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Petra Morsbachs Werk und Engagement, ihr neuer Roman „Orion“

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© Bogenberger Autorenfotos

Die bayerische Romanautorin und Essayistin Petra Morsbach feiert heuer ihren 70. Geburtstag. Einblicke in ihr Schaffen und ihr furchtloses Eintreten für ihre Überzeugungen sowie in ihre Lebenssituation gibt der Schriftsteller Anatol Regnier.

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Berühmt wurde sie 1995 mit ihrem Roman Plötzlich ist es Abend. Er spielt in Leningrad und beginnt im Jahr 1950. Auf mehr als 600 Seiten, unterteilt in kurze, durchnummerierte Abschnitte, erzählt sie die Geschichte der Popentochter Ljusja, die sich auf der Suche nach Glück und Liebe durch den Dschungel menschlicher Verhältnisse inmitten eines rigiden, willkürlichen und gewalttätigen politischen Systems kämpft. Schon die ersten Seiten zeigen, was Petra Morsbachs Stil ausmacht: Lakonie, Sparsamkeit und Kenntnis. Petra Morsbach hat in Leningrad studiert, spricht fließend Russisch, und weil sie so wenige Worte braucht, um eine Situation zu umreißen, kann sie aus dem Schicksal einer Einzelperson einen Kosmos mit zahllosen weiteren Einzelschicksalen kreieren und das Ganze zu einem Epos eines Landes, einer Periode, einer Gesellschaft zusammenfassen. 

Dem Roman vorangestellt ist ein Gedicht Salvatore Quasimodos: „Jeder steht allein auf dem Herzen der Erde, durchdrungen von einem Strahl Sonne, und plötzlich ist es Abend.“ Petra Morsbach macht sich keine Illusionen: Menschen sind armselige, schwache Wesen. Ihr Versuch, in Würde zu leben, gelingt fast nie, und je mehr sie sich um Anstand und Fairness bemühen, desto schlechter werden sie behandelt, von ihren Mitmenschen, aber auch vom Schicksal selbst.

Nachzulesen in Petra Morsbachs Opernroman, ihrem zweiten Wurf. Ort der Handlung ist ein staatlich subventioniertes Dreispartenhaus in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Niemand kommt ins Gefängnis, niemand hungert, der sowjetische Geheimdienst ist weit weg, dennoch kämpft jeder gegen jeden – Petra Morsbach weiß, wovon sie redet, hat jahrelang als Dramaturgin und Regisseurin an Theatern gearbeitet. Künstlerische Träume zerplatzen, Karrieren versanden, Zynismus macht sich breit. Die Wenigen, die ihre Integrität bewahren wollen, schweigen, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt und Aufbegehren ihnen den Weg nach oben versperren würde. Petra Morsbach schildert das alles mit enormer sprachlicher und gedanklicher Schärfe. Wieder ist Ökonomie ihr oberstes Gebot, wieder fächert sie den Kosmos in zahlreiche Einzelschicksale auf, und wenn die Welt grausam ist, so ist es auch die Autorin, die mit schnellen, überraschenden Formulierungen vernichtende Hiebe austeilt.

Im Zwei- bis Dreijahresrhythmus folgen weitere Romane: Geschichte mit Pferden, Gottesdiener, Der Cembalospieler, Dichterliebe – alle nach demselben Entstehungsprinzip: Petra Morsbach recherchiert, bis sie den Bodensatz ihres Themas erreicht und auch noch den Schlammgrund analysiert und ausgewertet hat. Dafür braucht sie Gewährspersonen, die sie über Monate, manchmal über Jahre befragt, bis sie alles weiß, was sie wissen muss. Für ihren Roman Justizpalast, erschienen 2017, ausgezeichnet mit dem Wilhelm-Raabe-Preis, hat sie zehn Jahre lang Juristen begleitet, sich in Verhandlungen gesetzt, Seminare besucht, Akten studiert, fast könnte man sagen: selbst ein Jurastudium absolviert. „Schreibe nur über das, was du kennst“ – wenige beherzigen diesen Leitspruch so konsequent wie Petra Morsbach. 

