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09.07.2026, 09:00 Uhr
Klaus Wolf
Text & Debatte

Emigration von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Bayern nach Amerika (3): Erika Mann & Annette Kolb

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Münchner Stadtbibliothek Monacensia: Annette Kolb © Christa Feiler

Die Geschichte der Emigration von bayerischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern nach Amerika ist reich an Kontrasten und erstreckt sich über fast fünf Jahrhunderte. Sie beginnt im 16. Jahrhundert mit wagemutigen Abenteurern und reicht bis zu den tragischen Fluchtgeschichten des 20. Jahrhunderts. Die folgende dreiteilige Blogreihe nimmt Sie mit auf eine literarische Zeitreise, die zeigt, wie bayerische Identität auf amerikanischem Boden neu verhandelt wurde. 

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Erika Mann

Erika Julia Hedwig Mann wurde am 9. November 1905 als Tochter von Katia und Thomas Mann in München geboren. Durch eine Weltreise, die Erika mit ihren Bruder Klaus 1927 unternahm, lernte sie bereits weit vor ihrem späteren Exil die USA kennen. Von der Unternehmung zeugt der Reisebericht Rundherum. Abenteuer einer Weltreise der beiden Geschwister. Wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Exil zur Notwendigkeit. Nach einer ersten Exilstation 1933 in der Schweiz führte sie der Weg 1936 nach New York.

Zwar fiel Erika Manns politisches Kabarett Die Pfeffermühle trotz vorheriger Erfolge in Europa beim amerikanischen Publikum durch, ihren Kampf gegen Hitler setzte sie davon unbeirrt fort. Als politische Rednerin reiste sie durch die Bundesstaaten der USA, um die Hörerschaft vor den Gefahren des Faschismus zu warnen. Ihre aufklärerische Arbeit ergänzte sie mit literarischen Projekten wie School for Barbarians. Education under the Nazis und Büchern mit ihrem Bruder Klaus wie Escape to Life und The Other Germany. Zudem war sie als Kriegsberichterstatterin im Zweiten Weltkrieg für die BBC tätig.

Erika Mann beantragte die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, zog den Antrag mit einem Brief an den Director of Immigration and Naturalization Edward J. Shaugnessy 1950 aber wieder zurück. Als hauptsächlichen Grund für ihren Gesinnungswechsel nennt sie die Verdächtigungen als prokommunistisch und die daraus resultierenden Überwachungsmaßnahmen des FBI. 1952 verließ sie die USA und siedelte wieder nach Europa über, wo sie 1969 in Zürich verstarb. 

 

Annette Kolb

Annette Kolb ist bereits über siebzig, als sie 1941 aus dem Flugzeug steigt und in New York ihr Leben im amerikanischen Exil antritt. Eine nervenaufreibende Zeit für die in München geborene Überlebenskünstlerin, und ein bizarrer Kontrast zu ihrem nur wenige Monate vorher veröffentlichten Werk Glückliche Reise (1940). Die darin festgehaltenen Eindrücke über die Tagung des PEN-Clubs in New York, für welche Kolb 1939 schon einmal nach Amerika gereist war, lassen zwar die Spannungen der unmittelbaren Vorkriegszeit nicht aus, markieren mit der titelgebenden Bezeichnung aber auch ein „unprätentiöses Dennoch“ angesichts der bedrohlichen Lage in Europa.

Folgend ihrer Devise, nicht ohne Recht auf freie Meinungsäußerung leben zu können, hatte die Schriftstellerin Deutschland nach einer riskanten Lesung für den Kölner Rundfunk 1933 verlassen, lebte zunächst in der Schweiz und dann in Frankreich, von wo aus sie zuerst die „glückliche Reise“, und später, mit Ausbruch des Krieges, die Flucht nach New York antrat.

Münchner Stadtbibliothek Monacensia: Reisepass von Annette Kolb. Ausgestellt in Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann. © Volha Hapeyeva

Eine neue Heimat fand sie in den USA nicht. Zwar bemühte sich Kolb um soziale Kontakte, schrieb viele Aufsätze und versuchte, diese in Zeitschriften zu publizieren, aber der Erfolg blieb weitgehend aus. Dementsprechend war ihr Exilleben geprägt von existenziellen Nöten und Krankheiten. 1944 schrieb die Schriftstellerin in einem Brief an ihre Freundin Ilse Gräfin Seilern: „Ich bin zu alt, um anderswo Wurzeln zu schlagen [...]“. Kein Wunder, dass sie bereits 1945 die erste Möglichkeit in Anspruch nahm, nach Europa heimzukehren. 

Ihre Gedanken und Erinnerungen an die Zeit im Exil hält sie später in den Werken Memento (1960) und 1907-1964 Zeitbilder (1964) fest. Viel über ihr persönliches Leben teilt sie hier nicht mit. So heißt es in Memento: „Dies ist keine Autobiographie. Nicht zu mir her, sondern von mir weg, ist die Tendenz dieser Zeilen“. Stattdessen thematisiert Kolb den auch in Amerika zunehmenden Hass und die ihr im Ausland zu gering ausfallende Beachtung deutscher Widerstandskämpfer und -kämpferinnen.

Verfasst von: Lucas Kaiser (Text: Mann); Livia Kettenring (Text: Kolb)

Sekundärliteratur:

Mann:

Keiser-Hayne, Helga (1995): Erika Mann und ihr politisches Kabarett „Die Pfeffermühle“ (1933-1937). Texte, Bilder, Hintergründe, erw. Neuausgabe. Hamburg.

Lühe, Irmela von der (2009): Erika Mann. Eine Lebensgeschichte. Hamburg.

Strohmeyr, Armin (2024): Allianz der Heimatlosen. Erika Mann, Klaus Mann & Annemarie Schwarzenbach. Berlin/Köln.

Kolb:

Bauschinger, Sigrid (Hg.) (1993): Ich habe etwas zu sagen. Annette Kolb 1870-1967. Ausstellung der Münchner Stadtbibliothek. München.

Häntzschel, Hiltrud und Günther (Hgg.) (2017): Annette Kolb. Werke. Bd. 4.: Memento 1945-1967. Göttingen.

Strohmeyr, Armin (2002). Annette Kolb. Dichterin zwischen den Völkern. München.

Quelle: Annette Kolb. Beschwerdebuch. Berlin 1932.