„Liegewagen.“ Eine Erzählung von Nikolai Vogel
In seiner Erzählung Liegewagen entführt uns der Autor Nikolai Vogel in eine prekäre Gleislandschaft; in die Irrungen und Wirrungen des zeitgenössischen Zugfahrens. Ein Unterwegssein, in dem die Ängste im Gepäck mitreisen.
*
Wagen 119 gab es nicht. Wir sind den langen Weg bis ans Ende des Bahnsteiges gegangen, den ganzen Zug entlang, Wagen für Wagen. Haben wiederholt auf unsere Platzkarten geschaut, die Reservierung geprüft. Haben die Koffer hinter uns hergezogen und die Tüten mit den ganzen Einkäufen geschleppt. Und jetzt? Noch mal zurück? An den Anfang?
„Ist doch egal“, sagt Madison, „wir haben ja noch Zeit.“
Vielleicht wird noch ein Zugteil angekoppelt, überlege ich, denn ich sehe einen Bahnangestellten im orangen Kittel sich die Beine vertreten, noch ein Stück weiter den Bahnsteig hinaus, ganz klar, der wartet auf etwas. Stehen wir da und warten auch. Sehen die Gleise aus dem Bahnhof hinauslaufen, in die Vorstädte, ins Land. Oder umgekehrt hineinlaufen, vom Land, durch die Vorstädte, bis in den Gare de l’Est. Andere schauen wie wir auf ihre Fahrkarten, und dann bemerke ich, wie sie eine Schaffnerin umringen, aufgeregt, ein emsiges Durcheinander – als handle es sich um ihre Königin. Das will ich auch wissen! Tüten vom Boden, Koffer hinterher, eineinhalb Wagen zurück. Die 119, frage ich und halte mein Ticket hoch.
„Ja, die fehlt leider, der Wagen ist nicht mitgekommen“, sagt die Schaffnerin.
„Wie – nicht mitgekommen“, frage ich und höre, dass sie es auch nicht sagen kann.
„Der ist wohl irgendwo verloren gegangen“, meint sie.
„Verloren gegangen, wo denn?“
„Das wissen wir auch nicht“, sagt sie, „wir prüfen gerade noch, wo der unterwegs geblieben ist – sicher versehentlich an ein falsches Zugteil gekoppelt.“
„Aber wir haben doch eine Liegewagenreservierung – wohin also jetzt?“
„Nun,“– die Schaffnerin bleibt souverän, gelassen, lässt sich nicht stressen – „der Zug ist leider ziemlich ausgebucht, die Bahn zahlt Ihnen ein Hotel, und Sie können morgen früh mit dem TGV nach München fahren.“
„Morgen früh erst? Wann?“
„Um 7:24 Uhr, dann sind Sie mittags um halb zwei in München. Oder Sie steigen ein und ich sehe, was ich machen kann, erst mal im Sitzwagen – vielleicht bekomme ich ab Metz ein Plätzchen im Liegewagen, wenn wir Glück haben schon vorher.“
Ich sehe Madison an, sie zuckt die Achseln. Noch eine Nacht in Paris, verlockend erst, umsonst! – Nur, bis wir das Hotelzimmer mal hätten und dort alles abgeladen haben, ist es sicher schon elf, und dann könnten wir wohl kaum noch Größeres unternehmen – wenn wir morgen schon gegen sechs aufstehen müssten. Und außerdem wollen wir schließlich morgen Mittag schon zu Thomas’ Geburtstag aufs Land. – Die Schaffnerin ist bereits wieder umringt, eine Gruppe Chinesen mit Reiseführerin. Noch durch Bars ziehen, guter Wein. Oder essen gehen und noch mehr Geld ausgeben. Champagner und die Nacht, ein frisch bezogenes Bett. So stehen wir da, unschlüssig, mit gepackten Koffern.
„Das war alles so schön, lass uns fahren“, meint Madison, „und wer weiß, wo das Hotel ist.“
Ich rufe der Schaffnerin zu, dass wir einsteigen, sie nickt, blickt in ihre Liste.
„Gehen Sie mal auf Platz 33 und 34 hier im Wagen, ich komme dann zu Ihnen.“
Und weiter geht’s mit den Chinesen. Wir hieven unser Gepäck die Stufen des Waggons hoch, schieben uns durch den Gang. Wir haben die zwei Mittelplätze eines Abteils – die einzig noch freien. Am Fenster zwei noch mädchenhafte, junge Frauen, am Gang ein russisches Pärchen. Die Rucksäcke und Tüten hochhanteln und erst mal hinsetzen, nach links und rechts lächeln. Draußen sehen wir die Schaffnerin die Reisegruppe versorgen. Nach einem kurzen Moment läuft die ganze Gruppe ihrer Führerin hinterher, zurück Richtung Ausgang. Die würden im Hotel bleiben.
„Die verlieren jetzt ein ganzes Tagesprogramm“, sagt Madison.
Die große Reise, deren Erinnerung einen dann durch das Arbeitsleben tragen soll. – Im Gang Hin und Her, Menschen, die sich aneinander vorbeidrücken, eingezogene Bäuche, sich verkeilende Koffer. Die Schaffnerin noch draußen am Bahnsteig, wiederholt in letzter Minute Ankommenden, was sie uns schon gesagt hat. Hochgerissene Arme, Kopfschütteln, wegwerfende Handbewegungen. Hotel oder Sitzplatz! Entscheidungsschwierigkeit. Die Russen neben uns wirken nervös, unterhalten sich leise, aber aufgeregt. Und die Mädchen am Fenster richten sich behaglich ein, legen Lektüren bereit, Kekse und Coca-Cola. Ein Pfiff, das Geräusch der schließenden Türen, ein Ruck, mühsam noch, wir fahren! Der Bahnsteig rollt vorbei, Paris ade. Ich schaue der Stadt noch ein wenig nach, der Gleislandschaft, dann hole ich auch mein Buch raus. Wir haben zugesehen, wie sich der Stempel der Buchhandlung aufs Papier des Vorsatzblattes gedrückt hat. Ein Kreis aus Tinte. Shakespeare and Company Kilometer Zero Paris. Ein Buchladen, in dem man verloren gehen kann. Er hatte Madison lange warten lassen. Alte Ausgaben, erste Nachkriegs-Wiederauflagen auf schlechtem Papier. Und gleich bei der Kasse die Regale der Lost Generation, wo Madison ausharrte. Hemingway, Henry Miller.
Die Russen tuscheln noch immer, sie aufgeregt, er irgendwie unsicher, missmutig. Die jungen Frauen neben uns strahlen, gehen ganz auf in Gegenwart. Und ich freue mich auf den Wein und auf das Picknick, das wir uns mitgebracht haben. Baguette, Käse. Wein im Zug, was gibt es Schöneres. Aber wer weiß, wie lange man das noch darf. Schlage mein Buch auf, aber irgendwie finde ich nicht so richtig rein. Blicke zu Madison, sie blickt zurück. Die Paris-Tage auch schon wieder gezählt. War eine spontane Idee. Über zehn Jahre waren wir nicht dort gewesen – und hatten so schöne Erinnerungen an die Stadt, obwohl wir das letzte Mal so viel gestritten hatten. So neu verliebt, gerade erst ein paar Wochen zusammen. Und damals den ganzen letzten Tag mit den schweren Rucksäcken rumgelaufen, sogar auf dem Friedhof, Père-Lachaise. Abaelard und Heloïse. Aber dieses Mal waren wir nicht dort. Teenage-Romantik. Jim Morrison, die ganzen Mädchenfotos auf seinem Grab, mit Lippenstiftherzen. Die Piaf, Georges Perec, Proust, Oscar Wilde, Seurat, jeder in seinem Sarg. Ganze Straßenzüge. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, und das alles schwer beladen. Bis uns die Schultern schmerzten.
Wir hatten die Rucksäcke am Bahnhof zur Gepäckaufbewahrung bringen wollen, aber die war zu, wegen Terrorgefahr. Das Leben, Gebrauchsanweisung! Auch Schließfächer gab es keine. Und die ganzen Tage schon nirgends ein Abfalleimer, damit niemand seine Bomben hineinlegen kann. Abfalleimer gab es diesmal wieder: transparente Beutel in Metallringen, als sähe man so sofort jeglichen gefahrbringenden Inhalt... Wir haben die geleerte Flasche Champagner reingeworfen, die wir am Hang zu Sacré-Cœur getrunken haben, zu Baguette mit Pastete, dauernd Ausschau haltend nach dem Wächter – Alkoholverbot. Und es kam tatsächlich gleich wer, der den Sack geleert hat. –
Wir fahren, die Stadt verebbt, Nacht breitet sich um den Zug, das Abteil spiegelt sich im Fenster. Reisende stolpern den Gang entlang, schieben Taschen und Koffer vor sich her, suchen noch immer ihre Plätze. Die Schaffnerin kommt. Sagt uns, dass sie Bescheid gibt, sobald sie weiß, wann sie zwei Liegeplätze für uns hat. Kontrolliert die Tickets. Die Russen wollen, dass sie irgendwelche Zollpapiere unterschreibt – soweit ich es mitbekomme, geht es um einen Duty-free-Einkauf ohne Mehrwertsteuer. Das schwierige Zusammenwachsen der Welt, denke ich. Die Schaffnerin weiß auch nicht, was sie da tun kann. Die beiden bleiben nervös. Die Mädchen am Fenster richten sich jetzt noch gemütlicher ein, die Fahrkarten sind kontrolliert, das heißt Ruhe. Die neben mir schlüpft aus den Schuhen, streckt ihre Beine aus, legt sie auf den Sitz gegenüber. Ihre Freundin tut es ihr nach kurzem Zögern gleich.
„Schon wieder vorbei, Paris“, sage ich zu Madison. Das Mädchen neben mir fällt ein, „ja, das ging schnell.“
„Wie lange wart ihr denn“, will ich wissen.
„Ach, wir sind nur übers verlängerte Wochenende gefahren“, sagt sie. „Und vorhin waren wir noch in Versailles – aber nicht im Garten“, bedauert sie, „das hätten wir nicht mehr geschafft, wir sind auch so schon genügend gerannt, mir tun die Füße vielleicht weh!“
Guillotinen und abgeschlagene Köpfe, denke ich, die Folge des Luxus. Und sie muss ganz früh aufstehen, hat Angst, dass sie ihren Bahnhof verschläft, wird von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt. „Zu nachtschlafender Zeit“, sagt sie, und ich weiß nicht, ob mit gespielter oder echter Entrüstung. Bittet ihre Freundin, auch das Handy leise zu stellen. Ich schaue wieder in mein Buch. Komme über die ersten Absätze nicht hinaus, sehe immer wieder aus dem Fenster, das sanfte Gerüttel des Zuges, der rhythmische Ton von den überfahrenen Schwellen. Shakespeare and Company, Kilometer Zero. Die gedrungene Notre Dame gegenüber. Oben im ersten Stock ein Klavier und ein Schlafender auf dem Sofa. Wir waren weit gegangen. Das Frühstück im Grünen. Der Ursprung der Welt. Der leichte Regen in den Tuilerien. Mitternacht auf dem Eiffelturm, das Geglitzer seiner Tausenden Lichter, und dicke Scheinwerferstrahlen kreisförmig wie tastende Finger in den Nachthimmel über der Stadt. Das Geld ausgegeben. Champagner. Unter der Grande Arche in La Défense. Und in den Galeries Lafayette Gänsestopfleber angesehen, die edel aussehenden Blöcke Foie gras, und nicht gekauft. Die am Hals gepackte Gans und das bis in den Magen gestoßene Futter. Und im Café de Flore gab es um elf Uhr vormittags nicht mal mehr Croissants, sondern amerikanischen Toast. Die Straßen herausgeputzt.
