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04.07.2013, 12:47 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [192]: Kürzeste Fata in Nürnberg

So sieht es heute gegenüber dem ehemaligen Standort des Gasthofs aus, in dem Jean Paul seinerzeit übernachtete - fast wie zu Jean Pauls Zeiten.

Um 8 Uhr langten wir an und konnten den goldnen Reichsadler nicht finden, weil wir überall irre fuhren.

Man wird ihn auch heute nicht mehr finden: den Reichsadler oder Goldenen Reichsadler oder Goldenen Adler. Einst befand sich das Gasthaus am ehemaligen Rossmarkt, am Standort der heutigen Adlerstrasse 15-17; heute steht man dort vor der Rückseite eines modernen Kaufhauses. Ein paar Meter weiter beginnen dann die Häuser, die man nach 1945 im alten Stil wiederaufgebaut hat. Jean Paul hat diesen Gasthof Anfang Juni 1812 besucht, nachdem er 1811 schon einmal kurz von Erlangen nach Nürnberg gereist war. Die Tage waren schon sehr lang, aber trotzdem war es hier gegen 8 Uhr abends bereits dunkel: „Als ich bei dem Aussteigen von bestelltem Quartiere sprach, wußten Kellner und Hausknecht nichts davon, und der Wirth war nicht da. Am Gasthof war kein Fenster erleuchtet – das Erdgeschoß unbewohnt – miserabler Eingang und Aufsteig ins 2te Stockwerk – eine große Stube, worin, die Kommode ausgenommen, nichts für die Kleider und Bücher war, nicht einmal ein Haken.“ Die Stube, in der Freund Seebeck, Thomas Seebeck[1], einquartiert wird, kann mangels Türschloss nicht verschlossen werden, „alles wurde wie auf Berge mühsam herauf geschleppt“, Seebeck klingelt wie ein Besessener, der Kellner bringt das bestellte Zuckerwasser – nicht; weil „sie im goldnen Adler gar keinen hatten“, nach einer Dreiviertelstunde ist immer noch nichts ausgepackt, weil alles hier so langsam geht, aber Jean Paul bleibt geduldig. „Zum Übereilen haben wir morgen noch Zeit genug.“ Der Dichter und Reisende ist ein gläubiger Mensch: „Ich kenne kein besseres Zeichen einer nächsten schönen Zukunft, als wenn man in der ersten Stunde in einem Gasthofe es miserabel habe. Dieser verspricht desto mehr, je weniger er verspricht.“

Und so wird tatsächlich alles gut: der Buchhändler, Herr Schrag, mit dem man verhandelt, kommt herbei (nähert er sich vom Oberen Rossmarkt? Oder kommt er von der Innenstadtseite, also aus der Richtung der nahen Lorenzkirche?), auch der Mathematikprofessor Schweigger[2], den man aus Bayreuth kannte, und der nun an der Höheren Realschule in Nürnberg lehrt. Es sind bedeutende Leute; sie bezeugen, ganz nebenbei, dass Bayreuther weniger geistig öde war, als es Jean Paul gelegentlich monierte.

Jean Paul hat Nürnbergs Straßensystem als Gassengedärm bezeichnet; nun gut. Hundert Jahre später hätte er diesen Blick auf die obere Adlerstraße gehabt; sie trug übrigens schon, seit 1810, 1812 diesen Namen.

Dennoch blies sich der Bote noch mehr auf als ich mich, bloß weil er alle Gassen kannte und ich nichts. Er ging jetzt als mein Leithämmel und Lotsen ins Wirtshaus zur Mausfalle voraus, diesen Antikentempel des guten Hans Sachs. „Wenn bei einer Kaiserkrönung“ – sagt' ich zu mir – „ein Markgraf neben dem römischen König steht, so wird er ein Aposteltag, der in einen Festtag fällt und den die Hofleute über diesen wenig begehen. Und so werdet ihr beide, du in deinem trächtigen Nachtmantel und Stuß in seinem Laufkollett, weder im roten Hahnen am Kornmarkt, noch in der goldnen Gans, noch im Reichsadler etwas anders vorstellen als Zaunkönige: hingegen in der Mausfalle ist ein französischer Graf leicht ein Schützen- oder Vogelkönig, ein achtes Wunder der Welt und eine neunte Kur.“

Jean Paul hatte den Adler bereits 1798 in den Palingenesien erwähnt, als er weit davon entfernt war, die Stadt betreten zu haben. Er erwähnt auch das „Wirtshaus zur Mausefalle“ – nun gab es in der Adlerstraße 38 einmal ein Lokal mit dem schönen Namen Mausloch. Dann folgte der Club Unrat, und heute prangt der Titel Leib und Seele an der Fassade, einen Laden für Designermode bewerbend. Jean Paul hätte sich über die sprechenden Bezeichnungen sicher gefreut. Leib und Seele – darum geht es ja immer bei Jean Paul; er denkt beides zusammen, auch bei unseren Helden der Unsichtbaren Loge, die körperlich und seelisch leiden, wenn sie zuviel lieben und hassen.

[Fotos: Frank Piontek, 3. Juli 2013]

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[1] Hegel, mit dem Seebeck bekannt war, schrieb am 13. September 1816 an seinen Freund Paulus über den Physiker und Mathematiker: „Er ist ein verständiger Mann; wenn sich eine Widerborstigkeit an ihm etwa hervortut, so ist es eben nicht aus Genialität.“ Im Übrigen sei er „ein mittelmäßiger Kopf. Mathematik, die dermalen als ein wesentliches Ingrediens der Physik gilt, hat er nur so weit inne, dass er mühselig bei den Gegenständen seiner Versuche vorkommende Elemente herausgebracht hat.“

[2] Johann Salomo Christoph Schweigger gab in Nürnberg das Neue Journal für Chemie und Physik heraus, in dessen erstem Band (1811, S. 4-12) gerade Seebecks (s. vorige Fußnote) Von den Farben und dem Verhalten derselben gegeneinander erschien. Wie ich Jean Paul kenne, kannte er das auch.



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