Rezension zu LJ Jeschkes Gedichtsammlung „1e*r schreibt sich in den Abgrund“
LJ Jeschke hat mit 1e*r schreibt sich in den Abgrund (hochroth 2026) eine bemerkenswerte Gedichtsammlung vorgelegt. Der Lyriker Armin Steigenberger hat ihn für das Literaturportal Bayern gelesen.
*
Widerstand gegen die Behaglichkeit: LJ Jeschkes poematische Intervention
Wer beim Aufschlagen eines Gedichtbands die behagliche Einkehr sucht – jene klassische Rezeptionshaltung im Ohrensessel, in der Metaphern sanft verglimmen –, wird bei LJ Jeschke augenblicklich vor die Tür gesetzt. Schon das erste Wort im neuen Band 1e*r schreibt sich in den Abgrund setzt die Frequenz: „Nein!“
Auch die Aufmachung selbst signalisiert Dringlichkeit: Das auffällige Überformat – beinahe DIN-A4 – verleiht dem Buch den haptischen Charakter einer Flugschrift oder eines Pamphlets. Aufgemacht in Schwarz, mit der blau-weißen, feingliedrigen Tuschezeichnung von Maria VMier als Deckblatt, ist der Band auch materiell ein Statement.
Die Verweigerung der Wohlfühldichtung
LJ Jeschke, Lyriker*in und Übersetzer*in mit Wohnsitz in München (biografisch auch als Lisa Jeschke bekannt, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Kunstförderpreis für Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen), schreibt auf Deutsch und Englisch. Bei hochroth München liegt nun eine 52-seitige Sammlung von Langgedichten vor, die sich als verdichtetes „Dokument des halben Jahrzehnts 2020–2025“ versteht. Wer sie liest, betritt kein geschütztes ästhetisches Reservat, sondern eine ungeschützte Kontaktzone.
Jeschkes Texte verweigern sich konsequent jeglicher wohlfeilen „Popcornlyrik“. Statt wohltemperierter Strophen formiert sich hier eine rhythmische, bewusst spröde Anti-Lyrik. Typografisch inszeniert mit Wechseln von Fett- und Kursivdruck, Lautmalereien wie „Pththfffft.“, Smilies („LJ war hier :(“) und Durchnummerierungen, erinnern die Zyklen an manifeste Listengedichte oder entgleiste Behördenakten. Es erinnert an Agitprop im besten Sinne: Eine Ästhetik des sprachlichen Aufbegehrens, die das herkömmliche Gedicht sprengt, um Raum für Dringliche(re)s zu schaffen. In deren eigenem Schreiben verbindet LJ Jeschke beißende Ironie mit existenzieller Härte und einer eigensinnigen Eleganz.
Zwischen Wut, Katzen und gesellschaftlicher Erschöpfung
Wer jedoch vermutet, dey erschöpfe sich in reiner Agitation oder politischer Parolenhaftigkeit, übersieht die feinen Risse im Text. Unter der schrillen Oberfläche verbirgt sich eine überraschende Zärtlichkeit. Wenn in den Texten plötzlich „Flauschige hell glowing kleine süße Katzen“ als Allegorien für unerfüllte Sehnsüchte im Arbeitsalltag auftauchen, ist das kein billiger Niedlichkeitskitsch, sondern ein wertvoller Schutzraum. Es ist der Versuch, der übermächtigen Kälte der Verhältnisse eine bewusste Weichheit entgegenzusetzen: „Wir sind weich, weinen oft, warum nicht“, heißt es ganz rückhaltlos.
Diese Passagen bilden das emotionale Korrektiv zur agitatorischen Wut. Jeschke verhandelt die Verquickung von Arbeit und Freizeit, die Enge der Mittagspause und die schleichende Zermürbung durch die Lohnarbeit im Spätkapitalismus, wo die tägliche Lebensenergie verbraucht wird, bis nur noch Erschöpfung bleibt: „Dass du im Büro nie was anderes gemacht hast / Als zu geben / Und dass du / Das / Als / Dein Leben / Genommen hast“.
Existenzielle Ausgrenzung: Vom Schrank bis zum Abgrund
Abgesehen von der Doppeldeutigkeit der Wendung „Dein Leben / Genommen” berührt der Band hier das Thema der gesellschaftlichen Nicht-Inklusion und die Enge des „German genders“, das sich weit über bloße Identitätsdebatten hinaus erstreckt. Wenn Jeschke vom „Schrank, 1) deutsch für the closet“ schreibt, meint dey keine freiwillige Versteckspielerei, sondern die reale, lähmende Isolation nicht-normativer Existenz. Es ist das Gefühl, gesellschaftlich ausgesperrt (locked out) und psychisch eingesperrt (locked in) zu sein. Diese Ausgrenzung brennt sich physisch in den Körper ein:
„Du hustest, du schluckst / Du schluckst den Schrank herunter / Er liegt dir im Darm / Auch wenn du rausgehst / Du ellenbogenhaft, du eckig“.
