Stadt der Bewegung und Restauration

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Demonstration von Studenten gegen den Bildungsnotstand 1967, Glyptothek München (Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv Timpe)

Tauben im Gras müssen keine Kahlschlagliteratur sein, um den Sinn der Welt schonungslos zu entstellen. Koeppen, der Berlin notgedrungen verlassen musste, hat kein positives Münchenbild. Der späte Band Muß man München nicht lieben? (2002) ist aufgezogen wie ein huldigender Reiseführer, will aber etwas ganz anderes aufzeigen: München, das ist die Stadt der Melancholie und Trostlosigkeit, der kleinbürgerlichen Enge, die ihre sich unverstanden wissenden Künstlerseelen in die Isar treibt, und das seine braune Vergangenheit nicht überwunden hat. Die schöne Fassade, das sonnige Isar-Athen unter bayerisch-blauem Himmel birgt Unheilvolles. In vielerlei Hinsicht überschneidet sich der München-Essay mit dem Roman. So gerät auch die Stadtbeschreibung zur Beschreibung der Restauration. Die einstige Kunststadt ist zur Hauptstadt der Bewegung geworden. Mit dem Wiederaufbau bleibt alles beim Alten – München ist Prototyp des „Treibhaus“-Klimas der 1950er-Jahre, eine Brutstätte der Verdrängung, der Entledigung der politischen Schuld im Zukunftsoptimismus des Wirtschaftswunders. Das Ringen mit der Entnazifizierung ist tatsächlichen Ereignissen in der bayerischen Landeshauptstadt entlehnt: So scheitert Dr. Edwins Vortrag, wie seinerzeit José Ortega y Gasset im Herkulessaal die „geistige Verbrämung“ und die „tauben Ohren und beifälligen Hände“ seines Publikums anprangert. Edwin fühlt sich unwohl in der Stadt:

Die Stadt erschreckte ihn, die Stadt bekam ihm nicht, sie hatte zu viel durchgemacht, sie hatte das Grauen erlebt, [...] den Sturz in die Ungeschichte, jetzt hing sie wieder am Hang der Historie, hing schräg und blühte, war er Scheinblüte?

(Tauben im Gras. 40. Aufl. Frankfurt a. Main 2012, S. 108.)

Mal ist das Haus der Kunst, mal der Führerbau Sitz und Treffpunkt der Besatzer, deutsche oder bayerische Volkslieder begleiten die dumpfe Atmosphäre, und unter Eindruck des berauschenden Biers verbrüdern sich die Besatzer mit den nüchtern betrachteten Alt-Nationalsozialisten. Gegenüber den restaurativen Tendenzen tut sich aber auch eine Hoffnung auf: Wie das Chaos des Krieges die Ordnung umgeworfen hat – Carla ist jetzt mit einem Schwarzen liiert –, so bietet die Umwertung der Werte die Chance, dass die Gesellschaft sich befreit und neu formiert. Die Prügelei im Lokal lässt sich nicht nur als Symptom der augenblicklichen Situation im Nachkriegsdeutschland lesen, sondern auch in ihrer allgemeinen geschichtsphilosophischen Dimension. Das Gemenge von schwarzer und weißer Haut steht auch als Anspielung auf die Segregation und Rassendiskriminierung, die mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht ausgemerzt scheint, sondern im Land der Besatzermächte eine andere, neue Entwicklung nimmt. Die Szene greift einen wichtigen Faden auf und spinnt diesen weiter: Konnte und kann der Nationalsozialismus nicht überall passieren?

Verfasser: Monacensia im Hildebrandhaus / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Häntzschel, Günter (2006): „Bürgerliche Saturnalien“, Wolfgang Koeppens München. In: treibhaus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre: Bd. 2, Wolfgang Koeppen, hg. v. Günter Häntzschel, Ulrike Leuschner und Roland Ulrich. München.