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11.11.2021, 14:07 Uhr
Marion Zechner
Kultur trotz Corona
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© Heike Ulrich Fotowork

Kultur trotz Corona: „Es ist da!“. Von Marion Zechner

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© Leykam Verlag

Marion Zechner, geboren in München, Mutter zweier Kinder, arbeitet als Sozialpädagogin und systemische Therapeutin bei einem bayerischen Suchthilfeträger. Neben Schreibwerkstätten (u.a. an der Bundesakademie Wolfenbüttel) absolvierte sie das Fernstudium Prosaschreiben bei der Textmanufaktur. Kurzgeschichten von ihr erschienen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Mit einem Ausschnitt aus ihrem Romandebüt Bewölkt aber trocken war sie für den Irseer Pegasus nominiert und gewann den österreichischen Literaturpreis Schreiberei.

Mit der folgenden unveröffentlichten Kurzgeschichte über die Entstehung ihres Debüts beteiligt sich Marion Zechner an der Fortsetzung von Kultur trotz Corona“, einem Projekt des Literaturportals Bayern zur Unterstützung bayerischer Literaturschaffender. Alle bisherigen Beiträge der Reihe finden Sie HIER.

*

Es ist da!

 

Da steht sie mal wieder vorm Spiegel und wundert sich, wie ihre grauen Haare schon wieder mehr geworden sein können, wo sie doch erst vor kurzem umgestiegen ist auf die teurere Tönung mit der besseren Deckkraft. Warum – fragen wir uns – hört sie mit dem Schreiben nicht einfach auf? Wie viele Nächte will sie sich denn noch um die Ohren schlagen mit Exposés und Leseproben, die sowieso kein Mensch je lesen wird. Träume platzen nun mal, und es gibt ja schließlich noch andere Hobbys. Sie hat gerade die 40 überschritten. Aus ihr wird keine Romanautorin mehr, wann sieht sie das endlich ein? Das wäre doch sowohl den verbliebenen Farbpigmenten in ihren Haaren als auch ihrem Nervenkostüm viel zuträglicher. Aber sie war ja schon immer ein Dickkopf. Bevor wir also auch noch graue Haare kriegen – lassen wir ihr eben ihre Schreiberei.

Ende der Geschichte.

Es sei denn ...

Es würde etwas Unerwartetes passieren. Etwas, womit niemand rechnen konnte, nicht einmal unsere Protagonistin. Außer vielleicht in diesen unbeobachteten Momenten wie jetzt, wenn sie, weit nach Mitternacht, zusammen mit ihrem Thinkpad – einem alten aber robusten Kerlchen – am Küchentisch sitzt und darauf wartet, dass die Energie der zweiten angebrochenen Tafel Schokolade sich endlich Bahn bricht und als innovative Buchidee dort hinein fliesst. So ein bisschen Innovation, denken wir, die kann auch wirklich nicht schaden. Weder dem Thinkpad, das weder optisch noch funktional den aktuellen Standards entspricht, noch unserer Protagonistin, deren Stirnfalten diese Nächte nützen, um noch tiefer zu graben. Und morgen wundert sie sich dann wieder, wenn sie in den Spiegel schaut. Und dann ist da auch noch diese aufdringliche Frage, die sich in letzter Zeit immer häufiger ungebeten neben sie setzt.

„Ist unserer Protagonistin das recht?“, fragen wir uns. Nein. Natürlich nicht. Wenn sie Gesellschaft möchte, dann würde sie sich in eine Kneipe gehen. Könnte sie tun. Und wenn sie wüsste, dass sie schon bald nur noch sehr sporadisch Gelegenheit dazu kriegen wird, würde sie es vielleicht sogar tun. Aber bisher kennt sie Corona nur als Bier, und Bier mag sie ebenso wenig wie Gesellschaft nach Mitternacht. Doch die Frage ist nun mal da und doktert noch zusätzlich an ihren Stirnfalten herum. Was bleibt unserer Protagonistin also anderes übrig, als sich ihr zuzuwenden: „Was anfangen mit dieser angebrochenen Hälfte?“

