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Bad Tölz ehrt seinen berühmten Sommergast Thomas Mann

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Das Thomas-Mann-Haus in Bad Tölz © Birgit Botzenhart (alle Fotos)

Spiegel bayerischer Literatur und Kultur, fundiert und unterhaltsam, Essays, Prosatexte und Gedichte von prominenten und unbekannten Autoren: Das ist die Zeitschrift Literatur in Bayern. In der 136. Ausgabe schreibt Birgit Botzenhart über die Spuren Thomas Manns in Bad Tölz.

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»Datum des Hausbau-Beginns in Tölz: Montag, den 28. Sept. 08.« Dies notierte Thomas Mann in seinem neunten Notizbuch. Heute ist dieses Tölzer Anwesen das einzige noch authentisch erhaltene Haus des Literaturnobelpreisträgers im deutschsprachigen Raum. Von 1908 bis 1917 verbrachte die Familie Mann ihre Sommerfrische in der Stadt an der Isar. Auch wenn sich die Schreibstube im Erdgeschoss im Vergleich mit seinen späteren großräumigen Arbeitszimmern in Zürich oder Pacific Palisades in Kalifornien winzig ausnimmt, so arbeitete Thomas Mann hier an Werken wie Der Tod in Venedig, Felix Krull oder Königliche Hoheit. Der Ort ist zudem in den Autobiografien der Mann-Kinder Erika, Klaus, Golo und Monika verewigt.

Einem Brief Thomas Manns vom Februar 1915 ist zu entnehmen, dass das berühmte Schnee-Kapitel im Zauberberg auf einem Wintererlebnis in Bad Tölz beruht: »[...] ein Schneeabenteuer war es, ich hatte so viel Schnee in meinem Leben noch nicht gesehen und habe eigentlich bei dieser Gelegenheit erst Bekanntschaft mit diesem Element gemacht.« Im Zauberberg heißt es: »Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen.«

Ebenso bekam das Tölzer Landhaus in der Novelle Der Tod in Venedig eine Rolle. Thomas Mann verlieh seinem Protagonisten Gustav von Aschenbach nicht nur autobiografische Züge, sondern gestand ihm ebenso ein Sommerhaus zu, jenen »[...] rauen Landsitz, den er sich im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte«. In der Novelle flieht von Aschenbach vor der Gebirgslandschaft gen Süden nach Venedig, doch kurz vor seinem Tod holt sie ihn in einer Traumszene ein: Der Gott Dionysos erscheint mit seiner orgiastischen Schar: »Qualmige Glut glomm auf: da erkannte er Bergland, ähnlich dem um sein Sommerhaus. Und in zerrissenem Licht, von bewaldeter Höhe, zwischen Stämmen und moosigen Felstrümmern wälzte es sich und stürzte wirbelnd herab: Menschen, Tiere, ein Schwarm, eine tobende Rotte, [...].« Diese erregende Vision entstand im Tölzer Landhaus.

1917 verkaufte Thomas Mann sein Sommerhaus zugunsten von Kriegsanleihen. Die Villa gelangte 1926 in den Besitz des Ordens der Armen Schulschwestern. Sie stellen die Villa bis heute nur ihren Gästen zur Verfügung, für die Öffentlichkeit ist sie nicht zugänglich. Im benachbarten St. Josefsheim haben die Schwestern ihren Altersruhesitz. Ein Schild vor der Einfahrt zur Villa weist auf das ehemalige Sommerhaus des Literaturnobelpreisträgers mit dem »Ergebnissatz« aus dem Zauberberg hin: »Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.«

2017 erinnerte die Stadt Bad Tölz mit einem Thomas-Mann-Jahr an den Schriftsteller. Mit einer Reihe hochkarätiger Veranstaltungen holte sie den berühmten Sommergast genau 100 Jahre nach dessen Weggang zurück ins Bewusstsein der Bewohner und Literaturfreunde.

 

Kulturreferent Christoph Botzenhart (links) mit Ehrengast Frido Mann bei der Einweihung des Thomas-Mann-Zimmers im Oktober 2018

 

Mit der Vorstellung der neu aufgelegten Monografie »Nicht auf der Rasenkante gehen!« wurde das Sonderjahr eröffnet. Von März bis November besuchten zahlreiche Gäste Vorträge, Ausstellungen und eine eigens angebotene Kino-Filmreihe. Als Referenten über die großen Werke Manns gewann Kulturreferent und Organisator Dr. Christof Botzenhart herausragende Thomas-Mann-Kenner wie Professor Hans Wißkirchen, Präsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft (DTMG), dessen Amtsvorgänger Professor Ruprecht Wimmer sowie den Vorsitzenden des Münchner Thomas-Mann-Forums, Dr. Dirk Heißerer. Krönung des Thomas-Mann-Jahres war die Jahrestagung der DTMG im Tölzer Kurhaus.

2018 sorgte eine Notlage dafür, dass Bad Tölz einen weiteren Thomas-Mann-Ort hinzugewann: Im kleinen Häuschen »Villino« in Feldafing nahe dem Starnberger See, wo in den 1920er-Jahren einige Kapitel des Zauberberg entstanden sind, war 19 Jahre lang das Münchner Arbeitszimmer Thomas Manns nachempfunden. Dr. Dirk Heißerer, Wiederentdecker dieses Hauses, hatte in dem Raum das Filmmobiliar des Dokudramas Die Manns von Heinrich Breloer untergebracht. Zum Inventar gehörten ebenso 2500 Bücher aus dem Besitz von Anita Naef, der früheren Privatsekretärin Thomas Manns, die diese dem Thomas-Mann-Forum München hinterlassen hatte.

 

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Da der Eigentümer des »Villino« aber Eigenbedarf geltend machte, drohte dem kleinen Museum die Auflösung. Die enge Zusammenarbeit zwischen der Stadt Bad Tölz und dem Münchner Thomas-Mann-Forum ermöglichte eine rasche und unkomplizierte Lösung: den Umzug von Mobiliar und Büchern nach Bad Tölz, wo im ersten Stock der Stadtbibliothek ein Thomas-Mann-Zimmer eingerichtet wurde. Zur Einweihung im Oktober kam eigens Professor Frido Mann.

 

Sekundärliteratur:

Daniel Lang: »Nicht auf der Rasenkante gehen!« Die Familie Mann und ihr Landhaus in Bad Tölz 1908-1917. Erweiterte Neuausgabe mit einer Dokumentation von Martin Hake und Dirk Heißerer, Würzburg 2017.

Katrin Bedenig, Hans Wifskirchen (Hg.), Thomas Mann Jahrbuch 31 (2018).

Externe Links:

Literatur in Bayern