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22.07.2026, 07:54 Uhr
Sophia Lindsey
Spektakula

Diskussion zu James Krüss im Kontext der NS-Zeit

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v. l. n. r. Ada Bieber, Winfred Kaminski, Michael Schmitt und Gabriele von Glasenapp diskutieren bei der Tagung „100 Jahre James Krüss“ über den Autor im Kontext der NS-Zeit © IJB

Die Tagung „100 Jahre James Krüss“ in der Internationalen Jugendbibliothek widmet sich dem berühmten Kinderbuchautor der Nachkriegszeit in all seinen Facetten. Eine Diskussionsrunde wirft ein Schlaglicht auf ein kompliziertes Kapitel seiner Biografie – doch die Betrachtung von Krüss’ Werk im Kontext der NS-Zeit steht noch am Anfang.

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Durch das geöffnete Fenster des Christa-Spangenberg-Saals dringt Kinderlärm. Drinnen geht es um Kinderliteratur – genauer: um den Autor James Krüss, der vor allem als lebenslustiger Sprachkünstler mit Strickmütze bekannt ist, als heiterer Helgoländer, der im München der Nachkriegszeit mit seinen Gedichten, Büchern und Hörspielen große Erfolge feierte und dessen umfangreiches Werk von eigenwilligen Bimmelbahnen und drollig-wollig-molligen Katzen bevölkert wird. Zu seinem 100. Geburtstag kuratieren Literaturwissenschaftlerin Ada Bieber (HU Berlin) und Theaterwissenschaftler Rasmus Cromme (LMU München) eine zweitägige Tagung, die an diesem 3. Juli 2026 bei Sommerhitze im Schloss Blutenburg stattfindet. Diese beleuchtet auch einen Aspekt, der bisher eher am Rande stand: Die Diskussionsrunde „James Krüss als junger Autor der Nachkriegszeit“ widmet sich seinem Umgang mit der NS-Zeit und will neue Perspektiven auf das Werk eröffnen. Denn, wie Bieber resümiert: „Das Thema kann ab jetzt nicht mehr vermieden werden.“

Absage an die „Bullerbü-Sehnsucht“

Die Ressource an poetisch-leichten James-Krüss-Bonmots ist bei einem Gesamtwerk von rund 160 Büchern schier unerschöpflich. In der Diskussionsrunde aber, an der neben Moderatorin Bieber auch der Journalist und Krüss-Kenner Michael Schmitt sowie zwei Kinder- und Jugendbuchexperten – die Literaturwissenschaftlerin Gabriele von Glasenapp (Universität zu Köln) und der Kulturwissenschaftler Winfred Kaminski (zuletzt an der FH Köln) – teilnehmen, fällt kein einziges solches Zitat. Das mag daran liegen, dass es gewissermaßen gar nicht um das Gesagte geht. Sondern um das Ungesagte.

„Was wird eigentlich erzählt und was wird überhaupt nicht erzählt?“, fragt Glasenapp, die mit einem Aufruf zur „Kontinuitätsforschung“ in die Diskussion einsteigt: „Biografien beginnen nicht erst 1945/46.“ Deshalb gelte es, Autorinnen und Autoren, die die NS-Zeit „erlebt oder überlebt haben, erst einmal überhaupt eine Biografie zu geben“. In der Kinder- und Jugendliteraturforschung geschehe dies „nur sehr ansatzweise und vorsichtig“. Fragt man Bieber rückblickend nach ihren Erwartungen an das Panel, findet sie noch deutlichere Worte: Man müsse endlich loskommen von der ausweichenden, eskapistischen „Bullerbü-Sehnsucht“, die gerade in Bezug auf Kinderbuchautoren lange Zeit vorherrschte – wie auch die Debatte um Otfried Preußler gezeigt habe. „Autoren müssen in ihrer Ambivalenz und Komplexität sowie im Kontext ihrer Schuldfrage diskutiert werden.“

Ein „guter Mann mit schlechten Dienern“?

Dass alle Teilnehmenden dabei um eine differenzierte Betrachtung bemüht sind, ist dem Gespräch durchweg anzumerken, das eher aus kleinen, fundierten Vorträgen der Experten denn aus einer regen Diskussion besteht. Dem 45-minütigen Format wird so viel Tiefe wie möglich abgerungen. Es gehe eben nicht darum, „einen Presse-Scoop im Sinne von ‚Auch XY war in der NSDAP‘“ zu landen, betont Glasenapp – was sofort an ein anderes Medienereignis denken lässt, das mit dem 100. Geburtsjahr von James Krüss zusammenfällt: Im März 2026 machte das US-Nationalarchiv die überlieferte Mitgliedskartei der NSDAP online zugänglich. Über den Umweg der amerikanischen Daten ermöglichten deutsche Medienhäuser daraufhin, was bisher aus Datenschutzgründen nur über eine Anfrage beim Bundesarchiv möglich war: herauszufinden, „was Ihre Familie unter Hitler getan hat“, wie es der Spiegel plakativ ausdrückt.

