Erinnerungen an Alexander Kluge
Der renommierte Schriftsteller, Philosoph und Filmemacher Alexander Kluge ist in diesem Jahr, im Alter von 94 Jahren, verstorben. Der Autor Thomas von Steinaecker spricht über seinen „Kosmos Kluge.“
*
Mitte der Neunzehnhundertneunziger zappte ich mich als Jugendlicher spätabends zum Privatfernsehen; eigentlich nur in der Hoffnung, irgendwelche Horror- oder Sexfilme zu gucken, die auf den Öffentlich-Rechtlichen nie liefen, wo man zur selben Uhrzeit mit hochkünstlerischem Autorenkino bestrahlt wurde. Ich stand kurz vor dem Abitur, schrieb erste Kurztexte, las gern Gegenwartsliteratur, Peter Handke und Paul Auster waren meine Heroes, ich mochte die Filme von Wim Wenders, in der Schule war ich mit meinen elitären Vorlieben ziemlich allein, die ich umso lieber zu jeder unpassenden Gelegenheit heraushängen ließ. In diesem Alter glaubt man eben, ein Alleinstellungsmerkmal zu brauchen, besonders in der bayerischen Provinz.
Aber obwohl ich mich mit allen intellektuellen Wassern gewaschen wähnte – auf das, auf was ich dann in Erwartung von spritzendem Blut oder nackter Haut stieß, war ich nicht vorbereitet. In gewisser Weise hatte die Sendung einen ähnlichen Schockeffekt wie ein Horrorfilm. Sie war so weird, dass ich erst einmal hängenblieb und starrte. Und vor allem zuhörte. Ungläubig. Denn visuell passierte nicht viel. Oder sagen wir: gar nichts. Im Standbild saß da ein Mann (ich weiß nicht mehr, wer es war), ich glaube, in einem Café, in dem sogar der Betrieb im Hintergrund hörbar weiterlief. Aber dieses Bild, das sogar für mich damals als ziemlich waghalsig improvisiert erkennbar war, war gar nicht das eigentlich Schockierende. Auch nicht die blutroten Schriftbänder, die dann unvermittelt an den Rändern auftauchten, in der Art von Werbeslogans formuliert, aber mit für mich unverständlichen Fremdwörtern gespickt. Das wirklich Irritierende war diese Stimme aus dem Off. Eine dünne, verschwörerisch wispernde, aufgeregt-atemlose Staccato-Stimme mit einem irgendwie norddeutschen Akzent, die jeden ihrer endlosen Schachtelsätze mit einem „nicht?“ dem in meiner Erinnerung ziemlich ratlos dreinblickenden Mann vor der Kamera entgegenschüttete.
Ein „Nicht?“ freilich, das trotz der Sanftheit, mit der es vorgetragen war, keinen Widerspruch duldete; eine „Frantwort“ sozusagen. Ich glaube, irgendwann erschien dann auch noch ein auffallend übergewichtiger Mann, es muss wohl Peter Berling gewesen sein, in einer offensichtlichen Verkleidung, als Napoleon oder irgendein anderer Feldherr, mit einer Stimme, als hätte er eine Minute zuvor eine Flasche Rotwein heruntergekippt.
Was zum Teufel war das?
In den folgenden Monaten blieb ich immer wieder bei dieser seltsamen Sendung hängen. Manchmal musste ich auflachen, so absurd war das. Absurd war diese asketische Inszenierung, absurd waren die hyperintellektuellen Themen, von denen ich nicht einmal die Hälfte verstand, absurd war aber in meinen damaligen Augen vor allem diese Art der Gesprächsführung, bei der der Interviewer es von vornherein besser zu wissen schien als sein Gesprächspartner und sich auch gar keine Mühe gab, das zu verbergen. Vor allem aber: Stets blieb er unsichtbar. Welcher Körper, welche Person besaß diese unverwechselbare Stimme? Der Mann war ein Geheimnis. Und er blieb es fürs erste, als ich zum Studium nach München zog und dort in den ersten Jahren kein Fernseher hatte.
