Sandra Hoffmann ist: DRAUSSEN (4). Und wie gebannt von wilden Rehen

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(c) Sandra Hoffmann

Sandra Hoffmann schreibt Romane, Erzählungen und heimlich Gedichte. Sie unterrichtet kreatives und literarisches Schreiben u.a. am Literaturhaus München und an Universitäten. Außerdem schreibt sie für das Radio und für Zeitungen. Sie lebt in München und Niederbayern, wo sie derzeit viel Zeit in der Natur verbringt. Für ihr literarisches Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet; zuletzt erhielt sie für den Roman Paula das Literaturstipendium des Freistaats Bayern und den Hans-Fallada-Preis. 2019 erschien mit Das Leben spielt hier ihr erstes Jugendbuch. Für ein derzeit entstehendes Romanprojekt bekam sie 2020 das Münchner Arbeitsstipendium.

Sechs Monate lang schreibt Sandra Hoffmann für das Literaturportal Bayern eine Kolumne: DRAUSSEN. Ein Album. Darin schildert sie, was sie auf dem Land und seiner Natur erlebt, ob sie nun Rehe und Fasane beobachtet oder zum Essen aufsammelt, was sie vor sich auf dem Boden findet. Vor allem aber geht es um das Gehen selbst und die Gedankengänge dabei, um ein Flanieren zwischen Bäumen, das Blaue vom Himmel über den Wipfeln.

Die Corona-Zeit ist eine Zeit der Einschränkungen, oft der Einsamkeit. Aber an ihr können sich auch die Sinne schärfen. Der besondere Geschmack schrundigen Gemüses, die bangende Pflege eines Quittenbaums. Das ist nichts Geringes. In einer Gegenwart, die uns die Folgen des langen menschlichen Raubbaus an der Natur immer drastischer vor Augen führt, sind darin wesentliche gesellschaftspolitische Fragen angelegt. Die Literatur verfolgt sie seit einiger Zeit mit einer auffallenden Renaissance des Nature Writing, bei Sandra Hoffmann in Form einer Schule der Wahrnehmung: Da DRAUSSEN gibt es etwas zu sehen, zu spüren, zu holen und zu schützen.

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4

Von meinem Waldschreibtisch aus schaue ich hinein in einen immer steiler nach oben kriechenden Waldhang, der jetzt, um diese verheißungsvolle Jahreszeit, aussieht wie eine Wüste aus Eichen- und Buchenlaub. Moosbewachsene Stämme und Baumstümpfe ragen daraus grün hervor, und sie genügen mir, um zu wissen, dort oben, wo sie hinreichen, ist der Himmel. Von meinem Schreibplatz aus kann ich ihn kaum sehen.

Am späten Vormittag oder in der Dämmerung kommt nicht selten das kleine Rehrudel vorbei; sie sind zu dritt, eine Ricke und ihr Kitz, das bald ein einjähriges Reh sein wird, und der Rehbock. Ihre graubraunen Decken unterscheiden sich nur unwesentlich vom Laub am Boden, nur ihre weißen Spiegel und ihre dunklen Nüstern leuchten auffällig. Die Rehe bleiben unter der Eiche stehe, muffeln mit ihren Nasen in der Blätterwüste und scharren mit den Hinterhufen die Erde frei. Es war kein gutes Eicheljahr hier, das letzte, aber anscheinend finden sie noch immer eine paar von den alten Früchten.

Ich sehe das oft, ich schaue ihnen fast täglich zu, wie sie den Hang herabkommen, wie sie Abstand halten und doch in Verbindung sind, wie sie die Lauscher aufstellen, wenn sich hier im Haus jemand bewegt, wie sie dennoch ruhig bleiben, weil sie uns schon kennen, wie sie aber unruhig werden, wenn sie von weitem einen Traktor hören oder etwas ihnen Unbekanntes in der Nähe geschieht. Dann galoppieren sie in diesem sehr speziellen Rehgalopp, in dem Vorder- und Hinterhufe fast gleichzeitig abheben und wieder aufsetzen, den Hang hinab oder hinauf, um den Schutz einer der Fichtenschonungen in der Nähe zu erreichen.

Ich bin jedes Mal von Neuem vollkommen gebannt von diesem Rehereignis. Egal ob sie bleiben, um zu äsen, vorbeigehen, um ein anderes Ziel zu erreichen, oder im Schrecken davongaloppieren, ich kann mich an diesen wilden Tieren nicht satt sehen. Und immer wieder frage ich mich, ob ich irgendwann einmal genug haben könnte davon. Oder ob das eine ganz archaische Regung ist, die uns Menschen für immer bleiben wird, wenn wir ein wildes Tier sehen: Wir müssen es beobachten, um es unter Kontrolle zu halten. Denn in der Stadt schaue ich ja auch nicht jedem Menschen, jedem vorbeifahrenden Auto, jedem Hund so lange hinterher bis, ich ihn nicht mehr sehe.

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