Der Wissenschaftler und Heimatdichter Karl von Reinhardstöttner

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbthemes/2019/klein/reinhardstttner_0_klein.jpg
Karl von Reinhardstöttner: Land und Leute im Bayerischen Walde, Bamberg, 1890; Bavar. 4570 h-17 (c) BSB München/Münchener DigitalisierungsZentrum

Im Jahre 1867 erscheint im Landshuter Verlag der Thomann’schen Buchhandlung eine 15-seitige Broschüre mit dem unprätentiösen Titel: Über das Studium der modernen Sprachen an den bayerischen Gelehrten-Schulen. Ein Beitrag zu den Ideen über die Reorganisation der Gymnasien. Der Verfasser, ein zwanzigjähriger Student namens Karl von Reinhardstöttner, schreibt darin: „Der Völkerverkehr ist in unsern Tagen zu einer unendlichen Höhe gestiegen und es wäre unnötig, darauf hinzuweisen, wie mit jedem Tag die Verbindungen der entferntesten Länder ihrer Herstellung näher rücken und wie bald Europa, was Verkehr und Handelsverbindung betrifft, nur mehr Ein großes Reich scheinen wird!“ (Über das Studium ..., S. 4)

Fünf Jahre später, 1872, bewirbt sich der inzwischen habilitierte Karl von Reinhardstöttner bei der Fakultät der Universität Würzburg um eine Privatdozentur für romanische Philosophie; im Bewerbungsschreiben heißt es:

Während meiner Universitätszeit war es vor allem das Studium der neueren Sprachen und der lateinischen und griechischen Stilistik, was mich besonders beschäftigte. Zudem hatten mich Reisen in Frankreich und Italien auch auf das praktische Studium derselben hingewiesen. Aber ich sah, daß die Art und Weise, wie bei uns in Bayern an den humanistischen Gymnasien das Studium der modernen Sprachen betrieben wird, ohne allen Werth sei, ja geradezu zerstörend wirke. Diese meine Ansicht bestärkte das einstimmige Urteil aller Rektoren, aller Gymnasiallehrer, und so gab ich im Dezember 1867 eine Broschüre Über das Studium der modernen Sprachen an den bayerischen Gelehrtenschulen heraus, in der ich die Gebrechen zunächst unseres obligaten französischen Sprachunterrichtes in schärfster Weise beleuchtete [...] (Denn) noch dozieren Menschen ohne jede wissenschaftliche Vorbildung in schaudererregendster Weise zum Hohne aller Disciplin und Schulordnung die modernen Sprachen, deren Werth mit der wissenschaftlichen Ausbildung [...] nicht nur praktisch sich erhöht, sondern die auch von Männern der Wissenschaft gelehrt dieselbe formelle Geistesbildung an den Gymnasialschulen erzielen könnten, wie sie die antiken eben auch nur in Folge ihrer ernsten wissenschaftlichen Behandlung bewirken.

(Zit. nach: Albert Hämel: Die Romanische Philologie in Würzburg. In: Aus der Vergangenheit der Universität Würzburg. FS zum 350-jährigen Bestehen der Universität. Hg. von Max Buchner. Berlin 1932, S. 256f.)

Ein zwanzigjähriger Student der Anfangssemester nimmt zur Zeit des extremsten Nationalismus und des werdenden deutschen Nationalstaates bismarck’scher Prägung mit seiner Vision von einem großen Reich Europa die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts vorweg! Im Bewerbungsgesuch fordert er die Gleichstellung der modernen Sprachen mit den klassischen. Das war „für seine Zeit etwas Ungewohntes“ (Hämel) und mutet angesichts des Platzhirschenmonopols der Altphilologie an den Hochschulen geradezu revolutionär an. Zusammen mit der Forderung, die neuphilologischen Gymnasiallehrer an den Universitäten ausbilden zu lassen, war es ein Tabubruch. Wir werden an anderer Stelle erfahren, dass das nicht ohne Folgen für seine akademische Laufbahn blieb. Betrachtet man jedoch die von ihm geschilderten Verhältnisse jener Zeit, so war sein Engagement mehr als berechtigt, war dringend notwendig.