Ein paar Jahre später, es muss ungefähr 2001 gewesen sein: Der Mann mit der unvergesslichen Stimme wird sichtbar. Er bekommt ein Gesicht und eine Biografie. Allerdings über einen Umweg. Während des Germanistik-Studiums an der LMU gab es einen zeitgenössischen Autor, der schnell zum Liebling aller Studenten avancierte. Er brachte das Kunststück fertig, gut lesbar und trotzdem äußerst anspruchsvoll zu schreiben. Sein Stil wurde häufig in Besprechungen wegen seiner hypotaktischen Konstruktionen und dem Gebrauch aus der Mode gekommener Wörter als „altmeisterlich“ bezeichnet. Sein Hauptthema bildete die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem dunklen Zentrum des Holocausts. Gleichzeitig: Auch er irgendwie ein Unsichtbarer, wohnte er doch als Ausgewanderter in England, wo er unterrichtete. Zudem war er in Deutschland (noch) ein Geheimtipp, dafür – ungewöhnlich für einen deutschsprachigen Autor – in den USA viel gelobt und gelesen, und das, obwohl seine Prosa voller intellektueller Anspielungen und Querverweise gespickt war, was ihn wiederum natürlich zu einem gefundenen Fressen für Germanistikstudenten machte, die sich für jede erkannte Referenz Bonuspunkte von ihren Professoren erhofften. W. G. Sebald schrieb wie kein anderer vor oder nach ihm in Deutschland, und, was mich besonders faszinierte, er montierte fotografische Abbildungen in seine Prosatexte.
Ein Autor, auf den Sebald sich immer wieder bezog und der zudem einer der wenigen zeitgenössischen Kollegen war, den er schätzte, hieß Alexander Kluge. Der Name war mir bis dahin noch nie untergekommen. Als ich mich dann über den Umweg von Sebald mit ihm beschäftigte, schärften sich mit einem Mal die Umrisse eines Mannes, der buchstäblich immer im Hintergrund agierte. Aber im Hintergrund ist man nicht nur schwer sichtbar, man kann auch sehr gut die Fäden ziehen. Alexander Kluge, dieser Mann mit dem ordentlich gescheitelten schlohweißen Haar und dem undurchdringlichen, aber herausfordernd-neugierigen Forscher-Blick, der ganz sicher nicht Peter Handke-like wie ein klassischer Künstler aussah, das war also der Interviewer von damals. Aber diese gefühlt hunderten von Fernsehsendungen schienen eigentlich nur ein Seitenschauplatz seiner Tätigkeit, ach was, seines Kosmos‘.
Wenn es jemanden gibt, auf den das Wort „vielseitig“ zutrifft, dann auf Kluge. Zu meinem Erstaunen las ich, dass er bei (Achtung) Adorno studiert, bei (Achtung) Fritz Lang hospitiert, als (Achtung) Regisseur mit seinem Erstling Abschied von gestern den Neuen Deutschen Film quasi im Alleingang begründet hatte und dann auch noch schon seit den frühen 1960ern mit Texten wie „Schlachtbeschreibung“ ein besonders von Kollegen bewunderter Solitär der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur war. Gerade war eine Art Gesamtausgabe seiner Werke erschienen, Chronik der Gefühle, flockige 2000 Seiten, alte, stark überarbeitete Texte neben ganz neuen, übersät mit Schwarzweißabbildungen. So sahen keine anderen Bücher aus wie diese Großformate, so schrieb auch sonst niemand. Eigentlich sagte der Titel schon alles aus über das Besondere dieses Autors: eine unverwechselbare Mischung aus Wissenschaftlichkeit und Emotionalität, Nüchternheit und Empathie, Fakt und Fiktion.
