Schule

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Historische Ansicht des Wilhelmsgymnasiums, Stich 1880

In seinem Text Der Autor über sich selbst lässt Lion Feuchtwanger Zahlen sprechen, die sich selbst ad absurdum führen.

Der Schriftsteller L. F. wurde geboren im vorletzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in einer Stadt des Landes Bayern, genannt München, die damals 437 112 Einwohner zählte. Er wurde von insgesamt 98 Lehrern in 211 Disziplinen unterrichtet.

Dazu gehörten unter anderem Hebräisch, Geschichte der oberbayerischen Fürsten, Sanskrit, Zinseszinsrechnung, Gotisch.

Der Schriftsteller L. F. brauchte 19 Jahre, um von diesen 211 Disziplinen 172 vollständig in seinem Gedächtnis auszurotten. Es wurde im Laufe seines Unterrichts der Name Plato 14 203 mal, der Name Friedrich der Große 22 641 mal, der Name Karl Marx keinmal genannt.

(Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula, a.a.O., S. 374)

1894 trat Lion Feuchtwanger in das humanistische Wilhelmsgymnasium ein, wo er 1903 das Abitur ablegte. In seiner Selbstdarstellung von 1933 heißt es:

Ich wurde humanistisch erzogen, lernte lateinische und griechische Syntax, auch viele Zahlen aus der antiken Geschichte. Es war eine pedantische, nüchterne Ausbildung, ohne Zusammenhang mit dem realen Leben, ohne Sport, konservativ, patriotisch. Man lernte Mathematik und Verslehre nach der gleichen Methode, man lernte nach strengen Gesetzen deutsche, lateinische und griechische Verse schreiben.

Feuchtwanger berichtet von ersten literarischen Versuchen. Zum Geburtstag Luitpolds von Bayern verfasste der Dreizehnjährige ein Festspiel „in genau gemessenen, konventionellen Rhythmen“, das in „irgendeinem braven heimatkundlichen Journal“ abgedruckt und von Schülern aufgeführt wurde. Sie verkörperten die Malerei, die Poesie, die Architektur und standen „robust, linkisch und verlegen“ um die Gipsbüste des Landesherrn herum.

Die Ausbildung in jenem Gymnasium, das man bis zum 19. Lebensjahr besuchte, war sehr prüde. Die Klassiker wurden in sorglich gereinigten Ausgaben gelesen. Alles, was mit Sexus zusammenhing, wurde ängstlich herausgeschnitten und vermieden. Es herrschte Disziplin, Würde, gipserne Antike, Heuchelei.

(Centum Opuscula, a.a.O., S. 365ff.)

Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt