Konzentrationslager bauen. Ein Essay zum bayerisch-tschechischen Vernetzungstreffen 2026
Auf Einladung des Literaturhauses Oberpfalz, des Adalbert Stifter Vereins München, und des
Tschechischen Literaturzentrums Prag (Ceske Literarní Centrum) fand vom 23.-25.9.2025 ein bayerisch-tschechisches Vernetzungstreffen zum Thema „Nie wieder ist jetzt! 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs“ statt. Der folgende Essay Konzentrationslager bauen stammt von dem tschechischen Autor Eli Beneš.
*
Wir sind fünf: Ála, Anča, Štěpi, Frido und ich. Man führt uns die Treppe hinunter zur Kommandantur der SS vor dem Appellplatz.
„Hier ist es ungeheuer kalt. Man sagt, dass es hier immer kälter ist, als in der Umgebung“, beschwert sich jemand, und ein eisiger Wind hebt sich. Es ist Ende September, aber es fühlt sich an wie Anfang Dezember. Dabei scheint die Sonne und auf einem Hügel in der Nähe erstrahlt die imposante Burgruine Flossenbürg. Doch die kommentiert niemand, als wäre sie unsichtbar. Wir ziehen alles an, was wir dabei haben. Umwickeln uns mit Schals und knöpfen die Jacken bis ganz oben zu. Wir mummeln uns ein. Ich hole meine Mütze heraus, mit Konzentrationslagern habe ich bereits Erfahrungen. Wir durchqueren den Torbogen der Kommandantur, der an die Einfahrt nach Auschwitz erinnert, und gehen auf den komplett leeren Appellplatz, wo wir stehenbleiben. Der Wind ist so stark, dass man es nicht versteht, wenn jemand etwas sagt.
Wir sind fünf: Ála, Anča, Štěpi, Frido und ich. Wir haben eine Sache gemeinsam, eigentlich zwei. Mindestens zwei, das kann ich sagen, auch wenn wir uns praktisch nicht kennen. Erstens schreiben wir Bücher. Ein seltsames Hobby. Und zweitens schreiben wir (zumindest ein bisschen) über Deutsche. Nicht über alle natürlich, nur über die, die mein kleiner Sohn „böse Autsche“ nennt. Wir sollten wohl auch über Österreicher schreiben, aber die rutschen da irgendwie immer durch. Warum schreiben wir über Deutsche? Jeder von uns hat seine Gründe: Álas Opa war Deutscher; doch sie, eine Tschechin, wusste lange nichts davon. Mein Opa hat das Wüten ihres Opas durch bloßen Zufall überlebt (aber seine Schwester nicht). Štěpi kommt aus dem Sudetenland, und in seiner Stadt waren einst achtzig Prozent der Einwohner deutschsprachig. Das ist heute natürlich noch zu spüren. Die Deutschen Frido und Anča haben ihre eigenen Gründe. Wir tun so, als würde uns das nicht wahnsinnig beeinflussen, aber das Gegenteil ist der Fall. Außerdem: Wir alle schreiben deshalb, weil uns etwas drängt.
Es ist kein Krieg, beziehungsweise nicht hier, nicht jetzt. Wir schreiben das Jahr 2025. Es ist kalt, auch wenn der Herbst noch nicht mal richtig angefangen hat, und wir zittern und frieren inmitten des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg, auf dem deutsch-tschechischen Schriftstellertreffen. Das Treffen selbst, man könnte es gesellige Zusammenkunft nennen, verläuft reibungslos, wir verstehen uns gut. Wir reden ununterbrochen, unterstützen uns gegenseitig, beklagen uns über die gleichen Dinge: Obwohl sich unsere Bücher recht gut verkaufen, können wir davon nicht leben. Trotzdem können wir nicht damit aufhören. Unsere Zusammenkunft findet siebzig Kilometer entfernt statt, aber das macht nichts – man hat mit uns einen Ausflug hierher gemacht. Und jetzt stehen wir da und haben für einen Moment das Gefühl, zu spüren, wie schrecklich es hier war. Aber das wäre übertrieben – wir wissen, wie es hier war, aber das echte Gefühl können wir nicht erleben.
