D. H. Lawrence in Mayrhofen

Ein zentrales Thema des Romans Mr. Noon (1921) von D. H. Lawrence ist der Antagonismus zwischen Rationalität und Spiritualität, Zivilisation und Kultur, christlichem Humanismus und neuheidnischem Vitalismus – exemplarisch dargestellt anhand traumatischer Geschlechterbeziehungen. Der katholische Volksglaube mit seinem barocken Prunk, seinen farbenprächtigen Feiern und Mysterienspielen beeindruckt den religiös empfindenden und nach ursprünglichem Glauben suchenden Schriftsteller. In Mr. Noon wird der Katholizismus als „etwas Vorrömisches, Nordisches, Erschreckendes“ zunächst ambivalent dargestellt:

Überall herrschte ein seltsamer, mittelalterlicher Katholizismus. Zu sehen, wie die Bauern den Hut abnahmen und den Kopf senkten, wenn sie an den Kapellen und Kruzifixen vorbeikamen, hieß, in ein dunkles, gewalttätiges Zeitalter zurückversetzt zu werden. Es war kein Lippenbekenntnis, keine leere Formel. Noch auch war es die Götzenbildverehrung des Südens. Es war ein fast russischer, dunkler Mystizismus, eine Verehrung von Grausamkeit und Schmerz und Qual und Tod: eine dunkle Todesverehrung. Und verblüffend häufig in den düsteren Tälern und an den steilen Weghängen waren die Christusfiguren, alte und junge. Manche waren uralte Christusfiguren aus grausilbrigem, bejahrtem Holz. Manche waren neu und schrecklich: lebensgroße, realistisch dargestellte, kräftige junge Männer am Kreuz, in Todesqual: weiß und verzerrt.

[...]

Die Landstraße endete in Eckershofen. Dahinter nur Maultierpfade. Und die Maultiertreiber mit ihrem Koppel Maultiere, grimmige, vorzeitlich aussehende Männer, die unter Geschrei und Peitschenknallen die Hügel hinaufstiegen, veränderten sich plötzlich, wenn sie sich einer Kapelle oder einem Kruzifix näherten. Plötzlich überkam sie ein Schweigen, eine Dunkelheit, ein Schatten. Verstohlen gingen sie vorwärts, nahmen vor dem großen Christus den Hut ab. Und dann stand Gilberts Herz still. Er wusste, es war nicht Christus. Es war ein älterer, furchtbarer Gott, baumschrecklich.

Selbst aus den bäuerlichen Grüßen – Servus! oder Grüß Gott! – schien er etwas herauszuhören – etwas Vorrömisches, Nordisches, Erschreckendes: Wölfe, die in der Dunkelheit der nordischen Nacht das Fell sträubten, das Blitzen des Nordsterns, das Geheimnis blonder, vergessener Götter. Droben stets das drohende Getürm großer Höhen. Und die Menschen krochen verstohlen durch die Täler, wie aufgrund einer hehren Erlaubnis.

Einmal gingen Gilbert und Johanna abends ins Wirtshaus, wo Zithern näselten und Männer in ihren schweren Bergschuhen den Schuhplattler tanzten. Es herrschte ungestümes Durcheinander, ungestümer Lärm und ein Gefühl ungestümer Vitalität. (Zit. aus: D. H. Lawrence: Mr. Noon. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Zürich 1985, S. 365-367. © Diogenes Verlag, Zürich 1985)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 215f., S. 255.

Externer Link:

Weithmann, Michael W.: Lawrence of Bavaria. The english writer D.H. Lawrence in Bavaria and beyond



Kommentar schreiben