Anders als vor zehn Jahren, ganz anders als bei Eugène Atget. Im Louvre die Nike, der Kopf abgerissen, verschollen, die Schwingen hochgestellt. Als habe sie hinabfliegen wollen, die Sklaven aus ihrem Stein befreien. Und die vor dieser unnahbaren Siegesgöttin die Treppen herabsteigenden Wärterinnen, die uns kurz vor Schluss erbarmungslos aus den Ausstellungshallen gedrängt haben. Unter die Pyramide aus Glas und hinaus in die Souvenirläden. Die Venus als ganze armlose Armee. Die Mona Lisa als Puzzle, oder die Hochzeit zu Kana. Wasser zu Wein. Die halbe Flasche Champagner am Seine-Ufer abends hat am besten geschmeckt. Die vielen Ausflugsboote sind an uns vorbeigefahren, blendeten mit ihren auf die Ufer gerichteten Scheinwerferbataillonen, und unser Platz war der schönere. Das Geld ausgegeben. Und jetzt trägt uns der Zug retour durch die Nacht, von den Croissants zu den Brezen. Kopfbahnhof München. Aus der Metro in die U-Bahn. Die Zeit schon wieder um. Paris auf unseren Fotos, erneut zurücksinkend in die Erinnerung.
Diese schönen Tage, Ende August im Jahr 2009. So schnell vorbei. Wir werden die Koffer hinter uns herziehen, freuen uns auf Kaffee, die Wohnung, das bequemere Bett und die Dusche. Wenn wir erst mal unsere Liegeplätze bekommen, jemand ungehalten aus dem Schlaf heraus verlangen wird, machen Sie das Licht aus. Im Dunkeln das Leintuch entfalten und drüber die Decke, in die Fahrtgeräusche hinein hören, Bilder aus den letzten Tagen neu mischen ... und dann verschwinde ich im Geratter, entschwinde in den Schlaf ... – Die Abteiltüre wird aufgerissen.
„Das ist mein Platz!“
Mit Akzent. Ein kräftig gebauter Kerl, der gerade so in den Sitz passen würde. Die schmale Russin neben mir zuckt zusammen. Militärhose, Söldner-Look. Er schaut mich an, als erwarte er, dass ich mich sofort vom Acker mache oder noch besser einfach in Luft auflöse.
„Nein, die Schaffnerin hat gesagt, ich solle hier sitzen“, erwidere ich. Er steht breitbeinig in der Abteiltüre.
„So?“ Und starrt mich an. „Die Schaffnerin sagt, du sollst hier sitzen?“
„Ja.“
„Und wo ist die Schaffnerin?“
Ich zucke die Achseln. „Ich glaube weiter vorne im Zug.“
„Egal“, sagt er. „Dann lasse ich das da hier.“
Und als sei es sein Auftrag, packt er mit Schwung seine Reisetasche in das Ablagefach über meinem Kopf. Und ehe noch wer was sagen kann, macht er kehrt und verschwindet. Die beiden Mädchen am Fenster schauen auf die Tasche.
„Der wird gleich wieder kommen?“, sagt die eine.
„Und wenn er einfach aussteigt? Ist doch komisch, lässt einfach seine Tasche hier und geht wieder“, die andere.
„Ja“, nicke ich, „ein wenig seltsam ist das schon.“
Die Russin sagt mir auf Englisch, dass sie froh ist, dass ich hier sitze, und sich nicht dieser Typ neben sie gesetzt hat, vor dem hätte sie Angst gehabt. Ich lächle, aber mir ist unwohl. Ich lange hoch, zur Tasche über mir, eine große, weiche Sporttasche. Etwas Schweres, Hartes ist darin, fühle ich. Flaschen vielleicht? Der zerreißende Zug, die Katastrophenmeldung, Leichenteile. Die Bombe im Gepäckfach. Waggons, zerfetzt neben den Gleisen. Gerade noch wollte ich Madison vorschlagen, den Wein aufzumachen, jetzt fehlt mir dazu jegliche Ruhe. Ersthelfer. Alles ein großes Durcheinander. Blaulicht und die Armada der Pressekameras.
„Ich schaue mal nach“, sage ich. Gehe den Zug gegen Fahrtrichtung, ein, zwei, drei Waggons, finde weder den Typ, noch die Schaffnerin. Gehe zurück und dann von unserem Abteil aus noch einen Waggon weiter in Fahrtrichtung. All die Einsteinexperimente. Vielleicht schneller sein als Lichtgeschwindigkeit, wenn der Zug mit Lichtgeschwindigkeit fahren würde. Ins Jenseits... – Ein Abteil, in dem die Schaffnerinnen sitzen, die Beine ausstrecken, sich unterhalten.
