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20.02.2021, 16:27 Uhr
Harald Beck
Text & Debatte

Von München nach Augsburg, 1840. Reiseschilderung von Ludwig Steub

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Denkmal für Ludwig Steub, Aichach, Steubstr. 6.

Der bayerische Schriftsteller und Jurist Ludwig Steub (1812-1888) widmete sich wie kein anderer der kulturgeschichtlichen Erschließung Altbayerns sowie Südtirols: Eigene Erlebnisse, Landschaftschilderungen, historische Reminiszenzen und volkskundliche Beobachtungen verband er miteinander auf lebendige Weise. Doch nicht nur als Reiseschriftsteller machte er sich einen Namen; Anerkennung fanden u.a. auch seine Erzählungen und Novellen. Seine Novelle Das Seefräulein (1849) erzielte ab 1873 als Lustspiel einen solchen Erfolg, dass es am Münchner Hoftheater und an österreichischen Bühnen wiederholt aufgeführt wurde. 1883 erschien in Breslau Steubs Autobiografie Mein Leben.

Heute am 20. Februar jährt sich Ludwig Steubs 209. Geburtstag, den wir mit seiner reizvollen Schilderung einer Bahnfahrt von München nach Augsburg begehen wollen. Wir danken Harald Beck für die Wiederentdeckung dieses Textes und die Kürzungen.

*

Von München nach Augsburg

Im Mai 1840.

 

[...] Der Bahnhof zu München liegt eine kleine halbe Stunde vor dem Thore, ein Mißstand, der dadurch an Gewicht verliert, daß die Gäste durch eigene, von der Anstalt bestellte Fiaker aus den Ringmauern herausgeholt werden, bis es einmal zur Erwerbung eines näher gelegenen Grundes kommt, wozu die alte Schießstätte ausersehen ist. Wer den Pschorrbräukeller kennt, den ungeheuern, der von seiner künstlichen Esplanade herab freundlich über die Stadt hinblickt, der weiß auch den Bahnhof, denn er liegt zu dessen Füßen, in einer Ecke des Marsfeldes, ganz nahe an der Landsbergerstraße, gegenüber von Nymphenburg. Es ist ein hohes, hölzernes Gehäuse, von dessen First herunter die Landesflagge weht, an dessen Vorderseite auf großer schwarzer Tafel Bedeutung und Zweck des Gebäudes ausgesprochen sind. Von seinen Seiten lösen sich hohe Planken ab, die einen beträchtlichen Hofraum einfangen, das Arsenal der Bahn. Vor den Eingängen stehen zwei hölzerne Tempelchen, unbestimmbarer Ordnung, in denen der Reisende sein Opfer darbringt, welches er im Vergleich zu andern Bahnen immer noch etwas hoch zu finden geneigt ist. Die Glocke, die über dem Giebel des Bahnhauses hängt, läßt sich vor der Abfahrt dreimal hören. Beim zweiten Male öffnen sich die Thore des Hauses, um sich beim dritten Male wieder hinter der Menge zu schließen. Zwei große Empfangszimmer beherbergen die Reisenden die wenigen Minuten bis zur Abfahrt. – Endlich ist's an der Zeit und das fahrlustige Volk strömt hinaus in die weite Halle, welche die Anfänge der Bahn überwölbt. Dort stehen in langer Reihe die Wagen bereit, die rauchende Maschine an der Spitze. Die beiden englischen Wagenlenker hanthieren auf dieser und schüren den Brand, der glühend herausgloßt aus der Esse, während sie selbst, schwarz und rußig vom Kopf bis zur Zehe, zwei Dämonen gleichen, die an den Pforten der Hölle stehen. Der Wagen sind viererlei. Die letzte Classe ist ein viereckiger Kasten ohne Deckel, mit hölzernen Bänken, ohne Schutz gegen Regen oder Sonne – der Lieblingsplatz der Landleute. Die nächste Classe erfreut sich schon gepolsterter Sitze; vor der Sonne schützt die Bedachung und gegen den einschlagenden Regen die ledernen Vorhänge zu beiden Seiten. Wer's noch besser haben will, dem gewährt die zweite Classe nicht allein gepolsterte Sitze, sondern auch gepolsterte Rücklehnen, und die besten und vornehmsten Wagen, die der ersten Classe, führen sogar Glasfenster. In ihr Inneres aber guckte ich nicht hinein, gerade um mir's desto schöner ausmalen zu können. Da denke ich mir sammtene, schwellende Kissen, mit goldenen Stäben eingefaßt, weiche Eiderdunenpolster an den Seiten zur Ruhe für das müde Haupt, und den Plafond schmücken vielleicht geschichtliche Fresken von Wilhelm Kaulbach oder Julius Schnorr von Carolsfeld. – Eine Menge Diener laufen unterdessen hin und her, ermahnend, helfend und rathend, die meisten in der Bahnlivree, einem krapprothen Frack mit schwarzen Aufschlägen; das Haupt bedeckt eine Jokeimütze, deren Vorderseite die Insignien der Anstalt zeigt, ein geflügeltes Rad, das auf einer Schiene ruht.

Wir sitzen; die Maschine gibt sich mit einem durch dringenden Pfiffe selbst das Zeichen und rollt davon. Das Ungethüm jagt rasselnd, dampfend, schnaubend dahin und darüber kommt die ganze Gegend in Unordnung und fährt wie besessen durch einander. Die fernen Höhen rücken eiligst näher, einzelne Häuser schießen pfeilschnell daher und fahren pfeilschnell wieder davon. Wenn man durch die Alleebäume auf das Gebirge sieht, so ist’s gerade, als ob die ungeheure Zugspitze den andern Bergen nachjagte, die lustig vor ihr davon rennen. Fährt man durch einen Hain, so lassen sich zwar die vordern Bäume an der Straße ganz vernünftig an, aber hinten im Walde sieht es aus, als ob die Fichten scherzend durcheinander liefen. Die Menschen, die an der Bahn stehen, erscheinen von Ferne recht menschlich, aber im Vorüberfahren verfließen sie ins Formlose und werden erst hinter uns wieder consistent. Und alle diese Wunder sieht man auf den guten Polstern recht ruhig an und raucht eine Cigarre dazu.

