Info
Geb.: 22. 9.1893 in Hamburg
Gest.: 6. 6.1983 in Fruthwillen (Kanton Thurgau)
Hans Leip, Collage mit dessen Romanen, um 1929, Postkarte (BSB/Sign. Autogr. Leip, Hans)
Namensvarianten: Chans Lajp; Li-Shan Pe (Pseud.)

Hans Leip

Der Schriftsteller, Maler und Grafiker Hans Leip wächst als Sohn eines Seemanns und Hafenarbeiters in Hamburg auf. 1914 erhält er die Lehrbefugnis für Religion und Sport. Bis zu seiner Einberufung in den Kriegsdienst im Jahr 1915 ist er als Lehrer in Hamburg tätig. In dieser Zeit tritt er auch mit ersten lyrischen und grafischen Gelegenheitsarbeiten an die Öffentlichkeit. Unmittelbar vor dem Aufbruch in den Ersten Weltkrieg schreibt er drei Strophen des später weltberühmten Soldatenliedes Lili Marleen. Zwei weitere Strophen ergänzt er 1937 unter dem Titel Lied eines jungen Wachpostens und veröffentlicht sie in der Gedichtsammlung Die kleine Hafenorgel. Das Lied ist zwei Berliner Freundinnen gewidmet: Lily, Nichte seiner Zimmerwirtin, und Marleen, Arzttochter und „Ausgehfreundin“. Hans Leip hört sein Lied, vertont von Norbert Schultze, zum ersten Mal in einem Lokal in Überlingen am Bodensee. „Gegen halb zehn begann ein Radioapparat zu röcheln und verabfolgte dann das Trompetensignal Zapfenstreich, dem entronnen zu sein ich mich glücklich schätzte.“ Dass eine Frau singt, wundert ihn zunächst. Doch Lale Andersens eingängige Stimme – „dunkel und sachte schülpend wie Brackwasser bei Nacht und leichter Brise“ (Das Tanzrad oder die Lust und Mühe eines Daseins, S. 185) – gefällt ihm.

Der leistungsstarke Mittelwellensender Radio Belgrad strahlt Lili Marleen an die Kriegsfronten von Europa bis Nordafrika aus. Das melancholische, volksliedhafte Lied verbreitet sich rasch. Bei Freund und Feind avanciert es zur „Internationale der Kriegsmüden“.

Wegen einer Verwundung kehrt Hans Leip 1917 in den Lehrberuf zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg unternimmt er ausgedehnte Reisen in europäische Länder, nach New York und nach Algier. 1920 erscheinen seine ersten Buchpublikationen, die er mit eigenen Grafiken gestaltet. Sein literarisches Talent gewinnt die Oberhand über seine grafische Begabung.

Der literarische Durchbruch gelingt ihm 1925 mit Godekes Knecht. Die Kölnische Zeitung, deren Literaturkomitee auch Thomas Mann angehört, zeichnet ihn dafür mit dem 1. Preis aus. Der Roman schildert die Geschichte der als Seeräuber berüchtigten „Likedeeler“ (Gleichteiler). Mit „Godekes Knecht“ ist der historisch nachgewiesene Magister Wigbold gemeint, der sich zusammen mit dem 1402 hingerichteten Klaus Störtebeker auf die Suche nach den Paradiesinseln machte. Die „Likedeeler“ – Gegenspieler der frühkapitalistischen Kaufleute und Störenfriede der Handelsschifffahrt in Nord- und Ostsee – kämpften für Freiheit und Gleichheit. Die Themen Freibeuterei und Seefahrt beschäftigen Hans Leip auch weiterhin in seinen literarischen Werken.

