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24.10.2012, 16:27 Uhr
Edo Popović
Text & Debatte
Vom 16. bis 19. Mai 2012 reisten sechs bayerische Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach Kroatien, um kroatische KollegInnen kennen zu lernen. Das Blog des Literaturportals Bayern veröffentlicht die Berichte der TeilnehmerInnen des Austauschs in loser Folge.

[Kroatien-Austausch]: Über ein paar gute Geschichten

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Petra Morsbach im Gespräch mit Edo Popović

Und das wird’s wohl sein, was wir am Ende von unserer Arbeit gehabt haben werden.
Ein paar gute Geschichten.
Ein paar gute Leute.

Mit diesen Sätzen endet die Erzählung Zufall von Franz Dobler aus der Sammlung Letzte Stories. In dieser Erzählung geht es um die Begegnung zweier Schriftsteller auf einem Festival. Obwohl sie sich vorher nicht gekannt haben, zeigt die Erzählung, wie die beiden durch bestimmte Dinge verbunden sind, die nicht einmal von der verrücktesten Phantasie hätten erdacht werden können.

Ein ähnlicher Zufall wollte es, dass ich im Sommer 2007 beim Festival Augsburg Brecht Connected Georg M. Oswald kennen lernte. Das Festival wurde eröffnet mit Lesungen von Herta Müller und mir, und Georg stellte mich dem Publikum vor und war meine deutsche Stimme. Derselbe Zufall wollte, dass die kroatische Übersetzung seines Romans Vom Geist der Gesetze im Verlag OceanMore veröffentlicht worden war, der auch mein Verlag ist, doch das spielt keine Rolle. Es ist nur wichtig, dass der Zufall es wollte, dass nach der Lesung der Schriftsteller und Chef des Hanser-Verlags Michael Krüger, der wohl Mitleid mit mir hatte, als er sah, dass ich allein am Tisch saß, auf mich zukam und mich an seinen Tisch einlud, an dem viele der Teilnehmer des Festivals saßen und an dem ich einen Mann namens Franz Dobler kennen lernte.

Drei Nächte lang haben wir uns in Augsburg intensiv miteinander unterhalten, Dobler und ich. Normalerweise bin ich kein Mann von vielen Worten, doch Dobler und ich fanden wirklich viele Dinge, über die wir erzählen konnten. Wir mochten beide Jörg Fauser, Jürgen Ploog, Peter Paul Zahl und einige weitere deutsche Underground-Schriftsteller. Dobler hatte eine CD aufgenommen, auf der er Fausers Verse eingelesen hatte (ich hatte keine Ahnung, dass Fauser 1987 auf einer Umgehungsstraße bei München ums Leben gekommen war, damals gab es noch kein Internet, und die kroatischen Zeitungen und Zeitschriften pflegten kaum den Tod eines Schriftstellers vom Schlage Fausers zu vermelden), gemeinsam mit Ploog war er an dem Film Rohstoff über Fauser beteiligt gewesen, und überhaupt hat er oft bei seinen Lesereisen Fausers Gedichte gelesen, und er wunderte sich darüber, dass ein Jugo diese deutsche Szene kannte.

Ich erzählte ihm, dass ich in den achtziger Jahren ein Interview mit Ploog gemacht und auch einige seiner Erzählungen für die Zeitschrift Quorum übersetzt hatte, und Ploog hatte uns gestattet, sein Interview mit W. S. Burroughs in Quorum abzudrucken. Ich hatte einige Gedichte von P. P. Zahl für die Zeitschrift Lica aus Sarajevo übersetzt, und der Höhepunkt meiner Übersetzungen aus dem Deutschen (fragen Sie bitte nicht nach der Qualität dieser Übersetzungen, da ich Deutsch weder in der Schule noch im Goethe-Institut gelernt habe, sondern bei der Arbeit in einem Sägewerk und auf Baustellen, gemeinsam mit Spaniern, Portugiesen und Türken), der Höhepunkt also war die Übersetzung von Fausers Gedichtsammlung Die Harry Gelb Story. Eine Kopie dieser Übersetzung, getippt auf einer Schreibmaschine, sowie das Buch hatte ich 1990 Semezdin Mehmedinović gegeben, der sie in einer Ausgabe der Zeitschrift Lica veröffentlichen sollte. Allerdings verhinderte der Krieg das Erscheinen von Fausers Gedichtsammlung. Mehmedinović erzählte mir später, dass eine Phosphorgranate seine Wohnung in Sarajevo getroffen habe und dass auch die Übersetzung von Harry Gelb im Feuer dran glauben musste.

Ich hatte den Eindruck, dass Dobler mir nicht unbedingt alles glaubte, was ich erzählte.

