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11.03.2026, 12:00 Uhr
Thomas Lang
Spektakula

„Wolf“ – eine Performance zu toxischer Menschlichkeit beim Brechtfestival Augsburg

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Szenenfoto der Performance "Wolf" im Kulturhaus abraxas © Literaturportal Bayern

Beim Augsburger Brechtfestival kommt das Stück Wolf nach Motiven des Märchens „Rotkäppchen“ zur Aufführung. Die aus dem Iran stammende Regisseurin Sahar Rahimi hat es zusammen mit Lucy Wilke und Lotta Ökmen 2022 erarbeitet. Aufgeführt wurde es nun (01.03.26) im Kulturhaus abraxas im Rahmen des Festivals.

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Die Aufführung

Zuschauerraum und Bühne sind eins bei dieser Performance im abraxas. Vor Beginn lädt Regisseurin Sahar Rahimi alle ein, sich während der Aufführung im Raum zu bewegen, den Platz zu wechseln, sich den richtigen Abstand zu suchen.

Der Theaterraum ist schwarz. Auf einem Tisch, der von oben klinisch weiß beleuchtet ist, liegt ein riesenhaftes schwarzes Stofftier, unschwer zu erkennen als der Wolf. Auf einem zweiten Tisch, ebenfalls von oben beleuchtet, befinden sich diverse Requisiten. Später wird auch dieser Tisch Teil des Spiels werden. Im Bauch des Wolfs wackelt es. Bei seiner Schnauze steht eine halb leergetrunkene Flasche Bourbon, daneben ein Glas.

Das Publikum läuft neugierig herum. Sobald das Stück beginnt, bleibt es jedoch eher auf der Stelle. Nach zehn Minuten setzen sich viele Zuschauende auf den Boden. Die übrigen tendieren dazu, an den Wänden zu stehen. Was soll man auch tun, und außerdem möchte man den Schauspielenden wohl nicht in die Quere kommen.

Das Stück beginnt mit einem Voice-Over. Der Wolf jammert und versichert Lucy, dem Rotkäppchen, seine Liebe. Dieses erwidert das Kompliment, ist aber entschlossen, den Wolf zu verlassen. Um ihn verlassen zu können, braucht Lucy allerdings Hilfe. Schließlich ist sie, die meisten von uns wissen es, in seinem Bauch gefangen.

Die Jäger*in kommt in High Heels und schneidet dem bösen Wolf den Bauch auf. In einer langen, etwas blutigen Kaiserschnitt-Szene kommt Lucy erneut (oder endlich?) zur Welt. Ende Wolf. Was nun beginnt, ist allerdings keine Geschichte der Freiheit. Lucy, gespielt von der behinderten Schauspielerin Lucy Wilke, wird von der Jäger*in, gespielt von Lotta Ökmen, auf den zweiten, inzwischen freigeräumten Operationstisch getragen. Dort kommt es zur ausgedehnten Simulation eines Beischlafs. Im Anschluss äußert die blonde Lucy den Wunsch zu sitzen. Die Jäger*in bringt sie in eine entsprechende Position. Lucy bekommt eine schwarze Perücke und ein rotes Cape. Sie wird nun selbst eine von sadistischen Machgelüsten Getriebene, schillernder und vielleicht böser als der Wolf. Das neue Leben führt in einen neuen Kreislauf von Machtspielen.

Publikumsgespräch nach der Aufführung © Literaturportal Bayern

Die Auslegung

Das emotional beanspruchende, um nicht zu sagen, belastende Stück erntet einen etwas verhaltenen Applaus. Im Anschluss lädt das Team noch zum Gespräch im Vorraum. Das überwiegend weibliche (vom Autor dieses Berichts weiblich gelesene), überwiegend junge Publikum setzt sich zum Teil auf Stühle oder steht an hohen Tischen. Regisseurin Rahimi, Schauspielerin Wilke in einem elektrischen Rollstuhl und die Schauspielerin Ökmen nehmen zusammen mit einer Moderatorin Platz und führen das Gespräch zunächst untereinander, bevor sie Fragen des Publikums zulassen.

Wie im Stück wird zum Teil Englisch gesprochen, zum Teil das Englische und zum Teil auch das Deutsche (ins Englische) übersetzt. Die Schauspielenden erzählen stellenweise recht drastisch von den Umständen der ersten Aufführungszeit 2022 in Berlin, noch zur Corona-Zeit. Schauspielerin Wilke, damals mit Schauspielerin Ökmen verpaart, erlitt damals eine Fehlgeburt. Dennoch entschlossen sie sich, Wolf aufzuführen.

Regisseurin Sahar Rahimi erläutert sehr deutlich ihre Absichten mit dem Stück. Die 1981 Geborene hat in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert und lebt derzeit (2026) in München. Sie inszeniert dort an den Kammerspielen. „Rotkäppchen“ lernte sie zunächst als Pixi-Buch kennen. Ihre Faszination durch den Stoff führte sie u.a. zur Auseinandersetzung mit Ludwig Tiecks gleichnamigen Drama. Der böse Wolf ist für Rahimi der alte Typ Mann, der whiskeytrinkende Bösewicht aus dem amerikanischen Film. Man könne ebenso gut an Harvey Weinstein, Donald Trump oder Ali Chamenei denken, führt sie aus.

Von der sexualisierten Gewalt des Alten kann Lucy sich emanzipieren. Später wird sie selbst gegenüber der Jägerin zu einer Täterin. Dieser Aspekt ist Rahimi wichtig: Frauen müssen nicht eo ipso Opfer sein. Lucy Wilke weist darauf hin, dass auch behinderte Menschen entgegen der landläufigen Vorstellung nicht immer gute Menschen sein müssten.

Auf die Frage, warum sie zum Teil Englisch als Bühnensprache einsetze, verweist Rahimi wiederum auf den amerikanischen Film. Den Männertyp „Wolf“ findet sie darin am überzeugendsten verkörpert. Das Voiceover entspricht dem Versuch der alten patriarchalen Ordnung, sich durch ihre Sprache Macht und Kontrolle aufrechtzuerhalten, während sie bereits am Boden liegt. Grundsätzlich treffe sie inszenatorische Entscheidungen aber intuitiv, betont die Regisseurin.

Man wünscht sich am Ende, es wäre etwas mehr für die Zuschauenden selbst übriggeblieben – etwas mehr Deutungsspielraum nämlich, etwas mehr Bewegungsfreiheit für Kopf und Herz, mehr von der Dunkelheit des Bühnenraums vielleicht. So ist Wolf am Ende ähnlich seziert und leblos wie der böse Wolf, diese wenigstens ehrliche Haut. Oder vielleicht ... da, in diesem Bauch, ... regt sich da doch etwas?