Info
15.05.2020, 13:08 Uhr
Marie Kleber
Spektakula
images/lpbblogs/redaktion/2020/gross/DOKfest_2020__164.jpg

DOK.fest 2020 @home: „Walchensee forever“

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/redaktion/2020/klein/DOKfest_01_WALCHENSEE_FOREVER_500.jpg
© DOK.fest München

Die 35. Ausgabe des DOK.fest München, Deutschlands größtem Dokumentarfilmfestival, muss dieses Jahr aufgrund der Coronakrise online stattfinden. Die Auswahl der diesjährigen Filme ist dennoch wie immer eindrucksvoll – das Programm kann noch bis zum 24. Mai 2020 von zu Hause aus verfolgt werden. Marie Kleber hat sich den Dokumentarfilm WALCHENSEE FOREVER von Regisseurin Janna Ji Wonders angesehen. WALCHENSEE FOREVER wurde 2020 mit dem Bayerischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Außerdem ist der Film für den FFF Förderpreis Dokumentarfilm nominiert.

*

„Wenn du mit dem Herzen auf die Welt schaust, dann ist die Welt auch die Heimat.“ WALCHENSEE FOREVER ist eine epische und intime Dokumentarerzählung der berührenden Familiengeschichte von Janna Ji Wonders.

Wo nicht anders als am Walchensee in Bayern beginnt in den 1920er-Jahren jene Familiengeschichte, ein Porträt von vier Generationen von Frauen, die sich den patriarchalischen Strukturen der Gesellschaft unterwerfen und zugleich widersetzen, ihnen entfliehen und dennoch zum Teil an ihnen zugrunde gehen: ein Porträt, festgehalten auf Video- und Tonbändern, Zeitungsartikeln und Fotos.

1920 eröffnet die Familie Werner ein Café in den bayerischen Voralpen am Walchensee. Dieses führt die Tochter Norma, die Großmutter von Regisseurin Janna, des Familienfriedens wegen nach dem Tod ihrer Eltern weiter. Sie stellt ihre künstlerische Begabung zurück und gibt sich dem Leben als Wirtin hin und damit auch ihren freien, unabhängigen Geist auf. Aus einer unglücklichen Ehe gehen die beiden Töchter Anna, Jannas Mutter, und Frauke, ihre Tante, hervor, die Protagonistinnen des Films. Beide entdecken für sich die Musik und brechen anders als ihre Mutter auf, die Welt zu erobern. So ziehen sie mit Gitarre und Jodelgesang in ferne Länder. Es geht von Mexiko über Indien bis hinein in die Münchner Kommune von Rainer Langhans, immer auf der Suche nach ihrem Platz in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Und immer auf der Suche nach Heimat, dorthin, wo man hingehört. Leicht ist diese Reise nicht.

Während Frauke ein extrovertierter, nie ruhender, übersprudelnder Geist ist, verkörpert Anna eher die stille und nachdenkliche ältere Schwester. So zeigt der Film das nie einfache Leben beider Schwestern, von der Zeit der Weimarer Republik und des Zweiten Weltkriegs bis hin zur heutigen Bundesrepublik.

Während Anna Fotografie erlernt und mit einem amerikanischen Hippie ihre Tochter Janna bekommt, wird Frauke Teil der Kommune um Rainer Langhans. Dieser zeigt sich im Film immer wieder rückblickend auf seine Generation und verdeutlicht die Schwierigkeiten der Emanzipation, die Steine, die selbstbestimmt leben wollenden Frauen in den Weg gelegt wurden.

Liebe, Träume, Tod

Thematisiert werden im Film viele verschiedene Dinge: Liebe, Träume und die Gesellschaft, aber vor allem auch der plötzliche Tod von Frauke, die sich das Leben nimmt.

Ein Hauch von Tragik liegt über dem Film. Nach dem Tod von Frauke verzweifelt Anna sichtlich. Sie fühlt sich zerrissen, will einerseits ihrer Tochter Janna ein schönes Leben in San Francisco bescheren, andererseits lässt sie die Rückkehr an den Walchensee nie los. Dort endet auch der Dokumentarfilm. Norma, Jannas Großmutter, stirbt schließlich im Alter von 105 Jahren, Janna dagegen bringt eine kleine Tochter zur Welt.

Ein Film über eine faszinierende Familiengeschichte von Frauengenerationen mit Emanzipationsversuchen, die oft scheiterten. Fast tröstlich wirkt am Schluss die Geburt von Jannas Tochter, wissend, dass ihr in der heutigen, inzwischen veränderten Gesellschaft fast alle Optionen ganz selbstverständlich offenstehen.