Ein Katalog gewährt Einblicke in Jean Pauls literarisches Netzwerk
Zum 200. Todestag des Dichters Jean Paul veranstaltete die Staatsbibliothek Bamberg im Verbund mit der Landesbibliothek Coburg eine Ausstellung. Material und Hintergründe breitet das Begleitbuch Meine Feder soll ein Flügel sein so informativ wie bildreich aus.
*
Bamberg und Coburg zählen auf den ersten Blick nicht zu den „klassischen“ Jean-Paul-Orten. Die Gründe, warum beide Städte dem fränkischen Weltschriftsteller 2025 eine Ausstellung widmen, liegen im Bestand (die Staatsbibliothek Bamberg verwahrt über 1000 Briefe und Billets des Autors) bzw. in der kurzen, aber biografisch relevanten Zeit, die Jean Paul mit seiner Frau und wachsenden Familie in Coburg verbrachte. Prof. Dr. Bettina Wagner, Leiterin der Staatsbibliothek Bamberg, Dr. Sascha Salatowsky, Leiter der Landesbibliothek Coburg, sowie Jean-Paul-Biograf Helmut Pfotenhauer haben sich um die Herausgabe dieses Begleitbuchs verdient gemacht. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem rund 30 Jahre währenden freundschaftlichen Briefverkehr mit dem Bayreuther Juden Emanuel Samuel, hebräisch Menachem ben Schmuel.
Emanuel, der ab 1814 den erblichen Nachnamen Osmund führt, ist von Beruf Immobilienmakler. 1793 überlebt er einen antisemitisch motivierten Angriff auf seine Person nur knapp. Der anschließende Prozess zieht sich jahrelang hin. Die Täter werden nur leicht bestraft, um die Erstattung seiner Behandlungs- und Prozesskosten muss Osmund extra streiten. Auch seine als Jude schwache Rechtsstellung wird ausgenutzt, um ihn zu betrügen. Osmund versteht sich nicht einfach als Makler von unbeweglichen Gütern. Er bemüht sich mehrfach und offenbar erfolgreich, Dörfer und kleine Gemeinden so zu entwickeln, dass die dort vorherrschenden sozialen Nöte gelindert werden.
Mit seinem unternehmerischen Mut wird Emanuel Osmund Widerständen zum Trotz zu einem reichen Mann. Davon profitiert auch Jean Paul, für den der Freund sowohl Möbel als auch Schreibfedern besorgt, sich um Wohnangelegenheiten kümmert und nicht zuletzt den unverzichtbaren Dichtbrennstoff finanziert: Wein und vor allem Bier.
„Ich und Sie gehören zusammen …“
Die Beziehung der beiden Männer ist nicht nur sympathetischer, sondern auch geistiger Natur. Ein Jahr nach dem ersten Kennenlernen schreibt Jean Paul überschwänglich an Emanuel: „Ich und Sie gehören zusammen … Meine Seele ist nicht Widerhall der Ihrigen, sondern Echo und Klang fließen zusammen, wenn sie nahe aneinander sind …“ Emanuel revanchiert sich freundlich: „Stolz bin auf… [diese] Stelle in Ihrem Briefe.“ Er bietet Jean Paul „ewige“ Freundschaft an.
Zu der Zeit leben die beiden noch nicht an ein und demselben Ort, und so schildert Jean Paul häufiger seinen Alltag in Meiningen und Coburg. Als er wegen Pinkelns in der Öffentlichkeit eine Geldstrafe zahlen muss, berichtet er dem Freund ironisch von seinem „Wasser-Fal“ und dass er den Coburgern durch sein Verhalten womöglich mehr „Pres-Freiheit“ erworben habe. Doch der „urinöse Prozess“, wie er die Angelegenheit in einem anderen Brief nennt, leitet die Abkehr Jean Pauls von der einst als himmlisch gepriesenen Residenzstadt ein. 1804 zieht der Schriftsteller nach Bayreuth; aus dieser Zeit haben sich freundschaftlich-zärtliche Billets der nun benachbarten Freunde erhalten.
