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Der Sammler. Geschichte anlässlich des bayerisch-tschechischen Vernetzungstreffens 2025

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V.l.n.r.: Zusana Jürgens, Fridolin Schley, Alice Horáčková, Eli Beneš, Julia Miesenböck © Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Auf Einladung des Literaturhauses Oberpfalz, des Adalbert Stifter Vereins München, und des Tschechischen Literaturzentrums Prag (Ceske Literarní Centrum) fand vom 23.-25.9.2025 ein bayerisch-tschechisches Vernetzungstreffen zum Thema Nie wieder ist jetzt! 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs“ statt. Die folgende Kurzgeschichte Der Sammler stammt von der tschechischen Autorin Alice Horáčková.

*

„Sie sind auch Deutsche, oder?“, fragt mich Herr Štěpnička. Dieses plötzliche Vertrauen verdanke ich der Uhrzeit. Es ist sechs Uhr morgens und mit müden Blicken schauen wir über die Sicherheitsumrandung auf die Eisfläche, wo unser Eishockeynachwuchs dem Puck hinterherjagt.
„Na ja, wie man es nimmt. Mein Opa war zur Hälfte Deutscher und nach dem Krieg hat er seinen Nachnamen geändert, von Hollmann auf Horáček“, sage ich und beobachte Štěpnička verschlafen: ein stämmiger Mann mittleren Alters, er trägt eine beige Daunenjacke. Er kommt aus der Kleinstadt am Fluss, wo gerade die Brücke renoviert wird. „Na, was soll ich sagen, furchtbar! Ein ganzes Jahr ist die gesperrt, sollen wir vielleicht auf Booten rüberfahren?!“, meint er wütend. Zu den Trainings fahren sie jetzt nicht mehr in zwanzig Minuten, sondern zwei Stunden, und manchmal sind sie erst spät in der Nacht wieder zu Hause. Jeden Morgen begleitet er seinen Sohn sechs Kilometer zu Fuß in die Schule. „Der Kleine würde das auch alleine schaffen, auf dem Fahrrad, aber da sind so viele LKW mit Holz. Und was, wenn da mal was runterfällt? Lieber nichts riskieren.“
„Und wäre es nicht besser, wenn ihr umzieht?“, schlage ich vor.
„Na, schon, aber am Arsch der Welt sind die Mieten auf einmal teurer als in Prag!“, erklärt er und brüllt über das Plexiglas: „Schau nicht so blöd, spiel!“

Sein Eishockeynachwuchs bewegt sich und tut so, als würde er den Vater nicht hören. Durch den Helm hört er ihn vielleicht wirklich nicht.
„Also muss der Kleine vor dem Training noch in die Schule marschieren. Kein Wunder, dass er dann müde ist!“, sagt Štěpnička und seufzt. Dann kehrt er zurück in die Vergangenheit: „Und wissen Sie, meine Uroma hat sich auch deutsch geschrieben, Stepnitschka. Sie war Bedienerin im Schloss und nach dem Krieg hat sie Selbstmord begangen. Hat sich aufgehängt.“
Schweigend nicke ich. „Mein Großvater hat einen Selbstmord versucht und mein Bruder einen begangen. Cyanid“, erzähle ich.
„So war das damals“, sagt Štepnička seufzend.
„Und wie alt war sie? Ihre Urgroßmutter?“
„Ungefähr so alt wie Sie jetzt.“ Štěpnička mustert mich. „Sie hatte eine Tochter in Prag, die war schon fast erwachsen und die haben sie dann deportiert ...“
„Warum, glauben Sie, hat sie sich umgebracht?“
„Na, warum wohl. Sie hat sich vor den Russen gefürchtet, vor den Gardisten, vor den eigenen Leuten. Als der Krieg aus war, ging es hier zu wie im Wilden Westen. Offene Rechnungen wurden beglichen, und es gab viele Überläufer. Aus den schlimmsten Denunzianten wurden die größten Revolutionäre!“
„Na, bei uns im Riesengebirge gab es ziemlich viele Selbstmorde. Vielleicht aus Schuldgefühlen ...“
„Na, die Leute hatten einfach genug. Auch die Deutschen, die das KZ überlebt haben, haben sie vertrieben! Weil alle spitz waren auf deren Eigentümer!“
„Und Ihre Urgroßmutter – war die irgendwie engagiert?“, frage ich vorsichtig. „In meiner Familie waren das ziemlich viele.“
„Engagiert, engagiert ...“, Štěpnička bläst Luft durch die Nase. „Sie war aus einer Bauernfamilie. Da hat man viel gearbeitet. Für Politik oder sowas war da keine Zeit!“
„Na, bei uns in Vrchlabí haben mehr als neunzig Prozent der Bevölkerung den Henlein gewählt, auch die Frauen ...“
„Na gut, aber das war in Vrchlabí“, meint Štěpnička und winkt ab. Gebannt sieht er zu, wie sein Eishockeynachwuchs ein Eigentor schließt.