„Jemand meinte, er habe auch eine Reservierung auf meinen Platz“, sage ich.
„Ach ja“, sagt sie, „das kann sein. Der soll sich woanders hinsetzen.“
„Nur weil er sein Gepäck bei uns gelassen hat“, sage ich, „das fanden wir merkwürdig.“
„Nein, nein, das hat schon seine Richtigkeit. Der ist im letzten Moment noch zugestiegen, wollte unbedingt mit. Das stimmt schon.“
„Er hat also eine Fahrkarte“, murmle ich.
„Ja“, sagt sie, „und ich komme dann, wenn ich Liegeplätze für Sie habe.“
Ich gehe zurück, setze mich ins Abteil. Alle schauen mich an. „Die Schaffnerin sagt, das ist in Ordnung“, sage ich. Aber niemand ist überzeugt. Lese zweimal über einen Absatz, ohne mich darauf zu konzentrieren, spüre die Tasche über meinem Kopf, wie ein Gewicht aus bösen Vorahnungen, dann stehe ich wieder auf. „Mal sehen, wo er ist“, sage ich. Gehe wieder gegen die Fahrtrichtung, ein Waggon, zweiter Waggon, dann sehe ich ihn. Ziemlich schnell kommt er auf mich zu, massig. Grinst mich an.
„Du?“, sagt er.
„Ich habe die Schaffnerin gefunden“, sage ich. „Sie meint, Sie können woanders sitzen.“ Er wirkt abwesend, nicht interessiert.
„Ja ja, schon gut“, sagt er und öffnet ein Gangfenster, schaut hinaus.
„Ein Wagen fehlt“, sage ich, „daher die Verwirrung mit den Platzkarten.“
„Fehlt?“
„Ja“, sage ich, „der kam nicht mit, ist verschwunden.“
„Verschwunden“, wiederholt er und sieht mich an. „Was, wenn der ganze Zug verschwunden? Wir alle verschwunden?“ Er lacht. Kumpelhaft irgendwie.
„Wohin fährst du“, frage ich, das Sie erscheint unangebracht, und er hatte mich ja auch beharrlich geduzt.
„Tschechien“, sagt, er, „Prag.“
„Da bist du noch eine Weile unterwegs“, versuche ich ihn im Gespräch zu halten.
„Ja“, sagt er, „muss in München umsteigen.“
Wir schauen aus dem Fenster, vorbeiziehende Lichter entfernter Häuser. Wir alle verschwinden, denke ich.
„Dein Gepäck, willst du das nicht holen“, frage ich.
„Hole ich später“, sagt er. Ich bin perplex, weiß nicht, was ich entgegnen soll.
„Aber die Mädchen wollen schlafen“, fällt mir ein.
„Dann hole ich.“ Er trottet mir nach, in unser Abteil. Ich setze mich, um aus dem Weg zu sein. Genauso schwungvoll, wie er seine Tasche abgeladen hatte, nimmt er sie wieder auf, etwas klirrt.
„Gute Nacht“, sagt er und schließt die Abteiltüre entschlossen, stapft davon. Oder eine Tasche voller Champagner, denke ich. Die Russin lächelt erleichtert. Ihr Freund wirkt noch immer nervös, wegen der Papiere für den Zoll.
„Froh, dass die weg ist, die Tasche“, sagt das Mädchen neben mir, „hab die ganze Zeit gedacht, das ist eine Bombe.“
Die explodiert dann jetzt einen Wagen weiter, denke ich. Kein sofortiger Tod, sondern den schweren Verletzungen erliegen. Noch für einen kurzen Moment einem Sanitäter ins Gesicht sehen. Oder einem entgeisterten Anwohner. Das Mädchen steht auf, streckt sich, bewegt ihre Schultern auf und ab.
„Ich ziehe mich mal fürs Schlafen um“, sagt sie.
Ich blättere ein bisschen im Buch, vor und zurück, aus dem Zusammenhang gelöste Sätze. Er steigt in München um. Halb erleichtert. Die Einbildung, denke ich. Wir machen uns noch alle verrückt. In welcher Zeit leben wir. Immer mehr gleichzeitig. Die Gegenwart. – Das Mädchen kommt zurück, hat einen Schlafanzug aus Frottee an. Und jetzt holt sie sich noch Hausschuhe aus ihrem Koffer. Macht es sich gemütlich, wie in ihrem Schlafzimmer zu Hause. Und ich überlege, wie das geht, sich in der engen Toilette umziehen, wo überall Urinlachen stehen und man nichts berühren will, stelle mir vor, darin zu versuchen, meine Hose auszuziehen, die Verrenkungen, damit sie nirgendwohin schlackert. Jetzt geht das andere Mädchen, aber sie will nur Zähne putzen.
„Wein?“, frage ich Madison. Sie nickt. Ich gehe voraus, sie packt noch das Picknick aus.
„Taschenmesser habe ich“, sage ich. Im Gang öffne ich ein Fenster. Drehe den Korkenzieher in die Flasche. Plopp. Ein besserer Bordeaux. Gebe ihn Madison zum Antrinken. Sie hat den Käse ausgepackt und Baguette. Sie reicht mir die Flasche zurück. Ich trinke. Wir lehnen uns ans offene Fenster, ich umarme sie, ziehe sie zu mir. Wir küssen uns.
Dann sehe ich die Sporttasche.
