Sandra Hoffmann ist: DRAUSSEN (15). Und treibt sanft auf den Wellen des Himmels

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Alle Bilder (c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. am Literaturhaus München und an Universitäten. Außerdem schreibt sie für das Radio und für Zeitungen. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie derzeit viel Zeit in der Natur verbringt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt sie für den Roman Paula das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für ein derzeit entstehendes Romanprojekt bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium.

Sechs Monate lang schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern eine Kolumne: DRAUSSEN. Ein Album. Darin schildert sie, was sie auf dem Land und seiner Natur erlebt, ob sie nun Rehe und Fasane beobachtet oder zum Essen aufsammelt, was sie vor sich auf dem Boden findet. Vor allem aber geht es um das Gehen selbst und die Gedankengänge dabei, um ein Flanieren zwischen Bäumen, das Blaue vom Himmel über den Wipfeln.

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Einschränkungen, oft der Einsamkeit. Aber an ihr können sich auch die Sinne schärfen. Der besondere Geschmack schrundigen Gemüses, die bangende Pflege eines Quittenbaums. Das ist nichts Geringes. In einer Gegenwart, die uns die Folgen des langen menschlichen Raubbaus an der Natur immer drastischer vor Augen führt, sind darin wesentliche gesellschaftspolitische Fragen angelegt. Die Literatur verfolgt sie seit einiger Zeit mit einer auffallenden Renaissance des Nature Writing, bei Sandra Hoffmann in Form einer Schule der Wahrnehmung: Da DRAUSSEN gibt es etwas zu sehen, zu spüren, zu holen und zu schützen.

*

15

So richtig geht das ja nur, wenn es wirklich warm ist. Und so richtig geht das auch nur in der Natur. Und so richtig geht das auch nur, wenn der Himmel groß ist.

Du legst dich auf den Rücken, breitest die Arme aus, so dass du weißt, er könnte, so wie er ist, auf dich drauf fallen. Du machst kurz die Augen zu, und dann schaust du mitten in ihn hinein. Du schaust in dieses Blau, schaust nur noch in dieses Blau, ganz tief und noch tiefer, bis du glaubst, darin zu versinken, bis du darin versinkst.

Du spürst, wie die Holzdielen, auf denen du liegst, zu Wasser werden, spürst, wie du dich bewegst, wie da nur noch deine Bewegung in diesem Himmel ist.

Du hörst die Vögel zwitschern, du hörst irgendwo in der Nähe oder weit entfernt Kinder schreien, Motorräder vorbeifahren, einen Hund bellen.

Du legst den Kopf ein wenig mehr in den Nacken, schaust in die Baumkronen, die noch nicht alle gefüllt sind mit Grün, die noch licht sind, auch wenn manche von ihnen schon Grün tragen, Gelbgrün, Lindgrün, Kanarienvogelgrün, ungefähr so. Und oben, ganz oben in den Kronen siehts du den Wind. Und auch wenn du weißt, das ist nicht wahr, verstehst du jetzt, warum du dich hier unten auf den Dielen bewegst, warum du auf dem Wasser treibst.

Und dass das ganz normal ist bei diesem Wetter, bei solch einem Wetter treibst du auf dem Wasser, wenn Du in den Himmel schaust.

Das ist dann so eine Meditation, vom Leben aus noch. Du schaust, also bist du. Du spürst dich treiben, also lebst du. Du bist noch da.

Über dir der sehr blaue Himmel. Über den Bäumen der sehr blaue Himmel. Unter dir Wasser, das könnte sein. Unter dir Holz, flüssiggewordenes. Unmöglich, aber für diesen einen Moment ist es wahr.

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