Paradigma einer Nachkriegsstadt: Wolfgang Koeppen

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Wolfgang Koeppen, Fotografie Januar 1987 (Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv Timpe)

Der 1906 in Greifswald geborene Wolfgang Koeppen stammt aus ärmlichen Verhältnissen und schlägt sich zunächst fernab einer Perspektive auf ein Studium als Fabrikarbeiter, Platzanweiser im Kino oder Reisekoch durch, bis seine Mutter, Souffleuse im Greifswalder Stadttheater, ihm eine Stelle als Volontär beschaffen kann. Der Weg führt ihn von dort aus wiederum über erfolglose Engagements nach Wismar, Würzburg bis Berlin, wo er schließlich Anschluss an Piscators Dramaturgisches Kollektiv und wichtige Dramatiker wie Bertolt Brecht oder Johannes R. Becher sowie den Lyriker Gottfried Benn findet und sich 1932 dem Berliner Börsen-Courier, einer einschlägigen linksliberalen Tageszeitung, anschließen kann.

In seinem Erstlingsroman finden sich bereits die Leitmotive seines Schaffens angelegt: Eine unglückliche Liebe (1934) verhandelt einen Themenkatalog, der an die Identitätssuche des Tonio Kröger denken lässt: den Konflikt von Bürger- und Künstlertum, den Kontrast von Sinnlichkeit und Vernunft sowie die Identitätserfahrung durch das Reisen. Während des Krieges verfasst er noch Drehbücher für die UFA, ab 1941 auch für die Bavaria Filmkunst und verlässt 1944 seine zerstörte Wohnung in Berlin, um sich ab Kriegsende in München niederzulassen. In der Augustausgabe der Literarischen Zeitschrift für Kunst und Literatur erscheint der Kurzaufsatz „Als ich Gammler war“, in dem er die Lebenshaltung der Protestbewegung aufgreift. Als literarisch besonders bedeutend und für den antifaschistischen Geist von '68 von Relevanz darf seine Nachkriegstrilogie („Trilogie des Scheiterns“) gelten: Tauben im Gras (1951), Das Treibhaus (1953), Der Tod in Rom (1954) – drei Romane, die ein umfassendes Porträt der restaurativen Nachkriegszeit der Bundesrepublik zeichnen. An die politgesellschaftlichen wie kulturellen Widersprüche dieser Zeit, wie sie in dem München-Roman aufgedeckt werden, schließt Das Treibhaus mit Sicht auf einen sozialdemokratischen Abgeordneten der Bonner Republik an, der an der reaktionären Politik verzweifelt. Auch Der Tod in Rom behandelt am Beispiel der Person eines untergetauchten SS-Mannes die Nachwehen der faschistischen Ideologie.

Schauplatz der ersten Trilogie, Tauben im Gras, ist die Stadt München in der Nachkriegszeit. Die Handlung des Romans ereignet sich an einem einzigen langen Tag, der sich mutmaßlich in das Jahr 1951 datieren lässt. Hierfür spricht am ehesten eine Zeitungsmeldung, dass André Gide gestorben sei. Gide starb 1951. Widersprechen andere mögliche Schlussfolgerungen dieser Festlegung, so lässt sich dennoch mit Sicherheit aussagen, dass das Geschehen um das Jahr 1950 anzusiedeln ist. Ebenso zweideutig-eindeutig ist die Beschreibung des Schauplatzes: Die Stadt München wird an keiner Stelle ausdrücklich benannt. Die Schilderung der zerbombten Stadt und der Neubauten inmitten der Ruinen, der teils zerstörten, teils erhaltenen romanischen, barocken und gotischen Kirchen, der Straßenverkehr mit seiner Mischung aus Vorkriegswägen, ersten neuen Modellen und amerikanischen Besatzungsfahrzeugen werden durch Fotos aus der Zeit bestätigt, doch sind dies allgemein bundesdeutsche Eindrücke bzw. Eindrücke einer Stadt in der amerikanischen Besatzungszone. Koeppens München ist ein auf allgemeine Merkmale gefiltertes München. Entsprechend ist auch die damalige Einquartierung des Amerikahauses im ehemaligen Führerbau keine Besonderheit der bayerischen Landeshauptstadt, sondern Symptom eines Landes zwischen zwei Zeiten und Welten. Dennoch ruft der Leser unweigerliche Assoziationen mit der bayerischen Landeshauptstadt ab, wenn Koeppen vom „Bräuhaus“ schreibt, eine Anlehnung an das bis heute bei amerikanischen Touristen populäre Hofbräuhaus. Diese Assoziationen mögen nicht zuletzt aufgrund der Rolle Münchens in der nationalsozialistischen Vergangenheit vom Autor beabsichtigt sein, und trotzdem ist Koeppen daran gelegen zu betonen, dass die allgemeingültigen Merkmale dieser Stadtbeschreibung im Vordergrund stehen. So entgegnet er auf das Echo einiger Münchner, die glaubten sich in den Figuren wiederzufinden:

[...] ich wollte das Allgemeine schildern, das Gültige finden, die Essenz des Daseins, das Klima der Zeit, die Temperatur des Tages, und ich scheine, mehr als ich vermuten durfte, das Verbreitete und Bezeichnende getroffen zu haben, denn wie wäre es sonst zu erklären, daß sich für einige meiner Romanfiguren [...] gleich mehrere Bewerber, mehrere angebliche Urbilder gemeldet haben.

(Die elenden Skribenten, GW 5, S. 234.)