Buchcover zu Hans Leips Miss Lind und der Matrose, Umschlaggestaltung: Olaf Gulbransson 1928. Foto: Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

1928 erscheint im Simplicissimus-Verlag die Erzählung Miss Lind und der Matrose. Hans Leip ist mittlerweile auch in Süddeutschland populär. Während der Mitarbeit am Simplicissimus befreundet er sich mit dem Karikaturisten Eduard Thöny und den Schriftstellern Friedrich Reck-Malleczewen und Willy Seidel. Der Titel Miss Lind und der Matrose ist zugleich das Motto für das Faschingsfest des Simplicissimus im Deutschen Theater. Olaf Gulbransson entwirft das Buchcover, das auch als Plakat dient. Die Allgemeine Zeitung schreibt am 9. Februar 1928 zum Faschingsfest: „Oh, man preise die Phantasie und die Maskenlust der Münchner (andere Städte kommen nicht mit, hab' ich mir sagen lassen) [...]. Bewegliche Schlankheit junger Frauen in Matrosenkostümen, Exotinnen auf Braun geschminkt, mondäne Frauen des high life, Kostüme wie bunt schillernde Schmetterlinge [...].“

Während des Zweiten Weltkriegs lebt Hans Leip zunächst in Hamburg, ab 1940 im Bodenseegebiet und in Tirol. 1949 zieht er mit seiner vierten Frau Käthe Bade (geb. 1914) nach Breitbrunn am Chiemsee. Das von Hans Leip gebaute Haus übernimmt 1953 der Schriftsteller Horst Mönnich.

Während der Zeit in Breitbrunn entsteht der vom Chiemgauer Lokalkolorit lebende Roman Die Sonnenflöte (1952). Ein Hamburger Hafenbaumeister namens Tidemunt hofft am Chiemsee zur Ruhe zu kommen. Berufliche und eheliche Ärgernisse haben ihn in eine Midlife-Crisis gestürzt, vom behandelnden Arzt als „Klimakterium des Mannes“ bezeichnet. Vergebens spürt er seiner verlorenen Jugend in Gestalt eines südländisch anmutenden Mädchens nach. Sie heißt Silwe und ist Gärtnereigehilfin auf der Fraueninsel. Tidemunt, der „nichts als die grauschillernden Tinten der Wasserkante und den Lärm von Welthäfen“ kennt, begeistert sich für den „bayerischen Pazifik“. Die Insel Frauenwörth, „nach Fisch und Weihrauch duftend“, scheint ihm ein „uralter kleiner Ararat, aus den Sintfluten gerettet, die vormals gegen die blauen Eisborde der Alpen brandeten“. Eine immer wieder ertönende Okarina – die titelgebende „Sonnenflöte“ – zitiert das Leitmotiv des Streichquartetts Nr. 2 a-moll op. 51/2 von Johannes Brahms. Das Dreitonmotto F-A-E – „Frei, aber einsam“ – deutet auf Tidemunts Entsagung voraus. Getrieben von einer „donnernden Brandung körnigen Schnees“ folgt er den Spuren der über die Alpen fliehenden Silwe. Sie bleibt für ihn unerreichbar.

Aus Angst vor der nahenden russischen Besatzungsmacht flüchtet Hans Leip 1954 in das kleine schwäbische Dorf Ollarzried. Eigentlich sucht er eine Bleibe am Bodensee, „nächst der Nordsee das größte deutsche Gewässer“ (Das Tanzrad oder die Lust und Mühe eines Daseins, S. 334). In Fruthwilen, auf der Schweizer Seite, findet er ein neues und letztes Zuhause: „In Nordpeilung liegt über fünfhundert Meter tiefer die Vaterstadt und die Nordseeküste.“ (Ebda., S. 344)

Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

Sekundärliteratur:

Meyer, Reinhart: Leip, Hans. In: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 148-150. URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571338.html#ndbcontent, (08.02.2018).

Schütt, Rüdiger (2001): Dichter gibt es nur im Himmel. Leben und Werk von Hans Leip. Biographie und Briefedition 1893-1948. Dölling und Galitz, Hamburg u.a.

Quellen:

Hans Leip: Godekes Knecht. Roman. Grethlein, Leipzig u.a. 1925.

Ders.: Miss Lind und der Matrose. Ein kleiner Roman. Simplicissimus-Verlag, München 1928.

Ders.: Die Sonnenflöte. Ein Roman. Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1952.

Ders.: Das Tanzrad oder die Lust und Mühe eines Daseins. Ullstein, Berlin u.a. 1979.


Externe Links:

Literatur von Hans Leip im BVB

Literatur über Hans Leip im BVB

Artikel bei Spiegel Online

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