„Liegewagen.“ Eine Erzählung von Nikolai Vogel>
In seiner Erzählung Liegewagen entführt uns der Autor Nikolai Vogel in eine prekäre Gleislandschaft; in die Irrungen und Wirrungen des zeitgenössischen Zugfahrens. Ein Unterwegssein, in dem die Ängste im Gepäck mitreisen.
*
Wagen 119 gab es nicht. Wir sind den langen Weg bis ans Ende des Bahnsteiges gegangen, den ganzen Zug entlang, Wagen für Wagen. Haben wiederholt auf unsere Platzkarten geschaut, die Reservierung geprüft. Haben die Koffer hinter uns hergezogen und die Tüten mit den ganzen Einkäufen geschleppt. Und jetzt? Noch mal zurück? An den Anfang?
„Ist doch egal“, sagt Madison, „wir haben ja noch Zeit.“
Vielleicht wird noch ein Zugteil angekoppelt, überlege ich, denn ich sehe einen Bahnangestellten im orangen Kittel sich die Beine vertreten, noch ein Stück weiter den Bahnsteig hinaus, ganz klar, der wartet auf etwas. Stehen wir da und warten auch. Sehen die Gleise aus dem Bahnhof hinauslaufen, in die Vorstädte, ins Land. Oder umgekehrt hineinlaufen, vom Land, durch die Vorstädte, bis in den Gare de l’Est. Andere schauen wie wir auf ihre Fahrkarten, und dann bemerke ich, wie sie eine Schaffnerin umringen, aufgeregt, ein emsiges Durcheinander – als handle es sich um ihre Königin. Das will ich auch wissen! Tüten vom Boden, Koffer hinterher, eineinhalb Wagen zurück. Die 119, frage ich und halte mein Ticket hoch.
„Ja, die fehlt leider, der Wagen ist nicht mitgekommen“, sagt die Schaffnerin.
„Wie – nicht mitgekommen“, frage ich und höre, dass sie es auch nicht sagen kann.
„Der ist wohl irgendwo verloren gegangen“, meint sie.
„Verloren gegangen, wo denn?“
„Das wissen wir auch nicht“, sagt sie, „wir prüfen gerade noch, wo der unterwegs geblieben ist – sicher versehentlich an ein falsches Zugteil gekoppelt.“
„Aber wir haben doch eine Liegewagenreservierung – wohin also jetzt?“
„Nun,“– die Schaffnerin bleibt souverän, gelassen, lässt sich nicht stressen – „der Zug ist leider ziemlich ausgebucht, die Bahn zahlt Ihnen ein Hotel, und Sie können morgen früh mit dem TGV nach München fahren.“
„Morgen früh erst? Wann?“
„Um 7:24 Uhr, dann sind Sie mittags um halb zwei in München. Oder Sie steigen ein und ich sehe, was ich machen kann, erst mal im Sitzwagen – vielleicht bekomme ich ab Metz ein Plätzchen im Liegewagen, wenn wir Glück haben schon vorher.“
Ich sehe Madison an, sie zuckt die Achseln. Noch eine Nacht in Paris, verlockend erst, umsonst! – Nur, bis wir das Hotelzimmer mal hätten und dort alles abgeladen haben, ist es sicher schon elf, und dann könnten wir wohl kaum noch Größeres unternehmen – wenn wir morgen schon gegen sechs aufstehen müssten. Und außerdem wollen wir schließlich morgen Mittag schon zu Thomas’ Geburtstag aufs Land. – Die Schaffnerin ist bereits wieder umringt, eine Gruppe Chinesen mit Reiseführerin. Noch durch Bars ziehen, guter Wein. Oder essen gehen und noch mehr Geld ausgeben. Champagner und die Nacht, ein frisch bezogenes Bett. So stehen wir da, unschlüssig, mit gepackten Koffern.
„Das war alles so schön, lass uns fahren“, meint Madison, „und wer weiß, wo das Hotel ist.“
Ich rufe der Schaffnerin zu, dass wir einsteigen, sie nickt, blickt in ihre Liste.
„Gehen Sie mal auf Platz 33 und 34 hier im Wagen, ich komme dann zu Ihnen.“
Und weiter geht’s mit den Chinesen. Wir hieven unser Gepäck die Stufen des Waggons hoch, schieben uns durch den Gang. Wir haben die zwei Mittelplätze eines Abteils – die einzig noch freien. Am Fenster zwei noch mädchenhafte, junge Frauen, am Gang ein russisches Pärchen. Die Rucksäcke und Tüten hochhanteln und erst mal hinsetzen, nach links und rechts lächeln. Draußen sehen wir die Schaffnerin die Reisegruppe versorgen. Nach einem kurzen Moment läuft die ganze Gruppe ihrer Führerin hinterher, zurück Richtung Ausgang. Die würden im Hotel bleiben.
„Die verlieren jetzt ein ganzes Tagesprogramm“, sagt Madison.
