Hans Christian Andersen in Kufstein

Der für seine Märchen weltberühmte dänische Dichter Hans Christian Andersen kommt seit 1834 mehrmals nach München. Bei seinem Aufenthalt im Juni 1852 fährt er auf Einladung von König Maximilian II. zu einer Audienz auf dessen Jagdschloss am Starnberger See hinaus. In seinen Erinnerungen Das Märchen meines Lebens hält er diesen Besuch fest; Unternehmungen ins Gebirge, beispielsweise nach Kufstein, kommen dabei auch nicht zu kurz:

7. Mai. Bin nach Kufstein gefahren, das aussah wie ein Dorf; auf dem Bahnhof waren keine Träger, die Eisenbahnbeamten fragten erstaunt: „Wollen Sie in Kufstein bleiben?“ Ich bereute es schon, aber gleich hinter der Brücke, an dem reißenden Strom, lag das Hotel, weiß gestrichen mit grünen Fensterläden; wir stiegen dort ab, schlechte Luft, Leere und Mangel an Komfort, aber eine besonders schöne Aussicht von unserem Fenster aus; zu unseren Füßen braust der Inn, man sieht ihn ganz oben im Tal, zwischen den Bergen hervorkommen. Wir gingen in die Gaststube hinunter, schlechte Luft, harte Holzbänke zum Sitzen, lärmende Leute in der Stube nebenan, ich hatte den Eindruck einer Kneipe, so daß ich wünschte, ich wäre nie hierhergekommen. Der Ort selbst mit seinen hellen, freundlichen Häusern, den höflichen Menschen, den spielenden Kindern, dem ländlichen Frieden, der hier über dem Ganzen lag, tat wohl, aber im Haus ist man nicht in einem Hotel, nicht in der gewohnten Behaglichkeit; ich habe das Gefühl, an diesem Platz krank zu werden, und im Ort habe ich nur ein einziges Schild gesehen, welches anzeigt: hier wohnt der Pferdedoktor. (Zit. aus: Hans Christian Andersen: Das Märchen meines Lebens. Briefe. Tagebücher. München 1961, S. 729f. © Insel Verlag, Frankfurt am Main u.a. 1961)


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek

Sekundärliteratur:

Tworek, Elisabeth (2011): Literarische Sommerfrische. Künstler und Schriftsteller im Alpenvorland. Ein Lesebuch. Allitera Verlag, München, S. 27, S. 245.



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