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30.06.2013, 10:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [188]: Des anderen Bloggers letzte Lesung

Als der Dichter August von Platen (Wer die Schönheit angeschaut mit Augen...) 1823 nach Bayreuth kam, um Jean Paul zu besuchen, registrierte er eine „unglaubliche literarische Wut unter den Frauenzimmern“, und er berichtete von „mehreren poetischen Lesezirkeln und dergleichen mehr“. Mag sein, dass die literarische Wut gestern Abend nicht unglaublich war – aber es hatten sich doch nicht ganz wenige zurecht begeisterte Literaturfreundinnen im RW 21 getroffen, um in der über fünfstündigen Jean-Paul-Literaturnacht – dem Stadtschreiber Volker Strübing zu huldigen, der seine bejubelte Abschiedslesung gab: eine letzte Lesung. „Zumindest für die nächste Zeit“, schreibt er in seinem gestrigen Blog-Eintrag des „Bayreuther Tagebuchs“, das die Bayreuther seit Februar mit witzigen, launigen, intelligenten Einträgen erfreute und ihnen beibrachte, weniger miesepetrig über ihre Stadt herzuziehen, worin die Bayreuther ja Weltmeister sind[1]. Interblogguell gesprochen: Ich beglückwünsche Herrn Strübing dazu, dass er nicht wenige Literaturfreundinnen (und -freunde) erreichte, um sie nicht wütend, sondern, mit schönem Humor und einem kleinen Gran Sarkasmus, lachen zu machen und denken zu lassen: über sie und die Welt. Ganz in Jean Pauls Geist also.

Auch der Rest des langen Abends war süß, wobei der Blogger nicht an seine eigenen Beiträge zum Fest denkt (die auch Ausschnitte aus der Unsichtbaren Loge enthielten, etwa den schwer bewegenden Appell an die Bruderliebe und einige Zeilen aus dem Finale des Schulmeisterlein Wutz). Dieser „Rest“ war schon deshalb gut, weil der Besucher die Möglichkeit erhielt, sich sprachschöpferisch zu betätigen. Früher haben wir so etwas in der Schule gemacht: Collagen mit ausgeschnittenen Worten und Wortkombinationen. Manchmal kommt dabei nicht nur Absurdes, sondern auch pur Poetisches heraus: Gedichtverse, kurze lyrische Einsprengsel ins Leben, Fabrikate in jenem frei flottierenden Geist, der die entferntesten Gegenstände miteinander verbindet. Ganz in Jean Pauls Geist also.

Schon deshalb, denkt der Logenblogger, hat es sich gelohnt (ohne sich weniger über des Stadtschreibers „letzten“ Auftritt zu freuen).

(Fotos: Frank Piontek, 29.6. 2013)

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[1] Natürlich hätten ein paar Leute mehr ins RW 21 kommen können – aber „es ist ja nichts los in Bayreuth“ (dies ist mein absoluter Lieblingssatz Bayreuth-Lieblingssatz). Man könnte dieses seltsame Symptom als „Bayreuther Selbsthass“ bezeichnen. Schon Jean Paul fand die Stadt geistig öde – mit Recht?



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