Die große Reise, deren Erinnerung einen dann durch das Arbeitsleben tragen soll. – Im Gang Hin und Her, Menschen, die sich aneinander vorbeidrücken, eingezogene Bäuche, sich verkeilende Koffer. Die Schaffnerin noch draußen am Bahnsteig, wiederholt in letzter Minute Ankommenden, was sie uns schon gesagt hat. Hochgerissene Arme, Kopfschütteln, wegwerfende Handbewegungen. Hotel oder Sitzplatz! Entscheidungsschwierigkeit. Die Russen neben uns wirken nervös, unterhalten sich leise, aber aufgeregt. Und die Mädchen am Fenster richten sich behaglich ein, legen Lektüren bereit, Kekse und Coca-Cola. Ein Pfiff, das Geräusch der schließenden Türen, ein Ruck, mühsam noch, wir fahren! Der Bahnsteig rollt vorbei, Paris ade. Ich schaue der Stadt noch ein wenig nach, der Gleislandschaft, dann hole ich auch mein Buch raus. Wir haben zugesehen, wie sich der Stempel der Buchhandlung aufs Papier des Vorsatzblattes gedrückt hat. Ein Kreis aus Tinte. Shakespeare and Company Kilometer Zero Paris. Ein Buchladen, in dem man verloren gehen kann. Er hatte Madison lange warten lassen. Alte Ausgaben, erste Nachkriegs-Wiederauflagen auf schlechtem Papier. Und gleich bei der Kasse die Regale der Lost Generation, wo Madison ausharrte. Hemingway, Henry Miller.
Die Russen tuscheln noch immer, sie aufgeregt, er irgendwie unsicher, missmutig. Die jungen Frauen neben uns strahlen, gehen ganz auf in Gegenwart. Und ich freue mich auf den Wein und auf das Picknick, das wir uns mitgebracht haben. Baguette, Käse. Wein im Zug, was gibt es Schöneres. Aber wer weiß, wie lange man das noch darf. Schlage mein Buch auf, aber irgendwie finde ich nicht so richtig rein. Blicke zu Madison, sie blickt zurück. Die Paris-Tage auch schon wieder gezählt. War eine spontane Idee. Über zehn Jahre waren wir nicht dort gewesen – und hatten so schöne Erinnerungen an die Stadt, obwohl wir das letzte Mal so viel gestritten hatten. So neu verliebt, gerade erst ein paar Wochen zusammen. Und damals den ganzen letzten Tag mit den schweren Rucksäcken rumgelaufen, sogar auf dem Friedhof, Père-Lachaise. Abaelard und Heloïse. Aber dieses Mal waren wir nicht dort. Teenage-Romantik. Jim Morrison, die ganzen Mädchenfotos auf seinem Grab, mit Lippenstiftherzen. Die Piaf, Georges Perec, Proust, Oscar Wilde, Seurat, jeder in seinem Sarg. Ganze Straßenzüge. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, und das alles schwer beladen. Bis uns die Schultern schmerzten.
Wir hatten die Rucksäcke am Bahnhof zur Gepäckaufbewahrung bringen wollen, aber die war zu, wegen Terrorgefahr. Das Leben, Gebrauchsanweisung! Auch Schließfächer gab es keine. Und die ganzen Tage schon nirgends ein Abfalleimer, damit niemand seine Bomben hineinlegen kann. Abfalleimer gab es diesmal wieder: transparente Beutel in Metallringen, als sähe man so sofort jeglichen gefahrbringenden Inhalt... Wir haben die geleerte Flasche Champagner reingeworfen, die wir am Hang zu Sacré-Cœur getrunken haben, zu Baguette mit Pastete, dauernd Ausschau haltend nach dem Wächter – Alkoholverbot. Und es kam tatsächlich gleich wer, der den Sack geleert hat. –
Wir fahren, die Stadt verebbt, Nacht breitet sich um den Zug, das Abteil spiegelt sich im Fenster. Reisende stolpern den Gang entlang, schieben Taschen und Koffer vor sich her, suchen noch immer ihre Plätze. Die Schaffnerin kommt. Sagt uns, dass sie Bescheid gibt, sobald sie weiß, wann sie zwei Liegeplätze für uns hat. Kontrolliert die Tickets. Die Russen wollen, dass sie irgendwelche Zollpapiere unterschreibt – soweit ich es mitbekomme, geht es um einen Duty-free-Einkauf ohne Mehrwertsteuer. Das schwierige Zusammenwachsen der Welt, denke ich. Die Schaffnerin weiß auch nicht, was sie da tun kann. Die beiden bleiben nervös. Die Mädchen am Fenster richten sich jetzt noch gemütlicher ein, die Fahrkarten sind kontrolliert, das heißt Ruhe. Die neben mir schlüpft aus den Schuhen, streckt ihre Beine aus, legt sie auf den Sitz gegenüber. Ihre Freundin tut es ihr nach kurzem Zögern gleich.
„Schon wieder vorbei, Paris“, sage ich zu Madison. Das Mädchen neben mir fällt ein, „ja, das ging schnell.“
„Wie lange wart ihr denn“, will ich wissen.
„Ach, wir sind nur übers verlängerte Wochenende gefahren“, sagt sie. „Und vorhin waren wir noch in Versailles – aber nicht im Garten“, bedauert sie, „das hätten wir nicht mehr geschafft, wir sind auch so schon genügend gerannt, mir tun die Füße vielleicht weh!“
Guillotinen und abgeschlagene Köpfe, denke ich, die Folge des Luxus. Und sie muss ganz früh aufstehen, hat Angst, dass sie ihren Bahnhof verschläft, wird von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt. „Zu nachtschlafender Zeit“, sagt sie, und ich weiß nicht, ob mit gespielter oder echter Entrüstung. Bittet ihre Freundin, auch das Handy leise zu stellen. Ich schaue wieder in mein Buch. Komme über die ersten Absätze nicht hinaus, sehe immer wieder aus dem Fenster, das sanfte Gerüttel des Zuges, der rhythmische Ton von den überfahrenen Schwellen. Shakespeare and Company, Kilometer Zero. Die gedrungene Notre Dame gegenüber. Oben im ersten Stock ein Klavier und ein Schlafender auf dem Sofa. Wir waren weit gegangen. Das Frühstück im Grünen. Der Ursprung der Welt. Der leichte Regen in den Tuilerien. Mitternacht auf dem Eiffelturm, das Geglitzer seiner Tausenden Lichter, und dicke Scheinwerferstrahlen kreisförmig wie tastende Finger in den Nachthimmel über der Stadt. Das Geld ausgegeben. Champagner. Unter der Grande Arche in La Défense. Und in den Galeries Lafayette Gänsestopfleber angesehen, die edel aussehenden Blöcke Foie gras, und nicht gekauft. Die am Hals gepackte Gans und das bis in den Magen gestoßene Futter. Und im Café de Flore gab es um elf Uhr vormittags nicht mal mehr Croissants, sondern amerikanischen Toast. Die Straßen herausgeputzt.
