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Englischer Garten

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Blick auf den Englischen Garten und die Ludwigsstraße, Postkarte von 1921 (c) Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

Im Jahr 1789 beauftragte der bayerische Kurfürst Karl Theodor den Gartenbaumeister Ludwig von Sckell mit der Anlage eines Landschaftsparks in München. Auf dem Areal der von Benjamin Thompson entworfenen Militärgärten und den nördlichen Isarauen entstand eine Grünanlage nach englischem Vorbild. Der Park ist für die Protagonisten in Feuchtwangers Roman ein wichtiger Ort. Hier gehen Sie immer wieder spazieren, hier sinniert auch ganz zu Beginn des Romans der konservative, patriotische Justizminister Klenk über den Prozess gegen Krüger.

Der Justizminister Dr. Otto Klenk schickte trotz des Regens das wartende Auto nach Hause. Er wird jetzt etwa spazierengehn, später vielleicht noch ein Glas Wein trinken. [...] Er bog in den weitläufigen Stadtpark ein, den Englischen Garten. Die alten großen Bäume trieften, der Rasen roch erquicklich. Es ging sich angenehm in der reinen Luft der bayerischen Hochebene. (Erfolg, S. 9)

Feuchtwanger nutzt den inneren Monolog des Ministers, dem Leser die politischen Hintergründe des Prozesses zu schildern. Klenk hatte Kultusminister Flaucher den Tipp gegeben, gegen Krüger einen Meineidprozess zu führen. Die politische Motivation für den Prozess ist Folgende: Der Direktor der Staatssammlungen ist dem Kultusminister Flaucher ein Dorn im Auge, weil er mit seinen „verderbten Kunstanschauungen“ die Sammlungen und damit München als Kunststadt „verhunzte“. So hatte Krüger beispielsweise das Selbstporträt besagter Anna Elisabeth Haider erworben und ausgestellt: Die Künstlerin hatte sich nackt gezeichnet.

Kruzifixus des Bildhauers Ludwig Gies, hier in der Ausstellung Entartete Kunst 19. Juli - 30. November 1937 (c) Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

München empört sich im Roman auch über das Crucifixus des Malers Greiderer, das Krüger für die Staatssammlungen erworben hatte. Reales Vorbild war wahrscheinlich das Kruzifixus des Bildhauers Ludwig Gies, eine Auftragsarbeit für den Lübecker Dom, die 1921 entstand. Vor allem katholische Kreis empfanden das Kreuz als Provokation. Das expressionistische Kunstwerk wurde von Unbekannten zerstört.

Justizminister Klenk hingegen verübelte dem Kunsthistoriker etwas ganz anderes:

Er [Klenk] hatte nichts gegen den Krüger. [...] Aber daß er auftrumpfte, der Krüger, daß er, pochend auf seine feste, lebenslängliche Anstellung, sich mokierte, die Regierung könne ihm den Arsch lecken, das ging zu weit. [...] Warum muß dieser Lalli der bayerischen Politik in ihre Maschinerie hineintapsen? Warum muß er aufbegehren? Wer hat es ihm geschafft? Wo es um bayerische Dinge geht, ja, mei Lieber, da kennen wir keinen Genierer. (Erfolg, S. 80)

Hinter der Figur Klenk steckt keine einzelne historische Persönlichkeit. Allerdings waren sowohl Justizminister Christian Roth (1920-1921) als auch dessen Nachfolger Franz Gürtner, Justizminister ab 1922, sehr nachsichtig gegenüber rechter Gewalt und begünstigten dadurch die Politisierung der Justiz in Bayern. Gürtner war von 1932 bis zu seinem Tod 1941 Reichsjustizminister.

 

Christian Roth, Justizminister 1920-1921 und Franz Gürtner, Justizminister 1922-1941 (c) Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

Den Fall Krüger nutzt Feuchtwanger, um die Fälle mehrerer Justizopfer und politischer Gefangener zu thematisieren. Krügers jüdischer Anwalt Dr. Siegbert Geyer schreibt im Roman an einer „Geschichte des Unrechts in Bayern“. Der Vorname der Figur verweist auf einen Cousin Lion Feuchtwangers: Dr. oec.publ. Sigbert Feuchtwanger praktizierte in einer Kanzleigemeinschaft in München. Max Hirschberg, ein jüdischer Anwalt, der in der Weimarer Republik in spektakulären Prozessen auf sich aufmerksam machte, ist ein weiteres Vorbild für Krügers integren, demokratisch gesonnenen Strafverteidiger. Die Strafanstalt Odelshausen, in der Krüger interniert wird, kann mit dem Gefängnis Niederschönenfeld identifiziert werden, in dem politische Häftlinge wie Ernst Toller und Erich Mühsam gefangen gehalten wurden. Der sozialdemokratische Journalist und Revolutionär Felix Fechenbach, der Kommunist Max Hoelz, die Schriftsteller Toller und Mühsam sind neben August Liebmann Mayer Persönlichkeiten, die in die Kunstfigur Krüger einflossen.

August Liebmann Mayer war von 1920 bis 1931 Hauptkonservator der bayerischen Staatsgemäldesammlung. Der promovierte Kunsthistoriker galt als Spezialist für spanische Malerei und verfasste neben kunstwissenschaftlichen Monographien zahlreiche Gutachten und Expertisen zu Kunstwerken. 1930 wurde ihm vorgeworfen, in großem Stil Bilder falsch zugeordnet, Nebeneinkünfte nicht korrekt angegeben und somit zum Betrug am Staat Bayern beigetragen zu haben. Trotz seiner vollständigen Rehabilitierung zog er sich von seinen Ämtern ins Private zurück. 1944 wurde der jüdische Kunsthistoriker in Auschwitz ermordet.

     

Opfer der bayerischen Justiz: August L. Mayer (c) LMU/Kunstgeschichte, Felix Fechenbach und Ernst Toller in Niederschönenfeld (c) Bayerische Staatsbibliothek / Bildarchiv

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Wenn Sie linkerhand das Monopteros sehen können, biegen Sie nach rechts ab und verlassen den Englischen Garten in die Veterinärstraße, die sie direkt auf den Brunnen der Ludwig-Maximilians-Universität hinführt, der nächsten Station. Kurz vor der Veterinärstraße kommen Sie am Milchhäusl vorbei, das auch im Roman Erwähnung findet: Das Dienstmädchen Amalia Sandhuber, die von den Wahrhaft Deutschen wegen Umgang mit einem Kommunisten ermordet wird, notiert sich gewissenhaft Zeit und Ort zu ihren Männergeschichten: Alfons Gstettner, Buttermelcherstraße 141, zusammen gewesen am zweiten Sonntag im Juli im Englischen Garten hinter dem Milchhäusl. (Erfolg, S. 676)

 


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Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Veronika Schöner