Kluges Texte unterschieden sich zu meiner Überraschung radikal von den klassisch anmutenden Sebalds. Sie funktionierten nach dem Prinzip der Kristallbildung. Eine einzelne Zelle begann zu wuchern. Kluges Sätze sind meist parataktisch, simpel in der Konstruktion, lakonisch im Ton, seine Texte organisieren sich in kurze Abschnitte. Aber in der Kombination mit Abbildungen und Fußnoten, gefetteten Passagen, Querverweisen und ständigen Assoziationen von scheinbar weit Auseinanderliegendem verwandelt sich Einfaches in Hochkomplexes. Es ist ein wenig, als durchflöge man ein Wurmloch in eine andere Galaxie. Den Kosmos Kluge. Da kann einem schon schwindeln und man sucht nach Orientierung. Es braucht Forschergeist und Wagemut, dieses Terrain zu betreten. Als Autor wie auch als Leser. Und dann auch noch weiterzureisen – in Kluges Paralleluniversen Kino und Fernsehen.
Für mich als junger Autor war aber auch klar: Anders als Sebald, der wenig später deutliche Spuren hinterlassen sollte bei Kollegen wie Judith Schalansky oder Ben Lerner, war Kluge als Schriftsteller völlig unnachahmlich. Eben weil er stilistisch ebenso unscheinbar wie überaus effektiv war, ganz wie der undurchschaubare und zugleich eindrucksvolle Mann auf den Fotos.
2005 war ich völlig in den Bann von Sebald und Kluge gezogen. Ich schrieb meine Dissertation über die beiden (und Rolf-Dieter Brinkmann) und die Verwendung von fotografischen Abbildungen in ihren Texten. Sebald war 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommen (merkwürdigerweise wie Brinkmann auch), Kluge aber war so produktiv wie eh und je, sodass ich insgeheim hoffte, er würde nicht allzu viel veröffentlichen, zumindest bis ich mit meiner Arbeit fertig war. Das, was mir dann geradezu unglaubwürdig erschien, war, dass Kluge nicht nur ganz in der Nähe wohnte, in Schwabing (wo sonst?), sondern, wie es sich für jemanden gehört, der in seinen Werken stets die Wichtigkeit der „Produktionsöffentlichkeit“ betont, auf seiner Homepage seine Telefonnummer angegeben hatte. Ich nahm also all meinen Mut zusammen, wahrscheinlich würde ich mit seiner viel beschäftigten Sekretärin einen Termin ausmachen, sofern Kluge für einen kleinen Studenten überhaupt Zeit hatte. Wie aus dem Off einer der Sendungen, die ich zehn Jahre zuvor im Fernsehen gesehen hatte, meldete sich dann freilich dieselbe dünne Stimme mit: „Kluge“. Mit der Nachsicht eines Lehrers, aber zugleich mit der Atemlosigkeit eines vielbeschäftigten Unternehmers, unterbrach er meine nervös-gewundenen Ausführungen über meine Dissertation: Ja, Interview, gern, es könne zwar sein, dass er während des Gesprächs am anderen Apparat telefonieren müsse, aber ja, natürlich, bitte, die Fragen, jetzt, nicht? Kluge formuliert dann (natürlich) druckreif, hat alle Bezüge aus seinen Büchern, auf die ich ihn anspreche, sofort im Kopf. Natürlich.
Acht Jahre später stehe ich dem Mann gegenüber, dem jene Stimme gehört, mit der ich mich damals unterhielt. Er ist eher klein, ein bisschen gedrungen, trotz seines hastigen Sprachrhythmus‘ strahlt er große Ruhe aus. Er schüttelt mir die Hand und mustert mich mit Forscherblick. Ich habe inzwischen meine ersten Romane veröffentlicht und arbeite nebenher als Dokumentarfilmer für Arte und 3Sat. Für letzteren drehte ich damals eine Reihe über 70 Jahre deutsche Kultur. Kluge hatte ohne zu zögern als Gesprächspartner zugesagt, wir treffen uns in seiner Wohnung in der Friedrichstrasse, Münchener Altbau, zweiter Stock (glaube ich), lichtdurchflutete Zimmer mit hohen Decken, Bücherstapel, mehrere Schreibtische, als hätte Kluge für jede seiner Medienexistenzen einen eigenen Raum und säßen hier mehrere Kluges gleichzeitig, rastlos telefonierend, recherchierend, schreibend, filmend. Sogar ein kleines Fernsehstudio ist in einem Hinterzimmer versteckt. Und während wir dann das Interview führen, in dem es naturgemäß um Deutschland, das Universum und die Einzeller der Urzeit geht, beschleicht mich das Gefühl, in eine Zentrale vorgedrungen zu sein, eine Geheimkammer, von der aus der „Mann im Hintergrund“, Deckname „Kluge“, die Geschicke dieser Welt beobachtet, beschreibt und deutet. Es ist ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Sicherheit. Ein kluges Gefühl.