Unsere Protagonistin schaut überrascht auf die Schokoladentafel. „Was wohl“, denkt sie und will ein Stück abbrechen – aber da ist nichts mehr. Nichts als raschelndes Alu. Der Frage ist das egal, sie hat sowieso nicht die Schokolade gemeint, sondern vielmehr diese zweite Lebenshälfte, die da vor ihr liegt, während sich unsere Protagonistin die erste bereits Stück für Stück, Jahr für Jahr einverleibt hat, manchmal ohne es wirklich zu schmecken. Und nun? „Was, wenn es mit dem Leben dasselbe ist?“, denkt unsere Protagonistin und spürt eine seltsame Beklommenheit im Brustkorb. Was, wenn es ihr mit den Jahren irgendwann ebenso ergeht wir mit der angebrochenen Schokoladentafel? Wenn sie die Hand ausstreckt, um nach einem neuen Jahr zu greifen und feststellt: „Da ist nichts mehr.“

Wird sie dasselbe Bedauern, dieselbe Leere erfassen, wie bei den unzähligen achtlos leergefutterten Schokoladentafeln, von denen am nächsten Morgen nichts mehr übrig ist als vielleicht der Pickel auf der Nase, der sie daran erinnert, dass auch sie mal ein Teenager war, dass auch sie mal Träume hatte? Bei diesem Gedanken seufzt sie ein weiteres Mal und klappt ihr Thinkpad zu, das dabei neuerdings so komisch knackt. „Vielleicht müsste man das Scharnier mal schmieren“, denkt sie, „aber wozu, wenn das Geschriebene sowieso keiner liest ... wozu überhaupt noch schreiben?“

„Hoppla“, denken wir. Was ist denn jetzt los? Midlifecrisis? Müssen wir uns Sorgen machen? Es müsste etwas Unerwartetes passieren, denken wir. Etwas, das unserer Protagonistin Mut macht in Nächten wie dieser, bevor sie uns am Ende noch depressiv wird.

Aber das Unerwartete passiert natürlich nicht in einer solchen Nacht. Unsere Protagonistin sitzt weder am Küchentisch, noch ist ihr Thinkpad zugegen und Schokolade schon gar nicht. Es passiert am helllichten Nachmittag. Genau genommen ist es ein Montag. Montag, der 22. Juni 2020. Unsere Protagonistin sitzt im Büro in der Beratungsstelle, in der sie arbeitet und bekommt einen Anruf auf dem Handy. Eine österreichische Vorwahl. Sie zögert kurz, weil sie ja in der Arbeit ist, aber bei einer österreichischen Vorwahl an einem Montag Nachmittag, da wird unsere Protagonistin stutzig. „Nicht dass was mit der Oma ist“, denkt sie und geht ran. „Hallo?“, sagt sie, ein bisschen kurzatmig, vielleicht wegen der Angst wegen der Oma, oder wegen der Angst, Österreich könnte die Geduld verloren und aufgelegt haben. Aber beide Ängste sind unbegründet. Es ist nichts mit der Oma, und Österreich ist noch dran – und zwar in Form einer freundlichen Frauenstimme, die sie begrüßt mit diesem Dialekt, der bei unserer Protagonistin sofort Heimatgefühle wachruft. Und was sie dann sagt, die freundliche Frauenstimme, braucht ein Weilchen, um die 400 km von Graz nach München zu überwinden: „Sie haben sich ja für den Literaturpreis Schreiberei beworben. Der Herr Dr. Hölzl würde darüber gern mit Ihnen sprechen.“

Unsere Protagonistin stammelt irgendetwas, woran sie sich später nicht mehr so recht erinnern wird. Aber vermutlich versucht sie zu überspielen, dass sie keine Ahnung hat, von welcher der Ausschreibungen, für die sie sich im Laufe der letzten Monate beworben hat, die Rede ist.

