Der Existentialismus als Humanismus?

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Wolfgang Koeppen (Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv Timpe)

Alle diese Gäste des Geschehens seien wie Tauben im Gras, so der Wortlaut der amerikanischen Lehrerin im Roman: 

[D]ie Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier, Hitler war ein Zufall, seine Politik war ein grausamer und dummer Zufall, vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind.

(Tauben im Gras, S. 171.)

Dies ist die Auslegung der jungen Pädagogin, die von außen auf die deutsche Vergangenheit blickt: Zufälligkeit, d.h. auch Unbestimmtheit, Sinnlosigkeit. Koeppen strengt dergestalt einen existentialistischen Zugang zur Geschichte an, ohne darauf zu verzichten, Verdrängung und Restauration im Nachkriegsdeutschland zu demaskieren. Durch das Geschichtsverständnis erhält diese Demaskierung aber etwas Beliebiges. Das konnte überall und zu jeder Zeit geschehen. Und das hat es schon und wird es wieder. Die Tauben sind ein Symbol der Masse, ein machtloses Mitläufertum, das sich dem Trieb seiner Herde und dem Gang der Zeit überlässt – im Gewimmel der Großstadt, dessen Bewegungsmuster ebenso wenig Sinn ergibt wie das der Tauben, die offenbar blind fliegen und landen. Koeppens Geschichtsverständnis leugnet jedoch nicht die Kausalität, sondern demonstriert unsere Rat- und Machtlosigkeit gegenüber der Gesetzlichkeit der historischen Geschehnisse und damit auch gegenüber ihrer Steuerung. Dieser Nihilismus widerspricht dem konservativen Humanismus eines Mr. Edwin. In der sich anbahnenden Aufschwungseuphorie drohen die Errungenschaften der abendländischen Kultur verraten und die Schuldfrage verdrängt zu werden. Edwin fürchtet sich vor einer gottlosen, mechanistisch und ziellos verstandenen Welt, wie Schnakenbach sie begreift:

Entweder gab es Gott gar nicht oder Gott war tot, wie Nietzsche behauptet hatte, oder, auch das war möglich und war so alt wie neu, Gott war überall [...]. Gott war eine Formel, ein Abstraktum. [...] Wo Schnakenbach auch war, er war die Mitte und der Kreis, er war der Anfang und das Ende, aber er war nichts Besonderes, jeder war Mitte und Kreis, Anfang und Ende, jeder Punkt war es [...].

(Ebda., S. 211.)

Und der Erzähler kommentiert diese Haltung mit den Worten: „Schnakenbachs Weltbild war unmenschlich. Es war völlig abstrakt.“ (Ebda., S. 210.) Gleichwohl hat es den Anschein, dass Koeppens Umgang mit seinen Figuren genau diesem Weltbild folgt, er ebenjene gottlose, ziellos verstandene Welt vor Augen hat, von der Sartre gerade behaupten würde: Der Existentialismus ist ein Humanismus. Der Mensch ist gerade aufgrund der Abwesenheit seines Schöpfers frei darin, sich und seine Welt zu entwerfen – und kann sich in ebendieser Freiheit als wirkliches moralisches Wesen erweisen. In Hinblick auf das Versagen der kirchlichen Institution während der Barbarei des Krieges und den folgerichtigen Auftrieb der Theodizee müsste diese Logik auch für den Humanisten alternativlos erscheinen. Edwin kritisiert demgegenüber die „Zivilisationsgeister“, die „sich bemühten, das Sinnlose und scheinbar Zufällige der menschlichen Existenz bloßzustellen“. Diese hätten Unrecht, da „doch schon jede Taube ihren Schlag“ kenne und „jeder Vogel in Gottes Hand“ (ebda., S. 215) sei. Doch der Autor rückt den Idealisten in ein durchweg naives Licht.

Verfasser: Monacensia im Hildebrandhaus / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Becker, Sabine (2006): Wolfgang Koeppen und die deutsche Nachkriegsliteratur. In: treibhaus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre: Bd. 2, Wolfgang Koeppen, hrsg. v. Günter Häntzschel, Ulrike Leuschner und Roland Ulrich. München.

Klein, Jürgen (20142): Moderne und Intertextualität. Wolfgang Koeppens Tauben im Gras. In: Eckhard Schumacher und Katharina Krüger (Hg.): Wolfgang Koeppen. Text+Kritik 34.

Oehlenschläger, Eckart (Hg.) (1987): Wolfgang Koeppen. Suhrkamp, Frankfurt a. Main.

Spodzieja, Ryszard (2011): Wolfgang Koeppen. Ein Vertreter der literarischen Moderne. Dresden.