Wir telefonierten in den folgenden Jahren noch sporadisch. Immer ging es um Projekte. So wie man den Eindruck hatte, selbst wenn man über halbwegs Privates mit ihm sprach, war auch das schon Teil seiner Arbeit oder wurde überprüft, ob es sich für ein anderes Medium eignete. Kur vor seinem Tod gab es noch den Plan, aus seinem riesigen dctp-Archiv eine Kulturdoku zu machen. Es wäre auch ein Film darüber geworden, was für eine produktive Schockwirkung Kultur im deutschen Fernsehen der 1990er und frühen 2000er in den Sendungen von Kluge, aber auch Roger Willemsen oder Christoph Schlingensief entfalten konnte – und was daraus heute geworden ist. Ich werde es immer als großes Versäumnis meines Lebens betrachten, dass, als dieser Vorschlag bei keinem Produzenten und Sender auf Gegenliebe stieß, ich nicht, Kluge-Style, die Dinge selbst in die Hand genommen und diese Doku, die die letzte mit Kluge geworden wäre, in Eigenregie und vollem Risiko durchgezogen habe. Ein halbes Jahr später war Kluge tot.
Allerdings: Ich weigere mich, das anzuerkennen. Wenn es in diesem Universum schwarze Materie gibt, dann war Kluge Teil der hellen Materie. Der unerschöpflichen Energie, aus der etwas entsteht. Ich bin mir absolut sicher: Wenn ich seine Handynummer wähle, wird mir am anderen Ende jene Stimme antworten, die ich nie vergessen werde.
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Der renommierte Schriftsteller, Philosoph und Filmemacher Alexander Kluge ist in diesem Jahr, im Alter von 94 Jahren, verstorben. Der Autor Thomas von Steinaecker spricht über seinen „Kosmos Kluge.“
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Mitte der Neunzehnhundertneunziger zappte ich mich als Jugendlicher spätabends zum Privatfernsehen; eigentlich nur in der Hoffnung, irgendwelche Horror- oder Sexfilme zu gucken, die auf den Öffentlich-Rechtlichen nie liefen, wo man zur selben Uhrzeit mit hochkünstlerischem Autorenkino bestrahlt wurde. Ich stand kurz vor dem Abitur, schrieb erste Kurztexte, las gern Gegenwartsliteratur, Peter Handke und Paul Auster waren meine Heroes, ich mochte die Filme von Wim Wenders, in der Schule war ich mit meinen elitären Vorlieben ziemlich allein, die ich umso lieber zu jeder unpassenden Gelegenheit heraushängen ließ. In diesem Alter glaubt man eben, ein Alleinstellungsmerkmal zu brauchen, besonders in der bayerischen Provinz.
Aber obwohl ich mich mit allen intellektuellen Wassern gewaschen wähnte – auf das, auf was ich dann in Erwartung von spritzendem Blut oder nackter Haut stieß, war ich nicht vorbereitet. In gewisser Weise hatte die Sendung einen ähnlichen Schockeffekt wie ein Horrorfilm. Sie war so weird, dass ich erst einmal hängenblieb und starrte. Und vor allem zuhörte. Ungläubig. Denn visuell passierte nicht viel. Oder sagen wir: gar nichts. Im Standbild saß da ein Mann (ich weiß nicht mehr, wer es war), ich glaube, in einem Café, in dem sogar der Betrieb im Hintergrund hörbar weiterlief. Aber dieses Bild, das sogar für mich damals als ziemlich waghalsig improvisiert erkennbar war, war gar nicht das eigentlich Schockierende. Auch nicht die blutroten Schriftbänder, die dann unvermittelt an den Rändern auftauchten, in der Art von Werbeslogans formuliert, aber mit für mich unverständlichen Fremdwörtern gespickt. Das wirklich Irritierende war diese Stimme aus dem Off. Eine dünne, verschwörerisch wispernde, aufgeregt-atemlose Staccato-Stimme mit einem irgendwie norddeutschen Akzent, die jeden ihrer endlosen Schachtelsätze mit einem „nicht?“ dem in meiner Erinnerung ziemlich ratlos dreinblickenden Mann vor der Kamera entgegenschüttete.