Es gibt keinen Protagonisten, sondern über dreißig Personen, die allen Teilen der Gesellschaft und unterschiedlichen Nationalitäten entstammen. Zwar finden sich unter diesen einige näher wiedergegebene Charaktere, doch geht es Koeppen mehr um die Dynamik eines Kollektivs. Der Fokus dieser Dynamik liegt auf der Begegnung von Deutschen und Amerikanern, die die Stadt teilweise als Besatzungssoldaten, teilweise als Touristen kennen lernen. Es sind Personen wie der im Grübeln befangene und handlungsunfähige Schriftsteller Philipp, der an seinen Fähigkeiten zweifelt und sich als ein gescheiterter Schriftsteller versteht – also ein deutscher Schriftsteller, ängstlich und vereinzelt –, und seine vor dem Krieg wohlhabende und nun verarmte Gattin Emma, die sich mit der jungen amerikanischen Lehrerin Kay anfreunden. Zu Besuch in der Stadt ist auch der schöngeistige Dichter Mr. Edwin, um einen mäßig aufgenommenen Vortrag über den europäischen Geist zu halten. Im Vordergrund stehen auch der pragmatische Afroamerikaner und Soldat Odysseus Cotton und sein Begleiter, der Gepäckträger Josef, ein Mitläufer der NS-Zeit, ein weiterer afroamerikanischer Soldat namens Washington Price, Idealist und Weltverbesserer, mit seiner deutschen Geliebten Carla, die als unterwürfiges und unselbständiges Frauenzimmer porträtiert wird. Die Wege der Hauptfiguren kreuzen sich unter anderem mit denen anderer Einzelfiguren wie Frau Behrend oder dem drogenabhängigen Chemiker Schnakenbach.

Der Roman erstreckt sich über 105 Erzählsequenzen, deren Zusammenhang sich im Laufe der Erzählung herausbildet. Die harten, filmähnlichen Schnitte dieser Sequenzen, ihr augenscheinlicher Fragment- und Montagecharakter korrespondieren mit der dissoziativen Welterfahrung, die sich bereits in der klassischen Moderne anbahnt und in Folge der Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs eine radikale, sinnstiftende Neuorientierung verlangt. Die Multiperspektivität durch die uneinheitliche, auf viele Personen ausgedehnte Erzählsituation eröffnet einen kaleidoskopischen Blick auf das Geschehen und entspricht der empfundenen wie tatsächlichen Zerschlagung ihrer Gegenwart. Gegenwart und Vergangenheit werden simultan erzählt, die Grenzen von Realität und Traum überschritten, zwischen Handlung und Reflexion wird gesprungen, diese mal para-, mal hypotaktisch entfaltet – dies sind allesamt Merkmale des modernen Romans, wie sie sich beispielhaft bei James Joyce, Marcel Proust oder Alfred Döblin finden. Die literarische Moderne verzichtet auf Wirklichkeitskohärenz und ein Handlungskontinuum, bedarf keiner gesicherten Erzählposition oder eindeutigen Figurenkonstellation, sie verfremdet Akteure und Aktionen und neigt zum Allegorisieren. Koeppen reiht sich nicht in die Trümmer- und Kahlschlagliteratur nach '45 ein, darin sieht Marcel Reich-Ranicki die Tauben im Gras, aufgenommen in seinem zweibändigen Kanon der Literatur, in der Nähe von Arno Schmidt (allerdings ist die Erzählung der beiden Folgeteile der Trilogie wieder deutlich konventioneller organisiert). Die Referenz auf die Erzähltechnik der Vorkriegsliteratur bei gleichzeitiger Rezeption der ästhetischen Entwicklungen der 1950er-Jahre und deren Orientierung an einer neuen Gesellschafts- und Ideologiekritik kann daher als ein besonderes Merkmal Koeppens ausgewiesen werden. Und diese ästhetischen Entwicklungen sind durchaus vielfältig. Die Alternativlosigkeit eines radikalen Neorealismus mit ihrer sprachästhetischen Reduktion – die im Übrigen kaum als Stunde Null der Nachkriegsliteratur begriffen werden kann, kennen wir diese doch bereits als eine neusachliche Strategie – scheint in der Nachkriegszeit nicht ausgemacht: Realismus und Sozialkritik stehen die Weltflucht der Inneren Emigration entgegen ebenso wie der Surrealismus. So eröffnet sich auch bei Koeppen eine geradezu metaphysische, magisch-realistische Dimension (s. Kap. Der Existentialismus als Humanismus?).


Verfasser: Monacensia im Hildebrandhaus / Dr. Nastasja S. Dresler

Sekundärliteratur:

Becker, Sabine (2006): Wolfgang Koeppen und die deutsche Nachkriegsliteratur. In: treibhaus. Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre: Bd. 2, Wolfgang Koeppen, hg. v. Günter Häntzschel, Ulrike Leuschner und Roland Ulrich. München.

Dittmann, Ulrich (2012): Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras, 1951, publiziert am 30.10.2012. In: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras, 1951, (08.10.2018). 

Häntzschel, Günther; Häntzschel, Hiltrud (2006): Wolfgang Koeppen. Berlin.

Klein, Jürgen (20142): Moderne und Intertextualität. Wolfgang Koeppens Tauben im Gras. In: Eckhard Schumacher und Katharina Krüger (Hg.): Wolfgang Koeppen. Text+Kritik 34.

Oehlenschläger, Eckart (Hg.) (1987): Wolfgang Koeppen. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1987.

Spodzieja, Ryszard (2011): Wolfgang Koeppen. Ein Vertreter der literarischen Moderne. Dresden.



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