Deutsch-jüdische Gespräche (14): Dana von Suffrin und Angelika Otto

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Dana von Suffrin © Gerald von Foris

Zur Reihe: Zeit wahrzunehmen, zuzuhören und zu erwidern. – Angesichts eines zunehmend aufgeheizten und toxischen Kommunikationsklimas möchten wir hier einen Raum der deutsch-jüdischen Gespräche eröffnen. Denn Literatur ist immer auch ein Verhandeln und Transformieren von Wirklichkeiten und Möglichkeiten; ein Im-Gespräch-stehen. Wir laden ein zum Lesen, Zuhören und zum Erwidern; zu einem Austausch zwischen deutschsprachigen jüdischen und nichtjüdischen Schreibenden und Kunstschaffenden über alles, worüber sie jeweils miteinander reden mögen.

Das vierzehnte Gespräch führte die Germanistin und Journalistin Angelika Otto mit der Autorin Dana von Suffrin.

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ANGELIKA OTTO: Ich würde gern mit den „deutsch-jüdischen Gesprächen“ anfangen. Wenn Du das hörst – hast Du da eine bestimmte Erwartung? Also bist Du dann die „deutsch-jüdische Stimme“ und ich bin die „deutsche“?

DANA VON SUFFRIN: Nein, überhaupt nicht. Ich finde die Erwartungshaltung, die diese Bezeichnung weckt – auch wenn wir beide den Hintergrund der Reihe kennen – schwierig. Aber klar: Ich weiß natürlich, dass ich zur deutsch-jüdischen Literatur gezählt werde. Das ist auch in Ordnung. Das ist Marketing, und ich spiele da auch mit. Aber ich finde es trotzdem ein bisschen nervig.

OTTO: Weil es Dein Schreiben zu sehr festlegt?

SUFFRIN: Es gibt ja ganze Bücher darüber, was jüdische Literatur überhaupt ist. Schreiben Autorinnen und Autoren über jüdische Themen? Müssen Juden vorkommen? Oder reicht es, dass die Autorin jüdisch ist? Ich glaube allerdings schon, dass es einen anderen Blick gibt – wenn man mit einer jüdischen Perspektive auf die Welt schaut.

OTTO: Aber definiert das Dein Schreiben? Wenn Du einfach einen Text etwa über diese Radlerin hier schreiben würdest, die vielleicht gleich einen Unfall hat – wird so ein Text durch Deine Identität bestimmt?

SUFFRIN: So würde ich nicht schreiben. Ich glaube, das hat auch mit Identity Politics zu tun. Auch wenn ich vieles daran ablehne, hat sie mich geprägt. Man ist ja keine Insel.

OTTO: Beeinflusst das Dein Schreiben oder die Sicht darauf?

SUFFRIN: Beides. Und das beeinflusst sich wiederum gegenseitig. Wenn die Leute sagen: Das ist ein spezieller Blick, dann übernimmst Du das irgendwann, vielleicht sogar unbewusst. Als ich Anfang zwanzig war, habe ich ein Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung gemacht. Mein Mitpraktikant hatte einen ähnlichen Hintergrund wie ich. Und ich habe ihn neulich gefragt: Vor zwanzig Jahren hat uns das alles doch gar nicht so interessiert, oder? Und er meinte: Nein, überhaupt nicht. Wir haben schon gemerkt, dass wir irgendwie anders sind als andere, aber das Thema Jüdischsein war nicht so präsent wie heute. Wir haben uns jetzt nicht bei jedem Croissant, das wir gesehen haben, gefragt: Ist das jetzt ein jüdisches Croissant?

OTTO: Oder eben Dein Blick auf das Croissant… Als ich Dein erstes Buch Otto, das 2019 erschienen ist, gelesen habe, war für mich das Auffälligste gar nicht zuerst das Thema, sondern die Sprache. Dieser schwarze Humor, aber gleichzeitig diese Tiefe und diese starken Bilder. Und die Geschichte war dann zwar eine jüdische Familiengeschichte – aber eben auch einfach eine Münchner Familiengeschichte oder eine allgemeingültige Familiengeschichte mit all ihrer das Kleinste und Größte umfassenden Tragik.

