden ersten Text seines Buches, Montaignes Turm, sondern er beginnt mit Schreiben lernen. Etwas, das am Anfang einer jeden Schriftstellerkarriere steht, und damit auch wie gemacht scheint für den Beginn der Lesung eines heute renommierten Autors, der das literarische Schaffen reflektiert.

Ob man literarisches Schreiben lernen kann, darauf weiß der Text selbst keine definitive Antwort. Was Timm aber eindrücklich klar macht, ist, dass im Schreiben weit mehr „Handwerk“ steckt als man glaubt. Nicht erlernbar sei das Talent, aber das Handwerkszeug und das Gefühl dafür, warum manche richtigen Sätze falsch und unwahr und falsche Sätze dafür „wahr“ sein können. Phantasievolles Spiel und unermüdliche Arbeit sind die beiden Pole, zwischen denen sich literarisches Schaffen aufspannt. Auf die Frage, was letztlich davon bleibt, antwortet Timm mit: „Schau mer mal “ (S. 135).

Buchhandlung Rupprecht in Eichstätt (c) Literaturportal Bayern

Genauso wie über das Schreiben reflektiert der „Erzähler Timm“ auch über das Lesen und das Vorlesen: „Ich schreibe einen Satz, auch diesen, und ich höre meine Stimme, die spricht.“ (S. 132) Musikalität und Klarheit seien es, die aus guten Sätzen wahre Sätze machen. Auf eine Metaebene hebt der „Vorleser Timm“ damit auch die Lesung selbst, das was in diesem Augenblick geschieht – (Vor-)Lesen und Hören – „die lustvolle Überwindung der Stummheit“ (S. 133).

Der zweite Essay, den Timm an diesem Abend liest, trägt den Titel Der Lichtspalt unter der Zimmertür und offenbart wiederum vieles über den Autor selbst – diesmal aber in seiner Rolle als Zuhörer, dem vorgelesen wird. Grimms Märchen sind es, an denen Timm seine Reflexion des Vorlesens und Zuhörens entwickelt, deren „Lautmalerei“, „Sprachspiel“ und „Sprachmagie“ (S. 15) ihn schon als Kind faszinierten und es noch heute tun, wenngleich weniger unmittelbar:

Die Lektüresituation heute ist, das darf ich als Vorleser, der einmal Zuhörer war, sagen, eine ganz andere als 1945. Was damals mir, dem Kind, erzählt wurde, verharrte nicht in gleichnishafter Ferne, in sicherer Distanz zur Wirklichkeit, wie dieses Es war einmal..., was das Märchenhafte ausmacht, sondern es war nahe, fast eine Beschreibung der Wirklichkeit. (S. 16)

 

Eichstätt, Brückenansicht (c) Literaturportal Bayern

Hänsel und Gretel, Schneewittchen und das autobiographische „Märchen“ von den 30 Gulden, die in der Wand des Hauses seines Onkels in Coburg versteckt waren, in das der junge Timm mit seiner Mutter evakuiert wurden – man erfährt viel über die Märchenrezeption Timms und rezipiert sie gleichzeitig selbst, Geschichten von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß, von Hell und Dunkel. Und erinnert sich an die beruhigende Wirkung des Lichts im Türspalt, das auch in der eigenen Kindheit Sicherheit und „Zuhause“ versprach.

Für seine Lesung im Rahmen des LiteraPur Festivals in Eichstätt wählte Uwe Timm also gerade jene Texte aus, in denen die rezeptive Seite der Schriftstellerei, das Lesen und das Hören, eine besondere Rolle spielt. Mit den beiden Geschichten vom Schreiben und Hören von Texten gelang es ihm, die Besucher gleich hineinzuziehen in Montaignes Turm, in die Erzählungen wie in die Reflexionen.

Zum Abschluss ging es aber auch um Dinge, die man aus einem Text mit sich nimmt: Gedankengänge, die einen weiter beschäftigen, und Figuren, die sich festhaken. Eine solche Figur ist für Timm Madame Chauchat aus Thomas Manns Zauberberg. Und für den Besucher der Lesung in Eichstätt mag es der „Erzähler Timm“ sein.

Auch in der dritten Ausgabe war das LiteraPur Festival in Eichstätt ein voller Erfolg. Die Lesung mit Uwe Timm war eines der Highlights der Festivalwoche, aber auch an allen anderen Tagen waren hochkarätige Autoren zu Gast: Olga Grjasnowa, eine junge Aserbaidschanerin, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt und auf Deutsch schreibt, war erfrischend klar in Text, Vortrag und Diskussion. Thomas Meyer, jüdischer Schweizer, war eine „absolute Rampensau“, wie ihn Organisator Michael Kleinherne beschreibt. Sandra Gugic überraschte mit ihrem Debüt Astronauten durch nicht-lineares Erzählen qua ständigem Perspektivenwechsel. Zum Abschluss begeisterte Leonard F. Seidl die Besucher auf dem Kultur-Openair an der Universität Eichstätt.

 



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