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24.08.2012, 13:32 Uhr
Peter Czoik
Spektakula

Erlanger Poetenfest: Die Nacht der Poesie

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Innenansicht vom Markgrafentheater

Es ist immer wieder eine Augenweide: das älteste heute noch bespielte Barocktheater Süddeutschlands, das Markgrafentheater Erlangen. 1743 beauftragte Wilhelmine, Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth, den venezianischen Bühnenarchitekten Giovanni Paolo Gaspari mit der Umgestaltung des Theaters im Rokokostil. Etwas von seiner Verspieltheit und schwellenden schmiegsamen Eleganz haben auch seine Dichterinnen und Dichter, die darin alljährlich auftreten. Bei der gestrigen „Nacht der Poesie“ von Bayern 2 und dem Kulturprojektbüro der Stadt Erlangen bildeten die Lyriker Tanja Dückers, Uwe Kolbe, Reiner Kunze, Bernhard Wunderlich alias Wunder und Nora Gomringer den Auftakt zum diesjährigen 32. Erlanger Poetenfest. Mit ruhigen, lyrischen Naturgedichten und anschwellenden, rhythmisch-lautmalerischen Versen gaben sie das zum Besten, was sie am Besten können – gute Lyrik schreiben, sprechen und performen.

So war es denn auch mehr ein Hörgenuss, der sich passend zur visuellen Eleganz des Markgrafentheaters den Zuschauern im Saal einstellen wollte. Die Berlinerin Tanja Dückers, die zu Anfang aus ihrem neuen im Frühjahr 2012 veröffentlichten Gedichtband Fundbüros und Verstecke (Schöffling & Co.) las, ließ etwas von den Assoziationen erkennen, die immer dann aufsteigen, wenn wir unachtsam daran vorbeigehen wie am Schaufenster, beiläufig am Frühstückstisch über Nachrichten sprechen oder zurückkehren wollen in die Vergangenheit, die noch bedeutsam war. Dabei ist Dückers keineswegs nostalgisch, verklärt nicht, sondern spielt mit den „Fundstücken“ des Alltags, leeren Joghurtbechern beispielsweise, zuweilen mit schroff ironischen Kontrasten: „Warum finde ich nichts mehr / früher / war alles bedeutsam / heute / genügt nichts mehr // Früher / unterhielt ich mich mit leeren Joghurtbechern / dorthin möchte ich zurück.“

Aus Fundbüros und Verstecken: Tanja Dückers

Der ebenfalls in Berlin geborene Uwe Kolbe, anders als Dückers in der ehemaligen DDR großgeworden und 1982-85 mit einem Publikationsverbot belegt, wusste mit Gedankenspielen ganz anderer Art das Publikum zu erhellen. Im Titel seines neuen Gedichtbands Lietzenlieder, der diesen September bei S. Fischer erscheint, schimmern der Charlottenburger Lietzensee auf, jene Wassersichel inmitten der Stadt, an der Urbanität und Natur jäh aufeinanderstoßen, Charlottenburg selbst, das früher einmal ein slawisches Dorf namens „Lietzow“ war, sowie das heutige Schloss Charlottenburg, das ursprünglich die Lietzenburg genannt wurde. Was eigentlich nicht so gut klingt, denn „Lietze“ wird aus dem altslawischen Wort luccina hergeleitet, was so viel wie „Sumpf“ oder „Lache“ heißt. Oft wird der Name auch auf die alte Berliner Bezeichnung für das Blässhuhn zurückgeführt. Und Blässhühner sind nach Ansicht Kolbes keine so edlen Vögel, da sie merkwürdige Geräusche von sich geben und durch ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung sehr eindeutig gekennzeichnet sind. Mit den Lietzenliedern, einem kleinen Sonettenkranz aus 15 Sonetten, hat Uwe Kolbe den Lietzenvögeln ein kleines literarisches Denkmal setzen wollen.

Uwe Kolbe am Mikrofon und Reiner Kunze

Aber nicht nur Denkmäler wurden bei der Nacht der Poesie gesetzt, sondern auch „Welturaufführungen“ ins Leben gerufen. Uwe Kolbe widmete seine kurze Lesung keinem Geringeren als Reiner Kunze, dem „Mann, dem Dichter der Haltung“, mit dem er das erste Mal zusammen auftrat. Der 1976 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossene und mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete, heute in der Nähe von Passau lebende Dichter las ebenfalls aus seinen Gedichten – Lyrik aus vier Jahrzehnten, eigene Texte und Nachdichtungen tschechischer Poesie (besonders Jan Skácel) sowie Lyrik für Erwachsene und Kinder. Die Welt, die Reiner Kunze beschrieb, war eine Welt, in der, wie es treffend in einer Rezension zu seinem zuletzt erschienenen Band Was macht die Biene auf dem Meer? (Fischer Schatzinsel, 2011) heißt, „die Kinder gemeinsam mit den Erwachsenen leben.“

Las Gedichte für Kinder: Reiner Kunze

Das spontane Reimen, Dichten und Singen am Mikrofon oder kurz: Mike war dagegen das Anliegen des Münchner Rappers und Hip-Hop-Künstlers Bernhard Wunderlich alias Wunder. Der besondere Reiz, so Wunderlich, sei das „Wagnis“, weil man vorher nicht wisse, ob es funktioniert, und es immer auch tagesformabhängig sei. Mit seiner 1992 gegründeten Band „Blumentopf“ (Nieder mit der GbR, Virgin, September 2012) hat Wunderlich das Freestyle-Rappen zu einer Gesangs- und Sprechform erhoben, die ihresgleichen sucht. Im Markgrafentheater zeigte der gerade an einer Dissertation im Fach Biophysik arbeitende Rapper, ganz ohne Musik, aber mit der notwendigen Sprechbalance, was er an Rhymes alles so drauf hat.

Moderator Niels Beintker, Nora Gomringer und Bernhard Wunderlich

Anders dagegen, aber nicht weniger rhythmisch-einfallsreich präsentierten sich die Gedichte der Dichterin, Spoken-Word-Künstlerin und Direktorin der Villa Concordia in Bamberg Nora Gomringer. Vor kurzem hat sie den Joachim-Ringelnatz-Preis gewonnen. Weil Lyrik aus dem Mündlichen kommt, werden ihre Gedichte erst dann wirklich zugänglich, wenn sie von ihr selbst gesprochen werden. Aber nicht nur über sich und ihr Verhältnis zur Sprache schreibt und spricht Nora Gomringer, sondern auch über andere Poeten wie den Schriftsteller Lion Feuchtwanger. „Lion turnt“ aus dem zuletzt erschienenen Band (Mein Gedicht fragt nicht lange, Voland & Quist, 2011) war ein gutes Beispiel für den Vokalismus, die Anapher, die Alliteration und die starke performative Kraft des Lyrischen. Als Lion Feuchtwanger 1943 nach Pacific Palisades in Los Angeles zog, hatten er und seine Frau Martha eine Abmachung: 60 Minuten seines privaten Lebens durfte Martha frei gestalten und von ihrem untreuen Gatten Sport verlangen. Eine solche „Sportstunde“ beschrieb Gomringer zum allmählichen Ausklang der Nacht der Poesie in schwindelerregendem Stakkato.

Brachte Lion Feuchtwanger das Turnen bei: Nora Gomringer



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