SUFFRIN: Genau. Es ist ja keine „Programmatik“. Es ist eine Familiengeschichte. Und natürlich auch eine allgemeine Geschichte. Das ist ja das Besondere an Literatur: Man schreibt über Individuen, aber man will etwas Allgemeineres über die Welt herausfinden. Eigentlich muss ich sagen, dass ich es extrem schwer finde, die Identitätsfrage zu beantworten. Einerseits hilft sie, Dinge zu erklären. Andererseits kann sie auch schädlich sein. Dem Individuum hilft sie, sein Fremdheitsgefühl zu erklären, im Gesamtkontext der Gesellschaft ist sie vielleicht manchmal auch schädlich bzw. man steigert sich in Differenzen hinein. Ich habe das Gefühl, dass heute viel stärker getrennt wird. Früher (also vor dem 07.10.2023) war das weniger der Fall.

OTTO: Hat sich das auf Dein Schreiben ausgewirkt?

SUFFRIN: Schwer zu sagen. Vielleicht sieht man das erst später. Ich habe das Gefühl, dass Aspekte meiner Identität stärker geworden sind. Wenn Dir jemand sagt, Du gehörst nicht dazu, dann reagierst Du darauf. 

OTTO: Ich habe gesehen, dass Du mit Philipp Lenhard auch eine Reihe, „Der jüdische Buchklub“, im Literaturhaus moderierst, mit Büchern zu jüdischer Geschichte und Kultur.

SUFFRIN: Ja, das war die Idee von Philipp Lenhard. Ich fand das schön. Aber ich würde auch jeden anderen Buchklub moderieren, auch einen türkischen oder englischen Buchclub. 

OTTO: Deine Poetikvorlesungen, die Du im Rahmen Deiner Chamisso-Poetikdozentur in Dresden hältst, beginnst Du mit diesem Bonmot: Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel; wer dauernd darüber schreibt, wie Familien am Tisch sitzen und streiten, sieht in jedem Konflikt eine Fallgeschichte. In diesem Sinne: Ist auch Dein jüngstes Werk Toxibaby eine Familiengeschichte oder ist es doch eher ein Millenniums-Beziehungsdrama?

SUFFRIN: Darauf werde ich relativ häufig angesprochen. Ich sehe das gar nicht so eng. Eine Familie muss ja auch entstehen – und das passiert, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen. Mich interessiert vor allem die Psychologie zwischen Menschen: Spannungen, Konflikte, Streit. In welchem Verhältnis die genau zueinander stehen, ist fast zweitrangig. Aber klar: Am Anfang schreiben viele über Familie. Und dann erweitert sich der Kreis vielleicht.

OTTO: Trotzdem sagst Du ja selbst, dass Familienthemen Dein Schreiben definieren.

SUFFRIN: Ja, das Fundament sind eben vor allem Dinge, die mit meiner eigenen Erfahrung zu tun haben. Ich würde nie einen Roman über etwas schreiben, das mir völlig fern ist. Ich brauche Stoffe, die mir nahe sind. Und daraus ergibt sich dann der Rest. Also ich würde nie auf die Idee kommen, etwa über Mönche im 14. Jahrhundert zu schreiben.

OTTO: Da sitzen also in Deinen Texten oft Familien um einen Tisch und streiten sich, bis das Essen kommt (so der Titel Deiner Vorlesung). Wobei jeder recht fest in seiner Rolle steckt und einfach nicht aus seiner Haut kann – sehe ich das richtig?

SUFFRIN: Ja, ich glaube tatsächlich nicht wirklich an Entwicklung. Ich habe keinen Fortschrittsglauben. Menschen machen immer wieder die gleichen Fehler und sind unfähig, dazuzulernen.

OTTO: Und das macht Deine Figuren zugleich auch so unglaublich sympathisch, dass sie sich so quälen und doch nicht ändern können. Sie treten einem auch dadurch so plastisch vor Augen, dass Du viel mit Dialogen arbeitest. Hörst Du die Stimmen Deiner Figuren, wenn Du schreibst?

