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16.10.2023, 13:27 Uhr
Christiane Raabe
Spektakula
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© Internationale Jugendbibliothek

Blick auf das White Ravens Festival 2023

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Alle Bilder © Internationale Jugendbibliothek

Das White Ravens Festival für Internationale Kinder- und Jugendliteratur unter der Schirmherrschaft des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst wird seit 2010 alle zwei Jahre im Juli von der Stiftung Internationale Jugendbibliothek/IJB durchgeführt. Zu dem Festival werden Autorinnen und Autoren sowie Illustratorinnen und Illustratoren aus dem In- und Ausland eingeladen, um in Schloss Blutenburg, dem Sitz der Internationalen Jugendbibliothek, und an weiteren Orten in Bayern vor einem jungen und erwachsenen Publikum zu lesen. Dabei berichten sie über die eigenen Texte, kulturellen Hintergründe und Motivationen des Schreibens. Neben solchen Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren, die bereits auf dem deutschsprachigen Buchmarkt gut etabliert sind, gilt es auch das Werk jener zu entdecken, die in ihren Ländern eine wichtige Stimme der Kinderliteratur sind, bisher aber nicht ins Deutsche übersetzt wurden, oder die mit einem vielversprechenden Erstlingswerk am Anfang ihrer Karriere stehen. Die internationale Zusammensetzung der Gäste macht den besonderen Reiz des Festivals aus und ist der Idee verpflichtet, die kinder- und jugendliterarische Vielfalt der Gegenwart zu zeigen. Die Auswahl zielt dabei auf literarischen Anspruch und die Vielfalt der Formen und Erzählstoffe.

Die Internationale Jugendbibliothek richtete vom 16.-20. Juli 2023 zum siebten Mal das White Ravens Festival aus. Das Festival hat sich als Leuchtturmprojekt der Bibliothek etabliert und zeichnet sich durch seine überregionale Präsenz und große Reichweite bis an die Grenzen Bayerns aus. Tatsächlich ist das White Ravens Festival das größte Flächenfestival für Literatur in Deutschland, da die Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren nach der Eröffnung und jeweils einem Veranstaltungstag in Schloss Blutenburg auf mehrtägige Lesereise durch Bayern gehen.

In diesem Jahr waren 13 Gäste aus zehn Ländern eingeladen, darunter die Erfolgsautoren Ingo Siegner, Martin Muser und Sarah Jäger aus Deutschland sowie die bereits mit mehreren Übersetzungen in Deutschland eingeführte britische Autorin und Umweltaktivistin M.G. Leonard und ihr niederländischer Kollege Simon van der Geest. Mit ersten Übersetzungen ins Deutsche reisten der slowakische Schriftsteller Michael Hvorecký, die US-amerikanische Jugendbuchautorin und National Book Award-Gewinnerin Malinda Lo, die peruanische Lyrikerin Micaela Chirif, der belgische Comickünstler Max de Radiguès und der portugiesische Kinderbuchillustrator und -verleger André Letria an. Noch nicht ins Deutsche übertragen sind die Bücher der japanischen Jugendbuchautorin Shaw Kuzki, die erstmals überhaupt auf einem Literaturfestival in Europa auftrat. Besonders nachgefragt waren Lesungen der jungen Autorin Lisa Krusche, die mit ihrem Kinderbuchdebüt und einer erfolgreichen Performance bei den Tagen für deutschsprachige Literatur in Klagefurt ins Rampenlicht getreten ist. Auch der norwegische Kinderbuchautor Bjørn F. Rørvik, dessen skurrile und witzige Kinderbücher vor allem an kleinere Kinder adressiert sind, erfreute sich eines sehr hohen Zuspruchs.

10.100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene besuchten eine der 105 Veranstaltungen, die die Internationale Jugendbibliothek an 65 Orten in  München und Bayern durchführte. 374 Schulklassen nahmen am Festival teil, das damit einen neuen Besucherrekord aufstellte. Die Kuratorinnen entwickelten und erprobten wieder neue Veranstaltungsformate wie etwa ein Get together der Jugendbuchautoren mit Jugendlichen. Sehr erfolgreich waren szenische Lesungen. Erstmals fanden zudem Comiclesungen für ein großes Publikum statt. Das bereits erfolgreich eingeführte „Weiße Sofa“, auf dem man die Autorinnen und Autoren in Kurzinterviews kennenlernen kann, stand ebenso auf dem Programm wie ein Werkstattgespräch im Instituto Cervantes, eine öffentliche Lesung in einer Münchner Kinderbuchhandlung und ein Abend im Lesbisch-Queeren Zentrum München.

