Eine neue Biografie über Ernst Toller (2025)
Ernst Toller war der berühmteste deutschsprachige Dramatiker der Weimarer Republik, seine Stücke spielte man von Moskau bis Sydney. Auch wenn sie es heute kaum noch auf eine Theaterbühne schaffen, wird seine autobiografische Prosa Eine Jugend in Deutschland bis heute gelesen.
*
Der Revolutionär und Antifaschist Ernst Toller ist, gerade in Bayern, heute bekannter als der Schriftsteller. Im ereignisreichen Leben des 1893 in Samotschin (heute Szamocin in Polen) geborenen Ernst Toller verdichten und spiegeln sich die wichtigsten politischen und kulturellen Geschehnisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Forschung hat sich ausführlich damit beschäftigt, und speziell bei Richard Dove und Wolfgang Frühwald erfährt man vieles Wissenswerte über sein Leben und sein literarisches Werk. Die neue Biografie (2025) der Innsbrucker Germanistin Veronika Schuchter kommt von vornherein mit dem bescheidenen Anspruch daher, Tollers Biografie „um einige Klischees ärmer und um einige Nuancen reicher“ zu machen. Und das gelingt ihr auch. Ob der 26-Jährige, der im April 1919 in München „faktisch an der Spitze der neu ausgerufenen Räterepublik“ stand, dafür der Richtige war? Schuchter zitiert seinen Vorgänger Ernst Niekisch: „Er war ein Mann des Gefühls, nicht der kühlen Berechnung, der Phantasie, nicht des nüchternen Tatsachensinns.“
Die Räterepublik war bekanntlich rasch am Ende, und Ernst Toller verschwand für einige Jahre im ehemaligen Kloster Niederschönenfeld. „Im Gefängnis wird er endgültig zum Schriftsteller.“ Das Schreiben sei ihm bald mehr geworden als „ein aus der Not geborener Ersatz für politischen Handlungsspielraum“. Es ist kaum bekannt, dass der Dichter in seinem Drama Masse Mensch (1921), das „Tollers Reputation als international anerkannter Dramatiker“ begründete, der erst in jüngster Zeit wieder entdeckten Sarah Sonja Lerch, die zusammen mit Kurt Eisner die Münchner USPD aufgebaut hat und mit ihm zusammen 1918 an der Spitze der Streikbewegungen stand, „ein Denkmal“ gesetzt“ hat.
Weitere Theaterstücke entstehen in kurzen Abständen, Die Maschinenstürmer (1922), Hinkemann (1923) oder Der entfesselte Wotan (1923), außerdem drei Gedichtbände und andere Arbeiten. Die Biografin kommentiert all diese Texte kundig und kompetent, und zu Recht hebt sie hervor, dass besonders Das Schwalbenbuch (1923) viele wunderschöne, perfekt durchkomponierte und oft auch unverhohlen subversive Gedichte enthält, die bis heute leider zu wenig wahrgenommen werden. „Die Zensur der Festungsleitung hatte wenig übrig für Tollers Tierlyrik, die sie eher als gegen das Gefängnis gerichtete Freiheitslyrik einordnete, womit sie ausnahmsweise etwas Interpretationstalent bewies.“
Ein in sich widersprüchlicher Dichter
1924 kommt Toller frei. Eine Jugend in Deutschland und Briefe aus dem Gefängnis enden mit seiner Entlassung aus Niederschönenfeld. „Die etwas mehr als acht Jahre, in denen Toller seinen Erfolg in Freiheit genießen konnte, sind erstaunlicherweise biografisch schlecht erschlossen.“ Schuchter bringt etwas mehr Licht in diese Jahre, in die zum Beispiel eine Reise nach Palästina fällt. Zwei Jahre danach (1927) äußerte sich Toller zur damals so genannten „Araberfrage“, und seine Worte erscheinen aktueller denn je: „Ich kann nicht unterdrücken, dass ich in Palästina neben all den herrlichen Äußerungen neuen jüdischen Lebens der Arbeit und der Kultur auch Anzeichen von nationalistischem Chauvinismus bemerken konnte. Ganz geringe, ganz vereinzelte. Aber sie stehen in so krassem Gegensatz zu dem Zweck der zionistischen Bewegung und zu dem Wesen des Judentums, dass man sie rechtzeitig ausmerzen müsste.“
© Wallstein Verlag
Die Reisen der nächsten Jahre, nach England, Skandinavien und Spanien, aber auch in die USA, werden kenntnisreich kommentiert, auch das Stück Hoppla, wir leben!, das in der Inszenierung von Erwin Piscator Theatergeschichte schrieb: „Versuch, das expressionistische Stationendrama hinter sich zu bringen und sich einem neusachlichen Dokumentartheater zuzuwenden, gelang nur bedingt.“