SUFFRIN: Nicht die Stimmen, aber die Stimme. Die Erzählstimme ist immer zuerst da. Ich kann das gar nicht richtig erklären. Obwohl mir Sprache und gerade der Rhythmus unglaublich wichtig sind – der Rhythmus ist entscheidend –, arbeite ich sprachlich ziemlich wenig um. Wenn ich erst einmal eine Stimme habe, geht das Schreiben fast automatisch. Also gut, ich habe natürlich immer so Spezifika, die immer wieder auftauchen. Ich mag lange Sätze und diese mäandernde Bewegung und so. Und ich hasse es wirklich, wenn mir dann irgendjemand etwas in den Sätzen ändert. 

OTTO: Ein großes Thema Deiner Poetikvorlesungen ist auch Humor.

SUFFRIN: Ja, aber ich finde es unglaublich schwer, Humor zu definieren. Ich denke seit Jahren darüber nach und habe keine klare Antwort. Humor schafft Distanz, glaube ich. Aber sobald man darüber spricht, wird es sofort abstrakt.

OTTO: Gleichzeitig sagst Du, dass Humor in der Literatur nicht immer ernst genommen wird.

SUFFRIN: Ja, das ist schon so. Humor wird oft nicht als literarisch angesehen. Dabei kann ein Text gleichzeitig lustig und sehr ernst sein.

OTTO: Du nimmst ja auch sehr gern humorvoll das angeblich typisch „Deutsche“ aufs Korn und setzt dann „deutsch“ synonym mit kalt, grausam, übergenau, penibel – eine Deiner Besonderheiten im Schreiben, die vom Publikum und den Rezensenten meist mit selbstquälerischem Lachen quittiert wird.

SUFFRIN: Ja, die Deutschen geißeln sich gerne. Das, was Du beschreibst, wird übrigens inzwischen fast von mir erwartet, und ich bediene halt diese Erwartungen. In meinem zweiten Buch hatte ich in der Figur des Arztes so einen „arischen“ Typus, was ich selbst öde und schon fast billig fand. Aber die Leute haben so gelacht.

OTTO: Und warum? Meinst Du, das ist, weil Du, „frei nach Freud“, den Witz als Tabubruch benutzt?

SUFFRIN: Absolut, weil hier die Tabus eben niedrigschwellig angesetzt sind. Denn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gab und gibt es hier bis heute nicht. Nächste Woche lesen wir etwa Silja Behres Kishon-Biographie im „Jüdischen Buchklub“. Kishon war unglaublich beliebt in den 1960ern und -70ern in Deutschland und hat eine Millionenauflage erreicht. Der angeblich jüdische Humor hat ihn hierzulande populär gemacht, doch sobald er über Politik sprach, sind die Leute ihm richtiggehend ausgewichen. Eine richtige literarische Anerkennung fehlt ihm übrigens auch bis heute.

OTTO: Am Beginn unseres Gesprächs haben wir über Deine „Rolle“ als jüdische Autorin gesprochen. Meinst Du, das hat auch die Wahrnehmung Deiner Bücher in der Öffentlichkeit stark verändert? Dass du als „jüdische Autorin“ gelesen wirst?

SUFFRIN: Interessanterweise schwankt das sehr. Bei Toxibaby gab es zum Beispiel eine Rezension, die das komplett ausgeblendet und sich nur für die Liebesgeschichte interessiert hat. Ein paar Tage später hat ihr Kollege angerufen und sich bei mir entschuldigt, dass die Kollegin die ganze jüdische Ebene übersehen hätte.

OTTO: Und wie gefällt Dir das Leben auf Lesereise?

SUFFRIN: Es ist anstrengend, vor allem das Reisen – Stichwort Deutsche Bahn. Aber ich mag den Austausch mit dem Publikum. Leserinnen und Leser entdecken oft Dinge in den Texten, die ich selbst gar nicht gesehen habe. Oder sie erinnern sich auch an ganz andere Stellen oder finden Dinge wichtig, die ich überhaupt nicht gesehen habe. Jeder sucht sich selbst in einem Buch.

OTTO: Abschließend die Frage: Woran arbeitest Du gerade?

SUFFRIN: Ich plane ein Hörspiel zu Toxibaby. Außerdem arbeite ich an einem neuen Roman. Und ich würde gern mehr fürs Theater machen.

OTTO: Vielen Dank für das Gespräch!