Lesungen für Schulklassen und Projekte der Literaturvermittlung
Kinder und Jugendliche sind die wichtigste Zielgruppe des White Ravens Festival. Um möglichst viele junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu erreichen, arbeitet das Organisationsteam mit Schulen und engagierten Bibliotheken als externe Veranstaltungspartner zusammen. Lesungen und Workshops in Schulen und Bibliotheken haben sich mit Abstand zum erfolgreichsten Programmsegment des Festivals entwickelt und sorgen für eine bayernweite Präsenz und Reichweite. In diesem Jahr besuchten 375 Schulklassen mit 9.400 Schülerinnen und Schülern aller Jahrgangsstufen das Festival. Zu den Veranstaltungen in der IJB kamen etwas mehr als 1.500 Kinder und Jugendliche, während 7.900 Schülerinnen und Schüler in Schulen und Bibliotheken außerhalb Münchens an den Lesungen teilnahmen.

Die Veranstaltungen
Das White Ravens Festival wurde am 16. Juli unter dem Motto „Die Weißen Raben fliegen ein“ im Schlosshof mit einem Open Air Programm von Lesungen, Workshops und Walk Acts eröffnet:

Während Ingo Siegner, der Vater der beliebten Reihe „Der kleine Drache Kokosnuss“, Micaela Chirif, Martin Muser, Simon van der Geest, M.G. Leonard und Lisa Krusche auf der Open Air Bühne im Schlosshof aus ihren neusten Romanen lasen, gaben Max de Ragidues einen Comic-, Bjørn F. Rørvik einen Troll- und André Letria einen Illustrations-Workshop im Malstudio. Michal Hvorecký stellte einer Gruppe von Kindern am Schlossweiher sein Sachbuch über die Donau vor.

Weißes Sofa: Bjørn F. Rørvik im Gespräch

Auf dem „Weißen Sofa“ stellten sich Autorinnen und Autoren in Kurzinterviews den Fragen der Moderatorinnen und Moderatoren. Später trafen einige von ihnen mit Jugendlichen zusammen, die die Bibliothek zu einem Get together eingeladen hatte. Neben den Lesungen, Workshops und Gesprächen nutzten die Kinder auch die Stände, an denen sie malen, basteln und Raben falten konnten. Im Laufe des Tages besuchten mehr 600 Menschen das Eröffnungsfest im Schloss.

Vom 17. bis 20. Juli reisten die Autorinnen und Autoren durch Bayern. 70 Veranstaltungen an 66 Orten zwischen Ostheim vor der Rhön und Traunstein, zwischen Neu-Ulm und Waldsassen galt es zu bespielen. Begleitet wurden sie von erfahrenen Moderatorinnen und Moderatoren, darunter das Lektoratsteam der IJB, Literaturwissenschaftlerinnen, Journalisten, Übersetzerinnen und Übersetzern. Je nach Bedarf begleiteten die Schriftsteller auch professionelle Sprecherinnen oder Sprecher, die ausgewählte Textpassagen in der deutschen Übersetzung lasen. Besonderen Anklang fanden ungewöhnliche Veranstaltungsorte und -formate: Der norwegische Autor Bjørn F. Rørvik las im mittelalterlichen Rittersaal von Schloss Schwaneck aus seinem Kinderbuch Zwei kleine Ritter. Zum zweiten Mal schon fand eine Lesung in der Justizvollzugsanstalt Laufen statt, wo Martin Muser mit jugendlichen Straftätern ins Gespräch kam. M.G. Leonard machte eine Lesung im Naturpark Rhön. Auch die größte Veranstaltung des Festivals, eine Lesung von Sarah Jäger vor 400 Berufs- und Fachoberschülerinnen und -schülern in Neusäß, war ein Erfolg. Die meisten Lesungen fanden aber in Mittel-, Grund-, Real- und Berufsschulen und Gymnasien statt.

Comic-Workshop mit Max de Ragidues

Im Rahmen des Festivals fand ein Werkstattgespräch im Instituto Cervantes in Zusammenarbeit mit dem Centro Cultural de Peru statt: Die peruanische Dichterin Micaela Chirif führte ein lebendiges Gespräch mit ihrem Übersetzer Jochen Weber, beide lasen ausgewählte Gedichte der Lyrikerin in deutscher und spanischer Sprache. Die amerikanische Autorin Malinda Lo trat im Lesbisch-Queeren Zentrum München auf, eine Veranstaltung, an der eine studentische, teilweise migrantische Münchner queere Community teilnahm.

Resonanz
Viele Besucherinnen und Besucher und schulische Mitveranstalter teilten der Internationalen Jugendbibliothek im Nachhinein ihre Eindrücke mit: Vor allem der internationale Ansatz des Festivals, das Charisma einiger Autorinnen und Autoren und die Möglichkeit, zweisprachige Lesungen zu besuchen oder im eigenen Haus durchzuführen, werden ausdrücklich geschätzt. Schulen betrachten das Festival als wirkungsvolles Instrument der Leseförderung und Literaturvermittlung. Das Erlebnis, einen ausländischen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin live zu sehen und zu hören, öffnet auch in manch wenig lesebegeisterten Kindern und Jugendlichen eine Tür in die Welt des Lesens und der Literatur.