Karl von Reinhardstöttner: Land und Leute im Bayerischen Walde, Bamberg, 1890, S. 1; Bavar. 4570 h-17 (c) BSB München/Münchener DigitalisierungsZentrum

Gegenwärtige Zeilen sind einer ernsthaften Abhandlung gewidmet, und es ist hier nicht der Ort, eine Sammlung origineller drolliger Anekdoten zu erzählen, deren ich ein halbes Hundert als selbst erlebt im französischen Gymnasialstudium für verbürgt anführen könnte, hier ist der Platz nicht die komischen Erlebnisse der französischen Stunden, von denen alte Staatsdiener noch sprechen, wie sie es mit dem Aufgabenschreiben hielten, wie sie Stunde um Stunde versäumten u. dgl., weiter auszuführen, aber im Hinblicke auf die Leistungen der französischen Unterrichtsstunden, gestützt auf die Resultate der französischen Lehrcurse kann man mit Bestimmtheit behaupten, daß all diese Lehrer, die die Franzosen so treffend „bons enfants“ heißen, geradezu Nichts leisten, wie das einstimmige Urtheil der Abiturienten aller Jahre zur Evidenz beweist. Wie lange soll das noch dauern, wie lange so wichtige Posten auf eine Art und Weise besetzt sein, die der Würde einer humanistischen Anstalt ins Gesicht Hohn spricht?

(Über das Studium ..., S. 7; Hervorhebungen entsprechen dem Originaltext)

Seine Beobachtungen und Erkenntnisse trieben den trotz seines jugendlichen Alters erstaunlich kritischen Geist zum Handeln, „... und so beschloß ich 1867 definitiv, dies zu dem Endziel meines Studiums zu machen.“ (Hämel, a.a.O., S. 257)

Was ihn besonders umtrieb, war die Tatsache, dass im damaligen akademischen Sprachlehrbetrieb eine Sprachdisziplin, die zu seiner lebenslangen Leidenschaft gedeihen sollte, eine extreme Randstellung einnahm: die Lusitanistik, das Portugiesische. Es blieb, wie alle neueren Sprachen, als „Nebenfach“ dem akademischen Dilettieren ausgeliefert, indem es vielfach von fachfremden Dozenten betreut wurde (vgl. Briesemeister; Schönberger: Geschichte der Lusitanistik in Deutschland).

Wer war dieser revolutionäre Jüngling, der mit jugendlichem Ungestüm die Festung traditioneller, seiner Überzeugung nach verkrusteter und obsoleter akademischer Strukturen selbstbewußt zu stürmen unternahm und mit seinen gerade mal 20 bzw. 25 Jahren radikale Reformen an Universitäten und Gymnasien forderte?

Zum nächsten Abschnitt


Verfasser: Max Heigl / Bayerische Staatsbibliothek

Sekundärliteratur:

Graßl, Anton (1990): Vorwort zur Reprint-Ausgabe von Land und Leute im Bayerischen Walde. Grafenau.

Hämel, Albert (1932): Die Romanische Philologie in Würzburg. In: Aus der Vergangenheit der Universität Würzburg. FS zum 350-jährigen Bestehen der Universität. Hg. von Max Buchner. Berlin.

Seidel-Vollmann, Stefanie (1977): Konrad Hofmann, der erste Münchner Romanist (1853-1890). In: Ludivico Maximilianea Forschungen, Bd. 8, S. 125ff.

Setzwein, Bernhard (o.J.): Von Urwäldern und Räuberhöhlen. Reiseschriftsteller und ihre Expeditionen in den Bayerischen Wald.

 

Quellen:

Bewerbungsschreiben an die Universität Halle zur Promotion: Lateinischer Lebenslauf; Archiv der Universität Halle.

Briesemeister; Schönberger: Geschichte der Lusitanistik in Deutschland.

Die Oberpfalz, hg. v. Laßleben. Kallmünz 1909, 3. Jg., Nr. 5.

Ferdinand von Reinhardstötter: Geschichte von Lixenried (Ms. 1844), Historischer Verein Regensburg.

Forschungen zur Geschichte Bayerns, B 1 (1893) – B 16 (1908), Inhaltsangaben, bearb. von Dieter Rübsamen.

Karl von Reinhardstöttner: Über das Studium der modernen Sprachen an den bayerischen Gelehrten-Schulen. Landshut 1868.

Ders.: Land und Leute im Bayerischen Wald. Bamberg 1890.

Ders.: Vom Bayerwalde. Kulturhistorische Erzählungen. Bde. 2, 3, 4.

Ders.: Portugiesische Literaturgeschichte. Sammlung Göschen. Leipzig 1904.

Münchner Einwohnerverzeichnis 19. Jahrhundert.

Nachruf von J. B. Laßleben. In: Die Oberpfalz 3 (1909), 5, Kallmünz.

Personalakte Karl von Reinhardstöttner; Archiv der TU München.

S. Günther; G. Hartmann: Nachruf der TH München 1909; Archiv der TH München.

 

Externe Links:

Literatur von Karl von Reinhardstöttner im BVB

Literatur über Karl von Reinhardstöttner im BVB

Karl von Reinhardstöttner in der Deutschen Biographie

Digitalisate zu Karl von Reinhardstöttner im MDZ

Geschichte der Lusianistik in Deutschland



Kommentar schreiben