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08.08.2013, 15:18 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [222]: To make a long story very short

Könnte man die Gräber eines Pythagoras (dieser schönsten Seele unter den Alten) – Platos – Sokrates' – Antonins (aber nicht so gut des großen Kato oder Epiktets) – Shakespeares (wenn sein Leben wie sein Schreiben war) – J. J. Rousseaus und ähnlicher in einem Gottesacker zusammenrücken: so hätte man die wahre Fürstenbank des hohen Adels der Menschheit, die geweihte Erde unserer Kugel, Gottes Blumengarten im tiefen Norden.

Ich nehme diesen Satz als Steilvorlage für die weitere Diskussion eines Problems. Ich nehme ihn als Ausgangspunkt für die Vertiefung der sogenannten „Autorschaft Shakespeares“ – denn obwohl Jean Paul nicht zu den Skeptikern gehörte, die davon ausgingen, dass an der Geschichte „etwas faul ist“, hat er selbst doch – unbewusst, aber zielsicher – auf das Problem hingewiesen. Wir wissen so wenig (was irgendwelche literarischen Tätigkeiten betrifft) und gleichzeitig so viel (was rein merkantile Angelegenheiten tangiert) über den Mann aus Stratford, dass wir mit diesem Wenigen und dem Vielen unmöglich den Verfasser der Dramen und Sonette in Übereinstimmung bringen können. Der Fall ist einzigartig: Kein anderer Schriftsteller dieser Dimension wird derart zum Phantom, wenn wir von der traditionellen Deutung ausgehen, dass der Kaufmann Mr. Shakspere und der Verfasser des Hamlet, des Sturms, der Königsdramen und der Komödien, vor allem aber der Sonette und (seinerzeit außerordentlich beliebten) Versepen identisch sind. Wenn sein Leben wie sein Schreiben war: die Einschränkung markiert eben diese einzigartige Nicht-Identität von Leben und Werk.

To make a long story very short: schon die Versuche, kurz nach dem Tod des Verfassers der Werke in Stratford nach biographischem Material und Spuren zu suchen, gingen ins Leere. Als Mr. Shakspere 1616 starb, schrieb sein Schwiegersohn, der Arzt Dr. John Hall, einen bemerkenswerten, weil unendlich dürren Satz in sein Tagebuch: „Mein Schwiegervater starb am Donnerstag.“ Gab es zeitgenössische Nachrufe von den Kollegen, wie's üblich gewesen wäre? Nichts, absolut nichts. Kein Echo, weder in London, wo der Mann angeblich jahrelang die Theaterszene bestimmt hatte, noch in Stratford, wo man stolz hätte sein müssen, einen derartigen, „unsterblichen“ Genius beherbergen zu dürfen. Als die große First Folio mit Shakespeares Werken publiziert wurde, war dies kein Grund für den Doktor, irgendetwas in sein Tagebuch zu schreiben.

Springen wir vier Jahrzehnte weiter. 1662 wurde Dr. John Ward Pfarrer in Stratford; unsterblich wurde er durch 16 Tagebuchbände – in denen sich lediglich drei Erwähnungen Shakespeares finden: die Selbstermahnung, dessen Werke zu lesen; eine seltsame Ziffer, die sich auf Shakespeares Jahreseinkommen an den Theatern bezieht; und die Legende vom Sauftod des Dichters. Märchen, Mythen und Legenden – dies blieb das Muster für die „Biographie“ des Mannes aus Stratford, ein schwer durchschaubares Gestrüpp, dessen Wert von den kritischen Biographen des 20. Jahrhunderts als nichtig erkannt wurde, was Samuel Schoenbaum nicht hinderte, ein höchst lesbares Buch mit all diesen breit zitierten, seinerseits als Unsinn entlarvten fictions und vielen facts aus dem Umkreis des Mannes zu schreiben – das uns alles über den Kaufmann und nichts Greifbares über den Dichter mitteilt. Kein Wunder – denn schon die ersten Rechercheure hatten es irgendwann aufgegeben, nach etwas zu suchen, was niemals existiert hat.

Als der Antiquar John Aubrey 1680 in Stratford weilte, fand er unter anderem Folgendes heraus:

Sein Vater war Metzger, & einige Nachbarn haben mir seinerzeit erzählt, dass er als Knabe den Beruf des Vaters ausgeübt habe, doch wenn er ein Kalb schlachtete, so tat er es stilvoll, & hielt dazu eine Rede.