Die Frau, die uns durch die Gedenkstätte führt, erzählt: „Die Gedenkstätte gibt es noch nicht lange, im Dorf hatte man zunächst kein Interesse, daran zu erinnern. Auf dem Appellplatz stand eine Spielzeugfabrik. Sie musste abgerissen werden, das hat den Leuten hier nicht gefallen. Und dort oben wurden Einfamilienhäuser gebaut.“
Sie zeigt auf einen Hang, auf dem mehrere dutzend hübscher Wohnhäuser stehen, ohne Umzäunung, und an der Stelle, wo sich früher Baracken für Tausende von Häftlingen befanden. Dass die Bewohner praktisch auf einem Friedhof leben, scheint niemanden zu stören. Ein Abriss kommt nicht in Frage. Eigentlich ist heute alles gepflegt, auch der Appellplatz mit weiß-grauem Kies. Und die SS-Kommandantur sieht aus, als hätte man sie gerade eben errichtet. Dann überall grünes Gras, große Bäume, die Fichten rauschen, frische Bergluft. Es wirkt hier überhaupt nicht bedrückend. Auch wenn es hier einen dunklen Ort hinten am Waldrand gibt, der „Aschepyramide“ oder „Tal des Todes“ genannt wird. Er liegt direkt neben dem Krematorium, das während des Krieges notgedrungen gebaut werden musste.
Die Frau spricht weiter: „Es war nicht leicht, das durchzusetzen. Die Architekten wollten etwas Monumentales. Die Historiker wollten möglichst viel Authentizität. Die Dorfbewohner wollten vor allem, dass gar nichts gebaut wird.“
Wir durchqueren das gesamte Lager entlang der Wachtürme (die wirken als einzige wirklich bedrohlich) und kommen am Ende zu einem von zwei gemauerten Gebäuden. Und erst in den interaktiven Teilen der Ausstellung dort entfalten sich vor uns Geschichten in Form von Textausschnitten, Fotos, Videos oder Audioaufnahmen und wirken auf uns … so wie sie sollen.
Am Ende (oder Anfang) der Ausstellung, je nachdem, gibt es eine beleuchtete Wand, auf die die Reaktionen der Besucher projiziert werden, eine Art modernes Gästebuch. Eine Nachricht lautet: „Hier ist es viel zu schön.“
Wir versuchen, an Ereignisse zu erinnern, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Auch wenn das Gegenteil für alle besser wäre. Wir versuchen, die Dinge so zu beschreiben, wie wir sie verstanden haben, und fügen eine Mischung aus bestimmten Beobachtungen und einer starken Geschichte hinzu, damit auch der Leser sie nachempfinden kann. Genau wie die Erbauer dieses Denkmals müssen wir viele Entscheidungen treffen. Jemand hat schließlich angeordnet, dass die Fabrik weg muss. Dass das Lager so und nicht anders aussehen soll. Dass dort Informationsschilder stehen sollen und hier nicht. Hier wird es Rasen geben und hier Kies, hier wird es hell sein und hier dunkel. Genauso entscheiden wir, was wir in einen Roman aufnehmen und was wir weglassen. Und am Ende baut dann jemand etwas ganz anderes darauf, etwas, das von unserer Seite nicht so gemeint war. Und dann hören wir Bewertungen wie „Das ist zu gefällig“ oder umgekehrt: „Warum muss Kunst immer so deprimierend sein?“ Wir wollen nichts mehr über Konzentrationslager lesen!
Wäre es besser, wenn das Lager verwahrlost wäre, oder in schrecklichem Zustand wie während des Krieges?
Die Gedenkstätte ist ein Konstrukt, genauso wie unsere Bücher. Anhand von Geschichten sehen wir, dass sie funktionieren. Kulissen reichen nicht auch. Wir schreiben und entscheiden uns mit jedem neuen Satz, was wir zeigen wollen und was nicht. Diese Szene ja, diese auf gar keinen Fall. Hier hört man einen Schrei, hier Stille. Hier gibt es eine Metapher, hier eine ungeschönte Tatsache. Manchmal sind wir nicht sicher, ob das Sinn hat. Oder wirkt. Manchmal wissen wir es einfach nicht. Fast niemand von uns glaubt an das berühmte Zitat, dass Menschen aus der Geschichte lernen. Aber wir schreiben, denn die einzige Alternative wäre, gar nicht zu schreiben, und das wäre garantiert die schlechteste Option. Wir schreiben und auf unseren Worten bauen wir Konzentrationslager und wir zeichnen Täler des Todes, damit wir sie (obwohl wir nicht daran glauben – aber wir hoffen, das schon) nicht wirklich bauen müssen.
