Jud Süß

In der Zeitschrift Freie Deutsche Bühne veröffentlichte Lion Feuchtwanger am 5. Januar 1929 den Text Über „Jud Süß“, in dem er die Auffassung des Judentums präzisiert, die er in seinem Roman dargestellt hat. Auch dieses Werk Jud Süß – sowohl das Theaterstück als auch der Roman – löste kontroverse Reaktionen aus, mit denen er nicht gerechnet hatte.

Das Buch hat in diesem Bezug die merkwürdigsten Ausdeutungen erfahren. Juden haben es als antisemitisch, deutsche Chauvinisten als jüdisch-chauvinistisch bezeichnet, und beide Parteien haben mich kräftig angepöbelt. [...] Was nun Jud Süß anlangt, so glaub ich, dass weder die Nationalsozialisten noch die Zionisten daraus Kapital schlagen können. Ich gebe ohne weiteres zu: mein Hirn denkt kosmopolitisch, mein Herz schlägt jüdisch.  

(Lion Feuchtwanger: Centum Opuscula, S. 388)

Jud Süß war 1917 zunächst als Drama erschienen. 1920 entschloss sich Lion Feuchtwanger, den Stoff zum Roman umzuarbeiten, denn das Stück sei nur die Fassade dessen gewesen, war er sagen wollte. Mit diesem Werk, dem das Leben einer historischen Figur, der Hofjude Joseph Süß-Oppenheimer, zugrunde liegt, beginnt Feuchtwanger seine Karriere als Romancier. Er rehabilitiert die Gattung des historischen Romans und definiert sie neu, wie er in seinem 1935 in Moskau publizierten Text Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans ausführt.

Ich habe nie daran gedacht, Geschichte um ihrer selbst willen zu gestalten, ich habe im Kostüm, in der historischen Einkleidung, immer nur ein Stilisierungsmittel gesehen, ein Mittel auf die einfachste Art, die Illusionen der Realität zu erzielen. Andere haben ihr Weltbild, um es klarer aus sich heraus zu projizieren, in eine größere räumliche Entfernung gerückt, es in irgendeiner exotischen Gegend angesiedelt. Ich habe mein (natürlich zeitgenössisches) Weltbild zum gleichen Zwecke zeitlich distanziert, das ist alles.

(Ebda., S. 510) 


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Gunna Wendt

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Lion Feuchtwanger: Jud Süß, Erstdruck 1925