Ein „Nicht?“ freilich, das trotz der Sanftheit, mit der es vorgetragen war, keinen Widerspruch duldete; eine „Frantwort“ sozusagen. Ich glaube, irgendwann erschien dann auch noch ein auffallend übergewichtiger Mann, es muss wohl Peter Berling gewesen sein, in einer offensichtlichen Verkleidung, als Napoleon oder irgendein anderer Feldherr, mit einer Stimme, als hätte er eine Minute zuvor eine Flasche Rotwein heruntergekippt.
Was zum Teufel war das?
In den folgenden Monaten blieb ich immer wieder bei dieser seltsamen Sendung hängen. Manchmal musste ich auflachen, so absurd war das. Absurd war diese asketische Inszenierung, absurd waren die hyperintellektuellen Themen, von denen ich nicht einmal die Hälfte verstand, absurd war aber in meinen damaligen Augen vor allem diese Art der Gesprächsführung, bei der der Interviewer es von vornherein besser zu wissen schien als sein Gesprächspartner und sich auch gar keine Mühe gab, das zu verbergen. Vor allem aber: Stets blieb er unsichtbar. Welcher Körper, welche Person besaß diese unverwechselbare Stimme? Der Mann war ein Geheimnis. Und er blieb es fürs erste, als ich zum Studium nach München zog und dort in den ersten Jahren kein Fernseher hatte.
Ein paar Jahre später, es muss ungefähr 2001 gewesen sein: Der Mann mit der unvergesslichen Stimme wird sichtbar. Er bekommt ein Gesicht und eine Biografie. Allerdings über einen Umweg. Während des Germanistik-Studiums an der LMU gab es einen zeitgenössischen Autor, der schnell zum Liebling aller Studenten avancierte. Er brachte das Kunststück fertig, gut lesbar und trotzdem äußerst anspruchsvoll zu schreiben. Sein Stil wurde häufig in Besprechungen wegen seiner hypotaktischen Konstruktionen und dem Gebrauch aus der Mode gekommener Wörter als „altmeisterlich“ bezeichnet. Sein Hauptthema bildete die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem dunklen Zentrum des Holocausts. Gleichzeitig: Auch er irgendwie ein Unsichtbarer, wohnte er doch als Ausgewanderter in England, wo er unterrichtete. Zudem war er in Deutschland (noch) ein Geheimtipp, dafür – ungewöhnlich für einen deutschsprachigen Autor – in den USA viel gelobt und gelesen, und das, obwohl seine Prosa voller intellektueller Anspielungen und Querverweise gespickt war, was ihn wiederum natürlich zu einem gefundenen Fressen für Germanistikstudenten machte, die sich für jede erkannte Referenz Bonuspunkte von ihren Professoren erhofften. W. G. Sebald schrieb wie kein anderer vor oder nach ihm in Deutschland, und, was mich besonders faszinierte, er montierte fotografische Abbildungen in seine Prosatexte.
Ein Autor, auf den Sebald sich immer wieder bezog und der zudem einer der wenigen zeitgenössischen Kollegen war, den er schätzte, hieß Alexander Kluge. Der Name war mir bis dahin noch nie untergekommen. Als ich mich dann über den Umweg von Sebald mit ihm beschäftigte, schärften sich mit einem Mal die Umrisse eines Mannes, der buchstäblich immer im Hintergrund agierte. Aber im Hintergrund ist man nicht nur schwer sichtbar, man kann auch sehr gut die Fäden ziehen. Alexander Kluge, dieser Mann mit dem ordentlich gescheitelten schlohweißen Haar und dem undurchdringlichen, aber herausfordernd-neugierigen Forscher-Blick, der ganz sicher nicht Peter Handke-like wie ein klassischer Künstler aussah, das war also der Interviewer von damals. Aber diese gefühlt hunderten von Fernsehsendungen schienen eigentlich nur ein Seitenschauplatz seiner Tätigkeit, ach was, seines Kosmos‘.