Jean Paul ist nicht frei von den klischierten Ansichten seiner Zeit über jüdische Menschen im Allgemeinen. Doch im persönlichen Austausch zeigen sich Respekt und Wissbegierde. So lässt er sich von dem Freund über Aspekte des jüdischen Glaubens und jüdischer Traditionen unterrichten und bemerkt, er kenne „die Unterdrükten blos aus dem Munde der Unterdrücker“. Die Juden fasst der Schriftsteller als „Nation“ auf, und betrachtet das Judentum von einem aufgeklärten Standpunkt her. Emanuel Osmund lebt den jüdischen Regeln gemäß. Andererseits zeigt er sich nicht eben als Kritiker der Haskala (der „jüdischen Aufklärung“). Er tritt für Bildung und Gleichberechtigung ein, nicht jedoch für die Akkulturation der jüdischen Bevölkerung an die christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft.
Auf die Fragen und Spekulationen des Freundes über den Talmud und das Judentum antwortet Emanuel Osmund mit Geduld und nimmt sich wohl manches Mal zurück, wenn der Freund eine diesbezügliche Dummheit begeht. Insgesamt fällt auf, dass keiner den anderen vom eigenen Standpunkt überzeugen muss. Den damals verbreiteten Gedanken einer Überlegenheit der christlichen Religion (und damit Kultur) über die jüdische findet man bei Jean Paul ebenso wenig wie den umgekehrten bei Osmund.
Es ist ein Verdienst dieses Begleitbuchs, die Aspekte einer deutsch-jüdischen Freundschaft am Beginn des 19. Jahrhunderts zu beleuchten. Sie zeigt: Die Geschichte der Juden in Europa hätte eine andere werden können. Andererseits finden sich auch hier, über hundert Jahre vor der Schoa, die Anmaßung und moralischen Defizite einer jüdische Menschen nicht als Mitbürger und Mitmenschen anerkennen wollenden deutschen Mehrheitsgesellschaft.
H. Pfotenhauer, S. Salatowsky, B. Wagner: Meine Feder soll ein Flügel sein: Jean Paul und seine literarischen Netzwerke. Königshausen & Neumann, 2025, 196 S.
Der Beitrag erschien zuerst in der Literatur in Bayern Nr. 164.
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Zum 200. Todestag des Dichters Jean Paul veranstaltete die Staatsbibliothek Bamberg im Verbund mit der Landesbibliothek Coburg eine Ausstellung. Material und Hintergründe breitet das Begleitbuch Meine Feder soll ein Flügel sein so informativ wie bildreich aus.
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Bamberg und Coburg zählen auf den ersten Blick nicht zu den „klassischen“ Jean-Paul-Orten. Die Gründe, warum beide Städte dem fränkischen Weltschriftsteller 2025 eine Ausstellung widmen, liegen im Bestand (die Staatsbibliothek Bamberg verwahrt über 1000 Briefe und Billets des Autors) bzw. in der kurzen, aber biografisch relevanten Zeit, die Jean Paul mit seiner Frau und wachsenden Familie in Coburg verbrachte. Prof. Dr. Bettina Wagner, Leiterin der Staatsbibliothek Bamberg, Dr. Sascha Salatowsky, Leiter der Landesbibliothek Coburg, sowie Jean-Paul-Biograf Helmut Pfotenhauer haben sich um die Herausgabe dieses Begleitbuchs verdient gemacht. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem rund 30 Jahre währenden freundschaftlichen Briefverkehr mit dem Bayreuther Juden Emanuel Samuel, hebräisch Menachem ben Schmuel.
Emanuel, der ab 1814 den erblichen Nachnamen Osmund führt, ist von Beruf Immobilienmakler. 1793 überlebt er einen antisemitisch motivierten Angriff auf seine Person nur knapp. Der anschließende Prozess zieht sich jahrelang hin. Die Täter werden nur leicht bestraft, um die Erstattung seiner Behandlungs- und Prozesskosten muss Osmund extra streiten. Auch seine als Jude schwache Rechtsstellung wird ausgenutzt, um ihn zu betrügen. Osmund versteht sich nicht einfach als Makler von unbeweglichen Gütern. Er bemüht sich mehrfach und offenbar erfolgreich, Dörfer und kleine Gemeinden so zu entwickeln, dass die dort vorherrschenden sozialen Nöte gelindert werden.