„An so etwas erinnert man sich doch!“, werden wir uns jetzt denken. Aber seien wir gnädig in diesen Zeiten. Abstandsgebot, Maskenpflicht, Ausgangssperre, Lockdown ... Dann die Monate im Homeoffice, das unsere Protagonistin bis dahin eigentlich für ihr Schlafzimmer gehalten hatte, dazu die technischen Herausforderungen von Zoom & Co, von denen sie und ihr Thinkpad abwechselnd die Krise kriegten. Und jetzt diese freundliche Frauenstimme aus dem fernen Österreich ... Wir müssen wissen, dass so eine Pandemie eine Reihe neuer Bestimmungen mit sich bringt, die auch Nachbarländer in unerreichbar exotische Ferne rücken. Vielleicht ist unsere Protagonistin also auch deshalb überfordert, denn die freundliche Frauenstimme ruft nicht nur aus dem fernen Österreich an, sondern von einem dortigen Hotspot: Vom Leykam-Verlag in Graz. Da ist unsere Protagonistin sich sicher, auch wenn sie das Wort „Verlag“ bisher nur vom Briefkopf der vielen Absageschreiben in ihrem „Gelöscht“-Ordner kennt. Jetzt ist sie also sogar noch kurzatmiger als vor dem Anruf, und wir könnten nun so langsam anfangen, uns Sorgen zu machen, denn wir wissen nicht, ob ihr Nervenkostüm gewappnet ist für das, was die freundliche Frauenstimme als nächstes sagen wird. Bei einem „leider nicht“ hätten wir keine Bedenken. Mit einem „leider nicht“ kann unsere Protagonistin umgehen. Hat sie schließlich lange Jahre geübt. Bei einem „leider nicht“ greift automatisch das übliche Vorgehen: Abhaken. Krönchen richten. Weitermachen. Aber die freundliche Frauenstimme sagt nicht „leider nicht“. Im Gegenteil. Sie sagt „Wir freuen uns“. Und es ist auch keine Frauenstimme mehr, sondern eine Männerstimme. Dr. Wolfgang Hölzl, Leykam-Verlag, Graz.

Unsere Protagonistin hört also dieses „Wir freuen uns“, und sie hört auch, was Dr. Wolfgang Hölzl aus Graz sonst noch sagt, zumindest hört sie das entscheidende Bruchstück: „Ihr Text Grenzritte wurde ausgewählt“, hört sie, und sie denkt „Gott sei Dank“, denn jetzt weiß sie zumindest, um welches Projekt es sich handelt: Der Auszug von dieser Romanidee, die sie vor einem halben Jahr in einem Unterordner auf ihrem Thinkpad unter der Rubrik „Angefangenes“ abgelegt hat, weil sie das Gefühl hatte, nicht so recht weiterzukommen. Und dann hört sie auch schon Dr. Wolfgang Hölzls Stimme, die sagt: „Die Jury war sehr beeindruckt von Ihrem Text. Wir würden Ihnen den Preis gern verleihen.“ Und sie denkt, „o mein Gott“, und jetzt wird ihr auch noch übel, vor Freude und weil sie gar nicht weiß, was das jetzt bedeutet, und außerdem hat sie plötzlich so einen komischen Druck auf den Ohren, so dass sie sicherheitshalber nochmal nachfragt: „Also, Sie meinen, ich bin in der nächsten Runde?“ Aber die Stimme am anderen Ende bleibt bei ihrer Formulierung: „Wir würden Ihnen den Preis gerne verleihen.“ Und setzt sogar noch eins drauf: „Sie wissen ja, dass dieser Preis mit einer Veröffentlichung verbunden ist.“