Wenn es jemanden gibt, auf den das Wort „vielseitig“ zutrifft, dann auf Kluge. Zu meinem Erstaunen las ich, dass er bei (Achtung) Adorno studiert, bei (Achtung) Fritz Lang hospitiert, als (Achtung) Regisseur mit seinem Erstling Abschied von gestern den Neuen Deutschen Film quasi im Alleingang begründet hatte und dann auch noch schon seit den frühen 1960ern mit Texten wie „Schlachtbeschreibung“ ein besonders von Kollegen bewunderter Solitär der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur war. Gerade war eine Art Gesamtausgabe seiner Werke erschienen, Chronik der Gefühle, flockige 2000 Seiten, alte, stark überarbeitete Texte neben ganz neuen, übersät mit Schwarzweißabbildungen. So sahen keine anderen Bücher aus wie diese Großformate, so schrieb auch sonst niemand. Eigentlich sagte der Titel schon alles aus über das Besondere dieses Autors: eine unverwechselbare Mischung aus Wissenschaftlichkeit und Emotionalität, Nüchternheit und Empathie, Fakt und Fiktion.
Kluges Texte unterschieden sich zu meiner Überraschung radikal von den klassisch anmutenden Sebalds. Sie funktionierten nach dem Prinzip der Kristallbildung. Eine einzelne Zelle begann zu wuchern. Kluges Sätze sind meist parataktisch, simpel in der Konstruktion, lakonisch im Ton, seine Texte organisieren sich in kurze Abschnitte. Aber in der Kombination mit Abbildungen und Fußnoten, gefetteten Passagen, Querverweisen und ständigen Assoziationen von scheinbar weit Auseinanderliegendem verwandelt sich Einfaches in Hochkomplexes. Es ist ein wenig, als durchflöge man ein Wurmloch in eine andere Galaxie. Den Kosmos Kluge. Da kann einem schon schwindeln und man sucht nach Orientierung. Es braucht Forschergeist und Wagemut, dieses Terrain zu betreten. Als Autor wie auch als Leser. Und dann auch noch weiterzureisen – in Kluges Paralleluniversen Kino und Fernsehen.
Für mich als junger Autor war aber auch klar: Anders als Sebald, der wenig später deutliche Spuren hinterlassen sollte bei Kollegen wie Judith Schalansky oder Ben Lerner, war Kluge als Schriftsteller völlig unnachahmlich. Eben weil er stilistisch ebenso unscheinbar wie überaus effektiv war, ganz wie der undurchschaubare und zugleich eindrucksvolle Mann auf den Fotos.
2005 war ich völlig in den Bann von Sebald und Kluge gezogen. Ich schrieb meine Dissertation über die beiden (und Rolf-Dieter Brinkmann) und die Verwendung von fotografischen Abbildungen in ihren Texten. Sebald war 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommen (merkwürdigerweise wie Brinkmann auch), Kluge aber war so produktiv wie eh und je, sodass ich insgeheim hoffte, er würde nicht allzu viel veröffentlichen, zumindest bis ich mit meiner Arbeit fertig war. Das, was mir dann geradezu unglaubwürdig erschien, war, dass Kluge nicht nur ganz in der Nähe wohnte, in Schwabing (wo sonst?), sondern, wie es sich für jemanden gehört, der in seinen Werken stets die Wichtigkeit der „Produktionsöffentlichkeit“ betont, auf seiner Homepage seine Telefonnummer angegeben hatte. Ich nahm also all meinen Mut zusammen, wahrscheinlich würde ich mit seiner viel beschäftigten Sekretärin einen Termin ausmachen, sofern Kluge für einen kleinen Studenten überhaupt Zeit hatte. Wie aus dem Off einer der Sendungen, die ich zehn Jahre zuvor im Fernsehen gesehen hatte, meldete sich dann freilich dieselbe dünne Stimme mit: „Kluge“. Mit der Nachsicht eines Lehrers, aber zugleich mit der Atemlosigkeit eines vielbeschäftigten Unternehmers, unterbrach er meine nervös-gewundenen Ausführungen über meine Dissertation: Ja, Interview, gern, es könne zwar sein, dass er während des Gesprächs am anderen Apparat telefonieren müsse, aber ja, natürlich, bitte, die Fragen, jetzt, nicht? Kluge formuliert dann (natürlich) druckreif, hat alle Bezüge aus seinen Büchern, auf die ich ihn anspreche, sofort im Kopf. Natürlich.