Zum Glück ist das nur ein Training.

„Aber bevor der Henlein da war, sind die Tschechen und die Deutschen gut miteinander ausgekommen“, sage ich, damit es nicht so still ist, und Štěpnička sieht zu, wie sich sein Sohn nach vorne beugt, damit ihm der Trainer eine mit dem Hockeyschläger auf den Hintern geben kann. Heute Morgen auf dem Eis ist das weder der erste noch der letzte Klaps.
„Das tschechisch-deutsche Zusammenleben wird auch überbewertet.“ Štěpnička kommt aufs Thema zurück. „Die Leute kommen eh miteinander aus, solange man sich um seine eigenen Sachen kümmert. Haben Sie gehört, was oben auf der Wiesenbaude passiert ist? Als da mal ein Deutscher den Tschechen Konkurrenz machen wollte, haben sie ihn umgebracht, mit Löschkalk. Und da sind wir noch im 18. Jahrhundert!“
„Aha“, sage ich und Štepnička macht eine komische Geste: Es sieht aus, als würde er mit einer Kurbel einen Motor starten. „Los, mach schon!“, brüllt er. Sollte ich nicht auch etwas machen? Zögerlich zeige ich meinem Eishockeynachwuchs den Daumen hoch.
„Wissen Sie, meine Uroma war Bedienerin im Schloss bei einer jüdischen Familie. Die hatten Kristallluster, Porzellan und eine Gemäldegalerie, und als sie im Achtunddreißigerjahr vor den Deutschen geflohen sind, da haben sie zu ihr gesagt, sie darf sich was aussuchen ...“
„Und, hat sie das?“
„Ja, ein Bild!“

Ich stelle mir seine Urgroßmutter vor, Frau Stepnitschka, wie sie statt übriggebliebenem Essen ein Bild von der Arbeit mit nach Hause nimmt. Und wie sie danach wieder jeden Tag ins Schloss geht und aufräumt, aber für andere Eigentümer, und auch die packen eines Tages ihre Koffer. Vielleicht half sie ja sogar dabei mit. Vielleicht wusste sie da auch schon, dass sie nichts mehr mitnehmen würde, dass alles schon egal ist.
„Aber das Bild ist nicht mal so schlecht“, erläutert Štepnička. „Da ist eine blasse junge Frau drauf, die traurig aussieht.“
„Und wissen Sie, wer das ist?“
„Ich sag dir doch, wenn du Hockey spielen willst, musst du dich bewegen!“ Štěpnička läuft dunkelrot an. Unser Eishockeynachwuchs hat wohl wieder was falsch gemacht, denn zur Strafe müssen alle Purzelbäume auf dem Eis machen, zwei sogar über die Absperrung klettern und wieder zurück.
„Entschuldigen Sie. Heute bringt er’s wirklich nicht. Na ja, also, zu dem Bild hab ich ein bisschen nachgeforscht und herausgefunden, dass diese jüdische Familie sechs Töchter hatte, eine von denen war ziemlich kränklich, das wird die sein.“
„Sie sind also doch auch Historiker.“
„Das nicht, aber es hat mich interessiert, wer auf diesem Bild ist, wo ich doch jeden Tag daran vorbeigehe.“
„Sie haben das immer noch zu Hause?“
„Na, ich würde es ruhig zurückgeben, aber wie? Die letzte Spur verliert sich in Brasilien.“
„Wollen Sie es nicht ins Museum geben?“
„Wie, ins Museum? Dass es dann beim nächsten Hochwasser kaputt wird?!“
„Oder in ein Archiv?!
„Da wird es gestohlen. Wie bei uns im Ruderclub“, Štepnička spricht leiser. „Wussten Sie, dass der Rudersport älter ist als Fußball? Was wir da für tolle Sachen hatten, eine Flagge aus dem historisch ersten Wettkampf! Und einmal, beim Wettbewerb, hatten wir die Fahnen vergessen, und irgendwer ist auf die Idee gekommen, sich diese hundert Jahre alte Flagge aufs Boot zu hängen. Einfach so! Also habe ich die Flagge am Abend abgenommen. Geht man so mit Geschichte um?“
„Und jetzt ist Sie bei Ihnen daheim?“
„Hätte ich sie nicht daheim, wär sie längst weg. Der Club hat Schulden und wurde gepfändet, und alles, was irgendeinen Wert hatte, ist verschwunden. Man kann ja niemandem mehr glauben. Ich glaube nur noch an mich selbst.“
In dem Moment trifft mich von der Seite ein Schlag, ich taumle und drehe mich um. Die Ukrainerin Switlana hat mich mit dem Arm getroffen. „Entschuldigung, Alice, ich eislaufe mit mein Sohn“, meint sie beschwichtigend.