In diesen Passagen verhandelt dey eine Suizidalität, die nicht als romantische Todessehnsucht inszeniert wird, sondern als harte Folge struktureller Verzweiflung und gesellschaftlicher Unbehaustheit für all jene, für die im System kein Platz vorgesehen ist. Es ist das Bekenntnis einer Existenz, die am Ende konstatiert: „Wovon man nicht leben kann / Von dem kann man sterben.“
Die Entfremdung verdichtet sich schließlich im Zyklus „Anonymer Well-Pruned Abyss“: Hier streunen Roboter*innen durch die Texte – auf der Suche nach einem letzten Rest von Würde: „Unter einem brutalistischen Bau / Im Schatten zu liegen / Um dort davon träumen zu können / Endlich rational trauern zu können [...] / Und ob es ihnen ernst sei / Mit dem Gebären / Von was? Von Nichts! Bäh“.
Politische Schärfe und launig-überdrehte Sprachmonstren
Diese Abgründe werden jedoch immer wieder durch schillernden Humor und eine formale Radikalität gebrochen. Jeschke verzichtet auf gewohnte lyrische Harmonie und nutzt stilistische Extremformen: Dey schichtet absurde Lange-Straßen-Satz-Pointen auf und überhöht die Figur der Durchkopplung hin zu monströsen Bandwurmwörtern.
Wenn Straßennamen wie „Therese-Gift-Giehse-Hampson-Simpson-Straße“ oder
„Auch-als-dürre-Zugezogene-haben-wir-das-Recht-
Ein-richtiges-Münchner-Weib-zu-sein-oder-nicht-
Je-nachdem,-was-wir-wollen-beziehungsweise-
Nicht-wollen-
Und-unabhängig-davon,-wie-wir-aussehen-Fahrradstraße”
auftauchen, bringt dey diese Monstrum-Komposita auf die absolute Spitze. Durch diese skurrilen Namensungetüme werden sowohl vergessene Anekdoten nicht-heteronormativer Historie (wie Erika Mann oder Therese Giehse) als auch schmerzhafte gesellschaftliche Missstände freigelegt. So entsteht eine Phantasmagorie Münchens, in der bürgerliche Beschaulichkeit und queerfeministischer Widerstand aufeinanderprallen.
Eine zentrale Zielscheibe bildet dabei die FDP – im Band als Symbolfigur für neoliberale Selbstoptimierung und bürokratische Kälte installiert. Wer nicht ins Raster passt, wird von den Agenten und Agentinnen der FDP heimgesucht. In humorvoll grotesken Szenen jagen diese durch Mietwohnungen, um den Bewohner*innen noch den letzten Rest der Nacht und des Träumens auszutreiben. Die Antwort des lyrischen Ichs fällt ebenso tragikomisch wie radikal aus: „Die Partei / Wird bald bei uns zu Hause aufkreuzen / Mit ihren Sensen // Aber ich mach die Tür einfach nicht auf / Lieber bringe ich mich selbst um / Mithilfe meiner eigenen Gefühle / In meinem wunderschönen Home-Office!“
Tragikomische Wut als befreiendes Formexperiment
LJ Jeschke erstarrt keineswegs im Fatalismus, den der Buchtitel vermuten lässt. Deren Gedichte verstehen sich als Notizen, die fortgeschrieben und erweitert werden können – ein Angebot zum Versammeln im Angesicht der Krise. Dey setzt der Düsternis einen fulminanten, eigenwilligen Sprechdrang entgegen. Wendungen wie „Pi mal erhobenem Mittelfinger“ oder Zyklen wie „Anarcho-Boys vs. Anachro-Kavallerie Württemberg“ beweisen sprachliche Spielfreude und poetischen Eigensinn.
1e*r schreibt sich in den Abgrund ist ein unbequemes, aber hochgradig befreiendes Buch. In einer Zeit, in der Algorithmen und soziale Medien Texte auf reibungslose Konsumierbarkeit trimmen, leistet LJ Jeschke echten ästhetischen und politischen Widerstand. Ein Band für alle, die Literatur nicht in einer zurückgelehnten Kontemplativhaltung des In-Schönschrift-Bildern-Dahinschwelgens konsumieren wollen, sondern als Einladung, den eigenen Blick auf die Welt und ihre Abgründe radikal zu schärfen.
LJ Jeschke, 1e*r schreibt sich in den Abgrund. Sammlung der Gedichte. hochroth München, 2026. 52 Seiten. ISBN: 978-3-949850-73-8.