Jetzt kommt auch noch die Kollegin mit erschrockener Miene aus dem Nachbarbüro herein gelaufen. Unsere Protagonistin deutet ihr mit einem Kopfnicken an, dass der Schrei nichts zu bedeuten hatte. Zwar beantwortet das keineswegs die Frage auf dem Gesicht der Kollegin, aber da können wir ihr jetzt auch nicht helfen, schließlich wollen wir ja hören, was unsere Protagonistin ihm antwortet, diesem Dr. Wolfgang Hölzl aus Graz, der da so großzügig mit Vorschusslorbeeren um sich wirft. Wir müssen uns anstrengen, um das Gestammel unserer Protagonistin zu verstehen. „Aber – Sie kennen das Buch doch noch gar nicht. Wie können Sie dann wissen, dass Sie es verlegen wollen?“ Ein bisschen peinlich ist uns das jetzt schon, dass sie nicht souveräner reagiert, aber so ein Anruf, an einem Montagnachmittag, aus heiterem Himmel – wollen wir also mal nicht so sein. Und sie hat ja auch Recht. Dr. Wolfgang Hölzl aus Graz kennt das Buch nicht. Wie auch. Wo doch unsere Protagonistin es selbst nicht kennt. Aber Dr. Wolfgang Hölzl aus Graz ist sich trotzdem sicher. „Was wir bisher gesehen haben, gefällt uns“, sagt er, „und wir gehen davon aus, dass der Rest in der Qualität diesem Niveau entspricht.“ Und dabei klingt er so freundlich und zuversichtlich, und er ist sich so sicher. Und so ist unsere Protagonistin sich eben auch sicher. Sie hat die Geschichte doch schon im Kopf. So ungefähr wenigstens. Und ein bisschen Zeit wird sie ja hoffentlich noch haben, oder ...?

„Ist denn das Manuskript schon fertig?“, hören wir Dr. Wolfgang Hölzl auch schon fragen. Jetzt kriegt unsere Protagonistin auch noch Augenflimmern, und wir sind froh, dass sie sitzt, denn sie erinnert sich vage, dass von dem genannten Text nicht viel mehr existiert als die eingereichten 50 Seiten, die sie mehrfach zurechtgefeilt und überarbeitet hat. Sie ertappt sich dabei, sich zu früh gefreut zu haben und hört im Geiste schon Dr. Wolfgang Hölzls Stimme am anderen Ende, die sie darauf hinweist, dass sie sich doch bei der nächsten Bewerbung die Ausschreibungsbedingungen vielleicht vorab durchlesen sollte, und dass die Jury ihretwegen jetzt nochmal tagen muss. Aber was bleibt ihr anderes übrig als die Frage zu stellen, auch wenn sie rot dabei wird – und zumindest sehen es ja nur wir: „War das denn eine Bedingung?“, fragt sie also. „Dass das Manuskript fertig ist?“ Und dann atmet sie für ein paar Augenblicke überhaupt nicht, sondern lauscht in den Hörer, ob da noch was kommt von der Stimme aus Graz, und tatsächlich.

„Nein, nein“, hört sie Dr. Wolfgang Hölzls Stimme, „das ist gar kein Problem.“ Er ist also immer noch am Apparat, und was er da sagt klingt doch gar nicht so schlecht. Die Veröffentlichung sei für März geplant, es genüge also, wenn das Manuskript bis Ende des Jahres fertig sei. „Ende des Jahres“, denkt unsere Protagonistin, ein Adrenalinstoß durchflutet sie, bevor sie voller Inbrunst in den Hörer seufzt: „Das schaffe ich.“

„Sehr schön“, sagt Dr. Wolfgang Hölzl im nächsten Moment und redet von einem Vertrag, den er gleich schicken werde und von der Freude, die auf seiner Seite sei, während unsere Protagonistin schon wieder darum kämpft, ihre Atmung unter Kontrolle zu kriegen. Vielleicht hat sie sich auch verschluckt, weil man auch von Vorschusslorbeeren nicht zu viele auf einmal hineinstopfen sollte, vor allem, wenn man nicht daran gewöhnt ist. „Wollen Sie das Manuskript nicht zuerst prüfen“, keucht sie, „ich meine, bevor Sie mir einen Vertrag schicken?“ Aber das will Dr. Wolfgang Hölzl nicht. Er will ihr den Vertrag schicken, wie er ja schon gesagt hat. Und weil ihr jetzt nichts Neues mehr einfällt, was sie darauf noch sagen könnte, wiederholt sie einfach das bereits Gesagte. „Ich schaffe das.“ Aber Herr Dr. Wolfgang Hölzl hat bereits aufgelegt, was nicht schlimm ist, weil sie sowieso mehr sich selbst gemeint hat. „Ich schaffe das. Ich schaffe das. Ich weiß ja ungefähr, wie die Geschichte weitergeht. Mit ein, zwei Stündchen am Tag wird das schon klappen.“

