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14.10.2021, 09:00 Uhr
Ursula Wiest
Text & Debatte

Ein Jahr danach. Zum 1. Todestag von Dr. Stephan Kellner (1956-2020)

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Dr. Stephan Kellner, Februar 2020. (c) Ursula Wiest

Am 14. Oktober 2020 starb überraschend Dr. Stephan Kellner, Leiter des Bavarica-Referats der Bayerischen Staatsbibliothek, Mitinitiator und Projektleiter des Literaturportals Bayern. Über seinen plötzlichen Tod waren alle, die Stephan Kellner persönlich kannten, tief bestürzt. Im Literaturportal Bayern erschien damals ein persönlicher Nachruf. Am heutigen Tag jährt sich Stephan Kellners 1. Todestag. Seine Witwe, Frau Dr. Ursula Wiest, gedenkt seiner mit folgendem Beitrag.

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An den führenden Theaterhäusern der schönen, schwierigen Stadt, in der Du seit nun genau einem Jahr alleine lebst, arbeitest und über Kulturevents schreibst, wird derzeit jüdische Familiengeschichte gegeben. An den Kammerspielen: „Effingers“, nach dem 2019 zum Kultschmöker avancierten, neusachlichen Generationenroman der Berliner Journalistin Gabriele Tergit. Am Resi: „Die Träume der Abwesenden“, nach der aus Humor, Melancholie und Traumagedächtnis zu einem bunten Text-Quilt mit dunklem Untergrund verwobenen Familientrilogie der niederländischen Shoa-Autorin Judith Herzberg. Ibidem: Lesung mit Robert Dölle, Liliane Amuat und C. B. Sucher aus dessen narzisstisch überschatteter Mutter-Sohn-Autobiographie „Mamsi und ich“. Man erlebt: Sippenaufstellungen in historisch informierten Gewändern vor sepiafarbiger Videokunst und Retrofotographie. Sirenengesänge vom Urgrund verlorener Seelen. Exstatisches Tanzen im Schein einer planetarischen Lichtinstallation. Wandelbares Wandern durch Zeitenwenden.

Den Mann, der von 1981 bis 2020 an Deiner Seite war und der in dieser Eurer Ära Dein Verständnis von Literatur, Wissenschaft und Kunst prägte, hätte dies alles sehr interessiert. Als Historiker, den Du im Alter von 25 Jahren in der heißen Phase der Promotion zur Herrschaftsgeschichte bayerischer Hofmarken kennenlerntest. Und der dann für Jahrzehnte seine vielgestaltige, für Dich in ihrer Komplexität oft nicht mehr überblickbare Tätigkeit zwischen Handschriften, Inkunabeln und Digitalisaten an der großen, der ranghohen, der renommierten, der ehrwürdigen, der an papierenen Kulturgütern und Weltwerken unsagbar reichen zentralen Forschungsbibliothek Eures stolzen Freistaates aufnahm. Aber auch als erstgeborener Enkel eines 1937 nach Kolumbien emigrierten, zutiefst bajuwarisch empfindenden jüdischen Landesbürgers, und somit Teil einer eigenen, von Epochenbrüchen gezeichneten und von Schicksalen gestreiften Sippenhistorie, die zu erschließen und aufzuschreiben er für die kommenden Jahre plante.

Würde der Mann, der von 1981 bis 2020 an Deiner Seite war, heute noch leben, so wäre dieser Tage der Zeitpunkt seines Abschieds von der großen, der ehrwürdigen Bibliothek gekommen. Du würdest ihm helfen müssen, die damit verbundenen Eindrücke und gewiss aufwühlenden Emotionen zu sortieren. Dann aber, sobald ein wenig Ruhe eingekehrt wäre, würde er vielleicht doch an dem weißen Nostalgie-Schreibtisch im frisch renovierten Dachzimmer Eures Zuhauses Platz nehmen und sich über die bayerisch-kolumbianischen Dokumente, Fotographien und Brieferzeugnisse beugen, die er im Februar 2018 von seiner wichtigen, lange geplanten Familienbesuchsreise aus Südamerika mitbrachte. Er würde das, was zur Mitte des vorigen Jahrhunderts zwischen Manizales, Garmisch und der schönen, schwierigen Stadt korrespondiert wurde, sichten und in eine Ordnung bringen, aus der bisher unbekannte, sepiafarbige Projektionen entstünden und SEIN persönlicher, bunter Gedächtnis-Quilt mit dunklem Untergrund gewebt werden könnte.

Du würdest gelegentlich ein Tablett mit Tee und Keksen nach oben tragen und einen Blick auf das hauchdünne, eng mit Maschinenlettern beschriebene Aerogrammpapier des Forschungsmaterials werfen. Du würdest die Gesichtszüge des Mannes, der von 1981 bis 2020 an Deiner Seite war, auf den vergilbten Passbildern und Portraits seines Großvaters wieder erkennen und denken, dass sein gesamter Bildungs- und Berufsweg vielleicht einzig dem Zweck diente, ihn zur Dokumentation des Fatums seiner Herkunftsfamilie zu qualifizieren. Jedoch. Am 14.10.2020 starb dieser Dein Mann unfassbar schnell in Deinem Arm. Und nahm all sein Wissen mit sich in sein schmales, bescheidenes, tannenumstandenes Grab unweit der Mauer des geschichtsträchtigen Friedhofs am südlichen Rand der schönen, schwierigen Stadt. „Möge die Erde Dir leicht sein!“ möchtest Du ihm zurufen, so wie die Figur des Privatdozenten Waldemar Goldschmidt es derzeit auf der Bühne der Kammerspiele für Bankier Emanuel Oppner in der „Effingers“-Inszenierung tut. „Mögest Du schlafen. Genieße der Ruh!“ 

Waldfriedhof München, Alter Teil, Oktober 2021 (c) Ursula Wiest