Anders als vor zehn Jahren, ganz anders als bei Eugène Atget. Im Louvre die Nike, der Kopf abgerissen, verschollen, die Schwingen hochgestellt. Als habe sie hinabfliegen wollen, die Sklaven aus ihrem Stein befreien. Und die vor dieser unnahbaren Siegesgöttin die Treppen herabsteigenden Wärterinnen, die uns kurz vor Schluss erbarmungslos aus den Ausstellungshallen gedrängt haben. Unter die Pyramide aus Glas und hinaus in die Souvenirläden. Die Venus als ganze armlose Armee. Die Mona Lisa als Puzzle, oder die Hochzeit zu Kana. Wasser zu Wein. Die halbe Flasche Champagner am Seine-Ufer abends hat am besten geschmeckt. Die vielen Ausflugsboote sind an uns vorbeigefahren, blendeten mit ihren auf die Ufer gerichteten Scheinwerferbataillonen, und unser Platz war der schönere. Das Geld ausgegeben. Und jetzt trägt uns der Zug retour durch die Nacht, von den Croissants zu den Brezen. Kopfbahnhof München. Aus der Metro in die U-Bahn. Die Zeit schon wieder um. Paris auf unseren Fotos, erneut zurücksinkend in die Erinnerung.
Diese schönen Tage, Ende August im Jahr 2009. So schnell vorbei. Wir werden die Koffer hinter uns herziehen, freuen uns auf Kaffee, die Wohnung, das bequemere Bett und die Dusche. Wenn wir erst mal unsere Liegeplätze bekommen, jemand ungehalten aus dem Schlaf heraus verlangen wird, machen Sie das Licht aus. Im Dunkeln das Leintuch entfalten und drüber die Decke, in die Fahrtgeräusche hinein hören, Bilder aus den letzten Tagen neu mischen ... und dann verschwinde ich im Geratter, entschwinde in den Schlaf ... – Die Abteiltüre wird aufgerissen.
„Das ist mein Platz!“
Mit Akzent. Ein kräftig gebauter Kerl, der gerade so in den Sitz passen würde. Die schmale Russin neben mir zuckt zusammen. Militärhose, Söldner-Look. Er schaut mich an, als erwarte er, dass ich mich sofort vom Acker mache oder noch besser einfach in Luft auflöse.
„Nein, die Schaffnerin hat gesagt, ich solle hier sitzen“, erwidere ich. Er steht breitbeinig in der Abteiltüre.
„So?“ Und starrt mich an. „Die Schaffnerin sagt, du sollst hier sitzen?“
„Ja.“
„Und wo ist die Schaffnerin?“
Ich zucke die Achseln. „Ich glaube weiter vorne im Zug.“
„Egal“, sagt er. „Dann lasse ich das da hier.“
Und als sei es sein Auftrag, packt er mit Schwung seine Reisetasche in das Ablagefach über meinem Kopf. Und ehe noch wer was sagen kann, macht er kehrt und verschwindet. Die beiden Mädchen am Fenster schauen auf die Tasche.
„Der wird gleich wieder kommen?“, sagt die eine.
„Und wenn er einfach aussteigt? Ist doch komisch, lässt einfach seine Tasche hier und geht wieder“, die andere.
„Ja“, nicke ich, „ein wenig seltsam ist das schon.“
Die Russin sagt mir auf Englisch, dass sie froh ist, dass ich hier sitze, und sich nicht dieser Typ neben sie gesetzt hat, vor dem hätte sie Angst gehabt. Ich lächle, aber mir ist unwohl. Ich lange hoch, zur Tasche über mir, eine große, weiche Sporttasche. Etwas Schweres, Hartes ist darin, fühle ich. Flaschen vielleicht? Der zerreißende Zug, die Katastrophenmeldung, Leichenteile. Die Bombe im Gepäckfach. Waggons, zerfetzt neben den Gleisen. Gerade noch wollte ich Madison vorschlagen, den Wein aufzumachen, jetzt fehlt mir dazu jegliche Ruhe. Ersthelfer. Alles ein großes Durcheinander. Blaulicht und die Armada der Pressekameras.
„Ich schaue mal nach“, sage ich. Gehe den Zug gegen Fahrtrichtung, ein, zwei, drei Waggons, finde weder den Typ, noch die Schaffnerin. Gehe zurück und dann von unserem Abteil aus noch einen Waggon weiter in Fahrtrichtung. All die Einsteinexperimente. Vielleicht schneller sein als Lichtgeschwindigkeit, wenn der Zug mit Lichtgeschwindigkeit fahren würde. Ins Jenseits... – Ein Abteil, in dem die Schaffnerinnen sitzen, die Beine ausstrecken, sich unterhalten.