Wir hingegen machen uns Sorgen. „Grenzritte“, denken wir. Wir wissen, dass dieser Text eine Baustelle ist. Haufenweise angefangene Szenen, hingeschüttete Satzkonstrukte, grob skizzierte Charaktere – lauter Ideen, aus denen sich etwas bauen ließe oder auch nicht – eher aber nicht. Der Text liegt ja nicht ohne Grund seit Monaten unangetastet in seinem Unterordner auf dem Thinkpad herum, dem das egal ist. Solange es sich nicht um eine Foto- oder gar Videodatei handelt, bewahrt es alles auf was da kommen mag, wenn es sein muss für die Ewigkeit. Da stehen wir nun also neben unserer Protagonistin und sehen ihr dabei zu, wie sie begutachtet, hin- und her überlegt, aussortiert, und nochmal begutachtet. Und wir denken: Warum fängt sie nicht endlich an zu schreiben? Und dann sehen wir sie auch noch mit ihren Freunden auf der Terrasse beim Grillen sitzen und hören wie jemand sagt: „Wie schön, dass man sich endlich wieder treffen darf“, und alle nicken und lachen, auch unsere Protagonistin. Und wir denken an die Baustelle und fragen uns, wie sie überhaupt noch lachen kann, und wir sind froh, dass die Frau des befreundeten Pärchens die Frage für uns stellt: „Ein, zwei Stunden am Tag – glaubst du wirklich, das genügt, um ein Buch zu schreiben?“

Wir sind fast erleichtert, als wir sehen, dass unsere Protagonistin in der folgenden Nacht wach liegt, weil die Frage ihrer Freundin sie doch nicht ganz loslässt. Aber vom Wachliegen allein wird das Buch auch nicht fertig werden. Wenn sie doch nur die Inbrunst, mit der sie sich im Bett hin- und her wirft in ihr Thinkpad übertragen könnte. Aber das Thinkpad liegt allein auf dem Küchentisch, neben dem leeren Schokoladenpapier – das hat sich unsere Protagonistin natürlich nicht nehmen lassen. Irgendwo muss die Energie für die guten Ideen ja herkommen – nur wann? Nicht in dieser Nacht jedenfalls, und auch nicht in der folgenden. Langsam verlieren wir den Mut. Aber eine Chance bleibt uns noch. Die alljährliche Sommerakademie LISA in Schrobenhausen ein paar Wochen später. Wir können nur hoffen, dass sich hier jemand findet, der unserer Protagonistin den Kopf wäscht, damit sie endlich anfängt. Und wir haben Glück.

Auf ihre Frage nach seiner Einschätzung, ob aus den vorhandenen Bruchstücken bis Ende des Jahres ein Buch werden kann, antwortet ihr sehr belesener und geschätzter Dozent, seinerseits ein erfahrener Autor, mit jenem Satz, der den entscheidenden Wendepunkt bringt:

„Dostojewski hat's geschafft.“

Genau das antwortet ihr Dozent und erzählt von dem Roman Der Spieler, den Dostojewski unter extremem Druck binnen kürzester Zeit seiner Frau in die Feder diktiert hat, während er das im Tausch für das Buch geliehene Geld verzockte. Unsere Protagonistin sieht ein bisschen blass aus, als sie den Klassenraum verlässt und in ihr Auto steigt, um zurück nach Hause zu fahren.

