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29.01.2011, 12:35 Uhr
Peter Czoik
Text & Debatte

Hermann Kestens Nürnberg

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Nürnberg, Marktplatz. Fotografie um 1950/1960 (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung).

Einmal war Lust in eine größere Stadt gegangen, nach Aschaffenburg, und es war ihm nicht bekommen. Seitdem blieb er auf der Landstraße. Auf dem Weg nach Nürnberg überfiel ihn ein Schneesturm. Den ganzen Tag hatte ein scharfer Wind geblasen. Der Himmel ging immer tiefer, als wollte er gleich herabstürzen. Mit einem Mal hatte der Wind ganz nachgelassen. Es war so still, daß Lust sein Blut in den Ohren dröhnen hörte.

Aus dem Roman Die Zwillinge von Nürnberg von Hermann Kesten

 

Nürnberg und Hermann Kesten – das lässt sich scheinbar auf einen einfachen Nenner bringen: In keiner Stadt der Welt fühlte sich Kesten nach eigener Aussage „so zuhause wie in Nürnberg und in keiner Stadt der Welt so fremd“. Dort aufgewachsen und zur Schule gegangen, galt er lebenslang offiziell als Nürnberger, doch sein Geburtsort Podwoloczyska und die österreichische Staatsangehörigkeit seines Vaters machten ihn zeitweise „staatenlos“ und ließen ihn seinen ursprünglichen galizischen Heimatort totschweigen.

In einer Rede vor dem deutschen P.E.N.-Club im Auditorium Maximum der wirtschafts- und sozialpolitischen Fakultät der Universität Nürnberg-Erlangen, die Kesten am 27. April 1961 hielt (abgedruckt im Essayband Die Filialen des Parnaß), hat er die gebrochene Verbundenheit zu seiner Heimatstadt Nürnberg schließlich unverblümt zum Ausdruck gebracht. Wir Nürnberger – so der Titel der Rede – zeichnet ein Bild von Nürnberg, wie es widersprüchlicher und gegensätzlicher nicht sein kann: Einst „ein Tummelplatz der Humanisten“, ist Nürnberg die Stadt der Gelehrten, Handwerker und Dichter, ein liberaler Ort, „so tolerant, daß ein Atheist wie Ludwig Feuerbach da unangefochten lebte“;[1] Nürnberg hat aber gleich viel vom zauberischen Glanz verloren, „als es die Stadt von Streicher war, die Stadt des Stürmers, die Stadt der Reichsparteitage, die Stadt der Nürnberger Gesetze, die Stadt der Nürnberger Prozesse“.[2]

Zweifellos wird man darin Kestens bittere Enttäuschung gegenüber den althergebrachten geliebten Traditionen und Nürnbergs vergangener geistiger Größe vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus erkennen dürfen. Dennoch wäre das eine allzu verkürzte Lesart. Kesten geht es nämlich nicht darum, Nürnberg ob seiner jüngeren deutschen Vergangenheit anzuklagen. Im Gegenteil:

Schon viele Städte sind untergegangen, von Ninive bis Karthago, und sie waren nicht schuldiger als andere, die noch bestehen, wie Rom und Jerusalem. Die Stadt Nürnberg gleicht nicht jenen Städten Sodom und Gomorrha, wo Gott keine drei Gerechte gefunden hat. Ich selber kannte zehn, und zwanzig und mehr Gerechte in dieser Stadt Nürnberg, und ein Gott hätte schon um ihretwillen diese Stadt gerettet, und sie gedeiht ja wieder.[3]

Indem Kesten den alten Glanz Nürnbergs heraufbeschwört und zugleich ins Weltbürgerliche transzendiert – „Im übrigen habe ich schon als kleiner Junge mich viel mehr als einen Weltbürger empfunden, geschult an Schiller und Goethe und Heine und Kant“ –,[4] zeigt er, dass er nicht als „Ankläger in einem kleinen Nürnberger Prozeß“ vor den Zuhörenden spricht, sondern „als ein Mitleidender, Mitfühlender, und bis zu einem gewissen Grade Mitschuldiger“.[5] Wir Nürnberger wird so zu einer Rede, die an die Humanität des Einzelnen appelliert und zum Organ jener Weltbürger und Dichter wird, die im Auftrag derselben zeitlebens geschrieben haben, wie Lessing, Heine, Goethe, Heinrich Mann, Gottfried Keller oder Joseph Roth, um nur einige zu nennen. Zum Abschluss gesteht Kesten:

Ich nahm also zum Titel: Wir Nürnberger, um klarzumachen, daß ich ebensogut auch den Titel: Wir Münchener oder wir Berliner, wir New Yorker, wir Pariser, wir Römer hätte wählen können; denn überall sitzen mehr Sünder als Gerechte, und in allen diesen Städten habe ich lange gelebt und fühle mich ihnen so unauflöslich verbunden wie der alten Stadt Nürnberg.[6]

Ein schöneres und hintersinnigeres Kompliment konnte Hermann Kesten an seinen Heimatort kaum machen.

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[1] Hermann Kesten: Wir Nürnberger. Nürnberg 1961, S. 27ff.

[2] Ebda., S. 37.

[3] Ebda., S. 39.

[4] Ebda., S. 40.

[5] Ebda., S. 42.

[6] Ebda., S. 42f.


Sekundärliteratur:

Walter, Dirk: Ostjuden (Weimarer Republik). In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44560, (08.12.2011).


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