Wir fahren am Hirschpark vorüber und sehen alsbald die Mauern und die Bäume des Nymphenburger Gartens und darüber die Zinnen des hohen Schlosses. Die Anlage ist aus jener Zeit, wo die deutschen Versailles gestiftet wurden, mit den endlosen, geraden Avenuen, in denen die noblen Ahnen auf und ab promenirten, mit den Fontänen, die dem Himmel drohen, mit den Göttern und Göttinnen, deren Nacktheit jetzt die Flechte deckt und mit den wundervollen Coups d'oeil durch ausgehauene Waldungen und andere besiegte Naturhindernisse hindurch auf halbe Tagereisen weit entfernte Kirchthürme, deren Uhrblatt man in kindlicher Freude mit dem Telescop heranzog. Die Luftschlösser haben auch ihre Fata; jetzt spiegeln sich diese weißen Gemäuer öde und verlassen in den Bassins ihrer Springbrunnen. Berg am Würmsee, Tegernsee und Hohenschwangau in ihrer herrlichen Natur sind für die Fürsten an ihre Stelle getreten und was das Volk betrifft, so zählt das ländliche Ebenhausen, vier Stunden ober der Stadt am Isarraine gelegen, wo der ganze Zug der blauen Riesen, die das bayerische Flachland gegen Süden umgürten, übersehen werden kann, an einem Tage oft mehr Besucher, als das stolze Nymphenburg in einem halben Jahre.

Außer dem nahen Nymphenburg erschauen wir aber auch noch in weiter Ferne das ragende Hochgebirge in seiner Alpenmajestät und gegen Norden, jedoch um vieles näher, den Höhenzug, auf dem der Markt und das weitgesehene Schloß von Dachau liegen, und von da herauf nach einander die uralten, agilolfingischen Dörfer Allach, Menzing, Pipping, Pasing, Aubing, die schon lange standen, ehe die jetzige Hauptstadt erwähnt wird.

Die Maschine hält: wir sind in Lochhausen, einem stillen, verlegenen Dörfchen, zwei Stunden von München, von welchem ehedem nur die nächsten Nachbarn etwas wußten und das nun den Münchnern so bekannt geworden ist, wie Neuberghausen oder Hessellohe. Diese Ortschaft war nämlich viele Monden lang der Port, in dem der Dampfwagen seine Fahrt beschloß, zu einer Zeit, da er noch in Windeln lag und sich nicht weiter getraute, weil die Schienen nicht gelegt waren. Damit ging ein glücklicher Stern auf für Lochhausen, das überrascht und freudetrunken täglich Hunderte von Hauptstädtern ankommen sah, die die Eisenbahn hatten probiren wollen. Diese Frequenz hat allerlei abgesetzt; ein solcher Niederschlag ist zum Beispiel der schmucke Wirthshauspavillon von Holz rechts der Bahn und das mächtige Belvedere gleichen Stoffes zu seiner Seite, eigens erbaut, damit die früher angekommenen Münchner den später daher rollenden entgegensehen können. Linker Hand hat die Bahnverwaltung colonisirt und verschiedene hölzerne Gebäude errichtet, mit zierlichen Geländern und andern Schmuck, was Alles die Bedeutsamkeit der Station recht schön zu erkennen gibt. Auch ist hier eine Anhöhe durchgegraben, deren Ränder ein gemauerter Bogen verbindet, welcher geschmackvoll entworfen und nagelneu, wie er ist, die Umgebung nicht wenig heraushebt.

Nach ein paar Minuten, während deren manche Passagiere ausgeschifft und andere an Bord geladen worden sind, macht sich der Zug wieder auf und eilt wieder tobend davon. Doch wird noch an verschiedenen Dörfern gehalten, ehe wir nach Nannhofen kommen, das acht Stunden von München liegt und gegenwärtig der äußerste Punkt ist, bis zu dem die Locomotive geht. Allenthalben werden an den Stationen Gebäude errichtet für die Leute der Bahn und geräumige Hallen zur Unterkunft für die Wartenden.

[...]

Nun sind wir in Nannhofen und steigen immerhin zufrieden aus, wenn auch anderthalb Stunden darauf gegangen sind, um eine Strecke von acht Stunden zurückzulegen. Diese lange Dauer der Fahrt ist zunächst dem oftmaligen Anhalten zuzuschreiben; denn außer der Zeitversäumniß in den verschiedenen Dörfern geht aus der Kürze der Stationen auch noch der Uebelstand hervor, daß der Drache an der Spitze nie dazu kommt, seine Flügel so recht kräftig zu schlagen, weil er immer schon wieder am Ziele ist, wenn er gerade in den besten Eifer gerathen will.

Die Leute aus den Wagen der vierten Classe verlieren sich nun in den Feldern und im Holze und gehen ihren Ortschaften zu oder auf dem Fußwege nach Augsburg; die andern aber übergeben sich den Augsburger Lohnkutschern, die mit ihren Wagen schon auf sie warten.

 

Quelle: Ludwig Steub: Kleinere Schriften. Erster Band: Reiseschilderungen. Verl. der J. G. Cotta'schen Buchhandlung, Stuttgart 1873, S. 1-14.

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