„Endlich“, denken wir. Endlich hat einer gewagt, es auszusprechen, was uns seit Wochen beschäftigt. Endlich ist unsere Protagonistin aufgewacht. Wahrscheinlich hat sie es schon geahnt, ja befürchtet. Vielleicht hat sie die Baustelle deshalb so lange wie möglich gemieden. Jetzt aber erinnert sie sich wieder an ihr Ziel: Autorin sein. Und sie weiß: Sie muss etwas an ihrer Strategie ändern, wenn sie diese Chance nicht verschenken will. Sie reduziert Stunden in der Arbeit. Sie sagt alle Grillabende und sonstige Treffen mit Freunden ab. Sie schläft nachts nur noch wenige Stunden. Nicht etwa, weil sie so viel schreiben würde, sondern weil sie überlegt, wohin mit diesem Gedanken, der sich in ihrem Kopf verfangen hat und nicht mehr hinaus findet. „Was, wenn ich das nicht schaffe?“ – „Nein“, denkt sie im selben Moment, weil ihr glücklicherweise noch rechtzeitig einfällt, dass positiv formulierte Ziele bessere Chancen haben, erreicht zu werden. Also ändert sie die Formulierung. „Wie kann ich das schaffen?“ „Wie-Fragen sind gut“, denkt sie. „Mit Wie-Fragen kann das Gehirn etwas anfangen.“ Grundsätzlich würden wir ihr da ja vielleicht sogar Recht geben. Aber nicht um fünf Uhr morgens nach einer weiteren schlaflosen Nacht mit voller Blase, wenn das Gehirn bereits mit der Frage beschäftigt ist, ob es sich lohnt, wegen so ein bisschen Pinkeln aufzustehen, wo doch sowieso nur noch zwei Stunden bleiben, bevor es Zeit ist, den Jüngsten zu wecken, der noch dazu heute Geburtstag hat. Aber die Blase besteht auf ihrem Recht. Und unsere Protagonistin ist zu müde, um sich mit ihr anzulegen, also gibt sie nach. Sie steht auf, auch wenn sie sich ein bisschen ärgert, jetzt, wo sie die passende Frage für ihre Schreib-Baustelle gefunden hat und vielleicht noch ein Stündchen schlafen könnte ... Und weil sie sich so ärgert, oder weil sie so müde ist, übersieht sie die lose Teppichleiste auf dem Flur. Sie stolpert, fällt. Mit dem Kopf genau auf die Kante. Sie blutet. Ihr Mann ruft den Notarzt. Sie muss ins Krankenhaus. Genau am Geburtstag ihres Sohnes, der genauso heißt wie der junge Arzt, der ihr die Schläfe zusammennäht. Sie denkt an ihren Sohn, und dass sie schnell nach Hause muss, und sie ist froh, dass der junge Arzt sich beeilt, so dass sie zwar etwas lädiert aussieht in dem notdürftig übergezogenen Jogginganzug mit dem albernen Verband um den Kopf – aber gerade rechtzeitig zu Hause ankommt, bevor ihr Sohn die Kerzen auspustet. „Gerade nochmal gut gegangen“ denkt sie – und das sehen wir auch so, allerdings nur was den Geburtstag und die Platzwunde betrifft. Im Bezug auf diese andere Sache, die ja überhaupt erst zu dieser schlaflosen Nacht geführt hat, sind unsere Zweifel größer denn je. Denn – machen wir uns nichts vor – so eine Platzwunde eignet sich vielleicht zum Prokastinieren, ebenso wie eine Gehirnerschütterung. Aber um ein Buch zu schreiben ist beides eher hinderlich. Für die Kinderparty am Nachmittag mag das Adrenalin ja noch reichen, aber so ein Buch, das ist kein Kindergeburtstag, und am darauffolgenden Tag liegt unsere Protagonistin flach – mit dröhnendem Kopf, unfähig, aufzustehen. Selbst schuld, wer so verschwenderisch mit seinen Adrenalinvorräten umgeht, das müssen wir leider so schonungslos formulieren. Auch wenn sie uns ein kleines bisschen leid tun könnte, wie sie da liegt, auf dem Sofa, den Kopf in einer etwas ungewöhnlichen Position leicht erhöht auf einen Stapel von Kissen gebettet, eine kalte Kompresse im Nacken, das gute alte Thinkpad auf ihrem Bauch, dort wo in kalten Nächten die Wärmflasche liegt. Keine Chance, es aufzuklappen, geschweige denn, auch nur ein Wort hineinzutippen. Das Einzige, was unserer Protagonistin geblieben ist, ist also die Tafel Schokolade, die ihre Hand auch mit geschlossenen Augen findet. Sie denkt an den Unterordner und an Dostojewski und an die weitere Nacht und den weiteren Tag, die sie verloren hat, und an die  Tage, die sie schlimmstenfalls noch verlieren wird – sofern dieser Kopf es sich nicht irgendwann anders überlegt und endlich aufhört zu dröhnen. Und dann ist da auch wieder diese Frage, mit der das ganze Desaster erst angefangen hat: „Wie – zum Kuckuck – kann ich das schaffen?“