Auf der Seite der Schwachen

Ihre Hauptgegner sind eitle, verblendete, egomanische Männer in Machtpositionen. Sie findet sie nicht nur in der Literatur, sondern auch im realen Leben, und wo sie ihnen begegnet und sie bei einem vermeintlichen Machtmissbrauch ertappt, sagt sie ihnen den Kampf an. Petra Morsbachs Frontalangriffe sind legendär. Das hat ihr manche Feindschaft eingetragen und manche Tür verschlossen. Sie wollte es nicht anders und scheute sich nicht, den Mächtigen auch literarisch auf die Finger zu sehen. In ihrem Essayband Warum Fräulein Laura freundlich war – über die Wahrheit des Schreibens, erschienen 2006, unterzieht sie Alfred Anderschs Erzählung Der Vater eines Mörders, Marcel Reich-Ranickis Autobiografie Mein Leben und Günter Grass‘ Die Blechtrommel einer strengen Prüfung. Was sagen die Autoren, was verschweigen oder verschleiern sie? Wo und wie täuschen sie die Leserschaft, wo und wie sich selbst? Was verrät ihre Sprache über ihre Motive? Wo weiß die Sprache mehr als die Sprecher? Alfred Andersch war schon tot, Reich-Ranicki und Günter Grass lebten noch, und sie „mächtige Männer“ zu nennen, ist fürwahr nicht übertrieben. Petra Morsbach trat ihnen furchtlos entgegen. Sich zu ducken wie die Figuren ihrer Bücher, lehnt sie ab. Es geht ihr um Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Sie steht immer auf der Seite der Schwachen.

2020 erschien ihr Essay Der Elefant im Zimmer – Über Machtmissbrauch und Widerstand. Anhand von drei konkreten Fällen – dem Missbrauchsskandal um den österreichischen Erzbischof Hans Hermann Groër, der „Modellauto-Affäre“ um die CSU-Politikerin Christine Haderthauer und einer umstrittenen Regelung zu Autorenlesungen von Mitgliedern der Akademie der Schönen Künste in München – untersucht Petra Morsbach die Machtstrukturen von Institutionen. Die ersten beiden Fälle hat sie recherchiert, der dritte betraf sie selbst. „Buchvorstellungen macht die Akademie nicht“, stand 2010 in einem Protokoll und wurde zunächst von Vielen überlesen. Petra Morsbach opponierte: Warum dürfen Autoren ihre eigenen Werke nicht vorstellen? Die Akademie ist der Freiheit der Kunst verpflichtet, die Mitglieder sind ihre Verteidiger, wer sonst? Ein langer, zäher Kampf folgte. Das Direktorium bestand auf seiner Regelung, Petra Morsbach auf der Offenlegung ihrer Entstehung. Warum wurde niemand befragt, warum geschah alles im Verborgenen? Ihr Status in der Akademie war gefährdet. Sie erhielt Wutbriefe aus dem Präsidium, Kolleginnen und Kollegen der Literaturklasse verhielten sich abwartend, beschwichtigend bis ablehnend. Nur ganz Wenige hatten den Mut, ihr beizustehen. Petra Morsbach fragt: Warum verhalten sich Menschen so hilflos gegenüber Machtmissbrauch, obwohl sie das Recht auf ihrer Seite haben? Und zieht ein persönliches Fazit: „Wer in seinen Texten nach Wahrheit strebt, sollte auch im Leben aufrichtig sein. Ich hätte mir nicht verziehen, wenn ich in dieser zwar symbolisch gefährlichen, doch zivil lächerlichen Situation die Flucht ergriffen hätte.“ Sie verlor den Kampf, die Regel blieb.

Der Roman Orion

In ihrem neuen Roman Orion, erschienen im Frühjahr 2026 und benannt nach jenem weit entfernten Sternbild, das schon in der Antike die Fantasie der Menschen angeregt hat, fasst sie zusammen, was ihr im Leben wichtig ist: Unabhängigkeit, Würde, Neugier und der kühle Blick auf das Leben der Menschen. Die Heldin heißt Nora. Sie kommt aus der Provinz nach München, wird Lehrerin an einem Gymnasium, heiratet einen Archivar, gebiert einen Sohn und hat eine Affäre mit einem jüngeren Mann, der dem Alkohol verfällt. Nora lässt sich scheiden, nimmt Niederlagen in Kauf, feiert kleine und größere schulische Erfolge und sucht, um die Absurdität des Lebens zu begreifen, immer wieder Hilfe in der Literatur. Gottfried von Straßburg, Tolstoi, Euripides, die Brontë-Schwestern, Hesiod, Hölderlin, Sextus Empiricus und viele andere sind ihre Tröster, auch Eugen Roth ist mit dabei: „Ein Mensch erhofft sich fromm und still, dass er einst das kriegt, was er will; bis er dann doch dem Wahn erliegt und schließlich das will, was er kriegt.“