Und die ganze Zeit in Augsburg verfolgte mich das unglaubliche Gefühl, dass mir der Name Franz Dobler von irgendwo her bekannt war, dass ich ihn schon irgendwann einmal getroffen hatte. Ich erzählte ihm das. Das musst du geträumt haben, erwiderte er. Doch dieses Gefühl verließ mich auch nicht, als ich wieder in Zagreb war. Es war so intensiv, dass ich eine Tages alle Jahrgänge der Zeitschrift Quorum aus den achtziger Jahren auf dem Boden verteilte und sie nacheinander durchblätterte. In der Nummer 5/6 aus dem Jahr 1989 fand ich die Übersetzung von Doblers Kurzgeschichten Guten Morgen Gestapo und Karo, meine Marke. In der kurzen Anmerkung stand, dass die Erzählungen aus seinem ersten Buch Die Falschspieler aus dem Jahr 1988 stammten, und als Übersetzer firmierte – ich. Viele Jahre sind seit dieser Übersetzung vergangen, in der Zwischenzeit ist allerlei geschehen, ich habe viele grässliche Dinge hinter mir (und viele schöne ebenso), und so hatte ich den Namen des Mannes, dessen Erzählungen ich seinerzeit übersetzt hatte, vollkommen vergessen.

Ich begriff damals, dass Zufall nur ein anderer Begriff für einen Knoten im Netz aus Büchern, Schriftstellern, Begegnungen, Gesprächen und Reisen ist. Die Begegnung mit Franz in Augsburg warf mich zurück in die Achtziger, als mir in einem Antiquariat in Münster/Westfalen die Gedichtsammlung von Jörg Fauser in die Hände fiel, der uns auf gewisse Weise beide als Schriftsteller geformt hat. In jenen Jahren arbeitete ich an Erzählungen, die ich später in der Sammlung Mitternachtsboogie veröffentlichte, und ich las wie verrückt deutsche Autoren wie Peter Paul Zahl, Jürgen Ploog, Jürgen Theobaldy und Ludwig Fels, dessen Betonmärchen auf mich wie ein Volltreffer eines Schwergewichtsboxers wirkte. Und dann bekam ich im Herbst 2010, während der deutschen Tournee des Mitternachtsboogie, eine E-Mail von Dobler, in der er mir schrieb, Fels aus Wien hätte ihm geschrieben, er habe in einer österreichischen Zeitung gelesen, dass ein Schriftsteller durch Deutschland reise und über seine Bücher spreche.

Seitdem kreuzen sich unsere Wege häufig durch Zufall. Das letzte Mal traf ich Franz im Frühjahr 2012, im Foyer des Clubs Lindenfels Westflügel in Leipzig. Er las seine Übersetzung der Prosa von Ry Cooder In den Straßen von Los Angeles. Georg traf ich das letzte Mal im Sommer 2012 in Kroatien, als ich die Gelegenheit hatte, ihn dem Publikum in Osijek vorzustellen und seine kroatische Stimme zu sein.

Ich hatte Dobler per Post ein Exemplar der Quorum-Ausgabe mit der Übersetzung seiner Geschichten geschickt. Er hat unsere Begegnung in Augsburg und diese ganze Angelegenheit in die Geschichte Zufall verwandelt, mit der seine jüngste Sammlung von Kurzgeschichten Letzte Stories aus dem Jahr 2010 endet.

Und ich habe also den Titel von ihm geklaut, der Geschichte noch Georg hinzugefügt – und all das habe ich euch hier erzählt.

Aus dem Kroatischen von Alida Bremer

 

Edo Popović, geb. 1957, lebt in Zagreb. Er war Mitbegründer von Quorum, einer der einflussreichsten Underground-Literaturzeitschriften des ehemaligen Jugoslawiens. Sein erster Roman Ponoćni boogie, deutsch Mitternachtsboogie, wurde zum Kultbuch der literarischen Generation der 80er Jahre. 1991–1995 arbeitete er als Kriegsberichterstatter, dessen unideologische Reportagen ebenso angesehen wie gefürchtet wurden. Er veröffentlichte mehrere Romane und Erzählbände. Auf Deutsch erschienen bei Voland und Quist, Dresden, die Titel Ausfahrt Zagreb-Süd (2006), Kalda (2008), Die Spieler (2009), Mitternachtsboogie (2010) und Tattoogeschichten (2011), alle in der Übersetzung von Alida Bremer. Edo Popović gilt als Kroatiens Stimme der Verlierer der gesellschaftlichen Transformation nach der Wende. Über seinen jüngsten Roman auf Deutsch, Der Aufstand der Ungenießbaren, der 2012 im Luchterhand Literaturverlag München erschien, spricht er in einem 3sat Interview während der Frankfurter Buchmesse 2012.



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