Landesgeschichte

Schon seit Hal Fosters Prinz Eisenherz (1937ff.) sind historische Stoffe fester Bestandteil der Comic-Narration. Bieten vergangene Zeiten doch spannende Handlungsorte für die Autoren und Fluchtmöglichkeiten aus dem Alltag für die Rezipienten. Die Integration von realen historischen Elementen kann im franko-belgischen Comic auf eine lange Tradition zurückblicken, man denke nur an Asterix (René Goscinny; Albert Uderzo, seit 1959) [Römisches Reich], Lucky Luke (Morris, seit 1946) [Wilder Westen] oder die Blauen Boys (Willy Lambil; Raoul Cauvin, seit 1968) [Amerikanischer Bürgerkrieg]. Die Anerkennung von grafischer Literatur ist eng mit Maus von Art Spiegelman verbunden, der für seine Umsetzung des Holocausts den Pulitzer-Preis 1992 gewonnen hat.

Mittlerweile werden Comics vermehrt im Geschichtsunterricht eingesetzt, auch deutsche Graphic Novels nutzen das Medium zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Hier bestehen zwei große Trends: 1) Im Albenbereich dominiert die Zeitgeschichte und/oder die Autobiographie. 2) Immer mehr  Museen und Gedenkstätten greifen auf das Medium bei ihren Publikationen zurück oder bauen diese in ihre Ausstellungen ein. Zudem werden historische Daten und Jubiläen zum Anlass für Veröffentlichungen. Gerade der Erste Weltkrieg findet hier in den letzten Jahren einen starken Widerhall. Diese Entwicklungen lassen sich auch für Bayern und die bayerische Geschichte erkennen.

Beispiele der jeweiligen Typen können das illustrieren: 1992 findet die bayerische Landesausstellung in Straubing zum Thema Bauern in Bayern statt. Parallel dazu erscheint, herausgegeben vom Haus der Bayerischen Geschichte, dem Träger der Ausstellungen, ein Comic: Bauern in Bayern (Johann Kiefersauer) als alternativer Katalog. In elf Episoden, die auf Dokumenten (Nachweis auf der letzten Seite!) beruhen, wird beispielhaft das Leben der Landbevölkerung von 450 n. Chr. bis in die Gegenwart dargestellt. Aspekte wie Handel, Ernährung, die Lehnsherrschaft, aber auch Raubrittertum und Bauernaufstand spielen eine Rolle. Der Fortschritt wird durch Landvermessung und zunehmende Technisierung verdeutlicht. Allerdings werden Nöte wie der Weltkrieg oder Mangelsituationen bzw. persönliche Schicksalsschläge nicht ausgespart. Die Ausrichtung geht aber klar in Richtung einer allgemeinen Versöhnungskultur und Harmonisierung.

Zum 850 Jahre-Jubiläum bringt die Stadt München 2008 zusammen mit Comicaze e.V. die Anthologie Anno Domini heraus. Zunächst in einer symbolträchtigen Auflage von 850 Stück, die jedoch wegen der großen Nachfrage direkt nachgedruckt werden muss. Auch hier gibt es historische Schwerpunkte: Während die ersten Geschichten die Gründung der Stadt, besser gesagt, Münzrechte und Brückenbau im Mittelalter thematisieren, kommt dann ein großes Loch, das erst mit Ludwig I. wirklich geschlossen wird. Die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg sind hingegen eher umfangreich vertreten. Durch die Stadthistorie führen dabei zwei sexy Münchner Kindl, die, wie Prolog und Epilog suggerieren, die letzten Bewohner eines ansonsten menschenleeren Münchens in ferner Zukunft zu sein scheinen.

Comic-Biographien sind ein eigenes Genre geworden, auch bayerische Künstler, Literaten und historische Persönlichkeiten sind zu solchen Ehren gekommen. Einer der jüngsten Comics in diesem Bereich ist Sophie Scholl (2015) von Heiner Lünstedt und Ingrid Sabisch. Dieser deckt wohl einige typische Kriterien dieser Form auch aus vermarktungstechnischen Erwägungen ab. Es handelt sich um eine bekannte historische Persönlichkeit; die zeitgeschichtliche Epoche trifft immer wieder auf großes Interesse und das Thema Widerstand im Dritten Reich bietet sich dazu an, die Graphic Novel auch mit Schulklassen zu rezipieren. Zudem versucht Sophie Scholl nicht nur allgemeinbekannte Fakten zu illustrieren, sondern gleichzeitig darüber hinaus einen neuen Blickwinkel auf die Person zu ermöglichen. Das geschieht hier über die Fokusverlegung weg von einer reinen Oppositionsgeschichte. Stattdessen steht die (Liebes-)Beziehung zwischen Sophie Scholl und dem älteren Wehrmachtsoffizier Fritz Hartnagel, mit dem sie sich auch verlobte, im Mittelpunkt. Die restlichen Mitglieder der „Weißen Rose“ wirken dagegen eher farblos. Gerade mit den Zitaten des Briefwechsels gelingt jedoch ein differenziertes Bild der jungen Frau, die in den sonstigen Szenen bisweilen etwas kühl wirkt.

 

Quellen:

Johann Kiefersauer: Bauern in Bayern. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 1992.

Ingrid Sabisch; Heiner Lünstedt: Sophie Scholl. Knesebeck, München 2015.

Rainer Schneider (Hg.): Anno Domini. Eine Geschichtensammlung zum 850. Stadtjubiläum Münchens. Comicaze, München 2008.

 

Externe Links:

Verlagsseite zu Sophie Scholl

Rezension in Der Tagesspiegel


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Ingold Zeisberger

Sekundärliteratur:

Grundermann, Christine (2007): Jenseits von Asterix. Comics im Geschichtsunterricht. Schwalbach.

Grundermann, Christine (2014): Geschichtskultur in Sprechblasen: Comics in der politisch-historischen Bildung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 33-34), Schwerpunktheft Comics.

Kesper-Biermann, Sylvia (2014): Verflochtene Vergangenheiten: Geschichtscomics in Europa, Asien und Amerika. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig.

Mounajed, René (2009): Geschichte in Sequenzen. Über den Einsatz von Geschichtscomics im Geschichtsunterricht. Verlag Peter Lang, Berlin.

Munier, Gerald (2000): Geschichte im Comic: Aufklärung durch Fiktion? Über Möglichkeiten und Grenzen des historisierenden Autorencomic der Gegenwart. Unser Verlag, Hannover.



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