Acht Jahre später stehe ich dem Mann gegenüber, dem jene Stimme gehört, mit der ich mich damals unterhielt. Er ist eher klein, ein bisschen gedrungen, trotz seines hastigen Sprachrhythmus‘ strahlt er große Ruhe aus. Er schüttelt mir die Hand und mustert mich mit Forscherblick. Ich habe inzwischen meine ersten Romane veröffentlicht und arbeite nebenher als Dokumentarfilmer für Arte und 3Sat. Für letzteren drehte ich damals eine Reihe über 70 Jahre deutsche Kultur. Kluge hatte ohne zu zögern als Gesprächspartner zugesagt, wir treffen uns in seiner Wohnung in der Friedrichstrasse, Münchener Altbau, zweiter Stock (glaube ich), lichtdurchflutete Zimmer mit hohen Decken, Bücherstapel, mehrere Schreibtische, als hätte Kluge für jede seiner Medienexistenzen einen eigenen Raum und säßen hier mehrere Kluges gleichzeitig, rastlos telefonierend, recherchierend, schreibend, filmend. Sogar ein kleines Fernsehstudio ist in einem Hinterzimmer versteckt. Und während wir dann das Interview führen, in dem es naturgemäß um Deutschland, das Universum und die Einzeller der Urzeit geht, beschleicht mich das Gefühl, in eine Zentrale vorgedrungen zu sein, eine Geheimkammer, von der aus der „Mann im Hintergrund“, Deckname „Kluge“, die Geschicke dieser Welt beobachtet, beschreibt und deutet. Es ist ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Sicherheit. Ein kluges Gefühl.
Wir telefonierten in den folgenden Jahren noch sporadisch. Immer ging es um Projekte. So wie man den Eindruck hatte, selbst wenn man über halbwegs Privates mit ihm sprach, war auch das schon Teil seiner Arbeit oder wurde überprüft, ob es sich für ein anderes Medium eignete. Kur vor seinem Tod gab es noch den Plan, aus seinem riesigen dctp-Archiv eine Kulturdoku zu machen. Es wäre auch ein Film darüber geworden, was für eine produktive Schockwirkung Kultur im deutschen Fernsehen der 1990er und frühen 2000er in den Sendungen von Kluge, aber auch Roger Willemsen oder Christoph Schlingensief entfalten konnte – und was daraus heute geworden ist. Ich werde es immer als großes Versäumnis meines Lebens betrachten, dass, als dieser Vorschlag bei keinem Produzenten und Sender auf Gegenliebe stieß, ich nicht, Kluge-Style, die Dinge selbst in die Hand genommen und diese Doku, die die letzte mit Kluge geworden wäre, in Eigenregie und vollem Risiko durchgezogen habe. Ein halbes Jahr später war Kluge tot.
Allerdings: Ich weigere mich, das anzuerkennen. Wenn es in diesem Universum schwarze Materie gibt, dann war Kluge Teil der hellen Materie. Der unerschöpflichen Energie, aus der etwas entsteht. Ich bin mir absolut sicher: Wenn ich seine Handynummer wähle, wird mir am anderen Ende jene Stimme antworten, die ich nie vergessen werde.