Tollers Kampf gegen den Nationalsozialismus, sein Engagement für den Exil-PEN und sein Einsatz für Carl von Ossietzky, sein Leben und Arbeiten in England und seine Teilnahme am Ersten Allunions-Kongress der Sowjetschriftsteller in Moskau (1934) kommen natürlich ebenfalls zur Sprache – wobei interessant ist, dass Oskar Maria Graf den umtriebigen und in seinen Augen eitlen Toller überhaupt nicht leiden konnte. „So negativ wie bei Graf wird Toller sonst kaum jemals dargestellt.“
Seine letzten drei Lebensjahre verbringt der rastlose Exilant in den USA, wo er sich besonders für die republikanischen Spanienkämpfer engagiert. „Spanien hatte für Toller eine zutiefst emotionale, persönliche Bedeutung.“ Trotz allem Aktivismus – Franco siegte, und in den späten 1930er-Jahren schwand nicht nur bei Toller jegliche Hoffnung auf bessere Zeiten. Im Mai 1939 – setzte er in einem New Yorker Hotelzimmer seinem Leben ein Ende. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht.
Sich an diesen oft kranken und verzweifelten, leidenschaftlichen und tatkräftigen, in sich durchaus widersprüchlichen und auf jeden Fall faszinierenden Dichter zu erinnern, seine autobiografischen Schriften und seine Gedichte zu lesen und seine Theaterstücke wieder auf die Bühne zu bringen, ist dringend geboten. Die Biografie von Veronika Schuchter trägt dazu bei, Ernst Toller nicht ganz zu vergessen.
Veronika Schuchter: Ernst Toller – Revolutionär, Schriftsteller, Antifaschist. Eine Biografie. Wallstein Verlag, 2025, 414 S.
Die Rezension ist in annähernd identischer Form zuerst in der Literatur in Bayern, Nr. 162, erschienen.
Eine neue Biografie über Ernst Toller (2025)>
Ernst Toller war der berühmteste deutschsprachige Dramatiker der Weimarer Republik, seine Stücke spielte man von Moskau bis Sydney. Auch wenn sie es heute kaum noch auf eine Theaterbühne schaffen, wird seine autobiografische Prosa Eine Jugend in Deutschland bis heute gelesen.
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Der Revolutionär und Antifaschist Ernst Toller ist, gerade in Bayern, heute bekannter als der Schriftsteller. Im ereignisreichen Leben des 1893 in Samotschin (heute Szamocin in Polen) geborenen Ernst Toller verdichten und spiegeln sich die wichtigsten politischen und kulturellen Geschehnisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Forschung hat sich ausführlich damit beschäftigt, und speziell bei Richard Dove und Wolfgang Frühwald erfährt man vieles Wissenswerte über sein Leben und sein literarisches Werk. Die neue Biografie (2025) der Innsbrucker Germanistin Veronika Schuchter kommt von vornherein mit dem bescheidenen Anspruch daher, Tollers Biografie „um einige Klischees ärmer und um einige Nuancen reicher“ zu machen. Und das gelingt ihr auch. Ob der 26-Jährige, der im April 1919 in München „faktisch an der Spitze der neu ausgerufenen Räterepublik“ stand, dafür der Richtige war? Schuchter zitiert seinen Vorgänger Ernst Niekisch: „Er war ein Mann des Gefühls, nicht der kühlen Berechnung, der Phantasie, nicht des nüchternen Tatsachensinns.“
Die Räterepublik war bekanntlich rasch am Ende, und Ernst Toller verschwand für einige Jahre im ehemaligen Kloster Niederschönenfeld. „Im Gefängnis wird er endgültig zum Schriftsteller.“ Das Schreiben sei ihm bald mehr geworden als „ein aus der Not geborener Ersatz für politischen Handlungsspielraum“. Es ist kaum bekannt, dass der Dichter in seinem Drama Masse Mensch (1921), das „Tollers Reputation als international anerkannter Dramatiker“ begründete, der erst in jüngster Zeit wieder entdeckten Sarah Sonja Lerch, die zusammen mit Kurt Eisner die Münchner USPD aufgebaut hat und mit ihm zusammen 1918 an der Spitze der Streikbewegungen stand, „ein Denkmal“ gesetzt“ hat.
