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15.07.2026, 12:32 Uhr
Thomas Lang
Spektakula

Die Monacensia gewährt Einblicke in Rachel Salamanders Archiv

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Rachel Salamander © Kerstin Schuhbaum

Im Mai 2026 eröffnet die Monacensia die Ausstellung „Literatur & Haltung, Rachel Salamanders Archiv“ und gewährt damit Einblicke in das jahrzehntelange Engagement der Publizistin und Literaturwissenschaftlerin für die Stadt München.

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In der stillen Fürstenstraße unweit des Odeonsplatzes fand sich lange Zeit die mittlerweile an den Münchner Jakobsplatz umgezogene „Literaturhandlung“. 1949 in einem Lager für so genannte Displaced Persons in Deggendorf geboren, gründet Rachel Salamander nach ihrer Promotion als Literaturwissenschaftlerin zum Thema Zeitliche Mehrdimensionalität als Grundbedingung des Sinnverstehens diese Buchhandlung und macht sie zu einem zentralen Ort für gesellschaftliche und literarische Debatten. Salamander schafft ab 1982 nicht nur einen Ort für Literatur zum Judentum in Deutschland nach 1945, sondern darüber hinaus einen der Begegnung und des intellektuellen Austauschs in der von der Nazizeit stark belasteten bayerischen Metropole.

Über tausend Veranstaltungen, alle auf Musikkassetten aufgezeichnet, bilden einen wichtigen Teil des literarischen Lebens in München. Viele bedeutende Menschen kommen in die Literaturhandlung – etwa Amos Oz, Lily Brett, David Grossman oder Gerty Spies. Auch Barbara Honigmann, Maxim Biller und Zeruya Shalev oder die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger traten hier auf. Manche musste Rachel Salamander angesichts des Grauens der Schoa überreden, wieder oder erstmals deutschen Boden zu betreten. Mehrere Lesungen sind in der Ausstellung im Ganzen nachzuhören.

Ein faksimiliertes Dokument in einem der Schaukästen der Ausstellung zeigt Überlegungen, die von offizieller Seite vor der Eröffnung der Literaturhandlung angestellt wurden: Müsste das Schaufensterglas nicht bombensicher sein? München hatte den robusten Antisemitismus in Deutschland u.a. beim Anschlag auf das Wohnheim der israelitischen Kultusgemeinde 1970 mit sieben Toten erneut erfahren müssen.

Aufwändige Digitalisierung

Zahlreiche Fotografien im Archiv dokumentieren die Lebendigkeit der Literaturhandlung als Ort des Austauschs in der bayerischen Landeshauptstadt. Manch einer aus der (bundes-)deutschen sowie internationalen intellektuellen Prominenz ist darauf abgelichtet. Ausschnitte aus TV-Sendungen sind ebenso zu sehen wie Faksimiles von Seiten der Gästebücher, die die Literaturhandlung führt. Mit ihrer Arbeit für die Sichtbarmachung des Judentums im westlichen Deutschland nach 1945 mittels der Literatur beschert Salamander nicht nur der einst so braunen Stadt eine Reihe illustrer Gäste. Sie bietet auch ihrem Publikum eine neue geistige Heimat sowie einen emotionalen Bezugspunkt zur Landeshauptstadt.

Wer über die Appetithappen der Ausstellung hinaus in die Tiefe gehen will, kann dies über die Online-Recherche tun. Der sehr umfängliche Vorlass wird sukzessive digitalisiert und tiefenerschlossen. Bereits zugänglich ist die so genannte „Rote Sammlung“. Hunderte rote Aktenordner dokumentieren, wie die Literatur zum Judentum sich im Kontext zeitgeschichtlicher Debatten entwickelt hat. Die aufwändige Digitalisierung und Erschließung wird dabei von der Alfred Landecker Fondation gefördert. „Wie gelingt es, jüdisches Leben in einer nicht-jüdischen Öffentlichkeit sichtbar zu machen und der jüdischen Erfahrung Relevanz zu verleihen?“, ist die laut Website der Förderer die leitende Frage für die Ausstellung.

Teil des Konzepts sind Leselounges, die zum Verweilen und Stöbern in zahlreichen Büchern, die Salamander in ihrer Buchhandlung vorstellte, einladen. Auch zeigt die Monacensia eine Installation aus Draht und Papier der Künstlerin Miriam Salamander, die bei der Presse-Präsentation anwesend ist. Die Nichte der Publizistin beschäftigt sich der Pressemappe zur Ausstellung zufolge in ihrer künstlerischen Arbeit zentral mit der „inhärente[n] kulturhistorische[n] Bedeutung als Träger von (Schrift-)Zeichen und Informationen“, skulptural in Beziehung gesetzt „zu deren Lesbarkeit, Raumentfaltung und -auflösung.“ Am besten lässt sich die Installation vor Ort sinnlich erfahren.

Schließlich entstehen ein Film (Rachel Salamanders Archiv, 2026, von Christiane Huber und Sven Zellner) und ein Lesebuch Literatur und Haltung, 2026, Verbrecher Verlag). Die Monacensia setzt die Arbeit an dem „atmenden Archiv“ (so Rachel Salamander bei der Eröffnung) über drei Jahre fort, u.a. mit Beiträgen im hauseigenen Blog und einer Reihe von Veranstaltungen.

Das Rachel-Salamander-Archiv zeigt eindrücklich, wie jüdisches Leben in Deutschland nach der Schoa wieder aufkeimt und blüht. Es leistet einen wichtigen Beitrag zum Dialog von jüdischen mit nichtjüdischen Menschen und hilft so, dem auch in Bayern wiedererstarkenden Antisemitismus entgegenzuwirken. Die Stadt München ist mit dem jahrzehntelangen Wirken ihrer Mitbürgerin Rachel Salamander und der Überlassung ihres Archivs reich beschenkt.

Das letzte Wort sei der Publizistin selbst überlassen, die 2020 mit dem Heinrich-Heine-Preis ausgezeichnet wurde und anlässlich der Verleihung sagte, ihr Vorsatz sei gewesen „mit der Literaturhandlung [...] der mit den Menschen vernichteten jüdischen Kultur ein neues Fundament zu legen“ (zit. nach Rachel Salamander: Heine und der deutsche Donner, Frankfurt 2021).