Martin Piekars Lesung bei den Texttagen Nürnberg (18.7.26)
Vier Tage Lesungen, Begegnungen und Austausch versprechen die Texttage Nürnberg, 2026 wieder im Herzen der Stadt. Einer der auftretenden Autoren ist am Samstag, dem 18.6., Martin Piekar mit seinem Roman Vom Fällen eines Stammbaums.
*
Was verbindet einen gefällten Baum mit einer Ruine? Beide zeugen von Leben, das einmal war. Ein gefällter Baum kann unter Umständen Brenn- oder Bauholz oder Besseres liefern. Eine Ruine kann stabilisiert und neu genutzt werden. So die Katharinen-Ruine nah der Pegnitz in der Altstadt von Nürnberg.
Nach der Eröffnung der Texttage Nürnberg mit Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi am 16.7., ist die Lesung von Martin Piekar aus Vom Fällen eines Stammbaums eines der Glanzlichter des Festivals. Ergänzt wird das Programm wie gehabt mit Lesungen, Schreib- und Comicworkshops, Literaturgesprächen, einem Konzert der Nürnberger Singer-Songwriterin Vronsy sowie dem von der regionalen Literaturszene bespielten „textualienmarkt“. Gastland ist in diesem Jahr – wie im kommenden Herbst bei der Frankfurter Buchmesse – Tschechien.
Der im Taunus geborene polnische Staatsbürger Piekar hat in Frankfurt studiert und sich dort seine ersten literarischen Meriten erworben. 2023 trat der Autor erfolgreich bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt auf. Seither ist er einem größeren Publikum bekannt.
Piekars Roman handelt von einer Mutter-Sohn-Beziehung. Die alkoholkranke Frau braucht ihren Sohn als Projektionsfläche für üble Gedanken, später auch als ihren Pfleger. Der Sohn versucht, unter multiplen Widrigkeiten erwachsen zu werden. Dazu muss er allerdings die Geschichte seiner ganzen Familie kennen und macht sich auf die Reise nach Polen. Dort trifft er unter anderem seinen Vater wieder.
Liebe, die nicht weich aussieht
Bei seinem Auftritt in der prallen Julisonne und im direkten Gegenlicht des Nachmittags trifft der Prosadebütant Piekar auf gut gefüllte Publikumsreihen. Er spricht zunächst mit Moderatorin Katharina Mittenzwei über sein Romanprojekt. Sechs Jahre habe er an dem Manuskript gearbeitet und sei damit durchweg auf die Ablehnung des Literaturbetriebs gestoßen. Sein Auftritt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2023 sei für ihn der letzte Versuch gewesen, mit dem Text zu landen. Dieser Auftritt wendet für Piekar das Blatt. Er gewinnt nicht nur den KELAG-, sondern auch den Publikumspreis. Vom Fällen eines Stammbaums ist 2026 bei Rowohlt erschienen.
© Literaturportal Bayern
Seine Prosa charakterisiert der Schriftsteller als „Worte, die nicht glatt sein wollen“, ihren Gegenstand als „Liebe, die nicht weich aussieht“. Die Mutter des Protagonisten Marcin ist eine Figur voller Schwächen und Fehler – man würde sie nicht als Sympathieträgerin bezeichnen. Den offenbar autobiografisch grundierten Stoff zu einem Roman zu verarbeiten, sei jedoch keineswegs aus „Rache“ geschehen, „im Gegenteil“. Ähnlich wie bei Tamara Štajners jüngst erschienenem Roman Luft nach unten spürt man durch die wahrheitsgetreu bis schonungslos wirkende Schilderung der Mutterfigur hindurch eine tiefe Liebe.
Zu beschönigen gibt es deshalb nichts. Und so schildert Piekars Text, den er im zweiten Teil der kurzen Lesung vorträgt, eindringlich und direkt eine Pflege-Szene. Marcin ist darin bereits erwachsen und hat Routine in der Behandlung seiner Mutter. Diese ist in ihrer Alkoholerkrankung mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie nur noch am Rollator gehen kann und mit Inkontinenz zu kämpfen hat. Der Sohn zieht nicht ohne Widerwillen ihr Bett ab und wäscht die Mutter im Intimbereich. Der Umgang der beiden miteinander wirkt gerade dadurch, dass hier nichts ausgespart, aber auch nichts ausgestellt wird, authentisch und berührend. Das lässt sogar einen Witz gelingen, den der Sohn über die mütterliche Vagina oder genauer gesagt über sein Verhältnis dazu macht.
Sehr frei, vielleicht ein wenig ostentativ spricht Piekar auch über die offenbar prekären Verhältnisse, die er selbst kennengelernt hat, hebt die Bedeutung der 39-Cent-Nudeln aus dem Lidl für sein Leben hervor, kritisiert, dass sie nun 99 Cent kosteten. Er spricht über den Schmerz, den man speichert, wenn die Eltern-Kind-Rollen verkehrt und nicht erwachsene Menschen in die pflegende Rolle gedrängt werden. Als erfahrener Performer gelingt es ihm, ohne Peinlichkeit den polnischen Akzent der Mutterfigur in Szene zu setzen oder polnischsprachige Liedfetzen zu singen.
Die komplizierte, mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auf unbequeme Weise verbundene Geschichte der Familie in seinem Roman breitet er in ersten Teil der Lesung aus. Im Gespräch nimmt er immer wieder eine stärker abstrahierende Position ein, die im literarischen Text ganz in Handlung und Figuren aufgeht. Über Familien im Allgemeinen äußert Martin Piekar den bemerkenswerten Satz, sie seien „ein unlebendiges Konzept, bei dem die Lebenden versuchen die Toten zu tragen.“
Martin Piekars Lesung bei den Texttagen Nürnberg (18.7.26)>
Vier Tage Lesungen, Begegnungen und Austausch versprechen die Texttage Nürnberg, 2026 wieder im Herzen der Stadt. Einer der auftretenden Autoren ist am Samstag, dem 18.6., Martin Piekar mit seinem Roman Vom Fällen eines Stammbaums.
