Liebesanfang

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Martha Feuchtwanger, 1926

Nachdem Marta Löffler im Sommer 1911 aus dem Urlaub nach München zurückgekehrt war, erhielt sie einen Anruf von Lion Feuchtwanger.

Wir trafen uns am höchsten jüdischen Feiertag, den Lion wie ich auch fastend und im Gebet verbringen sollten. Stattdessen gingen wir ins Isartal, dann auf sein Zimmer. Dort begann unsere Ehe. Doch eine Heirat hätten wir damals als einen höchst lächerlichen Rückfall in die Bürgerlichkeit betrachtet. Wir hatten nur einen Wunsch: unentdeckt zu bleiben. Wir überlegten nicht einmal, ob es lange dauern würde. Aber jede Begegnung war erfüllt von Herzklopfen.

(Marta Feuchtwanger: Nur eine Frau, a.a.O., S. 16ff.)

Obwohl ihr seine „armselige erste Bude“ nicht gefiel, hat sie ihn dort oft besucht. Endlich fand er eine neue Bleibe.

Die war in der Burgstraße in einem Haus, das an die alte Burg angelehnt stand. Es war eine Burg aus dem Mittelalter, dazu gehörte ein finsterer alter Bogen. Durch den musste man rein und eine dunkle Treppe hinauf. Gegenüber von Lions Fenster, im Nachbarhaus, war das Fenster, wo Mozart den Idomeneo geschrieben hatte. Unter Lions Fenster gab's ein Geschäft, das hieß „Buchweizen“. Eines Nachts stand Lion am Fenster. Unten war ein Betrunkener, und der grüßte herauf: „Guten Abend, Herr Buchweizen, wie geht es Ihnen?“ Aber in der Nähe das Theater, das war wichtig, weil Lion Kritiken für die Weltbühne schrieb – damals hieß sie noch Schaubühne.

(Marta Feuchtwanger: Leben mit Lion. Gespräch mit Reinhard Hoffmeister in der Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“. Lamuv Verlag, Göttingen 1991, S. 11ff.)

Geldnot bestimmte das Leben des jungen Paars. Doch sie ließen sich davon wenig beeindrucken, genossen ihre Freiheit, improvisierten und hofften auf bessere Zeiten. 

Die finanzielle Lage wurde immer trostloser. Als ich eines Tages mit meinem Schlüssel in Lions neu gemietetes Zimmer gehen wollte, war die Tür zu der Wohnung von innen abgeriegelt. Ich klingelte. Meine Verlegenheit versteckte ich wie gewöhnlich hinter einer besonders hochmütigen Miene. Die Vermieterin, eine Schwester der Kellnerin, die am Stammtisch in der Torggelstube bediente und die sonst viel Verständnis hatte für die Sitten der Bohème, öffnete nur widerwillig.

Sie hatten damals ein Zeichen verabredet: Wenn Lion Besuch hatte, verhängte er das Fenster. Ließ er es frei, bedeutete es, sie konnte zu ihm kommen.

Am nächsten Tag, der Vorhang war nicht vorgezogen, versuchte ich es noch einmal, und Lion war da. Er erzählte mir, dass er das Geld für die Miete nicht hatte und sich nicht nach Hause traute, weil er fürchtete, er werde gekündigt. Er sei die ganze Nacht auf der Straße herumgelaufen, bis er dann am Morgen seinen jüngsten Bruder anpumpen konnte. Doch müsste er das Geld doppelt zurückzahlen. So beschloss er nun, einen Bekannten zu bitten, ihm eine größere Summe vorzustrecken.

(Marta Feuchtwanger: Nur eine Frau, a.a.O., S. 16ff.)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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