Vielleicht verhält es sich mit Gehirnwindungen wie mit Kleidungsstücken. Wenn man sie in ungewöhnlichen Positionen hält, fallen plötzlich, ganz unerwartet, Dinge heraus, die man hier niemals vermutet hätte. In diesem Fall eine Erinnerung. Ein kleiner, unscheinbarer Satz: „Schreibe über das, was du kennst.“ Keine Begründung, keine Erklärung. Nur dieser Satz. Kein wann, woher, von wem ... „Schreibe über das, was du kennst.“ Wo auch immer dieser Satz irgendwann gefallen sein mag – wahrscheinlich in irgendeinem Schreibseminar, oder wo sonst fallen solche Sätze? „Schreibe über das, was du kennst.“ Im selben Moment fährt unserer Protagonistin wieder dieser stechende Schmerz in die Schläfe. „Eine Platzwunde!“, denkt sie. Das ist es. „Die Heldin bekommt eine Platzwunde!“, ruft sie. „Ja ja, schon gut“, sagen wir. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Protagonistin immer noch in einer ziemlich desolaten Verfassung ist, in der einem jede Allerweltsweisheit vorkommt wie die große Erleuchtung. Wer von uns hat in einer solchen Verfassung nicht schon mal den einen oder anderen irrationalen Gedanken gehabt. Das geht vorüber. Sobald sie wieder klar denken kann, wird sie es selbst erkennen, auch wenn es im Moment nicht danach aussieht. Im Gegenteil: Sie greift nach dem Faden, der da aus diesem ausgefransten Gedanken heraushängt und verfolgt ihn weiter, und wir können nur hoffen, dass dieser Zustand wirklich vorübergehend ist. „Das Buch handelt doch von einer Alkoholikerin“, wenden wir vorsichtig ein. „Wäre es nicht vielleicht eine bessere Idee, über den Alltag in der Entwöhnungsklinik zu schreiben?“ Keine Antwort. „Oder vielleicht darüber, wie ein Entzug abläuft? Das wäre doch was, hm?“ Stille. „Und außerdem“, versuchen wir es ein drittes Mal im Guten, „Eine Platzwunde – wo soll denn da die Fallhöhe sein?“ Sie hört uns gar nicht. „Ein Unfall“, murmelt sie. „Die Geschichte braucht ja sowieso noch einen Wendepunkt. Die Heldin hat einen Unfall!“ Unsere Protagonistin meint es wirklich ernst. „Aber die Heldin ist doch bitte nicht über eine Teppichleiste gestürzt?!“, rufen wir. „Ein bisschen glaubwürdig sollte es doch schon sein!“ „Nein nein“, sagt unsere Protagonistin Gedanken versunken. „Keine Teppichleiste – eine Leitplanke.“ „Eine Leitplanke!“ Wir sind empört. „Also bitte! Als Alkoholikerin! Da wird sie ja wohl nicht betrunken Auto fahren?!“ Unsere Protagonistin lächelt nur. Das sieht zwar ein wenig ulkig aus – dieses Lächeln und dazu dieser Kopfverband. Uns aber freut es, sie überhaupt mal wieder lächeln zu sehen. „Doch“, sagt sie so selbstbewusst, wie wir sie seit langem nicht gesehen haben. „Doch, sie fährt betrunken Auto. Na? Ist das genug Fallhöhe für den Anfang?“ „Na ja“, denken wir, „zumindest ist es überhaupt mal ein Anfang“. Und dann trauen wir unseren Augen nicht. Wir sehen, wie unsere Protagonistin sich aufsetzt, den Kissenstapel im Rücken, das Thinkpad auf dem Schoß, und wie sie anfängt zu schreiben. Ein bisschen lädiert sieht sie zwar aus, aber das Klimpern der Tasten beruhigt uns, und zum ersten Mal denken wir: So könnte es vielleicht was werden.