Rezension zu LJ Jeschkes Gedichtsammlung „1e*r schreibt sich in den Abgrund“>
LJ Jeschke hat mit 1e*r schreibt sich in den Abgrund (hochroth 2026) eine bemerkenswerte Gedichtsammlung vorgelegt. Der Lyriker Armin Steigenberger hat ihn für das Literaturportal Bayern gelesen.
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Widerstand gegen die Behaglichkeit: LJ Jeschkes poematische Intervention
Wer beim Aufschlagen eines Gedichtbands die behagliche Einkehr sucht – jene klassische Rezeptionshaltung im Ohrensessel, in der Metaphern sanft verglimmen –, wird bei LJ Jeschke augenblicklich vor die Tür gesetzt. Schon das erste Wort im neuen Band 1e*r schreibt sich in den Abgrund setzt die Frequenz: „Nein!“
Auch die Aufmachung selbst signalisiert Dringlichkeit: Das auffällige Überformat – beinahe DIN-A4 – verleiht dem Buch den haptischen Charakter einer Flugschrift oder eines Pamphlets. Aufgemacht in Schwarz, mit der blau-weißen, feingliedrigen Tuschezeichnung von Maria VMier als Deckblatt, ist der Band auch materiell ein Statement.
Die Verweigerung der Wohlfühldichtung
LJ Jeschke, Lyriker*in und Übersetzer*in mit Wohnsitz in München (biografisch auch als Lisa Jeschke bekannt, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Kunstförderpreis für Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen), schreibt auf Deutsch und Englisch. Bei hochroth München liegt nun eine 52-seitige Sammlung von Langgedichten vor, die sich als verdichtetes „Dokument des halben Jahrzehnts 2020–2025“ versteht. Wer sie liest, betritt kein geschütztes ästhetisches Reservat, sondern eine ungeschützte Kontaktzone.
Jeschkes Texte verweigern sich konsequent jeglicher wohlfeilen „Popcornlyrik“. Statt wohltemperierter Strophen formiert sich hier eine rhythmische, bewusst spröde Anti-Lyrik. Typografisch inszeniert mit Wechseln von Fett- und Kursivdruck, Lautmalereien wie „Pththfffft.“, Smilies („LJ war hier :(“) und Durchnummerierungen, erinnern die Zyklen an manifeste Listengedichte oder entgleiste Behördenakten. Es erinnert an Agitprop im besten Sinne: Eine Ästhetik des sprachlichen Aufbegehrens, die das herkömmliche Gedicht sprengt, um Raum für Dringliche(re)s zu schaffen. In deren eigenem Schreiben verbindet LJ Jeschke beißende Ironie mit existenzieller Härte und einer eigensinnigen Eleganz.
Zwischen Wut, Katzen und gesellschaftlicher Erschöpfung
Wer jedoch vermutet, dey erschöpfe sich in reiner Agitation oder politischer Parolenhaftigkeit, übersieht die feinen Risse im Text. Unter der schrillen Oberfläche verbirgt sich eine überraschende Zärtlichkeit. Wenn in den Texten plötzlich „Flauschige hell glowing kleine süße Katzen“ als Allegorien für unerfüllte Sehnsüchte im Arbeitsalltag auftauchen, ist das kein billiger Niedlichkeitskitsch, sondern ein wertvoller Schutzraum. Es ist der Versuch, der übermächtigen Kälte der Verhältnisse eine bewusste Weichheit entgegenzusetzen: „Wir sind weich, weinen oft, warum nicht“, heißt es ganz rückhaltlos.
Diese Passagen bilden das emotionale Korrektiv zur agitatorischen Wut. Jeschke verhandelt die Verquickung von Arbeit und Freizeit, die Enge der Mittagspause und die schleichende Zermürbung durch die Lohnarbeit im Spätkapitalismus, wo die tägliche Lebensenergie verbraucht wird, bis nur noch Erschöpfung bleibt: „Dass du im Büro nie was anderes gemacht hast / Als zu geben / Und dass du / Das / Als / Dein Leben / Genommen hast“.
Existenzielle Ausgrenzung: Vom Schrank bis zum Abgrund
Abgesehen von der Doppeldeutigkeit der Wendung „Dein Leben / Genommen” berührt der Band hier das Thema der gesellschaftlichen Nicht-Inklusion und die Enge des „German genders“, das sich weit über bloße Identitätsdebatten hinaus erstreckt. Wenn Jeschke vom „Schrank, 1) deutsch für the closet“ schreibt, meint dey keine freiwillige Versteckspielerei, sondern die reale, lähmende Isolation nicht-normativer Existenz. Es ist das Gefühl, gesellschaftlich ausgesperrt (locked out) und psychisch eingesperrt (locked in) zu sein. Diese Ausgrenzung brennt sich physisch in den Körper ein:
„Du hustest, du schluckst / Du schluckst den Schrank herunter / Er liegt dir im Darm / Auch wenn du rausgehst / Du ellenbogenhaft, du eckig“.