© Penguin Verlag

Der Roman ist autobiografisch und ist es gleichzeitig nicht. Petra Morsbach war nie verheiratet, hat keine Kinder und war auch nie Lehrerin. Ihre Recherche war erschwert durch ihre Schwerhörigkeit. Hospitierte sie in Klassenzimmern, verstand sie nichts. Aber natürlich hatte sie auch hier ihre Gewährsleute, und natürlich fächert sie auch hier die Handlung in ein Kaleidoskop von Einzelschicksalen auf, von denen jedes einen Romanstoff abgäbe. Die Großmutter, bei der sie aufwuchs, die bei Gewitter Lieder sang und Gedichte rezitierte und Petras Liebe zur Literatur weckte, gab es wirklich – und es gab und gibt die Krankheit, die fast die Hälfte des Romans ausmacht: eine ererbte Niereninsuffizienz, die sie seit mehreren Jahren dialysepflichtig macht. 

Nora ist jetzt Patientin. Von einer Bank im Park der Reha-Klinik schaut sie über See und Berge, in der Ukraine herrscht Krieg: „Wenn alles prekär und sinnlos ist, warum ist es dann so schön?“ Sie spricht mit Herrn Ebner, Frau Wendel und Frau Schmitz, hört deren Sorgen und Krankheitsgeschichten, denkt über das eigene Leben nach. Eine ehemalige Schülerin kommt sie besuchen, Migrantentochter, die fürchtet, in Bangladesch verheiratet zu werden, und ihr Sohn Enni, der sich ihr entfremdet hat, ihr Vorwürfe macht und Frauen für das eigentliche Weltübel hält: Sie intrigieren und lamentieren, behandeln Männer wie Deppen, aber trauen sich an diejenigen, die wirklich eine Lektion verdient hätten, nicht ran. Nora fragt: Was hat sie als Mutter falsch gemacht? War sie unbewusst lieblos, vielleicht sogar grausam – sie, die Lehrerin? 

Sie lernt Gabriele kennen, Herz- und Lungenpatientin, Kettenraucherin. „Sie wundern sich, dass ich trotz meiner Krankheit rauche? Es ist ganz einfach: Ich bin krank, WEIL ich rauche.“ Das gefällt Nora. Gabriele war Autorin, einige ihrer Titel sind antiquarisch noch erhältlich, Nora war Deutschlehrerin. Das Zusammensein mit der chaotischen, witzigen Gabriele macht ihr Mut. Dann ist sie wieder zuhause, auf Peritonealdialyse umgestellt: Nicht mehr alle drei Tage an die Maschine, sondern dreimal täglich Flüssigkeitszufuhr durch die Bauchdecke, Entgiftung, Ableitung mittels eines Schlauchs. Unternehmungen, gar Reisen sind schwierig bis unmöglich. Aber ohne Dialyse würde sie binnen weniger Tage sterben. 

Genauso lebt Petra Morsbach heute. Das Schreiben des Orion erforderte große Disziplin und viele einsame Kämpfe gegen Müdigkeit, Zweifel, Apathie. Es ist ihr glänzend gelungen. Lebensklugheit, Skepsis, stilistische Brillanz – alle Vorzüge ihrer Kunst sind hier wieder vereint. Nebenbei feuert sie noch ein paar Breitseiten gegen eitle Großdichter und selbstherrliche Literaturfunktionäre ab, aus der Sicht einer Archiv-Assistentin in der Münchner Bibliothek Monacensia, wo Nora am Schluss des Romans arbeitet.

„Fast alle Bücher vergehen, nur ganz wenige bleiben“, sagt Petra Morsbach im Gespräch. Man möchte wünschen, dass ihre unter den letzteren sind. Am 1. Juni 2026 ist sie siebzig Jahre alt geworden.