Weitere Theaterstücke entstehen in kurzen Abständen, Die Maschinenstürmer (1922), Hinkemann (1923) oder Der entfesselte Wotan (1923), außerdem drei Gedichtbände und andere Arbeiten. Die Biografin kommentiert all diese Texte kundig und kompetent, und zu Recht hebt sie hervor, dass besonders Das Schwalbenbuch (1923) viele wunderschöne, perfekt durchkomponierte und oft auch unverhohlen subversive Gedichte enthält, die bis heute leider zu wenig wahrgenommen werden. „Die Zensur der Festungsleitung hatte wenig übrig für Tollers Tierlyrik, die sie eher als gegen das Gefängnis gerichtete Freiheitslyrik einordnete, womit sie ausnahmsweise etwas Interpretationstalent bewies.“
Ein in sich widersprüchlicher Dichter
1924 kommt Toller frei. Eine Jugend in Deutschland und Briefe aus dem Gefängnis enden mit seiner Entlassung aus Niederschönenfeld. „Die etwas mehr als acht Jahre, in denen Toller seinen Erfolg in Freiheit genießen konnte, sind erstaunlicherweise biografisch schlecht erschlossen.“ Schuchter bringt etwas mehr Licht in diese Jahre, in die zum Beispiel eine Reise nach Palästina fällt. Zwei Jahre danach (1927) äußerte sich Toller zur damals so genannten „Araberfrage“, und seine Worte erscheinen aktueller denn je: „Ich kann nicht unterdrücken, dass ich in Palästina neben all den herrlichen Äußerungen neuen jüdischen Lebens der Arbeit und der Kultur auch Anzeichen von nationalistischem Chauvinismus bemerken konnte. Ganz geringe, ganz vereinzelte. Aber sie stehen in so krassem Gegensatz zu dem Zweck der zionistischen Bewegung und zu dem Wesen des Judentums, dass man sie rechtzeitig ausmerzen müsste.“
© Wallstein Verlag
Die Reisen der nächsten Jahre, nach England, Skandinavien und Spanien, aber auch in die USA, werden kenntnisreich kommentiert, auch das Stück Hoppla, wir leben!, das in der Inszenierung von Erwin Piscator Theatergeschichte schrieb: „Versuch, das expressionistische Stationendrama hinter sich zu bringen und sich einem neusachlichen Dokumentartheater zuzuwenden, gelang nur bedingt.“
Tollers Kampf gegen den Nationalsozialismus, sein Engagement für den Exil-PEN und sein Einsatz für Carl von Ossietzky, sein Leben und Arbeiten in England und seine Teilnahme am Ersten Allunions-Kongress der Sowjetschriftsteller in Moskau (1934) kommen natürlich ebenfalls zur Sprache – wobei interessant ist, dass Oskar Maria Graf den umtriebigen und in seinen Augen eitlen Toller überhaupt nicht leiden konnte. „So negativ wie bei Graf wird Toller sonst kaum jemals dargestellt.“
Seine letzten drei Lebensjahre verbringt der rastlose Exilant in den USA, wo er sich besonders für die republikanischen Spanienkämpfer engagiert. „Spanien hatte für Toller eine zutiefst emotionale, persönliche Bedeutung.“ Trotz allem Aktivismus – Franco siegte, und in den späten 1930er-Jahren schwand nicht nur bei Toller jegliche Hoffnung auf bessere Zeiten. Im Mai 1939 – setzte er in einem New Yorker Hotelzimmer seinem Leben ein Ende. Einen Abschiedsbrief hinterließ er nicht.
Sich an diesen oft kranken und verzweifelten, leidenschaftlichen und tatkräftigen, in sich durchaus widersprüchlichen und auf jeden Fall faszinierenden Dichter zu erinnern, seine autobiografischen Schriften und seine Gedichte zu lesen und seine Theaterstücke wieder auf die Bühne zu bringen, ist dringend geboten. Die Biografie von Veronika Schuchter trägt dazu bei, Ernst Toller nicht ganz zu vergessen.
Veronika Schuchter: Ernst Toller – Revolutionär, Schriftsteller, Antifaschist. Eine Biografie. Wallstein Verlag, 2025, 414 S.
Die Rezension ist in annähernd identischer Form zuerst in der Literatur in Bayern, Nr. 162, erschienen.