„Jemand meinte, er habe auch eine Reservierung auf meinen Platz“, sage ich.
„Ach ja“, sagt sie, „das kann sein. Der soll sich woanders hinsetzen.“
„Nur weil er sein Gepäck bei uns gelassen hat“, sage ich, „das fanden wir merkwürdig.“
„Nein, nein, das hat schon seine Richtigkeit. Der ist im letzten Moment noch zugestiegen, wollte unbedingt mit. Das stimmt schon.“
„Er hat also eine Fahrkarte“, murmle ich.
„Ja“, sagt sie, „und ich komme dann, wenn ich Liegeplätze für Sie habe.“
Ich gehe zurück, setze mich ins Abteil. Alle schauen mich an. „Die Schaffnerin sagt, das ist in Ordnung“, sage ich. Aber niemand ist überzeugt. Lese zweimal über einen Absatz, ohne mich darauf zu konzentrieren, spüre die Tasche über meinem Kopf, wie ein Gewicht aus bösen Vorahnungen, dann stehe ich wieder auf. „Mal sehen, wo er ist“, sage ich. Gehe wieder gegen die Fahrtrichtung, ein Waggon, zweiter Waggon, dann sehe ich ihn. Ziemlich schnell kommt er auf mich zu, massig. Grinst mich an.
„Du?“, sagt er.
„Ich habe die Schaffnerin gefunden“, sage ich. „Sie meint, Sie können woanders sitzen.“ Er wirkt abwesend, nicht interessiert.
„Ja ja, schon gut“, sagt er und öffnet ein Gangfenster, schaut hinaus.
„Ein Wagen fehlt“, sage ich, „daher die Verwirrung mit den Platzkarten.“
„Fehlt?“
„Ja“, sage ich, „der kam nicht mit, ist verschwunden.“
„Verschwunden“, wiederholt er und sieht mich an. „Was, wenn der ganze Zug verschwunden? Wir alle verschwunden?“ Er lacht. Kumpelhaft irgendwie.
„Wohin fährst du“, frage ich, das Sie erscheint unangebracht, und er hatte mich ja auch beharrlich geduzt.
„Tschechien“, sagt, er, „Prag.“
„Da bist du noch eine Weile unterwegs“, versuche ich ihn im Gespräch zu halten.
„Ja“, sagt er, „muss in München umsteigen.“
Wir schauen aus dem Fenster, vorbeiziehende Lichter entfernter Häuser. Wir alle verschwinden, denke ich.
„Dein Gepäck, willst du das nicht holen“, frage ich.
„Hole ich später“, sagt er. Ich bin perplex, weiß nicht, was ich entgegnen soll.
„Aber die Mädchen wollen schlafen“, fällt mir ein.
„Dann hole ich.“ Er trottet mir nach, in unser Abteil. Ich setze mich, um aus dem Weg zu sein. Genauso schwungvoll, wie er seine Tasche abgeladen hatte, nimmt er sie wieder auf, etwas klirrt.
„Gute Nacht“, sagt er und schließt die Abteiltüre entschlossen, stapft davon. Oder eine Tasche voller Champagner, denke ich. Die Russin lächelt erleichtert. Ihr Freund wirkt noch immer nervös, wegen der Papiere für den Zoll.
„Froh, dass die weg ist, die Tasche“, sagt das Mädchen neben mir, „hab die ganze Zeit gedacht, das ist eine Bombe.“
Die explodiert dann jetzt einen Wagen weiter, denke ich. Kein sofortiger Tod, sondern den schweren Verletzungen erliegen. Noch für einen kurzen Moment einem Sanitäter ins Gesicht sehen. Oder einem entgeisterten Anwohner. Das Mädchen steht auf, streckt sich, bewegt ihre Schultern auf und ab.
„Ich ziehe mich mal fürs Schlafen um“, sagt sie.
Ich blättere ein bisschen im Buch, vor und zurück, aus dem Zusammenhang gelöste Sätze. Er steigt in München um. Halb erleichtert. Die Einbildung, denke ich. Wir machen uns noch alle verrückt. In welcher Zeit leben wir. Immer mehr gleichzeitig. Die Gegenwart. – Das Mädchen kommt zurück, hat einen Schlafanzug aus Frottee an. Und jetzt holt sie sich noch Hausschuhe aus ihrem Koffer. Macht es sich gemütlich, wie in ihrem Schlafzimmer zu Hause. Und ich überlege, wie das geht, sich in der engen Toilette umziehen, wo überall Urinlachen stehen und man nichts berühren will, stelle mir vor, darin zu versuchen, meine Hose auszuziehen, die Verrenkungen, damit sie nirgendwohin schlackert. Jetzt geht das andere Mädchen, aber sie will nur Zähne putzen.
„Wein?“, frage ich Madison. Sie nickt. Ich gehe voraus, sie packt noch das Picknick aus.
„Taschenmesser habe ich“, sage ich. Im Gang öffne ich ein Fenster. Drehe den Korkenzieher in die Flasche. Plopp. Ein besserer Bordeaux. Gebe ihn Madison zum Antrinken. Sie hat den Käse ausgepackt und Baguette. Sie reicht mir die Flasche zurück. Ich trinke. Wir lehnen uns ans offene Fenster, ich umarme sie, ziehe sie zu mir. Wir küssen uns.
Dann sehe ich die Sporttasche.