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Was verbindet einen gefällten Baum mit einer Ruine? Beide zeugen von Leben, das einmal war. Ein gefällter Baum kann unter Umständen Brenn- oder Bauholz oder Besseres liefern. Eine Ruine kann stabilisiert und neu genutzt werden. So die Katharinen-Ruine nah der Pegnitz in der Altstadt von Nürnberg.
Nach der Eröffnung der Texttage Nürnberg mit Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi am 16.7., ist die Lesung von Martin Piekar aus Vom Fällen eines Stammbaums eines der Glanzlichter des Festivals. Ergänzt wird das Programm wie gehabt mit Lesungen, Schreib- und Comicworkshops, Literaturgesprächen, einem Konzert der Nürnberger Singer-Songwriterin Vronsy sowie dem von der regionalen Literaturszene bespielten „textualienmarkt“. Gastland ist in diesem Jahr – wie im kommenden Herbst bei der Frankfurter Buchmesse – Tschechien.
Der im Taunus geborene polnische Staatsbürger Piekar hat in Frankfurt studiert und sich dort seine ersten literarischen Meriten erworben. 2023 trat der Autor erfolgreich bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt auf. Seither ist er einem größeren Publikum bekannt.
Piekars Roman handelt von einer Mutter-Sohn-Beziehung. Die alkoholkranke Frau braucht ihren Sohn als Projektionsfläche für üble Gedanken, später auch als ihren Pfleger. Der Sohn versucht, unter multiplen Widrigkeiten erwachsen zu werden. Dazu muss er allerdings die Geschichte seiner ganzen Familie kennen und macht sich auf die Reise nach Polen. Dort trifft er unter anderem seinen Vater wieder.
Liebe, die nicht weich aussieht
Bei seinem Auftritt in der prallen Julisonne und im direkten Gegenlicht des Nachmittags trifft der Prosadebütant Piekar auf gut gefüllte Publikumsreihen. Er spricht zunächst mit Moderatorin Katharina Mittenzwei über sein Romanprojekt. Sechs Jahre habe er an dem Manuskript gearbeitet und sei damit durchweg auf die Ablehnung des Literaturbetriebs gestoßen. Sein Auftritt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2023 sei für ihn der letzte Versuch gewesen, mit dem Text zu landen. Dieser Auftritt wendet für Piekar das Blatt. Er gewinnt nicht nur den KELAG-, sondern auch den Publikumspreis. Vom Fällen eines Stammbaums ist 2026 bei Rowohlt erschienen.
© Literaturportal Bayern
Seine Prosa charakterisiert der Schriftsteller als „Worte, die nicht glatt sein wollen“, ihren Gegenstand als „Liebe, die nicht weich aussieht“. Die Mutter des Protagonisten Marcin ist eine Figur voller Schwächen und Fehler – man würde sie nicht als Sympathieträgerin bezeichnen. Den offenbar autobiografisch grundierten Stoff zu einem Roman zu verarbeiten, sei jedoch keineswegs aus „Rache“ geschehen, „im Gegenteil“. Ähnlich wie bei Tamara Štajners jüngst erschienenem Roman Luft nach unten spürt man durch die wahrheitsgetreu bis schonungslos wirkende Schilderung der Mutterfigur hindurch eine tiefe Liebe.
Zu beschönigen gibt es deshalb nichts. Und so schildert Piekars Text, den er im zweiten Teil der kurzen Lesung vorträgt, eindringlich und direkt eine Pflege-Szene. Marcin ist darin bereits erwachsen und hat Routine in der Behandlung seiner Mutter. Diese ist in ihrer Alkoholerkrankung mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sie nur noch am Rollator gehen kann und mit Inkontinenz zu kämpfen hat. Der Sohn zieht nicht ohne Widerwillen ihr Bett ab und wäscht die Mutter im Intimbereich. Der Umgang der beiden miteinander wirkt gerade dadurch, dass hier nichts ausgespart, aber auch nichts ausgestellt wird, authentisch und berührend. Das lässt sogar einen Witz gelingen, den der Sohn über die mütterliche Vagina oder genauer gesagt über sein Verhältnis dazu macht.
Sehr frei, vielleicht ein wenig ostentativ spricht Piekar auch über die offenbar prekären Verhältnisse, die er selbst kennengelernt hat, hebt die Bedeutung der 39-Cent-Nudeln aus dem Lidl für sein Leben hervor, kritisiert, dass sie nun 99 Cent kosteten. Er spricht über den Schmerz, den man speichert, wenn die Eltern-Kind-Rollen verkehrt und nicht erwachsene Menschen in die pflegende Rolle gedrängt werden. Als erfahrener Performer gelingt es ihm, ohne Peinlichkeit den polnischen Akzent der Mutterfigur in Szene zu setzen oder polnischsprachige Liedfetzen zu singen.
Die komplizierte, mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auf unbequeme Weise verbundene Geschichte der Familie in seinem Roman breitet er in ersten Teil der Lesung aus. Im Gespräch nimmt er immer wieder eine stärker abstrahierende Position ein, die im literarischen Text ganz in Handlung und Figuren aufgeht. Über Familien im Allgemeinen äußert Martin Piekar den bemerkenswerten Satz, sie seien „ein unlebendiges Konzept, bei dem die Lebenden versuchen die Toten zu tragen.“