Man muss diesen Passus nicht zitieren, um sich über die offensichtliche, blumig ausgeschmückte Fehlinformation betr. des Berufsstandes des Vaters lustig zu machen. Er ist typisch für die Märchen, Mythen und Legenden, die im Lauf der wenigen Jahre, die seit dem Tode des Kaufmanns verstrichen waren, entstanden, weil man sich auch in Stratford nicht zusammen reimen konnte, was der Kerl mit dem Londoner Genie gemein hatte. Wer will, kann sie sämtlichst bei Walter Klier oder Samuel Schoenbaum nachlesen, aber warum hat der „Fachgelehrte“ Schoenbaum in seinem Documentary Life so viele Seiten darauf verwandt, all diese Histörchen, Schnurren und Anekdoten zu bringen? Walter Klier fand für diesen seltsamen Umstand die richtige Antwort: „Würde man alles eher Zweifelhafte verwerfen, dann bliebe für ein Documentary Life buchstäblich kaum mehr übrig als die fünfeinhalb Zeilen des 'trefflichen Steevens', die Bodenstedt zitiert: 'Alles, was wir mit einiger Bestimmtheit über Shakespeare wissen, ist dieses: er ward geboren in Stratford am Avon – heirathete dort und hatte Kinder – ging nach London, wo er Schauspieler wurde und Gedichte und Dramen schrieb – kehrte nach Stratford zurück, machte sein Testament, starb und wurde begraben.“[2]

Seit Bodenstedt diese Zeilen zitierte, sind 150 Jahre vergangen. Heute können wir sagen, dass eine wesentliche Information gestrichen werden kann: „wo er Schauspieler wurde und Gedichte und Dramen schrieb“. Shakespeares konkrete Londoner Spuren verlieren sich im Nichts eines Mannes, der offensichtlich nie eine feste Wohnung in jener Stadt hatte, in der er angeblich „seine“ berühmten Stücke schrieb.

Wenn sein Leben wie sein Schreiben war... Es war es nicht. Der Schluss, den Klier aus diesem Informationsloch zog – er war nicht der erste und wird nicht der Letzte gewesen sein –, ist kategorisch:

William Shakespeare aus Stratford war in Bezug auf seinen Charakter, seine Erziehung (oder den Mangel daran) und die Lebenserfahrung, die er unter den gegebenen Bedingungen hätte sammeln können, so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was wir uns unter dem Autor von Shakespeares Werken vorstellen können. Er wurde in seinem ganzen Leben nie als deren Verfasser oder überhaupt als Autor angesehen, und insbesondere in Stratford wurden ihm für Generationen nach seinem Tode an Dichtungen bestenfalls die famose Verwünschung auf seinem Grabstein und ein dummer Vierzeiler zugeschrieben, der in der Gegend kursierte. Der einzige Punkt, in dem er für seine Mitbürger von irgendwelchem Interesse schien, war sein Reichtum. Er zeigte offenkundig nicht die geringste Anteilnahme an den unter dem Namen Shakespeare gespielten und veröffentlichten Werken.

Wer diese irrsinnigen Diskrepanzen für normal hält, kann weiter seinem Shakespeare-Bild folgen – die Skeptiker, die es seltsam finden, dass in einem Land – das nach wie vor über ungeheure, von den Shakespeare-Forschern systematisch durchkämmte Archive verfügt – ein Phantom als Autor verehrt wird, werden nicht weniger. Wieso auch?

Wie sah es zu Jean Pauls Zeiten mit den Informationen aus? Als Dr. James Wilmot 1781 nach Warwickshire ging, hoffte er, an Ort und Stelle weitere Informationen über den Dichter zu finden. Er fand – nichts. Nach seinem Tode wurden alle seine Papiere nach seinem letzten Willen verbrannt. Dass Wilmot nach Spuren suchte, aber in einem Land, das über eine zünftige Gedenkkultur verfügt, nichts fand, wurde nur deshalb bekannt, weil ihn 1805 Mr. James Corton Cowell besuchte; dieser wollte einen Vortrag vor der Ipswich Philosophical Society halten. Thema: Shakespeares Leben. Cowell aber musste den Hörern mitteilen, „dass ihm Scheußliches widerfahren sei“, wie Klier schreibt. Nirgendwo – weder in Büchern noch durch Informanten – habe er brauchbare Informationen sammeln können. „Überall begegnete man mir mit einem seltsamen und verwirrenden Schweigen.“ Die Pointe ist gleichfalls so hübsch wie gruselig: der verzweifelte Cowell bat die Mitglieder der gelehrten Gesellschaft, Schweigen zu bewahren. Dies geschah. Erst 1932 wurde der Text seines spektakulären Vortrags wieder entdeckt.[3]