Übersetzung aus dem Tschechischen: Julia Miesenböck
Konzentrationslager bauen. Ein Essay zum bayerisch-tschechischen Vernetzungstreffen 2026>
Auf Einladung des Literaturhauses Oberpfalz, des Adalbert Stifter Vereins München, und des
Tschechischen Literaturzentrums Prag (Ceske Literarní Centrum) fand vom 23.-25.9.2025 ein bayerisch-tschechisches Vernetzungstreffen zum Thema „Nie wieder ist jetzt! 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs“ statt. Der folgende Essay Konzentrationslager bauen stammt von dem tschechischen Autor Eli Beneš.
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Wir sind fünf: Ála, Anča, Štěpi, Frido und ich. Man führt uns die Treppe hinunter zur Kommandantur der SS vor dem Appellplatz.
„Hier ist es ungeheuer kalt. Man sagt, dass es hier immer kälter ist, als in der Umgebung“, beschwert sich jemand, und ein eisiger Wind hebt sich. Es ist Ende September, aber es fühlt sich an wie Anfang Dezember. Dabei scheint die Sonne und auf einem Hügel in der Nähe erstrahlt die imposante Burgruine Flossenbürg. Doch die kommentiert niemand, als wäre sie unsichtbar. Wir ziehen alles an, was wir dabei haben. Umwickeln uns mit Schals und knöpfen die Jacken bis ganz oben zu. Wir mummeln uns ein. Ich hole meine Mütze heraus, mit Konzentrationslagern habe ich bereits Erfahrungen. Wir durchqueren den Torbogen der Kommandantur, der an die Einfahrt nach Auschwitz erinnert, und gehen auf den komplett leeren Appellplatz, wo wir stehenbleiben. Der Wind ist so stark, dass man es nicht versteht, wenn jemand etwas sagt.
Wir sind fünf: Ála, Anča, Štěpi, Frido und ich. Wir haben eine Sache gemeinsam, eigentlich zwei. Mindestens zwei, das kann ich sagen, auch wenn wir uns praktisch nicht kennen. Erstens schreiben wir Bücher. Ein seltsames Hobby. Und zweitens schreiben wir (zumindest ein bisschen) über Deutsche. Nicht über alle natürlich, nur über die, die mein kleiner Sohn „böse Autsche“ nennt. Wir sollten wohl auch über Österreicher schreiben, aber die rutschen da irgendwie immer durch. Warum schreiben wir über Deutsche? Jeder von uns hat seine Gründe: Álas Opa war Deutscher; doch sie, eine Tschechin, wusste lange nichts davon. Mein Opa hat das Wüten ihres Opas durch bloßen Zufall überlebt (aber seine Schwester nicht). Štěpi kommt aus dem Sudetenland, und in seiner Stadt waren einst achtzig Prozent der Einwohner deutschsprachig. Das ist heute natürlich noch zu spüren. Die Deutschen Frido und Anča haben ihre eigenen Gründe. Wir tun so, als würde uns das nicht wahnsinnig beeinflussen, aber das Gegenteil ist der Fall. Außerdem: Wir alle schreiben deshalb, weil uns etwas drängt.
Es ist kein Krieg, beziehungsweise nicht hier, nicht jetzt. Wir schreiben das Jahr 2025. Es ist kalt, auch wenn der Herbst noch nicht mal richtig angefangen hat, und wir zittern und frieren inmitten des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg, auf dem deutsch-tschechischen Schriftstellertreffen. Das Treffen selbst, man könnte es gesellige Zusammenkunft nennen, verläuft reibungslos, wir verstehen uns gut. Wir reden ununterbrochen, unterstützen uns gegenseitig, beklagen uns über die gleichen Dinge: Obwohl sich unsere Bücher recht gut verkaufen, können wir davon nicht leben. Trotzdem können wir nicht damit aufhören. Unsere Zusammenkunft findet siebzig Kilometer entfernt statt, aber das macht nichts – man hat mit uns einen Ausflug hierher gemacht. Und jetzt stehen wir da und haben für einen Moment das Gefühl, zu spüren, wie schrecklich es hier war. Aber das wäre übertrieben – wir wissen, wie es hier war, aber das echte Gefühl können wir nicht erleben.