Von diesem Moment an ist für unsere Protagonistin Leben und Schreiben dasselbe. Jede Beobachtung, jede Empfindung, jede philosophische Erkenntnis – Menschen, Ereignisse, ob selbst erlebt oder erzählt bekommen, alles wird erst einmal hinein geklimpert in das alte Thinkpad, das zwar nicht weiß wie ihm geschieht, aber so ein zweiter Frühling – da sagt es nicht nein. Und wir? Wir sind erleichtert, dass unsere Protagonistin endlich loslegt, ungeachtet dessen, dass später sowieso das meiste aussortiert werden wird. Zwischendurch stockt uns der Atem, als sie zwei Monate vor Abgabe beschließt, den gesamten Text noch einmal neu zu schreiben, weil der Tonfall sich im Laufe der Monate in eine andere Richtung entwickelt hat. Wir haben allen Grund uns zu fragen, ob sie jetzt den Verstand verliert, zumal ihre Schlafprobleme sich in den vergangenen Monaten keineswegs gebessert haben, aber wir sind ja inzwischen einiges gewöhnt. Und wir haben keine Lust mehr, uns Sorgen zu machen. Es reicht uns. Wir beschließen stattdessen, dem Text zu vertrauen. Er wird schon wissen, wo er da hingalloppiert mit unserer Protagonistin, die auf so einem Gaul zwar noch nie gesessen hat, aber einmal ist schließlich immer das erste Mal.

Vertrauen wir also. Und bedanken wir uns. Bei Österreich, dass nichts mit der Oma war. Bei der Jury des Literaturpreises Schreiberei und den Mitarbeitern des Leykam-Verlags für die Vorschusslorbeeren, die unserer Protagonistin gezeigt haben, dass Grenzen nur im Kopf existieren, und welche Kräfte freigesetzt werden, wenn jemand an einen glaubt. Bedanken wir uns bei dem guten, alten Thinkpad, das bis zum Schluss durchgehalten hat, so dass aus der Baustelle aus dem Unterordner ein erfüllter Traum geworden ist. Bedanken wir uns bei ihrem Mann, dass er ihr die ganze Zeit über die Stange gehalten hat, und bedanken wir uns schließlich auch bei ...

Moment, es hat geklingelt. Jaja, wir kommen ja schon. „Wer ist es?“, fragen wir in das Surrgeräusch des Türöffners hinein. „Die Post? Ja, wir machen auf!“

„Ein Paket für Sie, bitte eine Unterschrift.“

Wir unterschreiben. Etwas krakelig, weil wir doch ein wenig neben uns stehen. Es ist da. Unsere Hände zittern, als wir den Karton öffnen. Und dann halten wir es in den Händen. Es ist wirklich da. 21,5 cm lang, 14 cm breit und ein ziemlicher Wonneproppen (456 Seiten).

Wir sind gerührt.

Wir setzen uns an den Küchentisch und betrachten es. Wir schauen auf die angefangene Schokoladentafel. Und dann auf die Frage, die immer noch – oder schon wieder – da sitzt. Und jetzt? Was machen wir mit der angebrochenen Hälfte?