Info
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© Skorpion Reprint im Wallstein Verlag
Frequenz: einmalig 1947
Ort: München
Verlag: Selbstdruck

Skorpion

Der Skorpion ist wohl die einzige Zeitschrift, die nie offiziell erschienen ist, die aber für die Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur eine nicht unerhebliche Rolle spielt und ein Sprungbrett für viele junge Autorinnen und Autoren bildet.

Inhalt und Aufbau

Der Skorpion soll politisch kritisch und zugleich literarisch hochwertig sein und v.a. durch junge, zum Teil noch gänzlich unbekannte, Autorinnen und Autoren mitgestaltet werden. Die Beiträge der einzelnen Schreibenden (darunter Wolfdietrich Schnurre, Günter Eich, Walter Heist, Alfred Andersch) in der ersten und einzig erschienenen Null-Nummer unterscheiden sich dabei nicht nur deutlich in der Länge, sondern auch im Stil. Vertreten sind Kurzgeschichten, Lyrik, kurze literarische Abhandlungen und Essays. Schnurre etwa schreibt in seiner Kurzgeschichte „Mal was Neues“ ganz in Manier des magischen Realismus, von dem er sich gerade in frühen Jahren angezogen fühlt. Der Leser kann hier nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden. Und selbst für den Ich-Erzähler selbst scheinen sich diese Ebenen aufzulösen: „Ich zog meine Weltanschauung auf den Haken und warf die Angel aus.“ Günter Eich wiederum schildert in der Geschichte „Das schöne Kommando“ eine kurze Episode zweier Militärangehöriger, die nach dem Krieg Unterschlupf bei einer jungen Sennerin finden. Dort verarbeiten (oder verdrängen?) sie das Kriegsgeschehen und beherbergen – wenn auch widerwillig – einen russischen Gefangenen, nur um nicht in ihrer Bergidylle gestört zu werden.

Es lassen sich in der Ausgabe des Skorpions aber auch feuilletonistische Beiträge finden: Walter Heist reflektiert etwa in „Vom Stil unserer Zeit“ den Zeitgeist der Literatur und hält beinahe resigniert fest: „Das Wesen unserer Zeit ist Zusammenbruch. Nicht nur Zusammenbruch der wirtschaftlichen Grundlagen, politischen Ordnung, weltanschaulichen Zielsetzung, sondern Zusammenbruch deswegen, weil kein Ansatzpunkt für Neues sichtbar wird.“ Alfred Andersch schließlich geht mit seinem kurzen Text fast an die Grenzen des Sagbaren, indem er die Gedanken einer jungen Frau nachzeichnet, die plant, einen Treuebruch zu begehen. Franz Wischnewski ist für die skizzenhaften und minimalistischen Illustrationen der Beiträge zuständig.

Geschichte

„Man sollte keine Zeitschriften mehr gründen. Erstens sind sie überflüssig, zweitens steht die Währungsreform drohend am Himmel, drittens ist es schwierig für sie einen Namen zu finden.“ So lautet der erste Satz des Skorpion. Die Idee der Zeitschrift stammt von Hans Werner Richter. Für den Ruf, dessen erste Ausgabe im Sommer 1946 erscheint, hat Richter ein Jahr als Herausgeber gearbeitet. Für sein neues Projekt hat er vor, einige ehemalige Schreibende des Ruf zu gewinnen. Um das erste Heft vorzubereiten, lädt Richter seine ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im September 1947 zu einem Treffen am Bannwaldsee in Füssen ein. Bei dieser ersten Zusammenkunft sollten geschriebene Manuskripte vorgelesen und kritisiert werden, aber auch im Freundeskreis ein gemeinsames Beisammensein gefeiert werden. Zwei Wochen nach dem Treffen schreibt Richter an Heinz Friedrich und verkündet, dass sich aus der Tagung am Bannwaldsee eine literarische Gruppe konsolidiert hat, die den Namen „Gruppe 47“ trägt.