Die Frau, die uns durch die Gedenkstätte führt, erzählt: „Die Gedenkstätte gibt es noch nicht lange, im Dorf hatte man zunächst kein Interesse, daran zu erinnern. Auf dem Appellplatz stand eine Spielzeugfabrik. Sie musste abgerissen werden, das hat den Leuten hier nicht gefallen. Und dort oben wurden Einfamilienhäuser gebaut.“
Sie zeigt auf einen Hang, auf dem mehrere dutzend hübscher Wohnhäuser stehen, ohne Umzäunung, und an der Stelle, wo sich früher Baracken für Tausende von Häftlingen befanden. Dass die Bewohner praktisch auf einem Friedhof leben, scheint niemanden zu stören. Ein Abriss kommt nicht in Frage. Eigentlich ist heute alles gepflegt, auch der Appellplatz mit weiß-grauem Kies. Und die SS-Kommandantur sieht aus, als hätte man sie gerade eben errichtet. Dann überall grünes Gras, große Bäume, die Fichten rauschen, frische Bergluft. Es wirkt hier überhaupt nicht bedrückend. Auch wenn es hier einen dunklen Ort hinten am Waldrand gibt, der „Aschepyramide“ oder „Tal des Todes“ genannt wird. Er liegt direkt neben dem Krematorium, das während des Krieges notgedrungen gebaut werden musste.
Die Frau spricht weiter: „Es war nicht leicht, das durchzusetzen. Die Architekten wollten etwas Monumentales. Die Historiker wollten möglichst viel Authentizität. Die Dorfbewohner wollten vor allem, dass gar nichts gebaut wird.“
Wir durchqueren das gesamte Lager entlang der Wachtürme (die wirken als einzige wirklich bedrohlich) und kommen am Ende zu einem von zwei gemauerten Gebäuden. Und erst in den interaktiven Teilen der Ausstellung dort entfalten sich vor uns Geschichten in Form von Textausschnitten, Fotos, Videos oder Audioaufnahmen und wirken auf uns … so wie sie sollen.
Am Ende (oder Anfang) der Ausstellung, je nachdem, gibt es eine beleuchtete Wand, auf die die Reaktionen der Besucher projiziert werden, eine Art modernes Gästebuch. Eine Nachricht lautet: „Hier ist es viel zu schön.“
Wir versuchen, an Ereignisse zu erinnern, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Auch wenn das Gegenteil für alle besser wäre. Wir versuchen, die Dinge so zu beschreiben, wie wir sie verstanden haben, und fügen eine Mischung aus bestimmten Beobachtungen und einer starken Geschichte hinzu, damit auch der Leser sie nachempfinden kann. Genau wie die Erbauer dieses Denkmals müssen wir viele Entscheidungen treffen. Jemand hat schließlich angeordnet, dass die Fabrik weg muss. Dass das Lager so und nicht anders aussehen soll. Dass dort Informationsschilder stehen sollen und hier nicht. Hier wird es Rasen geben und hier Kies, hier wird es hell sein und hier dunkel. Genauso entscheiden wir, was wir in einen Roman aufnehmen und was wir weglassen. Und am Ende baut dann jemand etwas ganz anderes darauf, etwas, das von unserer Seite nicht so gemeint war. Und dann hören wir Bewertungen wie „Das ist zu gefällig“ oder umgekehrt: „Warum muss Kunst immer so deprimierend sein?“ Wir wollen nichts mehr über Konzentrationslager lesen!
Wäre es besser, wenn das Lager verwahrlost wäre, oder in schrecklichem Zustand wie während des Krieges?
Die Gedenkstätte ist ein Konstrukt, genauso wie unsere Bücher. Anhand von Geschichten sehen wir, dass sie funktionieren. Kulissen reichen nicht auch. Wir schreiben und entscheiden uns mit jedem neuen Satz, was wir zeigen wollen und was nicht. Diese Szene ja, diese auf gar keinen Fall. Hier hört man einen Schrei, hier Stille. Hier gibt es eine Metapher, hier eine ungeschönte Tatsache. Manchmal sind wir nicht sicher, ob das Sinn hat. Oder wirkt. Manchmal wissen wir es einfach nicht. Fast niemand von uns glaubt an das berühmte Zitat, dass Menschen aus der Geschichte lernen. Aber wir schreiben, denn die einzige Alternative wäre, gar nicht zu schreiben, und das wäre garantiert die schlechteste Option. Wir schreiben und auf unseren Worten bauen wir Konzentrationslager und wir zeichnen Täler des Todes, damit wir sie (obwohl wir nicht daran glauben – aber wir hoffen, das schon) nicht wirklich bauen müssen.
Übersetzung aus dem Tschechischen: Julia Miesenböck
