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07.05.2026, 15:20 Uhr
Thomas Lang
Spektakula

Die „Münchner Schiene“ des Literaturfests inszeniert eine Literatur-Manufaktur

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Carola Gruber (l.) und Daniel Graziadei schreiben live in der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. © Literaturportal Bayern

In der Nymphenburger Porzellanmanufaktur fand am 24. April ein ganz besonderer Abend statt. Daniel Graziadei und Carola Gruber produzierten live, je auf ihre eigene Art, Literatur zu musikalischen Improvisationen des Cellisten Jakob Haas. Eine literarische Live-Performance.

Die wenigsten Zuschauer lassen sich die Gelegenheit entgehen, vor Beginn der Veranstaltung an einer Führung durch die Nymphenburger Porzellan-Manufaktur teilzunehmen. 1747 gegründet, stellt das Unternehmen seine Produkte bis heute vorindustriell her. Die vorgeführte Herstellung eines Tellers auf einer Drehscheibe sowie die Bemalung eines weiteren Stücks zeigen eindrücklich die tiefe Verbindung zwischen Körper, Geist und gefertigtem Gut. Die Frage nach der Handwerklichkeit des Schreibens stellt sich nach dieser Schau ganz unmittelbar.

Stift und Papier sind dabei ebenso wenig aus dem Werkzeugkasten gegenwärtiger Autorinnen und Autoren verschwunden wie die mechanische Schreibmaschine. An solch einer sitzt an diesem Abend Daniel Graziadei und stellt sich der Herausforderung des spontanen Schreibens. Der 1981 in Meran geborene Autor und Performer wuchs in Südtirol auf und studierte Vergleichende, Spanische und Englische Literaturwissenschaft in München. Er verfasst lyrische, narrative und dramatische Texte auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch – gelegentlich auch in Meraner Mundart. 

Neben ihm nimmt Carola Gruber am Notebook Platz. Die Autorin ist 1983 in Bonn geboren, studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus sowie Komparatistik in Hildesheim, Berlin und Montréal. Ihre Arbeit wurde bisher u.a. mit dem Literaturstipendium des Freistaats Bayern und dem Würth-Literaturpreis ausgezeichnet.

Ergänzt wird das Duo von dem 1979 in München geborenen Cellisten Jakob Haas. Dieser ist festes Mitglied der Münchner Symphoniker sowie Komponist an der Schnittstelle von Klassischer Musik und Künstlicher Intelligenz. Außerdem ist Haas Teil der Hip-Hop-Fusion-Band Einshoch6.

Es geht an diesem Abend weder um eine Konkurrenz zwischen den beiden Autoren noch um eine zwischen Literatur und Musik. Das Publikum füllt zu Beginn Karten mit drei Stichpunkten aus, welche die Assoziationen lenken sollen. Ein Beamer bzw. ein großer Bildschirm hinter den beiden macht den Schreibprozess fürs Publikum visuell erfahrbar. Drei Schreib- und Musizierrunden à 10 Minuten sind vorgesehen. Die Spannung nimmt dabei vielleicht auch aufgrund des Cellospiels nicht ab. 

Selbstgebastelter Heizungslüfter

In der zweiten Runde lauten die Vorgaben, die aus dem Hut gezogen werden, „selbstgebastelter Heizungslüfter“ und „Orkanböen“. Damit ist eine narrative Spannung vorgegeben. Durch die Klänge des Cellos, die sich mit den Vorgaben akustisch auseinandersetzen, dringt das Hämmern der Schreibmaschine und das geräuschvolle Gleiten ihrer Walze auf der gezahnten Leiste, wenn sie per Hebel zurück auf die Anfangsposition geschoben wird. Immer wieder ist auch das feine Klimpern der Computertastatur zu hören. Die Stille dazwischen vermittelt die Momente, in denen Kopfarbeit die Hände ruhen lässt. 

Carola Grubers Texte suchen an diesem Abend den Spannungsbogen und den Dialog. Daniel Graziadei wirkt dagegen „lyrischer“, mehr an der Sprache als solcher und am Klang orientiert. Die unterschiedliche Herangehensweise macht das Zuschauen (und später den Vortrag) zusätzlich spannend. Während die Schreibmaschine nach dem Gongschlag schweigt und das Blatt aus der Maschine gezogen werden kann, geht der Drucker, der an das Notebook angeschlossen ist, am Ende des Schreibens und mit etwas Verzögerung erst an.

Im Gespräch über den Schreibprozess geht es in erster Linie um die Frage der Solidität. Bei der Schreibmaschine gilt: Geschrieben ist geschrieben. Das führt u.U. dazu, dass man etwas mehr überlegt, bevor man tippt. Jedenfalls ist es wesentlich mühevoller, nachträglich Änderungen vorzunehmen. Ältere Menschen erinnern sich womöglich an das „Aus-Xen“ von Text oder das legendäre Tipp-Ex sowie an Schere und Kleber. Demgegenüber bietet der Computer ein viel größeres Maß an Freiheit zur Überarbeitung, das allerdings die potenzielle Endlosigkeit des Formulierungsprozesses impliziert.

Wie bei der Führung durch die Manufaktur sind auch bei dieser „Schreib-Show“ die Bedingungen nicht deckungsgleich mit dem Alltag. Dennoch wirkt es gelungen, wie hier der eigentlich gedankliche Prozess des Schreibens im Ansatz sinnlich erfahrbar wird. Die größte Faszination des Verfassens bleibt aber, wie (und ob) ein Bild im Kopf Sprache wird und wie wir Menschen aus dieser Sprache, die wir lesen oder hören, in unseren Köpfen wieder Bilder hervorbringen.