Das Konzept für eine neue Zeitschrift wird schließlich zusammen mit Alfred Andersch, Wolfdietrich Schnurre, Walter Kolbenhoff, Wolfgang Bächler und Günter Eich erarbeitet. Zunächst geplant unter ganz unterschiedlichen Titeln – im Raum stehen u.a. „Tribüne“, „Fiaker“ oder auch „Die Nähmaschine“,  einigt man sich schließlich – wohl aus eher spontanen Beweggründen – auf Skorpion. Bei der zweiten Zusammenkunft der Gruppe 47 im November 1947 in München entsteht schließlich die Probe-Nummer des Skorpion; ein junger Drucker der Münchner Buchdruckerei und Verlagsanstalt Carl Gerber, Hans Pribil, druckt davon 100 Exemplare. Die erste Ausgabe soll im Januar 1948 veröffentlicht werden.

Die Intention der Gruppe rund um den Skorpion ist eindeutig: „Wir aber wollten das Leben, wir wollten die Wirklichkeit, wir wollten die reine Kritik und die Freiheit als echtes Erlebnis.“ Programmatisch geht es weiter: „Auch das wird die Aufgabe einer jungen Literatur sein. Eine Kritik zu schaffen, die schonungslos ist […] und die uns vor der Sintflut des Mittelmäßigen bewahrt.“

Die Null-Nummer des Skorpion bleibt allerdings die einzige Ausgabe. Warum der Skorpion nicht publiziert worden ist, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Nach Hans Werner Richter sollen die amerikanischen Behörden für die Zeitschrift keine Lizenz erteilt haben. Zumindest in der Korrespondenz Richters im Archiv der Gruppe 47 taucht allerdings kein Hinweis auf die Ablehnung einer Lizenzierung auf. Tatsächlich korrespondiert Richter mit diversen Verlagen, um sie für die Übernahme des Skorpion zu begeistern. Dennoch hat keiner dieser Verlage Richters Zeitschrift herausgebracht. Ein Grund könnte in der begrenzten Papierzuteilung in der Nachkriegszeit liegen; immerhin plant Richter eine Auflage von 40.000 Exemplaren für eine Zeitschrift, die monatlich erscheinen soll. 

In seinem Nachwort zur Geschichte der Gruppe 47 vermutet Heinz Ludwig Arnold, dass weitere Gründe für das Nichterscheinen der Zeitschrift ausschlaggebend waren: So wendet sich Richter anderen Projekten zu, wie das Schreiben eigener Bücher und journalistischen Arbeiten. Außerdem entwickelt sich die Gruppe 47 auf seine Initiative hin zu einer mehr oder weniger verbindlichen literarischen Gemeinschaft. Die von ihm organisierten Schriftstellertreffen finden von 1947 bis 1967 statt. Die Gruppe 47 avanciert zu einer der bedeutendsten kulturellen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland, ihr Einfluss auf das kulturelle und politische Leben der Nachkriegszeit sowie die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur bleibt auch nach der Auflösung der Gruppe erhalten.

Das Buch Der Skorpion erscheint 1991 im Wallstein Verlag. Es fungiert als Reprint der mittlerweile legendären Zeitschrift. Im Nachwort bereitet Heinz Ludwig Arnold die Geschichte des Skorpion und der damit verbundenen Gruppe 47 anhand bislang unbekannter Dokumente auf.

Sekundärliteratur:

Richter, Hans W. (1991): Der Skorpion. (Reprint). Göttingen, Deutschland: Wallstein Verlag.

Betzl, Doris (2003): Geburt als Skorpion, Tod als Papiertiger. Heinz Ludwig Arnolds Feature über die Gruppe 47, URL: https://literaturkritik.de/id/5863, (14.08.2025).

Eintrag Eich, Günter in nachschlage.NET/KLG - Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, URL: http://www.nachschlage.net.emedien.ub.uni-muenchen.de/document/16000000120, (2020).

Goff, Penrith (2017): Richter, Hans Werner. In: Deutsches Literatur-Lexikon, Band 12. De Gruyter, Berlin u.a. URL: https://db-degruyter-com.emedien.ub.uni-muenchen.de/view/DLLO/dllo.dll.012.2499?pi=0&moduleId=common-word-wheel&dbJumpTo=richter,%20h, (2020).