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12.11.2014, 15:42 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [506]: Physiognomische Betrachtungen

Unter dem Kaffee behauptete mein lieber Pestilenziar, alle Kannen – Kaffee-, Schokolade-, Teekannen –, Krüge etc. hätten eine Physiognomie, die man viel zu wenig studiere. Er habe einmal in Holland eine Kaffeekanne gekannt, deren Nase so matt, deren Profil so schal und holländisch gewesen wäre, dass er zum Schiffarzt, der mitgetrunken, gesagt, in dieser Kanne säße gewiss eine ebenso schlechte Seele, oder alle Physiognomik sei Wind: – da er eingeschenkt hatte, so war das Gesöff nicht zum Trinken.

Wir sind wieder zur Satire gesprungen, die den Autor animiert, sich Gedanken zu machen über die verderbliche Wirkung verderblicher Kannenformen. Wer Lavater und seine Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe kennt – Jean Paul kannte ihn und sein Werk, wobei hier nur festgehalten kann, dass er Lavaters Physiognomie zugleich schätzte wie kritisierte –, wird schmunzeln.

 

Vielleicht wird er sich auch daran erinnern, dass wir im Bayreuther Jean-Paul-Museum ein Stück von seiner eigenen Hand besitzen: eine Korrekturanweisung auf einem Kupferstichentwurf (von Laurenz Halder) der Physiognomischen Fragmente, die etwa 1775 vorgenommen wurde. Hier ist sie: die Schrift des Meisters der Gesichtsdeutungskunde des 18. Jahrhunderts, der einen Dr. Fenk dazu animierte, ihn mit Philipp Melanchthon und Pythagoras in Verbindung zu bringen.

Wenn Melanchthon der Missionär und Kabinettprediger der Töpfe gewesen, so fehle noch ein Lavater derselben. Er sagte, in seinem Hause werde kein Milchtopf gekauft, den er nicht vorher, wie Pythagoras seine Schüler, in physiognomischen Augenschein nehme.

Wir können hier wieder sehr schön sehen, wie der Autor mit Hilfe seines Begriffsregisters in seinen Exzerpten die richtigen Auszüge aus den Büchern fand, aus denen er – auch – seinen ersten Roman bastelte.

Nein, ich werde mich jetzt nicht auf das Feld der theoretischen Vermessung von Jean Pauls eigener Physiognomik – im Wiederspiel von Natur und Kopie – begeben. Das können andere viel besser. Der Blogger lächelt lieber über Jean Pauls wilden Einfall: einem Einfall, dessen Fantastik nur deshalb entstehen konnte, weil der Kompilator in den nachweisbaren Quellen das Material fand, das ihm die Rösselsprünge dieser Fantasie erst ermöglichten.[1]

Interessant aber ist schon die Theorie, dass man umso schönere Kinder zeugt, je schönere Menschen man immerzu betrachtet. Die Griechinnen wurden, meint Fenk, von lauter schönen Statuen bewacht, die Spartanerinnen hätten sich „Bildnisse schöner Jünglinge“ in ihre Schlafzimmer gehängt. Die physiognomiegeschichtliche Bemerkung wäre vielleicht nicht von Belang, würde „Jean Paul“ nicht noch eine persönliche Bemerkung daran knüpfen: viele hundert Damen würden „das nämliche mit den Originalen tun“.

Witzig ist schon der physiognomische Gegensatz von Kursive und Recte, in dem ein Teil des sozusagen inneren Witzes beschlossen liegt.

 

Was für eine Physiognomie! Und was für eine starke Nase!



[1] NB: Wüssten wir, wie und dass Mr. Shakspere (oder Shaxpeare) aus Stratford literarisch gearbeitet hat, würden wir ihm auch zutrauen, dass er in der Lage war, aus tausenden von Quellenstellen die Fantasie seiner Stücke, Gedichte und Versepen herauswachsen zu lassen. Leider wissen wir nur, dass er in Stratford geboren wurde, dort lange lebte, heiratete, Kinder zeugte und begrub, in Kaufmanns-  und Schuldgeschäften, vor allem in Stratford, unterwegs war, vermutlich an einer königlichen Prozession teilnahm und 1616 in Stratford starb. Von Edward de Vere wissen wir – durchaus nicht zufällig – in dieser Hinsicht wesentlich (also: wesentlich) mehr.



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