Was man 1790, als Jean Paul Die unsichtbare Loge schrieb, von Shakespeares Leben wusste, war auf jenem Mist gewachsen, den die Anekdotensammler im 18. Jahrhundert aufgeschichtet hatten. Er konnte es nachlesen in den Leipziger Acta Eruditorum oder bei Daniel Georg Morhof oder im Zedler von 1743:

Shakespear, (William) war zu Stratford an der Avon in der Engelländischen Provintz Warwickshire 1564 gebohren, und brachte es in der Poesie sehr hoch, unerachtet er keine sonderbare Gelehrsamkeit besaß. Er hatte viele sinnreiche und subtile Streitigkeiten mit Ben Johnson, wiewohl keiner von beyden viel damit gewann. Er starb den 23 April 1616 in dem 53 Alter seines Jahres.

Dies ist tatsächlich alles, was ein gebildeter Leser Mitte und noch Ende des 18. Jahrhunderts über den Mann namens Shakespeare erfahren konnte. Prägend war in dieser Zeit die Diskussion um Shakespeares „Natur“: eine Debatte, die auf den Sturm und Drang wirkte und das ästhetische Gesicht Shakespeares bestimmte. Man muss sich über dieses „Wunder der Natur“ nicht wundern – da man nichts über den Menschen Shakespeare wusste, musste man von ausgehen, dass seine Werke die Werke eines Landlümmels waren. Heute weiß man es besser (wenn man denn wissen will): „Shakespeare“, also Edward de Vere, der Graf von Oxford, hatte eine profunde Bildung, die er zwanglos in seine Werke streute, um ihnen ein unvergleichliches Gepräge zu geben. Dieses aber hängt durch tausend Fäden mit den Werken seiner Zeitgenossen und seinem (erstklassig rekonstruierten) Leben, mit seinen literarischen Quellen, den stilistischen Eigentümlichkeiten seiner Epoche und mit den Riten und Ideen seines Gesellschaftsstandes zusammen. Wenn sein Leben wie sein Schreiben war? In der Tat: das Leben Edward de Veres hat unendlich viel mit seinem Schreiben zu tun.[4]

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[1] Dem ich die Erstbegegnung mit dem Problem verdanke. Sein Buch Das Shakespeare-Komplott, das erstmals 1994 im Steidl Verlag erschien, liegt seit einigen Jahren in einer wesentlich erweiterten Form beim Verlag Uwe Laugwitz vor, in dem auch die herausragenden Bände des Neuen Shake-Speare-Journals, die Gedichte Edward de Veres, zwei Shakespeare-Apokryphen und zwei neuere Shakespeare-Übersetzungen Frank Patrik Steckels erschienen). Nun trägt Kliers Werk den Titel Der Fall Shakespeare. Die Autorschaftsdebatte und der 17. Graf von Oxford als der wahre Shakespeare.

[2] Klier, S. 67.

[3] Die Frage, ob Cowells Manuskript seiner Reflections echt ist (in dem Sinne, dass es 1781 geschrieben wurde) oder eine Fälschung etwas jüngeren Datums, ist weniger wichtig, als man annimmt. Fakt ist, dass man schon Ende des 18. Jahrhunderts nichts mehr in Stratford fand, was an den Dichter der Werke hätte erinnern können.

[4] Auf der Seite Shakespeare-today findet sich folgende grundlegende Information über den nötigen Zusammenhang von Leben und Werk:

Dean Keith Simonton, Ph.D., Professor für Psychologie an der University of California in Davis, und ein führender Experte in der Kreativitäts- und Genieforschung, beschreibt in Origins of Genius, Darwinian Perspectives on Creativity (1999), von welchen Eigenschaften zu erwarten ist, dass sie vorhanden sind. Die Forschungsergebnisse, die er zusammenfassend darstellt, beruhen auf den Biografien von anderen bekannten Genies (Shakespeare ist nicht darunter, weil viel zu wenig über ihn bekannt ist, vor allem nichts von seiner Jugendzeit). Die typischen Merkmale sind:

(1) eine reichhaltige häusliche Umgebung während der Kindheit,
(2) Wohnung an verschiedensten Orten innerhalb der Kindheit,
(3) eine entscheidende Schicksalswende in der Familie - insbesondere Verlust eines oder beider Elternteile früh im Leben,
(4) Autodidakt, mit ungewöhnlich breiten Interessen,
(5) eine Tendenz zum unabhängigen, autonomen Leben, unkonventionell, rebellisch, bereit zum Bildersturm,
(6) in der Geschwisterreihe später geboren, nicht erstgeboren oder "funktional" erstgeboren,
(7) emotional und psychisch instabil,
(8) multikulturell und zweisprachig.



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