Wörter, die es so noch nicht gibt, aber ab sofort geben wird! Ein aphoristisches Vers-Spiel

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© pixabay
Wörter, die es noch nicht gibt; oder: Wörter, die in ihrer Zusammensetzung so kaum gebräuchlich sind, aber unfassbar gut zu gebrauchen wären: dieses lyrisch-aphoristisch höchst inspirierende, vielsinnige Wortspiel, kreiert von Nora Zapf und Tristan Marquardt, entstand im Rahmen der Kooperationen.
 
Ein Veranstaltungsformat, das im November 2025 im Pathos Theater München sein 10-jähriges Bestehen feierte. Bei den Kooperationen kommen ein Mal pro Jahr über dreißig Dichterinnen und Dichter aus München und Umgebung zusammen, um eigens für die Veranstaltung entstandene Texte zu präsentieren, die sie in Duos oder Trios verfasst haben.
 
Die Redaktion wünscht viel Freude mit der „Handreichung einiger kaum gebräuchlicher, aber sehr brauchbarer zusammengesetzter Wörter samt Beispielsätzen, wie sie sich gebrauchen ließen“:
 
 
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Augenblickschmaus: „Was ein Augenblickschmaus du bist, Zeit! Deine Augen! Unglaublich. Gerade schmecktest du noch bitter, jetzt riecht es hier so goldig und gleich verheißt sicher Sahniges!“
 
Aussagetal: „Abgrundtief, diese Rede. Ich meine: Wie lang kann man in einem Aussagetal feststecken? Irgendwann muss es doch auch wieder aufwärts gehen!“
 
Begriffshaptik: „Das neue Buch von Carolin Emcke ist von bemerkenswerter Begriffshaptik. Du liest einen Satz und hast sofort etwas in der Hand.“
 
Blattgelage: „In diesem Blattgelage erblicke ich den Igel nicht: Er ist in seinesgleichen weitergeraschelt.“ 
 
chaosbehaftet: „Du bist das Gegenteil von chaosbehaftet, jedes Durcheinander prallt an dir ab wie Glas an Wasser.“
 
dickherzig: „So dickherzig du bist, das macht mich ganz fehlfühlig.“
 
Duftmüll: „Es gibt Gassen, in denen stapelt sich Duftmüll. Du bist draußen und kommst dir vor, als müsstest du lüften.“
 
Eintagseinfall: „Keine Zeit für Eintagseinfälle! Es gilt, den Gedanken am Schopf zu packen.“
 
fehlfühlig: „So dickherzig du bist, das macht mich ganz fehlfühlig.“
 
Ganzkörpererkenntnis: „Ich weiß, man kann seine Thesen auch tanzen. Ob das aber zu einer Ganzkörpererkenntnis führt, steht auf einem anderen Blatt.“
 
Gleisweisheit: „Eine alte Gleisweisheit besagt: Wo vorne ist, entscheidet am Ende der Zug.“
 
Heizfuror: „Mein Bürokollege hat einen Heizfuror entwickelt, als arbeiteten wir im Freien. Man muss sich ja, um angezogen sein, auch nicht andauernd anziehen.“
 
Insiderschlacht: „Das Gute an einer Insiderschlacht ist: Bekämpft wird eigentlich niemand. Allein, wer nicht Insider ist, fühlt sich, als habe er kampflos verloren.“
 
jenseitsbereit: „Die ortgewordene Sorge heißt: roh sein, mit von der Partie und immer jenseitsbereit.“
 
Jubelfutter: „Die Fans brauchen dringend Jubelfutter. Sonst verhungern hier bald nicht mehr nur die Flanken.“
 
Kummerchaos: „Ich habe Kummerchaos. Mein Herz ist ein Komet, der nicht weiß, was ihn zieht.“
 
Lakritzreview: „Was für ein Lakritzreview! Je länger ich daran knabbere, desto zäher wird es.“ 
 
Lichtfimmel: „Leiden Stechmücken eigentlich an ihrem Lichtfimmel? Nein, es ist ja das Licht, das zu ihnen fliegt und sie es dann sauberwischen.“
„Man könnte meinen, Mücken hätten einen ausgeprägten Lichtfimmel. Weit gefehlt. Bei meinem Nachbar hat man den Eindruck, es ist das Licht, das zu ihm fliegt.“
 
Matschkante: „Gassi gehen mit Kind und Kegel: immer hart an der Matschkante.“
 
Mehrwegglaube: „Ist dir mein Mehrwegglaube ein Begriff? Das von dir Gebetene kehrt immer zu dir zurück.“ 
 
Mengenschere: „In dieser Mengenschere wird man verschenkt: eine Vielfalt vor wie hinter den Zeilen.“
 
Natururkunde: „Ich verleihe der Menschheit eine 1 A Natururkunde: schwimmende Inseln aus reinem Metall als Medaille um den langen Hals.“ 
 
Organisationsloch: „Die Baustelle ist das reinste Organisationsloch. Je mehr Termine wir zu Haufen werden lassen (Erdmiete), desto tiefer fallen wir zum Schluss.“
 
ortgeworden:  „Die ortgewordene Sorge heißt: roh sein, mit von der Partie und immer jenseitsbereit.“
 
runtergefühlt: „Ich hab mich komplett runtergefühlt, wohl komme ich bald an der anderen Seite der Erde wieder heraus.“
 
Seriphenfetischist: „Was bist du bloß für ein Seriphenfetischist! Alles Geschriebene muss für dich Haken und Ösen haben, sonst hält es dir nicht stand.“ 
 
Straßenbehaarung: „Hier herrscht krasse Straßenbehaarung, da musst du vorsichtig sein, dass du dich nicht verhängst.“
 
Treppenschlund: „Du blickst in den Treppenschlund, als wäre nicht die Frage, was, sondern, wie viel hier im Dunkeln liegt.“
„Einige Treppenschlünde weiter liegst du im Bett und gehst nicht dran.“
 
Wundengrube: „Du langtest tief in meine Wundengrube hinein und zogst mir je eine Wunde heraus, eine nach der anderen hieltest du sie gegen das Licht.“
 
Yay-Sager: „Was den Ja-Sager vom Yay-Sager unterscheidet, ist nicht die Sprache, in der er bejaht. Es ist der Zugriff auf das, was bejaht wird. Der Ja-Sager sagt Ja zu etwas, der Yay-Sager sagt Yay über etwas.“
 
Zweitgelüste: „Ich gebe es zu: Schon beim ersten Blick auf die Dessertkarte kamen mir Zweitgelüste. Oder wie mein Großvater gesagt hätte: Ich spürte den Anflug der Sünde.“