Zuerst verstehe ich nicht, was sie meint, aber als sie dann das Becken bewegt, wird mir es klar: Switlana kopiert die Bewegungen, die ihr Sohn Iwan auf dem Eis macht ... Sie ist derart gebannt, dass sie alles rundherum vergisst. „Ich habe gedenkt, dass hier mehr Platz gibt“, entschuldigt sie sich noch einmal. Sie kam vor einem Jahr aus dem zerbombten Charkiv und zeigte mir erst neulich ein Foto, das vor dem Krieg aufgenommen wurde. Sie hatten ein schönes, neues Haus und Switlana wog zwanzig Kilo weniger.

„Ich habe auch eine Ukrainerin als Frau. Aber ich sag’s Ihnen, diese Flüchtlinge kommen uns noch teuer“, meint Štěpnička, sobald Switlana weg ist, und schüttelt den Kopf. „Die Deutschen wollten wir nicht, und jetzt haben wir Ukrainer. Ich weiß nicht, was Sie dazu sagen, aber ich werde den Okamura wählen.“
Überrascht sehe ich ihn an: „Und es ist ihnen egal, dass ein Ausländer gegen Ausländer wettert? Dass er ein Populist ist?“
„Na ja, er ist auch ein Opfer! Jetzt soll er drei Jahre sitzen, nur wegen irgendeinem Foto im Internet? Ich hab auch meine Erfahrungen mit Gerichten, ich weiß, wie das da läuft. Das geht ja jetzt schon zehn, elf Jahre – ist das normal? Wo sind wir denn da hingekommen, nach der Wende im Jahr '89? Das war ja nicht mal eine Wende, das hat eh alles die Sowjetunion dirigiert.“
„Na, ich weiß nicht, ich denke, wir sollten solche Leute nicht wählen. Jede Kleinigkeit blasen sie auf und sehen darin ein großes Unrecht. Manchmal sag ich mir: Wenn es den Henlein nicht gegeben hätte, wäre mein Urgroßvater nicht der NSDAP beigetreten ...“
„Sie immer mit ihrem Urgroßvater. War er halt ein Nazi, na und? Sie sind ja deshalb auch nicht anders, oder? Nur weil sie das wissen. Was, wenn Sie in dem Glauben leben würden, dass er ein guter Mensch war und ungerecht behandelt wurde?“, kontert Štěpnička.
„Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber ich weiß noch, dass ich schockiert war, als ich es erfahren habe.“
„Und dabei ist es vielleicht total egal.“ Štepnička übertrumpft mich schon wieder. „Nur das, was von der Geschichte übrigbleibt, ist interessant. Mein Onkel zum Beispiel, der wollte nach Deutschland emigrieren, aber weil ihn jemand denunziert hat, hat man ihn erwischt. Er durfte dann nicht zurück in den Beruf und musste als Arbeiter weitermachen. Und einmal hat er in Litoměřice eine Mauer abgerissen. Und wissen Sie, was in dieser Mauer versteckt war? Waffen von der Wehrmacht!“
„Und was machte er damit?“
„Nichts. Es ist wer von der Staatssicherheit gekommen und hat sie abgeholt. Die wollten nicht, dass viel darüber geredet wird, also hat mein Onkel sich ein paar Silberlöffel behalten können, die waren da auch eingemauert.“
„Und die Silberlöffel haben jetzt Sie daheim, oder?“
„Ja, und ich hab auch die Schilder vom Hockeyclub. Als sie alles abgehängt haben und einfach liegen lassen.“
„Also, Herr Štěpnička, Sie sind ein echter Sammler“, sage ich, und er klopft wieder auf die Umrandung. „Was machst du denn da? Zu ihm musst du rüberschießen!“

Und sein Nachwuchs hört ihn endlich: Mit einem Backhander schießt er ein schönes Tor.
Štěpnička kommt wieder in Fahrt und seine Augen strahlen. „Mit Ihnen kann man echt gut reden. Für das nächste Mal brenne ich Ihnen eine CD. Mit besonderen Aufnahmen. Nämlich wie sie bei uns in der Stadt Deutsche hingerichtet haben. Als der Krieg aus war. Ich hab den Film aus dem Museum bekommen, unter der Hand, versteht sich.“
Ein paar Tage später treffe ich Štěpnička wieder im Stadion. „Die CD ist in Arbeit, beim nächsten Mal hab ich sie dabei!“
Aber es gibt kein nächstes Mal. Aus dem Gruppenchat erfahre ich, dass Štěpničkas Nachwuchs in einen anderen Club gewechselt hat. Ich blicke mich im Stadion um. Hat er hier gar nichts zum Andenken mitgehen lassen?


Übersetzung aus dem Tschechischen: Julia Miesenböck