In diesen Passagen verhandelt dey eine Suizidalität, die nicht als romantische Todessehnsucht inszeniert wird, sondern als harte Folge struktureller Verzweiflung und gesellschaftlicher Unbehaustheit für all jene, für die im System kein Platz vorgesehen ist. Es ist das Bekenntnis einer Existenz, die am Ende konstatiert: „Wovon man nicht leben kann / Von dem kann man sterben.“
Die Entfremdung verdichtet sich schließlich im Zyklus „Anonymer Well-Pruned Abyss“: Hier streunen Roboter*innen durch die Texte – auf der Suche nach einem letzten Rest von Würde: „Unter einem brutalistischen Bau / Im Schatten zu liegen / Um dort davon träumen zu können / Endlich rational trauern zu können [...] / Und ob es ihnen ernst sei / Mit dem Gebären / Von was? Von Nichts! Bäh“.
Politische Schärfe und launig-überdrehte Sprachmonstren
Diese Abgründe werden jedoch immer wieder durch schillernden Humor und eine formale Radikalität gebrochen. Jeschke verzichtet auf gewohnte lyrische Harmonie und nutzt stilistische Extremformen: Dey schichtet absurde Lange-Straßen-Satz-Pointen auf und überhöht die Figur der Durchkopplung hin zu monströsen Bandwurmwörtern.
Wenn Straßennamen wie „Therese-Gift-Giehse-Hampson-Simpson-Straße“ oder
„Auch-als-dürre-Zugezogene-haben-wir-das-Recht-
Ein-richtiges-Münchner-Weib-zu-sein-oder-nicht-
Je-nachdem,-was-wir-wollen-beziehungsweise-
Nicht-wollen-
Und-unabhängig-davon,-wie-wir-aussehen-Fahrradstraße”
auftauchen, bringt dey diese Monstrum-Komposita auf die absolute Spitze. Durch diese skurrilen Namensungetüme werden sowohl vergessene Anekdoten nicht-heteronormativer Historie (wie Erika Mann oder Therese Giehse) als auch schmerzhafte gesellschaftliche Missstände freigelegt. So entsteht eine Phantasmagorie Münchens, in der bürgerliche Beschaulichkeit und queerfeministischer Widerstand aufeinanderprallen.
Eine zentrale Zielscheibe bildet dabei die FDP – im Band als Symbolfigur für neoliberale Selbstoptimierung und bürokratische Kälte installiert. Wer nicht ins Raster passt, wird von den Agenten und Agentinnen der FDP heimgesucht. In humorvoll grotesken Szenen jagen diese durch Mietwohnungen, um den Bewohner*innen noch den letzten Rest der Nacht und des Träumens auszutreiben. Die Antwort des lyrischen Ichs fällt ebenso tragikomisch wie radikal aus: „Die Partei / Wird bald bei uns zu Hause aufkreuzen / Mit ihren Sensen // Aber ich mach die Tür einfach nicht auf / Lieber bringe ich mich selbst um / Mithilfe meiner eigenen Gefühle / In meinem wunderschönen Home-Office!“
Tragikomische Wut als befreiendes Formexperiment
LJ Jeschke erstarrt keineswegs im Fatalismus, den der Buchtitel vermuten lässt. Deren Gedichte verstehen sich als Notizen, die fortgeschrieben und erweitert werden können – ein Angebot zum Versammeln im Angesicht der Krise. Dey setzt der Düsternis einen fulminanten, eigenwilligen Sprechdrang entgegen. Wendungen wie „Pi mal erhobenem Mittelfinger“ oder Zyklen wie „Anarcho-Boys vs. Anachro-Kavallerie Württemberg“ beweisen sprachliche Spielfreude und poetischen Eigensinn.
1e*r schreibt sich in den Abgrund ist ein unbequemes, aber hochgradig befreiendes Buch. In einer Zeit, in der Algorithmen und soziale Medien Texte auf reibungslose Konsumierbarkeit trimmen, leistet LJ Jeschke echten ästhetischen und politischen Widerstand. Ein Band für alle, die Literatur nicht in einer zurückgelehnten Kontemplativhaltung des In-Schönschrift-Bildern-Dahinschwelgens konsumieren wollen, sondern als Einladung, den eigenen Blick auf die Welt und ihre Abgründe radikal zu schärfen.
LJ Jeschke, 1e*r schreibt sich in den Abgrund. Sammlung der Gedichte. hochroth München, 2026. 52 Seiten. ISBN: 978-3-949850-73-8.