Dass die Eingabe von „James Krüss“ einen Treffer ausspuckt, ist der Öffentlichkeit spätestens seit 2011 bekannt, als der stern über die Parteizugehörigkeit des zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Autors berichtete. Aus seiner NS-Vergangenheit und Hitler-Begeisterung als Jugendlicher hat der Autor, der sich 1944 als Achtzehnjähriger freiwillig zum Kriegsdienst meldete, nie einen Hehl gemacht: In seiner Vorläufigen Lebensgeschichte eines Geschichtenerzählers (1965) berichtet er davon, wie er die ersten Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte: „[E]s war bei mir kein Aufatmen nach Jahren geistiger und politischer Drangsal, jedenfalls nicht bewußt; denn ich hielt Herrn Hitler immer noch für einen guten Mann mit schlechten Dienern.“ Auch in dem an Erwachsene gerichteten Text Heimkehr aus dem Kriege. Eine Idylle (1965) bekennt er, dass seine Gefühle „durchaus bräunlich eingefärbt waren“.

Wann kippt Unbedarftheit ins Unglaubwürdige?

Krüss „inszeniert … sich selbst als naiven, harmlosen Taugenichts, der während der NS-Zeit kaum klar sieht und in einer idyllischen Wanderung aus dem Krieg erst allmählich die Augen öffnet“, schreibt Bieber in einem wissenschaftlichen Aufsatz über Heimkehr aus dem Kriege, einen Text, den sie für „schwierig und naiv“ hält. Denn der Preis der Idylle ist das Unausgesprochene – das Unaussprechliche. So behauptet Krüss etwa, er habe „nur eine sehr vage Vorstellung“ der Konzentrationslager gehabt. „Daß die SS mit diesen Lagern zu tun hatte, wußte ich nicht.“ Doch an welchem Punkt kippt jugendliche Unbedarftheit ins Unglaubwürdige? Dieser Frage geht Schmitt nach, der in der Diskussion anhand Krüss’ biografischer Stationen den Unschärfen nachspürt, die sich in die „launige“ Erzählung schleichen. Als Beispiel nennt er das KZ-Außenlager Großkoschen nahe Senftenberg – ein paar Dutzend Kilometer entfernt vom Fliegerhorst Oschatz, wo Krüss ursprünglich stationiert war. In dem Außenlager seien kaputte Flugzeuge ausgeschlachtet worden, um Ersatzteile für neue Flugzeuge zu beschaffen. Etwa 800 Zwangsarbeiter seien dort ums Leben gekommen. Krüss aber erwähnt es mit keinem Wort. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein angehender Luftwaffenoffizier nicht weiß, woher die Ersatzteile für die möglicherweise noch nutzbaren Flugzeuge herkommen“, erklärt Schmitt.

1965, als der Text erscheint, steht die Öffentlichkeit immer noch unter dem Eindruck zweier aufsehenerregender Prozesse – dem Eichmann-Prozess, in dem 1961 in Jerusalem einer der Hauptverantwortlichen für die Deportation der Juden zum Tode verurteilt wird, und dem Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965), dem bedeutendsten westdeutschen NS-Prozess der Nachkriegszeit. Vor diesem Hintergrund erscheint Krüss’ erzählerisches Ausweichen umso eklatanter. Möglicherweise sei er eben doch kein Einfaltspinsel, nicht „der Simplicius, als der er sich darstellt“, so Schmitt, sondern jemand, „der die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt nicht stellt.“

„Kein Negativbeispiel“

Tatsächlich verweist Krüss in Heimkehr aus dem Kriege selbst auf seine Grenzen beim Beschreiben des Geschehenen: „Heute weiß ich, was damals in Deutschland geschah … Doch ich kann es nicht beschreiben. Ich blieb am Rande des Schreckens, weil ich am Rande bleiben wollte.“ Dabei darf nicht vergessen werden – und auch dieser Aspekt seiner Biografie kommt in dem nuancierten Gespräch nicht zu kurz –, welche Ausbildung Krüss unmittelbar vor seinem Eintritt in den Kriegsdienst erhalten hat: Er besuchte die sogenannten „Lehrerbildungsanstalten“ in Lunden und Ratzeburg, bevor er 1944 an die Bernhard-Rust-Hochschule in Braunschweig wechselte. Dabei handelte es sich, wie Kaminski erläutert, um entakademisierte Institutionen, in denen die Studierenden HJ-Uniformen trugen, ein Kasernenton herrschte und der Unterricht häufig „Übungen auf dem Felde“ wich, die im Wesentlichen daraus bestanden zu marschieren, zu exerzieren und zu funktionieren. Entsprechend würdigt Kaminski Krüss’ persönliche Leistung, diese pädagogische Vorprägung letztlich – innerhalb der genannten Grenzen – überwunden zu haben. Oder zumindest den Versuch unternommen zu haben, sie zu überwinden. „Er ist kein Negativbeispiel, im Gegenteil.“

