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23.08.2021, 12:31 Uhr
Uwe Kullnick
Text & Debatte
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Rezension zu Heidi Rehns Roman „Das Lichtspielhaus“

Die 142. Ausgabe der Zeitschrift Literatur in Bayern widmet sich dem Schwerpunktthema kostbar. Uwe Kullnick rezensiert darin Heidi Rehns Roman Das Lichtspielhaus.

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Füllen Kinos unserer Kindheit nicht geheimnisvoll verborgene Winkel unseres Gedächtnisses mit blitzdurchzuckten Schatten alter Filme und dem Geruch vergangenen Ruhms? Mir jedenfalls geht es so und ich bin Heidi Rehn dankbar, dass sie sich des Themas Lichtspielhaus mit Akribie, Liebe und Ausführlichkeit angenommen hat. Historische Stoffe aus der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts sind ihr Metier. Nun hat sie den ersten Band ihrer Lichtspielhaus-Saga vorgelegt. Im Rahmen eines als Familien-, ja Generationsroman angelegten Stücks Zeitgeschichte wird eine Lichtspielhausdynastie gezeigt, wie sie gelebt haben könnte. Parallel entwickeln sich die Kinotechnologie, die Familiengeschichte und die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse so, dass man als Leser vieles wiedererkennt und mit den geschichtlich stimmig gestalteten Personen und Geschehnissen mitfiebert.

Familienromane stehen und fallen mit ihren Charakteren. Die Autorin hat wie schon im Vorgängerroman Das Haus der schönen Dinge hierfür ein gutes Händchen bewiesen. Eisa Horwitz ist eine junge Schauspielerin am Hof­burgtheater Wien, als sie 1914 Karl Donaubauer, dessen Mutter Zenzi in München zwei Ladenkinos besitzt, heiratet. 1926 besitzt Familie Donaubauer schon fünf Lichtspieltheater. Das Leben in München ist, ähnlich wie auch in der Metropole Berlin, mondän, voller Glamour, Goldbrokat, Samt und überschäumenden Lebens. Sie ist Mitte dreißig, als das neueste und modernste Lichtspielhaus, der Elvira-Palast, eröffnet wird. Alfred Hitchcock, welch eine Auszeichnung, bietet ihr die Hauptrolle in seinem nächsten Film an. Doch das Leben hält auch Härten bereit. Ihr Ehemann Karl verlässt sie wegen einer Tänzerin, geht mit ihr nach Amerika. Eisa, inzwischen Mutter zweier Töchter, muss, gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Zenzi, die Donaubauer-Kinos leiten.

Die Kraft zweier Frauen muss sich zwischen Filmbegeisterung, großer Affinität zum Fortschritt der Filmtechnik, geschäftlichen Herausforderungen und politischer Verführung bewähren. So ergibt sich rasch familiärer, auch im Geschlechterverständnis begründeter Sprengstoff. Eingebettet in diese Zwischenkriegszeit deutet sich schon die ungeheure Bedeutung der Propagandafähigkeit des Kinos an. Doch noch stehen die persönlichen Schicksale im Vordergrund und dabei stellt uns die Autorin bekannte Filme jener Zeit vor. Auch hier erlebt man positives, aber auch ambivalentes Wiedererkennen. Allerdings bekommen manche Filme und ihre Darsteller teils etwas zu viel Raum.

Gut ist, dass es am Ende des Buches ein Verzeichnis aller erwähnten Filme gibt, in dem man während der Lektüre oder danach etwas mehr über die genannten Filme erfährt. Sehr nützlich ist das anschließende Glossar damals gängiger Begriffe, das jüngeren Lesern die Lektüre erleichtert.

Heidi Rehn ist »eine Bank« für Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie hat mit Das Lichtspielhaus erneut sehr gut recherchiertes Material über die Geschichte des Films, Lokales aus München, mit der familiären Atmosphäre von Kulturunternehmern jener Zeit zu einer lesenswerten Geschichte verbunden. Ein E-Book, das die Fakten der Zeit, insbesondere zwischen 1919 und 1926, zusammenfasst, ist kostenfrei erhältlich. Die Autorin bietet übrigens zu ihren Büchern Stadtspaziergänge an, in diesem Fall zu den Orten der ehemaligen Kinos in München.

Heidi Rehn: Das Lichtspielhaus – Zeit der Entscheidung. Roman. Knaur TB, München 2019. 512 S., 10,99 €

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