Mit seinem unternehmerischen Mut wird Emanuel Osmund Widerständen zum Trotz zu einem reichen Mann. Davon profitiert auch Jean Paul, für den der Freund sowohl Möbel als auch Schreibfedern besorgt, sich um Wohnangelegenheiten kümmert und nicht zuletzt den unverzichtbaren Dichtbrennstoff finanziert: Wein und vor allem Bier.
„Ich und Sie gehören zusammen …“
Die Beziehung der beiden Männer ist nicht nur sympathetischer, sondern auch geistiger Natur. Ein Jahr nach dem ersten Kennenlernen schreibt Jean Paul überschwänglich an Emanuel: „Ich und Sie gehören zusammen … Meine Seele ist nicht Widerhall der Ihrigen, sondern Echo und Klang fließen zusammen, wenn sie nahe aneinander sind …“ Emanuel revanchiert sich freundlich: „Stolz bin auf… [diese] Stelle in Ihrem Briefe.“ Er bietet Jean Paul „ewige“ Freundschaft an.
Zu der Zeit leben die beiden noch nicht an ein und demselben Ort, und so schildert Jean Paul häufiger seinen Alltag in Meiningen und Coburg. Als er wegen Pinkelns in der Öffentlichkeit eine Geldstrafe zahlen muss, berichtet er dem Freund ironisch von seinem „Wasser-Fal“ und dass er den Coburgern durch sein Verhalten womöglich mehr „Pres-Freiheit“ erworben habe. Doch der „urinöse Prozess“, wie er die Angelegenheit in einem anderen Brief nennt, leitet die Abkehr Jean Pauls von der einst als himmlisch gepriesenen Residenzstadt ein. 1804 zieht der Schriftsteller nach Bayreuth; aus dieser Zeit haben sich freundschaftlich-zärtliche Billets der nun benachbarten Freunde erhalten.
Jean Paul ist nicht frei von den klischierten Ansichten seiner Zeit über jüdische Menschen im Allgemeinen. Doch im persönlichen Austausch zeigen sich Respekt und Wissbegierde. So lässt er sich von dem Freund über Aspekte des jüdischen Glaubens und jüdischer Traditionen unterrichten und bemerkt, er kenne „die Unterdrükten blos aus dem Munde der Unterdrücker“. Die Juden fasst der Schriftsteller als „Nation“ auf, und betrachtet das Judentum von einem aufgeklärten Standpunkt her. Emanuel Osmund lebt den jüdischen Regeln gemäß. Andererseits zeigt er sich nicht eben als Kritiker der Haskala (der „jüdischen Aufklärung“). Er tritt für Bildung und Gleichberechtigung ein, nicht jedoch für die Akkulturation der jüdischen Bevölkerung an die christlich geprägte Mehrheitsgesellschaft.
Auf die Fragen und Spekulationen des Freundes über den Talmud und das Judentum antwortet Emanuel Osmund mit Geduld und nimmt sich wohl manches Mal zurück, wenn der Freund eine diesbezügliche Dummheit begeht. Insgesamt fällt auf, dass keiner den anderen vom eigenen Standpunkt überzeugen muss. Den damals verbreiteten Gedanken einer Überlegenheit der christlichen Religion (und damit Kultur) über die jüdische findet man bei Jean Paul ebenso wenig wie den umgekehrten bei Osmund.
Es ist ein Verdienst dieses Begleitbuchs, die Aspekte einer deutsch-jüdischen Freundschaft am Beginn des 19. Jahrhunderts zu beleuchten. Sie zeigt: Die Geschichte der Juden in Europa hätte eine andere werden können. Andererseits finden sich auch hier, über hundert Jahre vor der Schoa, die Anmaßung und moralischen Defizite einer jüdische Menschen nicht als Mitbürger und Mitmenschen anerkennen wollenden deutschen Mehrheitsgesellschaft.
H. Pfotenhauer, S. Salatowsky, B. Wagner: Meine Feder soll ein Flügel sein: Jean Paul und seine literarischen Netzwerke. Königshausen & Neumann, 2025, 196 S.
Der Beitrag erschien zuerst in der Literatur in Bayern Nr. 164.