Diese Differenzierung ist Bieber wichtig: „Das Werk für Erwachsene missglückt, weil er nicht genug reflektiert. Das Werk für Kinder glückt, weil er über Humanismus sprechen kann.“ Sie erwähnt einen Brief an die Oetinger-Lektorin Nele Prüfer, in dem Krüss im September 1978 von Plänen spricht, seinen erstmals 1962 erschienenen Jugendroman Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen für die geplante Neuausgabe in eine Rahmenhandlung einzubetten, die Hitler und den Nationalsozialismus thematisiert. Obwohl dies letztlich (aus unbekanntem Grund) nicht in die Tat umgesetzt wurde, gilt den Panel-Teilnehmenden Timm Thaler als Beispiel dafür, wie Krüss sich am Führer als Verführer abarbeitet: In dem Buch, das als Zivilisations- und Kapitalismuskritik gelesen werden kann, erliegt die Hauptfigur der Binnenerzählung den Verführungskünsten des Baron Lefuet (Teufel rückwärts) und überlässt ihm sein Lachen im Tausch gegen die Fähigkeit, jede Wette zu gewinnen.

Immer wieder die Melancholie

In Timm Thaler geht Krüss also „gegen die Sprache der Magie“ an, „gegen ihre Verführung zur Kritiklosigkeit“ (Kaminski). Auch in der Rahmenerzählung klingt das an, wenn der Erzähler dazu verleitet werden soll, die Geschichte gar nicht erst zu erzählen: „Ein Haus am Meer und eine Jacht davor, dazu ein Bankkonto, das niemals leer wird, das alles gibt es, wenn man schweigen kann.“ Diese Absage an die Sprache der Verführung verortet Kaminski auch in Krüss’ eigener Biografie: 1946 wechselt er als junger Mann an die Pädagogische Hochschule in Lüneburg und beginnt dort, sich „eine ganz andere, sprachlich-literarische Welt“ zu erschließen. „Ich glaube, die Befreiung von der Sprache des Nazismus war für ihn eine Grundbefreiung.“

James Krüss mit Pudelmütze (undatiert) © Erbengemeinschaft James Krüss

Insgesamt wird der Ton der Panel-Teilnehmenden versöhnlicher, sobald es um das kinderliterarische Werk geht. Timm Thaler gilt als eines seiner ernsteren Bücher; es sei – wie auch die späteren Romane Paquito oder Der fremde Vater (1978) und Nele oder Das Wunderkind (1986) – durchdrungen von einer „Melancholie in der Auseinandersetzung mit der Welt“, führt Schmitt aus. Überhaupt fällt das Schlagwort der Melancholie an diesem Tag immer wieder und dient den Diskutierenden gleichsam als Schlüssel zu Krüss’ Modus des Erzählens.

Bieber will die Diskussion an diesem Freitag als impulsgebend verstanden wissen: „Wir haben die Auseinandersetzung angestoßen, in dem Rahmen, in dem es uns möglich war.“ Zukünftig sei eine tiefgehende Betrachtung des Autors im Kontext seiner NS-Vergangenheit nötig, auch in Hinblick auf seine bisher nicht zugänglichen Tagebücher und Feldpostbriefe. Dieser Zugang wird bald möglich sein: Ulrike Schuldes, Vertreterin der Erbengemeinschaft James Krüss, erklärt auf Nachfrage, es werde 2027 ein James-Krüss-Forschungsstipendium der Internationalen Jugendbibliothek geben, das die Arbeit mit dem Nachlass im Lesesaal einschließt und von der Erbengemeinschaft finanziert wird. „Damit soll die wissenschaftliche James-Krüss-Forschung gezielt angeregt werden“, ergänzt IJB-Direktorin Christiane Raabe.

Denkanstöße liefert dieses Panel reichlich. Es ist später Nachmittag, als die Diskussionsrunde geschlossen wird. Aus dem malerischen Park um das Schloss dringt immer noch Kinderlärm. Im Saal geht es weiter um Kinderliteratur – aber längst nicht nur.

Sekundärliteratur:

Bieber, Ada (2012): Zyklisches Erzählen in James Krüss’ Die Geschichten der 101 Tage. Hamburg.

Dies. (2026): Die ambivalente Auseinandersetzung mit der NS-Zeit von James Krüss. Kindheit, Jugend und literarische Reflexionen. In: kjl & m 26.3, S. 62-70.

Kaminski, Winfred (2026): James Krüss. In: KLG – Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, (abgerufen am 16.07.2026).

Schmitt, Michael (2026): Die Geschäfte des Kapitalismusteufels. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Januar.

Primärliteratur:

James Krüss: Vorläufige Lebensgeschichte eines Geschichtenerzählers. In: Welt und Wort 16 (1961), S. 245-246.

Ders.: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen. Hamburg 1962.

Ders.: Heimkehr aus dem Kriege. Eine Idylle. München 1965.